UNO wirft Türkei „massive Zerstörungen, Tötungen und zahlreiche andere schwere Menschenrechtsverletzungen“ im Kurdengebiet vor

UN-Hochkommissariat für Menschenrechte sprach heute von 355.000 bis 500.000 Vertriebenen und 2000 getöteten Menschen durch türkische Sicherheitskräfte zwischen Juli 2015 und Dezember 2016 im Kurdengebiet.
Türkische Kurden feiern das Kurdische Neujahr. Foto: Carl Court/Getty Images

Die UNO hat der Türkei schwere Menschenrechtsverletzungen bei ihrem Vorgehen gegen militante Kurden im Südosten des Landes vorgeworfen. Das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte sprach am Freitag von „massiven Zerstörungen, Tötungen und zahlreichen anderen schweren Menschenrechtsverletzungen“ durch türkische Sicherheitskräfte zwischen Juli 2015 und Dezember 2016. Im Sommer 2015 war eine vereinbarte Waffenruhe in der Region zerbrochen.

Das Hochkommissariat sprach von 355.000 bis 500.000 Vertriebenen aus der Region in dem Zeitraum. Bei dem Einsatz der Regierungskräfte wurden rund 2000 Menschen getötet, unter ihnen 800 Angehörige der Sicherheitskräfte und 1200 Zivilisten, wie die UNO in ihrem ersten Bericht zu dem Konflikt weiter ausführte.

Da dem Hochkommissariat von der Türkei nach UN-Angaben nicht erlaubt wurde, Vertreter in die Region zu schicken, erstellte es den Bericht auf der Basis von Satellitenaufnahmen zerstörter Ortschaften, Interviews von Opfern und Augenzeugen sowie Angaben von Nichtregierungsorganisationen.

Der Südosten der Türkei wird seit dem Scheitern der Waffenruhe regelmäßig von gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Kämpfern der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) und türkischen Sicherheitskräften erschüttert. (afp)

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Politologe: „Für Erdoğan geht es ums Überleben“

kerem oktem

Foto: /PrivatPolitologe Öktem: „Erdogan kann sich beim Referendum kein Niederlage leisten“

Politologe analysiert, warum der türkische Staatschef derart verbissen und untergriffig für „seine“ Verfassungsreform kämpft.

07.03.2017, 06:00
Kopfschütteln, Sprachlosigkeit, Entsetzen – das sind die Reaktionen auf die jüngsten verbalen Entgleisungen von Recep Tayyip Erdoğan Richtung Deutschland. Weil dort Minister der regierenden AK-Partei nicht für die Verfassungsreform werben durften (siehe auch unten), sprach der türkische Staatspräsident unter anderem von „Nazi-Methoden“. Doch was treibt den selbst ernannten „Sultan“ an, derart harsch zu agieren? Kerem Öktem, Professor am Institut für Südost-Europa-Studien an der Universität Graz, hat die Antworten.Zum Leitartikel: Erdoğan – schlimm für die Türkei, nicht für uns

„Heilsgeschichte“

„Es gibt verschiedene Gründe. Der erste ist sein persönlicher Werdegang. Erdoğan ist seit 30 Jahren in der Politik, und seine Laufbahn war im Wesentlichen ein steter Aufstieg. Und das gegen alle Widerstände, gegen das kemalistische System, gegen die Institutionen etc. Das ist seine individuelle Heilsgeschichte“, analysiert der Türkei-Experte im KURIER-Interview.

Dazu komme zweitens ein ideologischer-religiöser Aspekt. „Erdoğan will weg von der kemalistischen Republik (mit Laizismus) und die Türken dorthin zurückführen, wo sie einmal waren“, mit Anklängen an das Osmanische Reich und den politischen Islam.

Als dritte und wahrscheinlich wichtigste Triebfeder führt Öktem die aktuelle politische Lage in der Türkei ins Treffen. „Für den Präsidenten geht es bei dem Verfassungsreferendum (mit dem sich Erdoğan alle Macht sichern will, manche sprechen von Diktatur) ums Eingemachte, um sein Überleben“, so der Wissenschaftler. Denn obwohl der Staatschef die Gegner der geplanten Neuerungen als „Terroristen“ bezeichnete und ein demokratischer Diskurs darüber nicht möglich sei, „gibt es in der Türkei derzeit eine knappe Mehrheit für das ,Nein‘-Lager. Doch eine Niederlage kann er sich nicht leisten.“

