Wulfila und die Gotenbibel

 Bischof Wulfila erklärt den Goten das Evangelium.

Wulfila [ˈvʊlfila] (got.: „kleiner Wolf“, ursprünglich wohl „zu Wolf gehörig“, lat.: Ulfilas; * um 311; † 383) war einer der ersten, möglicherweise auch der erste Bischof der Terwingen.

Leben

Seine christlichen kappadokischen Vorfahren waren von Goten im 3. Jahrhundert verschleppt worden, er selbst war entweder Gote oder Halbgote.

Der Reichsbischof von Konstantinopel, Eusebios von Nikomedia, weihte Wulfila spätestens 341 in Antiochia zum „Bischof der Christen im gotischen Land“. Bis 348 war Wulfila missionierend im damaligen Herrschaftsbereich der Terwingen an der unteren Donau tätig. Der einsetzende Widerstand in den Völkern gegen die christlichen Missionierungsversuche vertrieb Wulfila und andere Heidenchristen zu den Römern, die diese in der Provinz Moesia secunda bei Nikopolis im heutigen Nordbulgarien ansiedelten.

Im Exil entwickelte Wulfila eine Schrift für das Gotische, das zuvor eine weitgehend schriftlose Sprache war. Lediglich vereinzelte Inschriften und magische Texte wurden bis dahin in Runen festgehalten.

Wulfila starb 383 direkt nach seiner Ankunft in Konstantinopel, wo Kaiser Theodosius I. eine Versammlung verschiedener Kirchenparteien einberufen hatte. Er liegt auch dort begraben.

Lehre

Er verglich Jesus Christus mit dem germanischen Sohn-Vater-Verhältnis, das auf Gehorsam, Unterordnung und Treue aufgebaut war. Wulfila stimmte in seiner Christologie mit den Arianern nicht überein, für ihn war Christus der anbetungswürdige „Gott und Herr“. Die Entscheidung für den Arianismus war nicht nur theologisch, sondern auch kirchenpolitisch bedingt.

Er wird im Rahmen der Synodalgeschichte auch als Vertreter der homöischen Kirchenparteien bezeichnet.

Rezeption

Religion

Neben den Westgoten, die geschlossen zum Christentum übertraten, wurden auch die Ostgoten, Vandalen, Langobarden und Burgunden als Folge seiner Tätigkeit christlich.

Politik

Da Wulfila aus dem arianischen Umfeld wirkte, standen die gotischen Christen nicht unter der Autorität Roms, sondern Konstantinopels. Daraus entstanden heftige und langwierige Konflikte zwischen der neuen germanischen Oberschicht und der ansässigen Bevölkerung in den auf römischem Boden neu entstehenden Reichen der Germanen.

 Seite aus der Wulfila-Bibel.

Kultur

Die von Wulfila entwickelte gotische Schrift war eine Abwandlung der griechischen Schrift mit einigen lateinischen Buchstaben sowie Runen. Wulfila gab den Goten nicht nur eine neue Schrift, sondern auch neue Wörter (Neologismen, Lehnbildungen), da viele Begriffe der griechischen Sprache im Gotischen nicht existierten. Solche Wortschöpfungen waren mit die früheste Form von kontextualisierter Mission, also der Versuch, christliche Konzepte, wie sie insbesondere durch die biblischen Schriften vorgegeben waren, in Kulturen zu übertragen, denen Derartiges fremd sein musste.

Wulfilas sprachliche Leistungen sind im Zusammenhang mit seinem bedeutendsten Werk zu sehen: Die so genannte Wulfilabibel ist die früheste Bibelübersetzung in eine germanische Sprache. Sie ist als Abschrift im so genannten Codex Argenteus erhalten, einer norditalienischen Handschrift aus dem 6. Jahrhundert, die teils mit silbernen, teils mit goldenen Lettern auf Pergament geschrieben ist, das mit der kaiserlichen Purpurfarbe getränkt worden war. Seit 1648 wird der unschätzbar kostbare Kodex in Uppsala aufbewahrt.

Hier das Vaterunser, um einen Begriff von der Sprache Wulfilas zu bekommen. Wulfilas Übersetzungen christlicher Literatur sollte für nachfolgende Texte in germanische Sprachen stilbildend werden:

atta unsar þu ïn himinam
weihnai namo þein
qimai þiudinassus þeins
wairþai wilja þeins
swe ïn himina jah ana airþai
hlaif unsarana þana sinteinan gif uns himma daga
jah aflet uns þatei skulans sijaima
swaswe jah weis afletam þaim skulam unsaraim
jah ni briggais uns ïn fraistubnjai
ak lausei uns af þamma ubilin
unte þeina ïst þiudangardi
jah mahts jah wulþus ïn aiwins
amen

Das „Vater unser“ (Mt 6,9–13 EU) ist im Codex Argenteus auf den Seiten Ms4verso (erste Zeile) und Ms5recto (Rest) zu finden. Die Abbildung oben gibt eine Stelle aus (Mk 3,26–32 EU) wieder, Seite Ms16verso.

Gedenktag

Die evangelische Kirche feiert seinen Gedenktag am 26. August.

Eine Gedenktafel für ihn befindet sich in der Walhalla in Donaustauf.

Quellen

Unsere Informationen über Wulfila stammen, abgesehen von seiner Bibelübersetzung, vor allem vom Kirchenhistoriker Philostorgios und vom Bischof Auxentius von Dorostorum.

Literatur

Weblinks

 Wikisource: Wulfila – Quellen und Volltexte

Commons-logo.png Commons: Ulfilas – Weitere Bilder oder Audiodateien zum Thema

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Hier kann man sich die Goten-Bibel anschauen und lesen:
Bild:  http://www.akg-images.co.uk/

Die gotische Bibelübersetzung

Die Goten, ein einflussreicher ostgermanischer Stamm, waren aus Skandinavien nach Osteuropa gekommen. Im 4. Jahrhundert n. Chr. befanden sich die Westgoten auf der Balkanhalbinsel, die Ostgoten nördlich des Schwarzen Meeres. Während der Völkerwanderungen im 5. Jahrhundert zogen die Westgoten nach Südfrankreich und Spanien, wo sie ein Reich gründeten, das bis zu 8. Jahrhundert bestehen sollte. Die Ostgoten errichteten 493 unter König Theodorich dem Großen (geboren 455, regierte 493-526) ein Reich in Italien, das bis zum 6. Jahrhundert Bestand hatte. In beiden Reichen ging die gotische Sprache zugrunde und die Sprachen der ursprünglichen Bevölkerung setzten sich wieder durch. Auf der Krim wurde noch bis ins 18. Jahrhundert eine Form des Gotischen gesprochen, die ein Überbleibsel der Ostgoten war, danach starb das Gotische jedoch ein für alle Mal aus. (vgl. van Bree (1977): 27f)

Bischof Wulfila erklärt den Goten das Evangelium.
Abbildung: James Steakley
(1.0)

Die „Wulfila-Bibel“ aus dem 4. Jahrhundert ist (neben einigen Runeninschriften) das älteste erhaltene Schriftstück des Gotischen. Als ältester überlieferter Text in einer germanischen Sprache ist er unser Schlüssel für eine gemeinsame Muttersprache der germanischen Sprachen. Wulfila (311-383) war ein westgotischer Bischof, der die Bibel für die zum Christentum übergetretenen Goten aus dem Griechischen übersetzte. Nur ein Teil dieser Bibelübersetzung, nämlich dreiviertel des Neuen Testaments und ein Stück des Nehemia aus dem Alten Testament sind in Handschriften des 6. Jahrhundert überliefert. Das wichtigste und schönste Manuskript ist der Codex Argenteus, silberne und goldene Buchstaben auf purpurfarbenem Pergament, die wahrscheinlich in Norditalien vor Theoderich dem Großen entstanden ist.

Hier können Sie ein Textbeispiel ansehen.

Der Codex Argenteus befindet sich heute in der
Universitätsbibliothek von Uppsala in Schweden.

Wulfila ist möglicherweise der erste gewesen, der eine germanische Sprache schriftlich festhielt. Dafür stellte er ein Alphabet mit Buchstaben vor allem aus dem Griechischen zusammen. Er verwendete auch germanische Runenzeichen und lateinische Buchstaben. Ein Problem für die Übersetzung war, dass es im Gotischen für einige biblische Termini und Begriffe keine Entsprechungen gab. Darum erweiterte Wulfila den Wortschatz auf folgende Weise:

  • durch Bedeutungsentlehnung: bestehende gotische Worte bekamen einen neuen, christlichen Inhalt (z.B. galga  früher ‚Stange‘ bekam die Bedeutung von ‚Kreuz‘)
  • durch die Bildung neuer Zusammensetzungen und Ableitungen (z.B. wurde ‚Altar‘ durch die Zusammensetzung hunslastaþs (‚Opferstelle‘) wiedergegeben)
  • durch den Gebrauch von Lehnwörtern: Wulfila übernahm Wörter aus dem Griechischen und Lateinischen (z.B. praufetus = ‚Prophet‘, aiwaggeljo = ‚Evangelium‘,…)

Das Projekt Wulfila (Universiteit Antwerpen) ist speziell auf das Studium des Gotischen gerichtet. Man kann eine linguistisch erweiterte Edition der Wulfila-Bibel mit Übersetzung auf der Projektwebsite ansehen.

