Deutungs-Adel und rebellierende »Dumpfbacken«: Der Aufstand gegen die Massenmedien

Markus Gärtner

Wir sollten das Wort des Jahres durch eine Bewegung des Jahres ersetzen. Nein, es ist nicht PEGIDA. Die größte, wuchtigste und folgenschwerste Bewegung 2014 war und ist der Aufstand des Publikums gegen die Massenmedien. Angekündigt hat sich die Revolte seit Jahren. Eskaliert ist sie mit der völlig einseitigen Berichterstattung über den Ukraine-Konflikt, in dem die Leitmedien fast geschlossen eine aggressive, anti-russische Position einnehmen.

hren vorläufigen Gipfel findet dieser Aufstand im Enthüllungs-Bestseller von Udo Ulfkotte überGekaufte Journalisten, aber auch in den lauten Chören der Dresdener Demonstranten von der »Lü-gen-pres-se«. Doch im Gegensatz zu PEGIDA findet die Medienrevolte nicht auf der Straße statt, sondern im Internet, bei den Netzmedien. Diese bilden sich als Gegen-Öffentlichkeit heraus. Man könnte sie auch den neuen Mainstream nennen.

Aber das würde sie staatstragend machen, was sie genau nicht sind. Sie sind die Brechstange an einem überkommenen System.

Aus Journalismus-Verdrossenheit droht inzwischen Journalisten-Hass zu werden. Blogs, die sich mit Manipulation, tendenziöser Berichterstattung und Falschmeldungen in den Mainstream-Medien beschäftigen – und die vielen Fehltritte aufs Korn nehmen – genießen unglaubliche Popularität und werden von Besuchern schier überrollt.

Käme jetzt ein Buch über das dauernde Versagen der etablierten Medien in den Handel, man könnte einen toten Hund zwischen die Buchdeckel kleben, es wäre trotzdem ein Bestseller.

Den Massenmedien wird vieles vorgeworfen: Zu große Nähe zu den Eliten, »gekaufte« Berichte, falsche Prognosen, nicht erkannte Krisen, dazu Agitation und das gemeinsame Eindreschen auf Unruhestifter wie PEGIDA. Und noch viel mehr.

Teil des Problems ist ein fast kantsches Aufklärungsbewusstsein, das Journalisten in diesen Beruf treibt und die Nachrichtenwelt wie ein zweigeschossiges Universum begreifen lässt: Oben der Deutungs-Adel, unten die Dumpfbacken und Ahnungslosen, die von den Erleuchteten zur Erkenntnis geschrieben und geführt werden.

In dieser News-Galaxie bricht jetzt die Decke ein. Der Deutungs-Adel stürzt.

Es bildet sich eine anarchistische Welt heraus, in der sich die Nachrichtenquellen exponentiell vermehren, weil jeder jetzt im Handumdrehen ein Journalist oder Verleger sein und mit den Profis unter den Nachrichtenleuten auf einer Augenhöhe kommunizieren kann – wenn diese das zulassen, was sie nicht tun.

Immer öfter wird über die »Revolution des Publikums« geschrieben, wie zuletzt von der Journalistin und Bloggerin Tara Hill in der Schweizer Tages Woche. Über die Wucht dieser Entwicklung schreibt Hill: »Zunehmend entwickelte sich der Aufstand der Leser in den Online-Foren zu einem Shitstorm epischen Ausmaßes.«

Doch fast nie reagieren die attackierten Journalisten im Mainstream so wie die Redakteure derTages Woche. Die startete kürzlich eine Leseraktion zum Thema »die verlorene Ehre der Massenmedien«. Begleitet wurde die Aktion, die 700 Zuschriften auf sich zog, von einem vielsagenden Kommentar. »Wir sind als Journalisten Teil des Problems«, war darin zu lesen.

Und dann diese Feststellung zur Art und Weise, wie etablierte Publikationen auf den Shitstorm ihres Publikums reagieren: »Greifen die Redaktionen doch einmal selbst in die Tasten, dann sind ihre Beiträge oft stärker von einer Verständnislosigkeit gegenüber der Kritik von außen geprägt.«

Dass Selbstreflexion und Beichte beim Mainstream so weit gehen kann, lässt ahnen, wie sehr die übrigen Massenmedien bei der Aufarbeitung der selbst verschuldeten Krise versagen.