„Lebt von Polarisierung“

Deshalb trete er so rüde auf. „Und etwas Besseres als die Auftrittsverbote in Deutschland hätte ihm gar nicht passieren können“, meint der Politologe, „so kann er wieder einmal den Mythos transportieren, dass die ganze Welt gegen die Türken sei, und dem Westen Doppelzüngigkeit vorwerfen.“ Um Inhalte gehe es schon lange nicht mehr, „wie jeder populistische Führer lebt Erdoğan von der Polarisierung, in der er sich als starker Mann präsentieren kann.“In Deutschland und Österreich rechnet Öktem mit einem Ja beim Verfassungsreferendum (16. April). Die Gründe: „Diese Leute müssen ja nicht in der Türkei leben. Sie haben im Schnitt eine niedrigere Bildung. Und die AKP hat die Auslandstürken intensiv unterstützt und sie so für ihre Projekte gewonnen.“
(kurier) Erstellt am 07.03.2017, 06:00

Türkei unter Verdacht Lehrpläne in Deutschland zu manipulieren und Schüler zu Spitzeleien anzustiften

Ist es möglich, dass Pädagogen, Eltern – vielleicht sogar Schüler – in türkischem Auftrag angeheuert werden, türkei-kritische Lehrer zu denunzieren? Die schweren Vorwürfe rufen Landesregierung und Sicherheitsbehörden in NRW auf den Plan.
Deutschland und Türkei Flagge Foto: Christian Charisius/Archiv/dpa

Berichte über Klassenzimmer-Spitzeleien in türkischem Auftrag haben die Landesregierung und Sicherheitsbehörden in Nordrhein-Westfalen alarmiert.

Nach Erkenntnissen der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) haben türkische Konsulate bei „Informationsveranstaltungen“ türkischstämmige Lehrer und Eltern angestiftet, kritische Lehrer zu melden. Zuerst hatte die „Heilbronner Stimme“ vorige Woche über entsprechende Hinweise berichtet, am Donnerstag dann auch „Spiegel Online“.

Das Düsseldorfer Schulministerium habe die Justiz und die Sicherheitsbehörden bereits informiert, teilte Sprecher Jörg Harm mit. „Sollten sich die Vorwürfe gegen die Generalkonsulate in Düsseldorf und Essen und gegebenenfalls weitere Konsulate bewahrheiten, wäre dies für die Landesregierung absolut inakzeptabel.“

Unter anderem geht es darum, ob versucht wurde, über eigene „Lehrpläne“ den Unterricht zu manipulieren und ob möglicherweise sogar Schüler zu Spitzeleien angestiftet werden sollten. Vom Generalkonsulat in Düsseldorf, das bereits vom Schulministerium zur Klärung aufgefordert worden ist, war zunächst keine Stellungnahme zu erhalten. Ein Sprecher der GEW-Zentrale in Frankfurt/Main sagte, der Verdacht von Spitzeleien im Klassenzimmer sei „bis jetzt auf NRW beschränkt. Ähnlich lautende Informationen aus anderen Bundesländern liegen uns bisher nicht vor.“

Die Polizei habe die Staatsanwaltschaft Düsseldorf um eine Würdigung gebeten, ob Anlass für die Aufnahme von Ermittlungen besteht, berichtete Harm. Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft sagte der dpa, es sei davon auszugehen, dass Erkenntnisse auch mit dem Generalbundesanwalt abzugleichen seien. Möglicherweise gebe es einen Zusammenhang mit den jüngsten Wohnungsdurchsuchungen bei Ditib-Imamen.

Die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib) ist der bundesweite Dachverband für die Koordinierung der religiösen, sozialen und kulturellen Tätigkeiten türkisch-islamischer Moscheegemeinden in Deutschland. Der Verband untersteht der Aufsicht des staatlichen Präsidiums für Religiöse Angelegenheiten der Türkei, das dem Ministerpräsidentenamt in Ankara zugeordnet ist. (dpa)

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De Maizière will Austragung innertürkischer Konflikte in Deutschland nicht dulden

Die Bundesregierung wolle nicht, „dass die innenpolitischen Auseinandersetzungen in der Türkei wie aktuell zwischen der türkischen Regierung und der Gülen-Bewegung auf deutschem Boden ausgetragen werden“, so Bundesinnenminister Thomas de Maizière.
Die deutsche Nationalflagge mit dem türkischen Mondstern-Symbol auf einer Pro-Erdogan-Demonstration in Köln. 31. July 2016. Foto: Sascha Steinbach/Getty Images