Was die Satzstellung betrifft, so hat Wulfila stark nach griechischem Vorbild gearbeitet, so dass wir auf der Basis seines Textes wenig über die Syntax des Gotischen zu sagen vermögen (vgl. van der Wal (1992 [2008])). Das Gotische hat zwar eine eigene Entwicklung durchgemacht und kann von daher nicht mit dem gemeinen Germanischen gleichgestellt werden, steht jedoch in den wichtigsten Merkmalen representativ dafür. Durch das Gotische können wir die Entwicklung der germanischen Sprachen, so auch des Niederländischen, besser nachvollziehen.

Verweise

Die wichtigsten Merkmale des Gotischen

Götterdämmerung – Eine Reise in die Wikingerzeit

Im Zentrum steht die abenteuerliche, historische Skandinavienreise des fiktiven isländischen Skalden Einar Ormstunga, der ein fahrender Sänger und zugleich ein Krieger aus der Wikingerzeit ist und des fiktiven Hamburger Mönches Martin, der von seinem Bischof zur Mission der Heiden nach Norden geschickt wurde. Zu Wasser und zu Land durchqueren sie in den Jahren 997 bis 1000 nach Christus den Norden Europas.

Es ist eine schwere Zeit für die Anhänger der germanischen Götter. Von deren sagenhaftem Reich erzählt der Skalde unterwegs seinem Begleiter. Gemeinsam tauchen Einar und Martin in den bereits verblassenden Kosmos von Odin, Thor und Freja ein und erleben – ehe es zu spät ist – noch einmal hautnah in einer Mischung aus Faszination und Furcht die Religion und Mythen der Germanen.

Einar Ormstunga war vor ihrem ersten Zusammentreffen vor Krieg, Verwüstung und Hunger aus der großen Stadt York geflohen, dem Zentrum des angelsächsischen Königreiches Northumbria. Er hatte sich auf eine Schiffspassage über die Nordsee zur bedeutenden Wikingerstadt Haithabu an der Schlei begeben, um Schutz zu finden und in der dortigen Parallelwelt von Asenglauben, Christentum und Islam begonnen, an den Feuerstellen wie einst wieder als Sänger und Dichter von den alten heidnischen Göttern zu erzählen. Dabei lernt er seinen ärgsten Konkurrenten kennen, der bald zum Freund wird. Der Mönch Martin Einar braucht einen Gefährten und Dolmetscher für seine weitere Missionsreise ins Nordreich der Heiden. Und der Skalde will von ihm das Schreiben lernen.

Im Frühjahr 998 brechen beide aus dem geschützten Haithabu auf, zunächst zu Fuß und an den alten germanischen Kultplätzen Thorsberg und Nydam vorbei. Dann kommen sie zu den sagenhaften Grabhügeln von Jelling in Mitteljütland und sehen dort den bereits mit christlicher Symbolik versehenen Runenstein von Harald Blauzahn. Von hier geht es weiter zum Wikingerfriedhof Lindholm Höje am Limfjord mit den sagenhaften Schiffsgräbern. Anschließend reisen die Gefährten mit dem Wikingerschiff über das Skagerrak zum Ursitz der norwegischen Könige, ins sagenhafte Avaldsnes an der Westküste des riesigen Landes.

Von Avaldsnes machen sich die Gefährten im Herbst 998 auf einen beschwerlichen und gefährlichen Fußweg durch die norwegische Fjordlandschaft ins Tröndelag an die Mündung des Flusses Nida, wo das heutige Trondheim liegt. Dort verliebt sich Einar in die wunderschöne Seherin Ragnhild. Sie ist die Tochter des heidnischen Håkon Jarl, dem politischen und religiösen Widersacher des getauften Wikingerkönigs Olav Tryggvason, der ganz Norwegen mit Feuer und Schwert zum Christentum und unter seine Macht zwingen will.

Im Sommer 999 werden die Gefährten von den siegreichen Angriffen Olav Tryggvasons auf das westnorwegischen Reich der heidnischen Jarle überrascht und mit isländischen Siedlern und Händlern in Geiselhaft genommen. Sie sollen Olavs Forderung nach Island überbringen, dass auch diese abgeschiedene und lebensfeindliche Welt mitten im Atlantik seine Herrschaft anerkennt und sich zu Christus bekehrt. Nun begeben sich Skalde und Mönch auf die Schiffspassage zum geheimnisvollen Land aus Feuer und Eis. Auf Island erleben Skalde und Mönch im Jahre 1000 auf dem Althing den offiziellen Übertritt der Isländer zum Christentum. Mönch Martin verlässt Island bald darauf wieder und kehrt nach Hamburg zurück.

Als alter Mann schreibt der Skalde Einar Ormstunga seine Geschichte auf und erzählt sie uns. Von ihm, dem „Zeitzeugen“, erfahren wir höchst emotional von einer unerhört spannenden Welt, die sich in Chaos und Auflösung befindet, nicht nur beim Kampf um den rechten Glauben. In England herrscht am Ende des 9. Jahrhunderts ein heftiger Krieg zwischen dem angelsächsischen Königreich und dänischen Invasoren, die das so genannte Danelag unter die Herrschaft der Wikinger zurückzwingen wollen. Nahezu zeitgleich kämpfen in Dänemark und Norwegen Wikingerkönige wie Olaf Tryggvason und Sven Gabelbart um die Herrschaft über Skandinavien.

Die Aura des Dämonischen und Rätselhaften, die der Glaubenswelt der „Nordmännern“ heute noch immer anhaftet, wird auch vom „Erzähler“ Einar genutzt, um die ungeheure Bildkraft der Göttersagen zu vermitteln. Eine vorzügliche Kulisse und heimlicher Protagonist zugleich ist dabei die berauschend schöne und gewaltige Natur Skandinaviens, mit den Inseln und Mooren Norddeutschlands und Dänemarks, den Fjorden Norwegens und den Geysiren und Gletschern Islands. Eine über weite Teile unzähmbare, wilde, unberechenbare und bedrohliche Natur, die für die Entstehung einer Kosmologie aus Feuer und Eis geradezu prädestiniert war.

Bräuche der Rauhnächte: Mystische Zeit (Video)

Die Entstehung der Welt bei den Nordgermanen

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Bildquelle: eden-saga.com

Von: http://www.heilige-quellen.de/

Die Entstehung der Welt in der Vorstellung der Nordgermanen

In der Edda schildert eine altgermanische Seherin, eine Völva, in visionärer Schau die ur- und endzeitlichen Geschehnisse. Diese Vision oder Weissagung der Seherin (Völuspa) ist eine der bedeutendsten Überlieferungen der älteren oder Lieder-Edda. Es ist die wichtigste literarische Quelle zur nordgermanischen Religion. Die Lieder der Edda reichen nach neueren Forschungen in die Zeit zwischen dem 6. und 7. Jahrhundert n. Chr. zurück.

Nicht war Sand noch See noch Salzwogen, nicht Erde unten, noch oben Himmel, Gähnung grundlos, doch Gras nirgend. (Edda, Völuspa, 3). So beschreibt die germanische Seherin Völuspa das Chaos vor Erschaffung der Welt.

In der gähnenden Kluft (ginnunga gap) schied sich Dunkel von Hell. Im Norden lag klirrend das kalte Niflheim, wo eisige Stürme in Finsternis tosten. Inmitten von Ginnunga gap toste ein eisiger Brunnen, Hwergelmir (der in kesselförmiger Vertiefung Rauschende) genannt. Aus ihm ergossen sich zwölf reißende Ströme, strebten fort von ihrem Quell und erstarrten am Rande der Gähnung zu Eis, das sich Gletschern gleich am mächtigen Schlund emporschob. Die sprühende Gischt verwandelte sich in Nebel und überlagerte alles mit klirrendem Reif.

Im Süden Ginnunga gaps loderten dagegen die heißen Flammen von Muspellheim, glühend heiß und alles verzehrend, was nicht im Feuer heimisch war. Surt hieß der Wächter des Feuerreichs; sein Schwert waren die scharf lodernden Flammen mit denen er einst die Welt verheeren und die Götter stürzen würde.