Im Nachbarland Schweiz, wo es eine ähnliche Revolte gibt, nimmt man den Aufstand der deutschen Leser und Zuschauer genau unter die Lupe: »Deutsche Medien: Verlacht, verhöhnt, verspottet«, schreibt das Schweizmagazin.  Dort attestiert man den hiesigen Leitmedien, sie hätten den Einfluss auf ihre Leserschaft verloren. »Kaum noch ein Beitrag, der den Redakteuren nicht links und rechts um die Ohren gehauen wird«, heißt es dort. Das Zerbrechen der medialen Machtordnung wird als eine weitere deutsche Revolution dargestellt: »Die Deutschen haben sich von ihren Medien befreit und lassen sich nicht länger belügen und mit Halbwahrheiten von einer kleinen journalistischen Minderheit abspeisen.«

Ganz nebenbei wird im Schweizmagazin eine gute – sicher nicht die einzige – Erklärung dafür gegeben, warum die politische Kaste so allergisch reagiert, wenn sich etwas gegen die Leitmedien zusammenbraut wie in Dresden die PEGIDA. Der Machtverlust der Medien stellt nämlich – weil diese zwischen Politik und Bürgern stehen (aber auf der Seite der Letzteren sein sollten) – auch verlorenen Einfluss für die Parteien dar.

Das Wahlvolk holt sich Macht zurück, wenn es gegen die Massenmedien rebelliert und andere Quellen nutzt, und obendrein an den Medien vorbei auf Demonstrationen zu den Regierenden sprechen will. Doch diese Machtverschiebung geht zu Lasten aller anderen, einschließlich der Politik. Im fein geordneten deutschen Politik-Orbit, in dem die Große Koalition 90 Prozent des Spektrums abdeckt, ist eine Bewegung wie PEGIDA quasi automatisch eine Revolte am Rand.

Denn die Krake der politischen Kaste, die sich über die Mitte gestülpt und dabei möglichst viel Raum auf beiden Seiten besetzt hat, fühlt sich angegriffen und reagiert hysterisch, wenn Demonstranten die Frechheit besitzen, sich in den übrig gebliebenen politischen Schrebergärten einzunisten und das Megaphon anzuwerfen.

Die Massenmedien sind verunsichert und in Panik. Ihre Leserschaft bricht weg und damit die Auflagen. Gegen die Zwangsgebühren wird ebenfalls revoltiert. Die Häme der enttäuschten Leser nimmt zu. Enttäuschung schlägt in Verachtung um. Beim Presserat hat sich in den vergangenen Jahren die Zahl der Beschwerden verdoppelt.

Ausgedünnte Nachrichtenräume spielen dabei eine Rolle. Weniger Zeit zum Recherchieren bleibt. Die Migration ins Internet hat bei vielen Publikationen zu spät begonnen. Der Fehlstart in die eigene Webseite scheint sich jetzt beim Wechsel zu mobilen Nachrichtenlösungen zu wiederholen. – Und dann noch die Unfähigkeit der »Aufklärer«, von ihrem hohen Ross zu steigen.

Zur wachsenden Kritik an den Leitmedien gesellt sich deren Frust, beim Kampf um die Zukunft hinter der Kurve zu bleiben.

Der größte Fehler, der dabei begangen wird, ist das Ausblenden und Unterdrücken von Kommentaren, so nervig diese auch sein können. Wer in die neue – anarchistische – News-Welt migrieren will, muss die Physik in diesem neuen Universum akzeptieren, oder sterben.

Hier wird nicht mehr aufgeklärt, sondern eingebunden – und zwar von der Themenfindung, wie es die BBC im Pop-Up-Experiment beispielhaft vorführt, bis hin zur Kultivierung der Leser-Kommunikation.

Doch die Leserschaft ist, wenn man sie als Schwarm begreift, die beste Quelle. Auf keinen Fall ist sie ein Störenfried. Bis das erkannt wird, ebbt der Shitstorm auch nicht ab.

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