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) hat davor gewarnt, innertürkische Konflikte auch in Deutschland auszutragen. Die Bundesregierung wolle nicht, „dass die innenpolitischen Auseinandersetzungen in der Türkei wie aktuell zwischen der türkischen Regierung und der Gülen-Bewegung auf deutschem Boden ausgetragen werden“, sagte er der „Passauer Neuen Presse“ vom Freitag. „Wir dulden hier keine Gewalt, Bespitzelung und Überwachungen.“

Natürlich herrsche in Deutschland Meinungs- und Demonstrationsfreiheit, betonte de Maizière. Man dürfe hier für und gegen den türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan demonstrieren. „Aber wir wollen keine Instrumentalisierung der innertürkischen Debatte auf unseren Straßen und Plätzen“, sagte der CDU-Politiker.

Erneut warnte de Maizière den Moscheeverband Ditib, sich von der türkischen Regierung instrumentalisieren zu lassen. Er empfehle dem Dachverband „dringend“, eine von der Türkei unabhängige Rolle zu finden und sich nicht von der politischen Einflussnahme oder Instrumentalisierung aus Ankara abhängig zu machen.

Im Zusammenhang mit Spitzelvorwürfen gegen Ditib hatte der Moscheeverband bestätigt, dass Imame des Verbands Informationen über Anhänger des in der Türkei als Staatsfeind gesuchten Predigers Fethullah Gülen nach Ankara geschickt hatten. Der Verband sprach von einem Versehen.

Ditib werden rund 900 Moscheegemeinden in Deutschland zugerechnet, die vorwiegend von Muslimen mit türkischen Wurzeln besucht werden. Die türkische Religionsbehörde Diyanet ist direkt der Regierung in Ankara unterstellt. (afp)

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Türkei wandelt Hagia Sophia in Moschee um

http://unser-mitteleuropa.com/2016/11/18/tuerkei-wandelt-hagia-sophia-in-moschee-um/

Die Hagia Sophia in Istanbul war die größte Kathedrale der christlichen Welt, bis sie von den islamischen osmanischen Türken im Jahre 1453 erobert und in eine Moschee umgewandelt wurde. Die türkische Republik machte aus der Hagia Sophia im Jahre 1935 ein Museum und die derzeitige islamistische Regierung der Türkei konvertiert sie jetzt in eine Moschee. (Bildquelle: Antoine Taveneaux / Wikimedia Commons)

Von Robert Jones

  • So scheinen die Köpfe islamischer Hegemonisten zu funktionieren: Wenn ihr wollt, dass die Kirchen Kirchen bleiben, bedeutet dies, dass ihr durch den Koran oder das islamische Gebet „gestört“ werdet und den Islam nicht respektiert oder „beleidigt“. Nach islamischen Schriften sollen diejenigen, die den Islam oder seinen Propheten Muhammad „beleidigen“, hingerichtet werden.
  • Wenn man also unter islamischer Herrschaft überleben will, muss man sich dem Islam unterwerfen und den eigenen minderwertigen Status akzeptieren. Es gibt offensichtlich keinen Platz für Vielfalt oder zivilisiertes, gleichwertiges Zusammenleben von Muslimen und Nichtmuslimen in islamischen Ländern.
  • „Ich kann mir nur einen Grund denken (um die Hagia Sophia in eine Moschee umzuwandeln): Als Schrei des islamischen Triumphismus. Was für ein Irrtum das wäre. Christen würden es mit Recht als bewusste Provokation betrachten. Die internationale Gemeinschaft würde es als offene Ablehnung ihrer Diversitätsagenda ansehen. Außerdem denke ich, dass eine relativ säkulare Türkei, die so radikal handelt, der Welt beweisen würde, dass trotz vieler gegenteiliger Versprechen moderater Muslime der zeitgenössische Islam intolerant ist in seiner Grundhaltung, kriegerisch gegen Nichtgläubige und gefährlich hegemonistisch in seinen Absichten.“ — Wesley J. Smith, Autor.
  • Der Westen hat die anatolischen Christen während des Genozids von 1914–1923 nicht geschützt. Es sieht auch nicht so aus, als ob der Westen Europa gegen die gegenwärtige blutleere muslimische Invasion schützen würde.