Die heißen Winde Muspellheims trafen auf das klirrende Eis Nebelheims. Der Raureif schmolz, die Tropfen gewannen Leben und formten eine menschliche Gestalt. So entstand der gewaltige Urriese Ymir. Als er wild und ungeheuer am Abgrund lag, brach ihm am ganzen Körper Schweiß aus. Da erwuchsen aus der Feuchte seiner linken Achselhöhle ein Mann und eine Frau. Sein rechter Fuß zeugte einen sechshäuptigen Sohn und auch dem linken entsprang eine zahlreiche Brut. So ward die Welt von grimmigen Riesen erfüllt.

Als zweites Wesen erwuchs aus den Schmelzwassern eine Kuh: Audhumla, die Sanftreiche.

Vier Milchströme rannen aus ihren Zitzen. Damit nährte sie Ymir. Die Kuh aber fristete ihr Leben, indem sie salzige Reifsteine beleckte. Am ersten Tag leckte sie das Haar eines Mannes frei, am zweiten Tag den Kopf und am dritten den ganzen Mann. Er war groß, stark und schön anzusehen und wurde Buri, der Geborene, genannt. Sein Sohn Bur zeugte mit Besla, der Tochter des Riesen Bölthorn, die Götter Odin, Wili und We. Mit ihnen begann das nordische Götter- oder Asengeschlecht.

Es entstand Feindschaft zwischen den Göttern und Riesen. Als die Asen heranwuchsen und sich ihrer Kräfte bewusst wurden, erschlugen sie Ymir. Den Leichnam des Riesen stemmten sie in die Höhe, sodass er über dem Nichts von ginnunga gap schwebte.

Aus des Riesen Fleisch schufen sie die Erde, aus seinem Blut das brausende Meer, mit dem die Götter die Erde umgaben, sowie die Flüsse und Seen. Aus dem Gebein Ymirs formten die Götter die Berge, aus Zähnen und Knochenstücken wurden Felsen und Gestein. Die Bäume schufen die Asen aus des Riesen Haaren. Dann stülpten die Götter Ymirs Hirnschale als Himmelskuppel über die Welt.

Aus dem Gehirn des Riesen, das die Götter in die Höhe warfen, wurden die Wetterwolken. Aus den Funken Muspellheims machten die Götter Himmelslichter. Dann ordneten sie den Lauf der Sonne, des Mondes und der Sterne, die Folge von Tag und Nacht und die Jahreszählung. Von Süden her beschien die Sonne den Erdengrund, da entspross grünes Gras.

Die Erde war eine kreisrunde Scheibe und um sie herum lag das tiefe Meer. An den Küsten wiesen die Götter den Riesen Wohnplätze zu. Weiter rückwärtig errichteten sie wegen der feindlichen Gesinnung der Riesen einen Burgwall rund um die Erde und benutzten dazu die Wimpern Ymirs. Inmitten dieses Burgwalls lag Midgard – der mittlere Garten – die Welt der Menschen.

Hoch über Midgards Mitte errichteten die Götter ihre eigene Wohnstätte: Asgard – Garten der Asen, Asenland.

Als die Asen eines Tages am Strand gingen, waren dort die Baumstümpfe einer Ulme (Embla) und Esche (Ask) angetrieben. Daraus formten die Götter einen Mann und eine Frau. Odin hauchte dem ersten Menschenpaar den Atem ein, Wili schenkte ihnen Vernunft und We stattete sie mit Sinnen und Empfindungen aus. Den Mann nannten sie Ask, die Frau Embla. Als Wohnstätte bekamen die Menschen Midgard zugewiesen. Sie wurden die Ahnen des Menschengeschlechtes.

Inmitten Asgards lag eine weite, schöne Ebene, Idafeld genannt. Hier errichteten die Götter ihre Häuser, Säle und Werkstätten.

All dies aber überragte der mächtige Weltenbaum, die Esche Yggdrasil, die hohe, benetzt mit hellem Nass: von hier kommt der Tau, der in Täler fällt; immergrün steht sie am Urdbrunnen, beschreibt sie die Seherin. Ihre Krone Yggdrasils reicht bis in den Himmel, ihre Zweige breiten sich über die ganze Welt. Drei Hauptwurzeln tragen den mächtigen Stamm. Eine reicht tief hinab in den Schlund Ginnunga gap, ins neblige Niflheim und in das Heim der Reifthursen. An ihrem Wurzelfuß brodelt der Quellkessel Hwergelmir. Hier entspringen alle reißenden Flüsse dieser Welt. Hier in Nebelheim waltet auch Hel, die Unterwelts- und Todesgöttin.

Die zweite Wurzel des Weltenbaums gründet in Jötunheim, der Riesen Land, wo Mimirs Brunnen entspringt. Jeder, der aus diesem Brunnen trinkt, erhält Weisheit und Wissen. Hüter der Quelle war der weise Riese Mimir. Da Mimir täglich aus der Riesenquelle trank, verfügte er über große Weisheit und die seherische Kraft, die Zukunft zu schauen. Um ebenfalls Weisheit aus dieser Quelle zu erlangen, war Gott Odin bereit, Mimir ein Auge zu verpfänden.

Die dritte Wurzel gründete im Hain der Götter. Hier entsprang die heiligste aller Quellen. Sie wurde Urds Brunnen oder Urdarbrunnen genannt. Auf seinem dunklen Wasserspiegel schwimmen zwei weiße Schwäne. An diesem Brunnen wohnen die geheimnisvollen drei Jungfrauen, die Nornen Urd, Werandi und Skuld – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Täglich begießen sie die Zweige des Weltenbaums mit dem lebenserhaltenden Wasser des Brunnens, aus dem auch die Götter und Helden immer wieder neue Lebenskraft schöpfen. Hier versammelten sich die Götter zu ihren täglichen Beratungen.

Die drei heiligen Frauen galten als Hüterinnen des Lebens. Sie schnitzten die Schicksalsstäbe, die über Glück und Leid, Leben oder Tod der Menschen und sogar über das Schicksal der Götter entschieden. Aus dieser Funktion heraus sah man sie auch als die Spenderinnen des Lebens und der Fruchtbarkeit. Die drei Nornen galten den Frauen als Helferinnen bei Geburtswehen.

Die drei weisen Frauen sind mit den drei Mutter- und Fruchtbarkeitsgöttern verwandt, die in römischer Zeit in Süd- und Westdeutschland als Matronae verehrt wurden. Auch die Matronae standen in einer Beziehung zum Wasser. Ihre Weihesteine waren häufig an Brunnen und Quellen aufgestellt. Im christlichen Volksglauben und in Legenden leben die Nornen als die drei Schwestern, drei Madeln oder drei Marien noch heute fort.

Allerlei Tiere und Unwesen zehrten an der gewaltigen Esche Yggdrasil, um sie zu Fall zu bringen und um dadurch das Ende der Welt herbeizuführen. Am Brunnen Hwergelmir nagten der Drache Nidhögg und anderes Gewürm an den Wurzeln. In der Krone des Weltenbaums saß der Adler und schrie hässliche Schimpfworte gegen den Drachen. Jener antwortete dem Greif mit heftigen Schmähreden. Zwischen den ewigen Gegnern sprang das Eichhörnchen Ratatosk unablässig am Stamm hinauf und hinab, um die Schmähbotschaften zu überbringen. Hirsche fraßen am Laub des Baumes.

Doch die Nornen an Urds Brunnen begossen die Wurzeln der Esche beständig mit frischem Wasser und legten feuchten Schlamm aus der Quelle um die Wurzeln, damit die Zweige nicht verfaulten oder verdursteten.

Über den hohen Himmelsfelsen an der Grenze Asgards ragte die dreifarbige Regenbogenbrücke Bifröst über ausgedehnte und tiefe Gewässer. Das Rot des Bogens entsteht, weil die Brücke in Flammen steht. Kein böses Wesen konnte über sie gelangen. kk

Verwendete Quellen:
Wilhelm Grönbech, Nordische Mythen und Sagen, Berlin o.D.
H.W. Fischer, Helden und Götter, Berlin 1934
R.M. Meyer, Altgermanische Religionsgeschichte, Berlin 1909

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Völuspá – Die Weissagung der Seherin 1/2 (deutsche Untertitel)

Teil 2

Das Lied der Seherin

in der Übersetzung von Karl Simrock (28.8.1802- 18.7.1876)

Völuspa

Der Seherin Ausspruch

1. Allen Edlen gebiet ich Andacht,
Hohen und Niedern von Heimdalls Geschlecht;
Ich will Walvaters Wirken künden,
Die ältesten Sagen, der ich mich entsinne.

2. Riesen acht ich die Urgebornen,
Die mich vor Zeiten erzogen haben.
Neun Welten kenn ich, neun Äste weiß ich
An dem starken Stamm im Staub der Erde.

3. Einst war das Alter, da Ymir lebte:
Da war nicht Sand nicht See, nicht salzge Wellen,
Nicht Erde fand sich, noch Überhimmel,
Gähnender Abgrund und Gras nirgend.