Weiterlesen: de.gatestoneinstitute.org/9360/hagia-sophia-moschee

Russland und Türkei wollen sich vom Dollar lösen

Die Türkei und Russland planen offenbar, sich vom Dollar als Handelswährung zu lösen. Die Länder wollen auf heimische Währungen umsteigen.

Ein Dollar-Schein. Das Ende könnte bevorstehen, denn nun wollen sich auch andere Währungen vom Dollar abwenden. (Foto: dpa)

 

Video in Englisch hier:

http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2016/08/12/russland-und-tuerkei-wollen-sich-vom-dollar-loesen/

Doch die russisch-aserbaidschanische Ökonomin Nigyar Masumova sagt, dass die Umstellung des Handels auf die heimischen Währungen ein schwieriger Prozess sei. „Das ist ein schwerer Prozess, der durch ein ernstes und starkes politisches Rückgrat gestützt werden muss (…). Die Türkei spielt beim Transport von russischen Energieträgern nach Europa eine wichtige Rolle. Auf der anderen Seite ist Russland ein wichtiger Absatzmarkt für die Türkei“, so Masumova.

Boris Pivovar von der Wirtschafts-Akademie des russischen Präsidialamts sagt: „Leider sieht es danach aus, dass Russland und die Türkei sich schwer tun werden, den Dollar als Handelswährung zu ersetzen.“ Allerdings ist davon auszugehen, dass die Wirtschaftsbeziehungen zwischen beiden Ländern nach zwei Jahren auf einen Normalstand gelangen werden.

http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/

Verlässt die Türkei die NATO?

Peter Orzechowski

Die »Säuberungsaktion« der türkischen Regierung erreicht einen geopolitisch kritischen Punkt: Ranghohe NATO-Militärs sind betroffen. Die USA sind alarmiert. Gleichzeitig bahnt sich zwischen Putin und Erdoğan eine neue Freundschaft an. Manche fürchten, Ankara werde die NATO verlassen und sich Moskau zuwenden. Aber geht das überhaupt?

Bis Freitag vergangener Woche sind laut dem türkischen Innenminister Efkan Ala 18 044 Verdächtige mit mutmaßlichen Verbindungen zur Gülen-Bewegung festgenommen worden. Gegen 9677 davon sei Haftbefehl erlassen worden. Um die Flucht von Verdächtigen ins Ausland zu verhindern, wurden nach Alas Angaben bislang 49 211 türkische Reisepässe für ungültig erklärt.

Die Verhaftungswelle erfasste alle gesellschaftlichen Bereiche: Die Manager der Boydak Holding, die im Energie- und Finanzsektor aktiv ist und die bekannten Möbelmarken İstikbal und Bellona besitzt, gehören ebenso dazu wie 1112 Mitarbeiter der türkischen Religionsbehörde, überwiegendPrediger und Koran-Lehrer.

Mehr als 57 000 Staatsbedienstete wurden ihrer Posten enthoben oder versetzt – vor allem in Militär, Polizei und Justiz, aber auch in Ministerien, Universitäten, Medien und Schulen. Mehr als 9000 Mitarbeiter des Innenministeriums wurden entlassen, die meisten aus Polizei und Gendarmerie.

Die Polizei und die Justiz waren bereits nach der Einleitung umfassender Korruptionsermittlungen gegen Politiker und Geschäftsleute aus dem Umfeld Erdoğans im Dezember 2013 zum Ziel einer umfassenden Kampagne geworden, in deren Zuge Tausende Polizisten, Staatsanwälte und Richter entlassen oder versetzt wurden.

131 Redaktionen und Verlagshäuser, darunter 45 Zeitungen, 16 Fernsehsender, 23 Radiosender, 15 Zeitschriften und drei Nachrichtenagenturen wurden geschlossen.

Der Schlag gegen die NATO-Connection

Die Säuberung macht auch vor Militärs nicht Halt, die eng mit der NATO verbandelt waren. Am Freitag entband die türkische Regierung mehrere Generäle von ihren Aufgaben bei der NATO. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur sind die zwei türkischen Mitglieder im Führungsstab des Afghanistan-Einsatzes betroffen. Zudem wurde bereits kurz nach dem Umsturzversuch der türkische Stabschef im Landstreitkräfte-Hauptquartier in Izmir festgenommen. Bei einer Razzia in der Kriegsakademie des Militärs in Istanbul habe es 40 Festnahmen gegeben.

Insgesamt wurden mehr als 7400 Soldaten und Offiziere festgenommen, darunter mindestens 125 Generäle und Admiräle. 109 von ihnen wurden in Untersuchungshaft genommen wegen des Verdachts des »Versuchs zum Umsturz der verfassungsmäßigen Ordnung« und des »Versuchs zur Ermordung« des Präsidenten. Unter ihnen ist auch der frühere Luftwaffenkommandeur Akin Öztürk, der als Anführer der Putschisten gilt.

Auch Erdoğans persönlicher Adjutant Ali Yazıcı und General Mehmet Dişli, der Bruder des Vizegeneralsekretärs der Regierungspartei AKP, Saban Dişli, wurden festgenommen. Beide bestreiten ebenso wie Öztürk jede Beteiligung. Levent Türkkan, der Adjutant von Generalstabschef Hulusi Akar, sitzt ebenfalls in Haft und gestand angeblich, zur Bewegung von Fethullah Gülen zu gehören, der laut Regierung hinter dem Umsturzversuch steckt.

Der nun erforderliche personelle Umbau im türkischen Militär erschwert aus Sicht des US-Geheimdienstdirektors James Clapper den Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS). »Viele unserer Ansprechpartner wurden aus dem Weg geräumt oder festgenommen. Es steht außer Frage, dass das unsere Kooperation mit den Türken zurückwerfen und schwieriger machen wird«, sagte Clapper bei einer Sicherheitskonferenz in Aspen auf eine entsprechende Frage.

General Joseph Votel, Oberbefehlshaber des Zentralkommandos, äußerte sich ähnlich: »Wir sind sehr stark abhängig von der Türkei, was die Stationierung unserer Ressourcen angeht«, sagte er bei derselben Konferenz. Er sei besorgt darüber, dass die Ereignisse der vergangenen zwei Wochen Auswirkungen auf die Zusammenarbeit mit der Türkei haben könnten.

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan wies die Kritik scharf zurück und warf der US-Seite vor, mit den Putschisten gemeinsame Sache zu machen. »Die ganze Welt sieht, dass wir die Demokratie schützen wollen. Aber manch einer sympathisiert mit jenen, die hinter Gittern gelandet sind«, sagte Erdoğan am Freitag in Ankaras Vorort Gölbaşı. Ein General aus einem wichtigen US-Amt spricht davon, dass Militärs, mit denen er Kontakt gehabt hat, ins Gefängnis geworfen werden. »Das juckt dich nicht, wer bist denn du eigentlich?« fragte Erdoğan empört.

Der Präsident warf dem US-General vor, die Seite der Verschwörer bezogen zu haben. »Dabei befindet er (Votel, Anm. d. Verf.) sich im Land, wo der ›Hauptverschwörer‹ (oppositioneller Prediger Fethullah Gülen – Anm. d. Verf.) lebt.«

Das Tauziehen um die Auslieferung Gülens vergiftet das Klima zwischen Ankara und Washington zunehmend. Der türkische Premier Binali Yıldırım warnte, dass Ankara im Falle einer negativen Antwort Washingtons seine Beziehungen mit den USA anders entwickeln könnte.

»Ich sage der US-Führung: Hier gibt es eine globale Gefahr. Das war ein Versuch zum Sturz der legitimen Staatsführung. Da ging es um keine Religion und keine religiösen Werte. Welche Beweise sind denn noch nötig? Falls unsere Freunde trotz all dem noch weitere Beweise verlangen werden, dann (…) werden wir sehr traurig sein und müssen möglicherweise unsere Freundschaft anders betrachten«, so Yıldırım.

Die derzeitigen Spannungen zwischen Ankara und Washington hat die türkische NATO-Basis Incirlik bereits zu spüren bekommen. Dort, wo sich auch Soldaten der Bundeswehr befinden, war nach dem Putschversuch die Stromversorgung für einige Tage unterbrochen worden. Nach dem Umsturzversuch ist es vor dem Stützpunkt zu Demonstrationen gekommen. Die Demonstranten forderten, dass sowohl die US-Streitkräfte als auch der NATO-Stützpunkt verschwinden sollen.

Eine neue Achse Damaskus-Ankara-Teheran-Moskau?

Die jüngsten Schritte der türkischen Führung könnten von Ankaras Absicht zu einer Neuausrichtung seiner außenpolitischen Prioritäten zeugen, schreibt die Zeitung Iswestija bereits am Mittwoch letzter Woche.