4. Bis Börs Söhne die Bälle erhuben,
Sie, die das mächtige Midgard schufen.
Die Sonne von Süden schien auf die Felsen
Und dem Grund entgrünte grüner Lauch.

5. Die Sonne von Süden, des Mondes Gesellin,
Hielt mit der rechten Hand die Himmelsrosse.
Sonne wusste nicht, wo sie Sitz hätte,
Mond wusste nicht, was er Macht hätte,
Die Sterne wussten nicht, wo sie Stätte hatten.

6. Da gingen die Berater zu den Richterstühlen,
Hochheilge Götter hielten Rat.
Der Nacht und dem Neumond gaben sie Namen,
Hießen Morgen und Mitte des Tags,
Under und Abend, die Zeiten zu ordnen.

7. Die Asen einten sich auf dem Idafelde,
Hof und Heiligtum hoch sich zu wölben.
(Übten die Kräfte alles versuchend,)
Erbauten Essen und schmiedeten Erz,
Schufen Zangen und schön Gezäh.

8. Sie warfen im Hofe heiter mit Würfeln
Und darbten goldener Dinge noch nicht.
Bis drei der Thursen-Töchter kamen
Reich an Macht, aus Riesenheim.

9. Da gingen die Berater zu den Richterstühlen,
Hochheilge Götter hielten Rat,
Wer schaffen sollte der Zwerge Geschlecht
Aus Brimirs Blut und blauen Gliedern.

10. Da ward Modsognir der Mächtigste
Dieser Zwerge und Durin nach ihm.
Noch manche machten sie menschengleich
Der Zwerge von Erde, wie Durin angab.
[Es folgt die Aufzählung einer Reihe von Zwergennamen.]

14. Zeit ist’s, die Zwerge von Dwalins Zunft
Den Leuten zu leiten bis Lofar hinauf,
Die aus Gestein und Klüften strebten
Von Aurwangs Tiefen zum Erdenfeld.

15. Da war Draupnir und Dolgtrasir,
Har, Haugspori, Hläwang, Gloi,
Skirwir, Wirwir, Skafid, Ai,
Alf und Yngwi, Eikinskjaldi.

16. Fialar und Frosti, Finnar und Ginnar,
Heri, Höggstari, Hliodolf, Moin.
Solange Menschen leben auf Erden,

Wird zu Lofar hinauf ihr Geschlecht geleitet.

17. Gingen da dreie aus dieser Versammlung,
Mächtige, milde Asen zumal,
Fanden am Ufer unmächtig
Ask und Embla und ohne Bestimmung.

18. Besaßen nicht Seele, und Sinn noch nicht,
Nicht Blut noch Bewegung, noch blühende Farbe.
Seele gab Odin, Hönir gab Sinn,
Blut gab Lodur und blühende Farbe.

19. Eine Esche weiß ich, heißt Yggdrasil,
Den hohen Baum netzt weißer Nebel;
Davon kommt der Tau, der in die Täler fällt.
Immergrün steht er über Urds Brunnen.

20. Davon kommen Frauen, vielwissende,
Drei aus dem See dort unterm Wipfel.
Urd heißt die eine, die andre Werdani:
Sie schnitten Stäbe; Skuld hieß die dritte.
Sie legten Lose, das Leben bestimmten sie
Den Geschlechtern der Menschen,
das Schicksal verkündend.

21. Allein saß sie außen, da der Alte kam,
Der grübelnde Ase, und ihr ins Auge sah.
Warum fragt ihr mich? Was erforscht ihr mich?
Alles weiß ich, Odin, wo du dein Auge bargst:

22. In der vielbekannten Quelle Mimirs.
Met trinkt Mimir allmorgendlich
Aus Walvaters Pfand! Wisst ihr, was 
das bedeutet?

23. Ihr gab Heervater Halsband und Ringe
Für goldene Sprüche und spähenden Sinn.
Denn weit und breit sah sie über die Welten all.

24. Ich sah Walküren weither kommen,
Bereit zu reiten zum Rat der Götter.
Skuld hielt den Schild, Skögol war die andre,
Gunn, Hilde, Göndul und Geirskögul.
Hier nun habt ihr Herjans Mädchen,
Die als Walküren die Welt durchreiten.

25. Da wurde Mord in der Welt zuerst,
Da sie mit Geren Gulweig (die Goldkraft) stießen,
In des Hohen Halle, die helle brannten.
Dreimal verbrannt ist sie dreimal geboren,
Oft, unselten, doch ist sie am Leben.

26. Heid hieß man sie, wohin sie kam,
Wohlredende Wala zähmte sie Wölfe.
Sudkunst konnte sie, Seelenheil raubte sie,
Übler Leute Liebling allezeit.

27. Da gingen die Berater zu den Richterstühlen,
Hochheilige Götter hielten Rat,
Ob die Asen sollten Untreue strafen,
Oder alle Götter Sühnopfer empfangen.

28. Gebrochen war der Burgwall den Asen,
Schlachtkundge Wanen stampften das Feld.
Odin schleuderte über das Volk den Spieß:
Da wurde Mord in der Welt zuerst.

29. Da gingen die Berater zu den Richterstühlen,
Hochheilge Götter hielten Rat,
Wer mit Frevel hätte die Luft erfüllt,
Oder dem Riesenvolk Odhurs Braut gegeben?

30. Von Zorn bezwungen zögerte Thor nicht,
Er säumt selten, wo er solches vernimmt:
Da schwanden die Eide, Wort und Schwüre,
Alle festen Verträge jüngst trefflich erdacht.

31. Ich weiß Heimdalls Horn verborgen
Unter dem himmelhohen heiligen Baum.
Einen Strom seh ich stürzen mit starkem Fall
Aus Walvaters Pfand: wisst ihr, was das bedeutet?

32. Östlich saß die Alte im Eisengebüsch
Und fütterte dort Fenrirs Geschlecht.
Von ihnen allen wird eins das schlimmste:
Des Mondes Mörder übermenschlicher Gestalt.

33. Ihn mästet das Mark gefällter Männer,
Der Seligen Saal besudelt das Blut.
Der Sonne Schein dunkelt in kommenden Sommern,
Alle Wetter wüten: wisst ihr, was das bedeutet?

34. Da saß am Hügel und schlug die Harfe
Der Riesin Hüter, der heitre Egdir.
Vor ihm sang im Vogelwalde
Der hochrote Hahn, geheißen Fialar.

35. Den Göttern gellend sang Gullinkambi,
Weckte die Helden beim Heervater,
Unter der Erde singt ein andrer,
Der schwarzrote Hahn in den Sälen Hels.

36. Ich sah dem Baldur, dem blühenden Opfer,
Odins Sohne, Unheil drohen.
Gewachsen war über die Wiesen hoch
Der zarte, zierliche Zweig der Mistel.

37. Von der Mistel kam, so dauchte mich
Hässlicher Harm, da Hödur schoss.
(Baldurs Bruder, war kaum geboren,
Als einsichtig Odins Erbe zum Kampf ging.
Die Hände nicht wusch er,
das Haar nicht kämmt er,
Eh er zum Bühle trug Baldurs Töter.)
Doch Frigg beklagte in Fensal dort
Walhalls Verlust: wisst ihr, was das bedeutet?

38. In Ketten lag im Quellenwalde
In Unholdgestalt der arge Loki.
Da sitzt auch Sigyn unsanfter Gebärde,
Des Gatten Waise: wisst ihr, was das bedeutet?

39. Gewoben weiß da Wala Todesbande,
Und fest geflochten die Fessel aus Därmen.
Viel weiß der Weise, weit seh ich voraus
Der Welt Untergang, der Asen Fall.
Grässlich heult Garm vor der Gnupahöhle,
Die Fessel bricht und Freki rennt.

40. Ein Strom wälzt ostwärts durch Eitertäler
Schlamm und Schwerter, der Slidur heißt.

41. Nördlich stand an den Nidabergen
Ein Saal aus Gold für Sindris Geschlecht.
Ein andrer stand auf Okolnir
Des Riesen Biersaal, Brimir genannt.

42. Einen Saal seh ich, der Sonne fern
In Nastrands, die Türen sind nordwärts gekehrt.
Gifttropfen fallen durch die Fenster nieder;
Mit Schlangenrücken ist der Saal gedeckt.

43. Im starrenden Strome stehn da und waten
Meuchelmörder und Meineidige
(Und die andrer Liebsten ins Ohr geraunt).
Da saugt Nidhögg die entseelten Leiber,
Der Menschenwürger: wisst ihr, was das bedeutet?

44. Viel weiß der Weise, sieht weit voraus
Der Welt Untergang, der Asen Fall.

45. Brüder befehden sich und fällen einander,
Geschwister sieht man die Sippe brechen.
Der Grund erdröhnt, üble Disen fliegen;
Der eine schont des andern nicht mehr.

46. Unerhörtes ereignet sich, großer Eh’bruch.
Beilalter, Schwertalter, wo Schilde krachen,
Windzeit, Wolfszeit eh die Welt zerstürzt.

47. Mimirs Söhne spielen,
der Mittelstamm entzündet sich
Beim gellenden Ruf des Giallarhorns.
Ins erhobne Horn bläst Heimdall laut,
Odin murmelt mit Mimirs Haupt.

48. Yggdrasil zittert, die Esche, doch steht sie,
Es rauscht der alte Baum, da der Riese frei wird.
(Sie bangen alle in den Banden Hels
Bevor sie Surturs Flamme verschlingt.)
Grässlich heult Garm vor der Gnupahöhle,
Die Fessel bricht und Freki rennt.

49. Hrym fährt von Osten und hebt den Schild,
Jörmungand wälzt sich im Jötunmute.
Der Wurm schlägt die Flut, der Adler facht,
Leichen zerreißt er; los wird Naglfar.

50. Der Kiel fährt von Osten,
da kommen Muspels Söhne
Über die See gesegelt; sie steuert Loki.
Des Untiers Abkunft ist all mit dem Wolf;
Auch Bileists Bruder ist ihm verbündet.

51. Surtur fährt von Süden mit flammendem Schwert,
Von seiner Klinge scheint die Sonne der Götter.
Steinberge stürzen, Riesinnen straucheln,
Zu Hel fahren Helden; der Himmel klafft.

52. Was ist mit den Asen? Was ist mit den Alfen?
All Jötunheim ächzt, die Asen versammeln sich.
Die Zwerge stöhnen vor steinernen Türen,
Der Bergwege Weiser: wisst ihr, was das bedeutet?

53. Da hebt sich Hlins anderer Harm,
Da Odin eilt zum Angriff des Wolfs.
Belis Mörder misst sich mit Surtur;
Schon fällt Friggs einzige Freude.

54. Nicht säumt Siegvaters erhabner Sohn
Mit dem Leichenwolf, Widar, zu fechten:
Er stößt dem Hwedrungssohn den Stahl ins Herz
Durch gähnenden Rachen: so rächt er den Vater.

55. Da kommt geschritten Hlodyns schöner Erbe,
Wider den Wurm wendet sich Odins Sohn.
Mutig trifft ihn Midgards Segner.
Doch fährt neun Fuß weit Fiörgyns Sohn
Weg von der Natter, die nichts erschreckte.
Alle Wesen müssen die Weltstatt räumen.

56. Schwarz wird die Sonne, die Erde sinkt ins Meer,
Vom Himmel schwinden die heitern Sterne.
Glutwirbel umwühlen den allnährenden Weltbaum,
Die heiße Lohe beleckt den Himmel.

57. Da seh ich auftauchen zum andern Male
Aus dem Wasser die Erde und wieder grünen.
Die Fluten fallen, darüber fliegt der Aar,
Der auf dem Felsen nach Fischen weidet.

58. Die Asen einen sich auf dem Idafelde,
Über den Weltumspanner zu sprechen, den großen.
Uralter Sprüche sind sie da eingedenk,
Von Fimbultyr gefundner Runen.

59. Da werden sich wieder die wundersamen
Goldenen Bälle im Grase finden,
Die in Urzeiten die Asen hatten,
Der Fürst der Götter und Fiölnirs Geschlecht.

60. Da werden unbesät die Äcker tragen,
Alles Böse bessert sich, Baldur kehrt wieder.
In Heervaters Himmel wohnen Hödur und Baldur,
Die walweisen Götter. Wisst ihr, was das bedeutet?

61. Da kann Hönir selbst sein Los sich kiesen,
Und beider Brüder Söhne bebauen
Das weite Windheim. Wisst ihr, was das bedeutet?

62. Einen Saal seh ich heller als die Sonne,
Mit Gold bedeckt auf Gimils Höhn:
Da werden bewährte Leute wohnen
Und ohne Ende der Ehren genießen.

63. Da reitet der Mächtige zum Rat der Götter,
Der Starke von oben, der alles steuert.
Den Streit entscheidet er, schlichtet Zwiste,
Und ordnet ewige Satzungen an.

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Parzival und die Gralssuche

(Parzival, Martin Wiegand, 1934)

Parzival, auch Perceval oder Parsifal genannt, war einer der bedeutendsten Ritter am Hof König Arthurs, nicht nur wegen seines ungewöhnlichen Werdegangs, sondern vor allem auch wegen seiner Rolle bei der Suche bei der Suche nach dem Heiligen Gral. Zahlreiche bedeutende Autoren des Mittelalters befassten sich mit diesem Thema, unter anderem Chrétien de Troyes („Perceval“, um 1150) und Wolfram von Eschenbach („Parzifal“, um 1200).

Parzival, von seiner Mutter in der Waldeinsamkeit aufgezogen, ist am Hofe Arthurs ein Außenseiter. Er kennt nicht die strikten Regeln, nach denen sich das Höfische Leben zu richten hat, weiß nichts vom Zusammenleben der Menschen und noch weniger von der Ritterlichkeit und ihren Idealen. Die ersten Ritter, denen er begegnet, hält er in seiner Torheit für Engel, lässt dann seine Mutter in der Einsamkeit zurück, um auch Ritter zu werden. Er trifft auf den Roten Ritter, erschlägt ihn ehrlos, nimmt ihm seine Rüstung, gelangt an den Königshof und dünkt sich einen Ritter. Langsam und schmerzhaft wird der Lernprozess sein, bis er sich dieses Ehrentitels zu Recht wird bedienen dürfen.

Wie die meisten anderen Artusritter auch, geht Parzival irgendwann auf die Suche nach dem Heiligen Gral. Nur die allerwenigsten gelangen auch nur in die Nähe, doch Parzival wird sogar in die Gralsburg eingeladen, wo er eine Prozession beobachten darf, in der verhüllte Jungfrauen einen lichtverschleierten, offensichtlich heiligen Gegenstand am kranken Gralskönig vorbeitragen. Doch wenn Parzival auch schon in vielen Dingen ein echter Ritter geworden ist, ihm fehlt der Edelmut und die geistige Reife, um die entscheidende mitleidige Frage zu stellen, und so wird er wieder aus der Burg ausgewiesen und der Fischerkönig bleibt unerlöst. Erst ein weiteres Umherirren durch die Welt wird Parzival würdig machen und sein zweiter Besuch auf Burg Carbonek erlöst Amfortas endlich und macht Parzival zum neuen Hüter der Gralsburg.

Soweit erzählt es die Legende. Doch was ist der Gral eigentlich, was bewirkt er, woher kommt er? Ähnlich wie nach der Gestalt des Königs Arthur oder Artus selbst, deren historisches Vorbild etwa im fünften Jahrhundert anzusiedeln ist, suchen Historiker auch heute noch, ähnlich wie damals die Ritter, nach dem Heiligen Gral. In der vorherrschenden, schon stark christianisierten Meinung, ist er das Gefäß, aus dem Jesus beim letzten Abendmahl trank und das bei seiner Kreuzigung dazu benutzt wurde, das Blut aus seiner Seite aufzufangen. Dieser Kelch wurde dann von Joseph von Arimathäa, der Jesus sein Grabmal überlassen hatte, später mit nach Britannien gebracht, wo sich die Spur verliert. War dies vielleicht der geheimnisumwobene Schatz des Templerordens? Keiner weiß es. Oder war es vielleicht doch nur ein Keltisches Element der Artussage, der geheimnisvolle Kessel der Wiedergeburt? Wie immer die Antwort lauten mag, die Geschichte um den Gral hat bis heute nichts von seiner Faszination verloren. Genauso wenig wie die eines jungen Ritters, der erst zum wahren Menschsein finden musste, um zu etwas Höherem berufen werden zu können.

Parzivals Jugend und Auszug in die Welt

Sporen und Schwert werden als
Zeichen der Ritterschaft überreicht
(aus einer franz. Handschrift von 1463)

Als Parzival als Sohn von König Gahmuret von Anschouwe und dessen Gemahlin Herzeloide geboren wird, ist sein Vater schon tot, gefallen durch Verrat im Morgenland. Die verwitwete Königin kann die Ländereien nicht zusammenhalten und als sie die Kunde erreicht, man trachte ihrem Sohn nach dem Leben, beschließt sie, ihn in einer abgelegenen Einöde großzuziehen, damit er in Frieden und Sicherheit aufwachsen könne, fern der Welt voll Falschheit und Kampf. Nur der alte Knappe ihres Mannes und einige wenige Edelfrauen begleiten sie. Sie alle müssen ihr einen Eid ablegen: niemals soll ihr Sohn von Ritterschaft, Kampf und Abenteuer erfahren, auf dass er für immer bei ihr bleiben würde und nicht wie sein Vater zugrunde gehen.