Das lassen unter anderem die Beantragung der Auslieferung des türkischen Oppositionellen Fethullah Gülen aus den USA und die Festnahme der zwei Piloten vermuten, die im November 2015 einen russischen Bomber Su-24 über Syrien abgeschossen hatten. Nach Einschätzung des Direktors des russischen Informations- und Analysenzentrums »Nahost-Kaukasus«, Stanislaw Tarassow, sind das Beweise dafür, dass die türkische Führung auf Distanz zu den USA geht und sich um eine Annäherung mit Russland bemüht.

»Recep Tayyip Erdoğan nutzt Gülen für eine taktische Abkühlung der Beziehungen mit den USA aus. Dadurch bemüht er sich um eine Festigung der Beziehungen mit Russland, dem Iran, Aserbaidschan und Kasachstan und erpresst offensichtlich den Westen«, vermutet Tarassow. Erdoğan hat inzwischen seinen iranischen Amtskollegen Hassan Rohani angerufen und sich bereit erklärt, mit Teheran und Moskau zusammenzuwirken.

»Wir sind heute mehr als je zuvor entschlossen, mit dem Iran und Russland Hand in Hand zu gehen und gemeinsam regionale Probleme zu lösen«, wird der türkische Staatschef von der iranischen Nachrichtenagentur IRNA zitiert. »Wir wollen unsere Bemühungen um die Wiederherstellung des Friedens und der Stabilität in der Region intensivieren.«

Erster russisch-türkischer Deal: Syrien

Der Economist berichtet, dass die aktuelle Entlassungswelle beim türkischen Militär vor allem die Anti-Assad-Milizen in Syrien geschwächt habe. Die Regierung in Ankara hat den Grenzübergang Bab al-Hawa nach dem Putschversuch am 15. Juli schließen lassen, die von Mitgliedern der Freien Syrischen Armee (FSA) genutzt wurde, um von der Türkei aus nach Syrien einzureisen. »Wir haben alles darauf gesetzt, dass das Regime fällt. Stattdessen hat sich alles verändert, außer dem Regime selbst«, zitiert das Blatt einen Sprecher der Freien Syrischen Armee (FSA). Ein Söldner sagt dem Economist: »Das Spiel ist verloren.«

Hintergrund ist eine Kehrtwende in Ankara: Präsident Erdoğan will offenbar ein Arrangement mit dem syrischen Präsidenten Assad. Der türkische Premier Binali Yıldırım sagte Mitte Juli, dass das »größte Ziel« der Türkei die Wiederherstellung von guten Beziehungen zu Syrien sei, berichtet The Middle East Eye. Yıldırım sagte: »Es ist unser größtes und unabänderliches Ziel: die Entwicklung guter Beziehungen zu Syrien und zum Irak und all unseren Nachbarn rund um das Mittelmeer und das Schwarze Meer.«
Der Journalist Faik Bulut sagt, dass sich Regierungsvertreter aus Syrien und der Türkei in den vergangenen Monaten sieben bis acht Mal getroffen hätten. »Es hat nicht nur ein oder zwei Treffen gegeben. Die türkische Regierung setzt Russland und den Iran als Vermittler ein«, zitiert das Türkische IMCTV Bulut.

Mögliche Reaktionen aus Washington

Wie würden die USA und die NATO auf einen Austritt der Türkei aus dem Bündnis reagieren? »Der Westen könnte Sanktionen verhängen und eine Anspannung der Wirtschaftslage in der Türkei auslösen oder auch auf die ›kurdische Karte‹ setzen«, sagt der bereits zitierte Stanislaw Tarassow. »Es könnte also zu einem großen geopolitischen Kampf kommen.« Der Politologe Sergej Filatow sieht noch eine andere mögliche Reaktion: Er schließt nicht aus, dass Gülen am Ende tatsächlich den türkischen Behörden übergeben wird.

»Die USA haben bereits Muammar al-Gaddafi, Saddam Hussein und Husni Mubarak aufgegeben. Da sie daran interessiert sind, dass in der Türkei das Chaos ausbricht, werden sie alles tun, um ihre Ziele zu erreichen. Gülen genießt die Unterstützung von sehr vielen Menschen. Falls sie ihn der Türkei überlassen, werden diese Menschen auf die Straße gehen und ihren Anführer verteidigen. Egal wie, aber die Amerikaner werden die Situation destabilisieren«, so der Experte.