Parzival wächst groß und stark heran, nach dem Willen seiner Mutter in völliger Unschuld und des Lebens außerhalb der kleinen Gemeinschaft nicht gewahr. Doch die Unschuld wird bedroht. Anhand von Jagdbeute lernt Parzival das Konzept des Todes kennen. Karrenspuren machen ihm deutlich, dass es irgendwo noch mehr geben muss als seine beschränkte kleine Welt. Von nun an ist er unruhig, doch fest entschlossen, seinem unbestimmten Freiheitsdrang zum Trotz, bei seiner Mutter zu bleiben.

Der Zufall macht seinen Entschluss zunichte, als ihm im Wald Ritter begegnen, die er in seiner Unwissenheit zunächst für Gott und seine Engel hält. Die Fremden erzählen ihm von König Artus, der ihm auch die Ritterschaft verleihen könne. Nichts hält ihn mehr: er muss fort! Die Königin lässt ihm zum Abschied ein Narrengewand machen, in der Hoffnung, er möge von allen ausgelacht werden und so bald zu ihr zurückkehren. Sie erzählt ihm nun auch von seiner Herkunft und gibt ihm die guten Ratschläge mit auf den Weg, ältere Männer zu ehren und edle Frauen mit einem Kuss zu begrüßen, auch solle er eventuelle Ringgaben dieser Frauen in hohen Ehren halten.

Solcherart gut gerüstet, reitet Parzival nun auf einem uralten Klepper in die Welt hinaus.

Das erste, was Parzival erblickt, als er aus dem Wald kommt, ist ein großes purpurfarbenes Zelt mit goldenen Borten und einem flatternden Wimpel an der Spitze. Hinter diesem steht noch ein kleineres aus Leinwand. Neugierig betritt Parzival das prächtige Zelt und erblickt dort schlafend eine wunderschöne Frau. Eingedenk der Ratschläge seiner Mutter küsst er sie wach, um sie um einen Ring zu bitten. Sie hält ihn für nicht ganz richtig im Kopf, ist aber so überrumpelt, dass sie ihn bewirtet und ihm widerstandslos einen Ring und eine Brosche überlässt. Daraufhin reitet Parzival weiter. Als der eifersüchtige Ehemann der Herzogin zurückkehrt, bemerkt er den Verlust sowohl seines Abendessens als auch des Schmucks und schwört blutige Rache, bis er diese erlangt haben wird, wird die Herzogin alles Schmucks, aller schönen Kleider und aller Privilegien ihres Standes beraubt. So hat Parzival in aller Unschuld ein großes Unrecht angerichtet und zieht nun unbekümmert weiter in die Welt hinaus.

Der Ritter Gurnemanz – Die Befreiung Konduiramur

(Illustration von Alan Lee, 1984)

„Und nun willst du also ein Ritter sein, Parzival. Aber unter dem roten Samtmantel und dem glänzenden Harnisch trägst du noch immer das Torenkleid und darunter bist du noch immer nichts anderes als ein großer törichter Knabe. Du weißt es nur nicht.“

Parzival reitet durch die Nacht, ohne Sinn und Ziel. Als es hell wird, merkt er, dass ihm überall mit Respekt Platz geschaffen wird; doch gilt dieser Respekt nicht ihm, sondern dem, der er in seiner Rüstung zu sein scheint.

Wiederum gegen Abend nun gelangt er zur Burg des Ritters Gurnemanz, der ihn – obwohl befremdet ob des Fremden in so bekannter Rüstung – gastfreundlich aufnimmt. Und als Parzival seine Geschichte erst erzählt hat, wird er nun wirklich von dem freundlichen alten Ritter aufgenommen, der ihm eine höfische Ausbildung angedeihen lässt. Drei ganze Jahre wird diese Lehrzeit dauern. Und viel weise Ratschläge bekommt Parzival mit auf den Weg: er soll immer das rechte Maß halten, kühn sein, aber nicht wagemutig, nie Schwächere angreifen und den Besiegten Gnade gewähren, ohne sie zu demütigen, nicht geizig sein, aber auch nicht verschwenderisch, zu geringeren Leuten soll er freundlich sein, sich nicht mit liederlichem Volk einlassen. Auch soll er niemals Neugier zeigen, wenn er etwas sieht, das er nicht begreift und keine Fragen stellen. Das gelte als unhöfisches Benehmen. Dann soll er selbstverständlich den Unterdrückten und Verfolgten stets beistehen und den Frauen dienen, die dessen würdig sind, doch niemals ihr Knecht werden.

Diese und andere gute Ratschläge erhält Parzival in seiner Lehrzeit. Doch etwas Entscheidendes fehlt bei diesen Lehren, und daraus wird noch viel Leid entstehen. Noch vieles hätte er zu lernen, doch weiß er es immer noch nicht.

So zieht Parzival also, in allen Ritterlichen Künsten und Tugenden wohl unterwiesen, in die Welt hinaus, Abenteuer zu bestehen. Er will Königin Konduiramur befreien, deren Stadt belagert wird von Klamide, dem Fürsten von Brandigan, welcher so ihre Einwilligung zur Hochzeit zu erzwingen hofft.

Bald erreicht Parzival auf seinem trefflichen Hengst die belagerte Stadt, allein, alles dünkt ihn seltsam friedlich für einen Krieg. Bald erfährt er auch den Grund: die Stadt soll nicht durch Kampf bezwungen, sondern ausgehungert und so die Königin zur Aufgabe gezwungen werden. Deshalb war unser Held auch nicht gehindert worden, sich der Stadt zu nähern; sollte er doch ruhig mit den Bewohnern dort verhungern!

Nun wird er also der Königin als ihr Kämpfer vorgestellt. Sie scheint ihm die schönste Frau zu sein, der er je begegnet ist, aber so traurig! Um so entschlossener zieht er in den Kampf. Zuerst besiegt er den Seneschall, der für seinen Herrn antritt; der muss sich ergeben und wird von Parzival zu König Artus geschickt, ihm von dem Sieg zu künden und der Hofdame Frau Cunnaware zu Diensten zu sein. Genauso ergeht es in der Folge den restlichen sechs Dienstmannen des Fürsten, der daraufhin am folgenden Tage nun selbst gegen Parzival antreten muss. Und auch ihm selbst ergeht es nicht besser: am folgenden Abend befindet er sich ebenfalls übel zugerichtet auf dem Weg zur Residenz König Artus` und in den Dienst an der Hofdame.

Die gerettete Königin Konduiramur aber ist Parzival so dankbar für ihre Rettung, dass sie ihn drei Monde später zum Manne nimmt.

Die Burg des Fischerkönigs

Der Antiochia-Kelch, 500 Jhd., wurde
von vielen als der Heilige Gral verehrt

Es verfließen aber die Monate der jungen Ehe und Parzival beginnt inmitten seines Glückes an seine Mutter zu denken, die noch immer in ihrer Waldeinsamkeit darbt. Nie wieder, seit er sie verlassen, hat er von ihr gehört, und so macht er sich denn auf, sie zu besuchen.

Da er vermeint, den Weg genau zu kennen, reitet er abseits der großen Straße, quer durch immer unwirtlicher werdendes Gelände, bis er endlich an ein Gewässer gelangt, in dem ein paar Männer – wohlhabende Ritter, will es ihm scheinen – recht lustlos ihre Netze zum fischen ausgeworfen haben. In einem der Boote sitzt ein kostbar gekleideter Ritter, doch scheint er krank; so bleich, so schwach, von so vielen Polstern gestützt sitzt er da.

Parzival grüßt, empfängt herzlichsten Gegengruß; fast scheint es, man habe ihn erwartet, so seltsam sehen ihn die Männer an; irgendetwas scheint an ihm, dass verborgene Hoffnungen belebt. Er wird ob dieser unerklärlichen Haltung ihm gegenüber unwirsch, will nur noch nach langem Ritt zu einer gastlichen Herberge gelangen, wird aufs allerdringlichste mehrmals auf die nahe stehende Burg verwiesen; der Pförtner werde ihn aufs herzlichste empfangen, wenn er angibt, vom Fischer geschickt zu sein … und so geschieht es auch. Was bleibt ihm eine andere Wahl: weit und breit ist keine andere Nächtigungsmöglichkeit, doch beschließt er bei sich, am anderen Morgen diesen seltsamen Ort schnellstens zu verlassen, der ihm allmählich so unheimlich erscheint. Ist er wirklich noch in seiner Welt, oder ist er an einen gänzlich anderen Ort gelangt, an dem ihm unbekannte Gesetze herrschen mögen…?

Er wird wie ein lang ersehnter Ehrengast behandelt, die Königin sendet ihm einen kostbaren Mantel als Geschenk, versehen mit dem gleichen Emblem, einer eingestickten silbernen Taube, das hier alle tragen, der König selbst, Amfortas, lässt ihn zum Abendessen bitten.

Parzival gelangt in einen reich und kostbar geschmückten Saal; und wahrhaftig: der Mann an der Stirnseite der Halle, der König, ist der Fischer, den er am Nachmittage getroffen! Er winkt Parzival zu sich, auf dem Weg durch die Halle verneigen sich alle Anwesenden tief vor ihm. Und wiederum ist Parzival verwirrt und verunsichert: was hat er getan, solche Ehren zu verdienen? Und auch der König grüßt ihn nun mit Freude und Ehrerbietigkeit…

Nun jedoch tritt jemand in den Saal, der so gar nicht in die allesbeherrschende Pracht zu passen scheint: ein Knappe ist es, der einen alten zerbeulten Harnisch trägt und in der Hand eine Lanze hält. Langsam schreitet er durch den Saal, gelangt zum Hochsitz des Königs; kurz zögert er vor Parzival, scheint auf etwas zu warten. Alle scheinen mit einem Male auf etwas zu warten. Parzival wirft einen Blick auf die Lanze: die Spitze ist gefärbt wie von getrocknetem Blut … aber was geht ihn das an?

Der Knappe schreitet vorbei.

Durch eine andere Tür tritt nun ein Zug junger Mädchen in den Saal, immer zwei nebeneinander im gleichen weißen Gewand, Blumenkränze im Haar. Die ersten tragen einen Tisch mit elfenbeinernen Füßen und einer geschliffenen Platte, den sie vor dem Könige hinstellen, die nächsten stellen goldene Leuchter mit brennenden Kerzen darauf, wieder andere kristallene Trinkgefäße, goldene Schüsseln und allerlei kostbares Tischgerät. Zuletzt folgt eine wunderschöne Jungfrau in grünem Samtgewand, mit einer Krone auf dem Haupt, die etwas in den Händen hält, das Parzival nicht genau erkennen kann. Es sieht aus wie eine große glänzende Schale, von der ein überwältigendes Leuchten ausgeht.

Jeder im Saal hat nun die wunderbarsten Speisen vor sich, bis auf den König, vor dem nur ein Stück Brot liegt. Und noch immer ist nichts von einer fröhlichen Stimmung zu verspüren.

Die Hohe Königin trägt wortlos mit ihrem Gefolge den Gral wieder fort. Und für einen Augenblick erhascht Parzival, als er ihr durch die sich schließende Tür nachblickt, einen Blick auf ein kleines Gemach, in dem auf einem Ruhebett ein Greis mit langem weißen Haar schläft.

Der Knappe im zerbeulten Harnisch bringt Parzival nun ein kostbares Schwert; dieses ist ein Geschenk von Amfortas. Er bedürfe dessen nicht mehr, da das Unheil über ihn gekommen sei.

Und auch dieses Geschenk nimmt Parzival fraglos hin, begibt sich dann zur Nachtruhe, aus der er am nächsten Morgen nach unruhigen Träumen erwacht und eine verlassene Burg vorfindet.

Nur fort von hier, fort von diesem unheimlichen, rätselhaften Ort so denkt er und flieht aus der Burg, so schnell ihn sein treues Ross trägt. Nur der alte Knappe zieht hinter ihm die Zugbrücke hoch und ruft ihm noch eine Verwünschung hinterher.

Sigune und Jeschute

vergoldeter Schwertknauf aus dem 8. Jhd.

Parzival reitet also von der Gralsburg fort, sich seines Fehlers nicht gewahr. Wohl grübelt er, was er denn wohl falsch gemacht habe; doch vermag er nicht einzusehen, dass es seine Aufgabe gewesen sei, eine einzige mitleidige Frage zu stellen.
So reitet er denn ziellos dahin.

Nach einiger Zeit gelangt er zu einer Lichtung, die bewohnt scheint; ein Eremit mag so leben. Doch es ist seine Cousine Sigune, die hier in der Waldeinsamkeit noch nach all der Zeit am einbalsamierten Körper ihres Ehemannes die Totenwache hält. Parzival fröstelt es.

Er erzählt ihr, wo er gewesen ist. Doch dann muss er auch sein Versagen beichten. Und nun, da er von seiner Cousine erfahren hat, dass es sich bei Amfortas um seinen Oheim handle, scheint dieses noch schwerer zu wiegen.
Trotzig reitet Parzival von dannen.

Auf seinem Weg begegnet ihm eine mehr als armselig gekleidete Frau, die auf einer elenden Mähre dahinreitet. Er erkennt sie erst auf den zweiten Blick; es ist Jeschute, die noch immer die Rache ihres eifersüchtigen Ehemannes zu erdulden hat. Und der lässt auch nicht lange auf sich warten, stürmt mit eingelegter Lanze auf Parzival los, dass dieser Mühe hat, sich noch zu verteidigen. Doch auch diesen Kampf gewinnt Parzival; danach ist die Zeit gekommen, dem Herzog zu berichten, was sich damals wirklich zugetragen hat. Und der Herzog, besiegt, muss nun zwei Aufgaben erfüllen: erstens, seine Gemahlin wieder in allen Ehren aufnehmen, was er auch gern tut, und zweitens, an den Hof König Artus reiten, um von seinem Bezwinger zu künden.
Und wieder reitet Parzival weiter. Diesmal in der Gewissheit, einen alten Fehler wenigstens zu einem Teil wieder gutgemacht zu haben.
Unterwegs, als er einmal rastet, begegnet er einem Falken, der sich ihm sonderbarerweise zugehörig zu fühlen scheint.

Die Hexe Kundrie

Gawains Abenteuer
Stickarbeit aus dem 14. Jhd.

Er gelangt an eine Lichtung, auf der ein Zeltlager aufgestellt ist. Doch ist es noch zu früh am Tag, niemand scheint wach. Im selben Moment stiebt vom Waldrand eine Schar Wildgänse auf, der Falke fährt mitten darunter, Blut verunziert den Schnee und Parzival – er scheint verzaubert, nimmt seine Umwelt nicht mehr wahr. Und das ist ein Fehler, denn das Lager vor ihm ist kein anderes als das des Königs Artus, der so viel schon von seinem Ruhm vernommen hat und ihm daraufhin entgegengezogen ist. Und als das Lager nun erwacht, erwachen auch die jungen Heißsporne, die darauf brennen, sich mit dem berühmten Kämpfer zu messen. Dreimal muss der in die Betrachtung des blutigen Mals versunkene Parzival einen Kampf bestehen, und dreimal rettet ihn nur sein vortrefflich ausgebildetes Pferd, dass ihn mit Ausweichbewegungen aus seiner Trance weckt und ihm erst Gelegenheit verschafft, sich zu wehren.
Zuletzt kommt dann Herr Gawain, um ihn zum König zu führen, bemerkt seine Bezauberung und macht dem ein Ende, indem er das Mal im Schnee mit dem Mantel verdeckt.
So ist Parzival denn am Ziel seiner Wünsche, denkt er. Ein Platz an König Artus Runder Tafel ist sein!

Doch seine Freude wird nicht lange währen. Sein Schicksal naht in der Gestalt von Kundrie, der Hexe. Sie verkündet Artus, Parzival sei eines Platzes an seiner Tafel nicht würdig. Und Gawain, dem neuen Freund Parzivals, offenbart sie, dass ein böser Zauberer seine Schwester entführt habe und diese auf seinem Zauberschloss gefangen halte.
So muss Gawain sich denn aufmachen, seine Schwester zu erlösen, und auch Parzival kann nicht an Artus Hof bleiben.

Gawain bittet ihn noch, mit ihm zusammen aufzubrechen, doch Parzival muss allein reisen. Er ist verzweifelt, hadert mit seinem Schicksal und mit Gott, denn er weiß, dass er nicht wieder froh sein wird, bis er den Gral ein zweites Mal gefunden hat. Erst muss er sich jedoch würdig erweisen; doch jeder scheint an ihm zu zweifeln.
So begleitet ihn auf seinem Weg nur das Versprechen des treuen Gawain, dass dieser ihn suchen und begleiten werde, sobald er seine Schwester erlöst habe.

Gawain zieht also ebenso wie Parzival auf eine Queste, besteht währenddessen so manches ritterliche Abenteuer, lauscht auch immer auf Kunde von seinem Freund Parzival. Oft hört er von ihm, doch niemals holt er ihn ein.

Die Rückkehr zur Gralsburg

Joseph von Arimathia hält eine Messe für die
ersten Gralsritter, flämische Illustr. von 1351

Monde vergehen, und endlich gelangt Parzival wieder zu Sigunes Klause. Nun ist Parzival also wieder ganz in der Nähe der Gralsburg, will sie auch endlich finden; seit Ewigkeiten, dünkt es ihn, reitet er immer in Kreisen um Monsalvat herum, ohne jemals einen Weg dorthin gefunden zu haben.

Auf seinem Weg begegnet ihm ein Ritter, unbewaffnet, augenscheinlich von Monsalvat, der ihn anspricht, verwundert, dass er am heutigen Tage Waffen trage.
Was für ein besonderer Tag soll denn dies nun sein? Und warum ist er unfähig, einfach dem Fremden zur Gralsburg zu folgen?

Eine Prozession frommer Männer kommt ihm entgegen. Endlich erfährt er, dass Karfreitag ist. Er folgt den Männern zur Einsiedelei des Trevrezent, erstaunt über sich selber, doch von einer inneren Macht gedrängt. Trevrezent nimmt sich Parzivals an; er sorgt gut für ihn, dann erzählt er ihm die Geschichte der Gralsburg und ihrer Herren.

Auch Parzival ist einer der Abkömmlinge der Herren der Gralsburg, wie er nun erkennen muss. Trevrezent ist sein Onkel, der Bruder seiner Mutter! Doch sie ist verstorben, an Herzeleid, als Parzival sie verließ, muss er nun erfahren. Eine Beichte, eine Lebensbeichte bricht aus ihm hervor; er, er allein ist Schuld am Tod der Mutter, er ist Schuld, dass der Gralskönig noch immer leiden muss, er hat so viele Dinge in seinem Leben falsch gemacht, wollte selbst von Gott nichts mehr wissen.
Als Ostern vorüber ist, nimmt Parzival Abschied von seinem Oheim. Mit dessen Segen und dessen Rüstung mit dem Emblem der Gralsritter nimmt er Abschied. Noch fühlt er sich nicht würdig, sie zu tragen.

Unterdessen hat Gawain unter vielen Mühen seine Schwester aus dem Schloss des bösen Zauberers befreien können und die schöne Herzogin Orgeluse kennen gelernt. Und wieder haben er und Parzival sich um Haaresbreite verpasst.
Gawain möchte nun die Herzogin heiraten, doch will sie nur zustimmen, wenn er zuvor eine ihm gestellte Aufgabe erfüllen kann. Um das zu erreichen, muss er am folgenden Tag einen Kampf bestehen; aber er weiß nicht, gegen wen er kämpft: es ist Parzival, der ihn aber gleichermaßen nicht erkennt. Doch schont er trotzdem den verwundeten Gawain; bis König Artus, der mittlerweile auch am Schauplatz eingetroffen ist, dazwischengeht. Und so wird nun auf dem Schloss der Herzogin zum großen Hochzeitsfest gerichtet.

Nur Parzival, schwermütig, sondert sich von der Masse der Feiernden ab, unternimmt einen Ritt. Unterwegs hat er eine Begegnung, ihm entgegen zieht sein legendärer Halbbruder Feirefiss, der Sohn seines Vaters mit einer Sarazenenfürstin; nicht von heller Haut und hellem Haar, auch nicht dunkel, sondern gefleckt. Er führt in an Artus Hof, ihn dessen Obhut anzuvertrauen. Dort angekommen, wartet Kundrie.
Doch diesmal bringt sie frohe Kunde: Parzival wird auf die Gralsburg berufen, die Zeit seiner Prüfungen ist vorüber!

Parzival scheidet also; sein Bruder will ihn begleiten, doch legt Parzival ihm erst nahe, den christlichen Glauben anzunehmen, da sonst auf der christlichen Gralsburg kein Platz für ihn sei.
Auf der Gralsburg angekommen, stellt Parzival endlich die alles erlösende Frage und zeigt Mitleid, woraufhin Amfortas endlich genesen kann. Parzival ist der neue Gralskönig.
Und nun trifft auch endlich seine so schmerzlich vermisste Gemahlin ein, die von Kundrie eilends herbeigeholt worden war. Mit sich führt sie ihren und Parzivals Sohn Lohengrin.

http://www.mythentor.de/kelten/parzival8.htm

Germania – allegorische Figur bzw. nationale Personifikation.

Eine Nationalallegorie ist eine allegorische Figur, die eine Nation und die ihr zugesprochenen Eigenarten verkörpert. So sie eine menschliche Gestalt darstellt, spricht man von einer nationalen Personifikation.

de.wikipedia.org

Germania von Philipp Veit, 1848

Sesterz aus Aurichalkum, 172-173, Mark Aurel, die besiegte Germania am Fuß eines Tropäums

Germania mit Reichsapfel und Szepter (unten, mittlere Figur) im Perikopenbuch Heinrichs II., um 1010

Germania von Friedrich August von Kaulbach, 1914

Hermann befreit Germania, Zeichnung von Karl Ruß, 1818: Durch den Hinweis auf die Völkerschlacht bei Leipzig zeichnet der Illustrator eine geschichtliche Linie zwischen den Germanen der Antike und den Deutschen des 19. Jahrhunderts.

Italia und Germania von Friedrich Overbeck, 1828

Germania, Wandbild von Philipp Veit, 1834–1836: Die mit Eichenlaub bekrönte Germania ist umgeben von einer Vielzahl von Symbolen, die in der Epoche der Romantik mit Deutschland verbunden waren, etwa dieReichskrone, das Wappen des Heiligen Römischen Reichs, die Wappen der Kurfürsten, das Reichsschwertund die Rheinlandschaft.

Erwachende Germania von Christian Köhler, 1849: Vor ihr erscheint der Genius der Freiheit, während Knechtschaft und Zwietracht in den Abgrund stürzen.[11] Das Bild wurde schon bald in die Vereinigten Staaten verkauft und in den Räumen der New-York Historical Society ausgestellt.[12]

Germania auf der Wacht am Rhein von Lorenz Clasen, Düsseldorfer Malerschule, 1860. Auf dem Doppeladlerschild steht geschrieben: „Das deutsche Schwert beschützt den deutschen Rhein.“

Der Germaniabrunnen, oder auch Bismarckbrunnen, von Helmuth Schievelkamp wurde 1903 in Flensburg errichtet

upload.wikimedia.org

Der Nibelungen-Code

(Admin: Ich glaube nicht, daß Terra X die ganze Wahrheit herausgefunden hat, die sich hinter der Sage verbirgt. Richard Wagner wußte mehr darüber als hier erklärt wird. Es ist dennoch ganz interessant.)

Bildquelle: mediaevum.de

Spätestens seit der Romantik gehört das Nibelungenlied zu den beliebtesten Sagen im deutschsprachigen Raum. Jeder hat schon einmal vom Drachentöter Siegfried, der schönen Kriemhild oder dem verschlagenen Hagen gehört. Und immer noch hoffen romantische Schatzsucher, den legendären Hort der Nibelungen irgendwo im Rhein aufzuspüren. Nicht nur Richard Wagner ließ sich von dem Plot aus Liebe, Eifersucht, Ehre und Rache zu herausragenden Werken inspirieren, auch Theater- und Filmregisseure nahmen sich immer wieder der berühmten deutschen Dichtung an.

Längst ist sich die Forschung einig, in dem fantastisch anmutenden Epos aus dem ersten Viertel des 13. Jahrhunderts stecken jede Menge historischer Fakten und Anspielungen aus der Zeit der Germanen, die der unbekannte Dichter mit mythischen Elementen anreicherte und zu einem brisanten Politthriller verwob. Der Verfasser verschlüsselte seine Botschaften jedoch derart, dass sich Wissenschaftler bis heute darüber streiten, wer wen im Nibelungenlied darstellt und welche Ereignisse hinter den Anspielungen stehen. In zwei Folgen stellt „Terra X“ die Nibelungen auf den Prüfstand, um die wahre Welt hinter der Fassade der Wormser Hofgesellschaft zu entdecken.

Nach Meinung einiger Experten verbirgt sich hinter dem sagenumwobenen Helden Siegfried der berühmte Germanenfürst Armin, der Cherusker. Beide Figuren stehen tatsächlich in engem Zusammenhang mit Xanten, der Heimat des Drachentöters. Armin machte dort in Diensten der römischen Besatzer Karriere, bevor er in Guerillamanier den Legionen des Varus im Jahr 9 nach Christus die verheerende Niederlage im Teutoburger Wald bescherte. Eine andere Spur führt zu den Merowingern, die im 6. Jahrhundert am Rhein ansiedelten und von einem König regiert wurden, der ebenfalls auf Siegfried passen könnte.

Die Suche nach den realen Hintergründen des Epos wirft noch viele Fragen auf. Woher stammt die Legende vom Feuer speienden Drachen? Weist die unverwundbare Haut, die der Sagenheld durch das Bad im Blut des getöteten Lindwurms erlangte, in Wahrheit auf eine seltene Erkrankung im Herrscherhaus der Merowinger hin? Oder trug der Hauptprotagonist des Nibelungenliedes einen der damals üblichen Schuppenpanzer aus Hornplättchen? Und was hat es mit dem magischen Schwert des Helden auf sich? Wieland, der Schmied, so wird erzählt, stellt die Waffe in einem merkwürdigen Verfahren her.

Teil 2