Richard Wagner – Der Ring des Nibelungen


Jewish Vienna and Richard Wagner

Richard Wagner jmw.at

Der große deutsche Komponist Richard Wagner, dessen Werk die Zeiten überdauert, war schon zu Lebzeiten weltberühmt.

Seine sphärisch  klingende Musik war von hoher Inspiration geprägt. Woher kam diese? Nun, ich denke, aus höheren Sphären, deshalb heißt sie so, sie klingt fast übermenschlich, als wäre sie nicht von dieser Welt.
Sein Werk „Der Ring des Nibelungen“ ist oft aufgeführt worden, weltweit viele Male, die berühmtesten Dirigenten haben sich darin versucht – und allein in Bayreuth jedes Jahr auf´s Neue.
Heutzutage muß man kritisieren, daß so mancher Opernregisseur diesem großen Werk seine eigene Version aufdrückt, ohne das Original richtig zu verstehen.
Deutungsversuche gibt es gar viele. Was hat Wagner dazu hingeführt, diesen alten Stoff zu verarbeiten und uns näher zu bringen? Ein Deutungsversuch – ein Vergleich zwischen klassischer Inszenierung und Moderne – gibt uns in einem Gastbeitrag Markus Krutzfeld, dem es in erster Linie um Werktreue geht – und dem ich hiermit herzlich danke.

Markus Krutzfeld, Komponist und Interpret; klassische Gitarre, Musiklehrer

Richard Wagner: „Der Ring des Nibelungen“

Ich bin bei Weitem nicht der Einzige, der der tiefen Überzeugung ist, daß Richard Wagners Hauptwerk, „Der Ring der Nibelungen“, die größte und gewaltigste dramatische Kulturschöpfung der gesamten Menschheitsgeschichte ist.

Dieses Werk ist sowohl in dramatischer als auch in musikalischer Hinsicht mit keinem bekannten Kunstwerk vergleichbar. Noch nie hat ein Mensch ein solches Werk geschaffen, in welchem uralte philosophische Fragen auf eine solch bildhafte und emotional fesselnde Weise beantwortet, zwischenmenschliche Konflikte beschrieben und allgemeine Weisheiten ausgesprochen werden. Der „Ring des Nibelungen“ übt seit seiner Entstehung eine enorme Sogkraft und nachhaltige Wirkung auf das Publikum aus, welche unter anderem dadurch entsteht, daß dem Publikum die Inhalte und Botschaften nicht einfach auf einer rein intellektuellen Ebene mitgeteilt werden. Im „Ring“ wird der Inhalt der Szene und das gesungene Wort in einzigartiger Weise mit der emotionalen Kraft der Musik verwoben, wodurch immer wieder ein tiefes emotionales Erkenntniserlebnis bewirkt wird.

[Siegfried]

Gegen den Speer im Rücken ist keiner gefeit“ (Josef Weinheber) geocities.ws

Der „Ring“ steckt voller tiefer philosophischer Wahrheiten, die sich aber nicht plakativ aufdrängen, sondern die man entdecken muss. Erst wenn man dieses Werk in seinem Facettenreichtum verstanden hat, ist das Erlebnis ein ungleich erkenntnisreicheres und emotional viel tiefergehendes, als wenn man es einfach nur – ohne es vorher zu kennen – ganz unbedarft erlebt, wobei auch dies schon ein Hochgenuss ist.

Eine herausragende Besonderheit des „Rings“ ist die, daß die Idee, der Text und die Musik aus einer einzigen Feder stammen. Das große Ganze ist in einem Kopf herangereift, die Musik muss nicht einem aus fremder Feder stammenden Libretto folgen, der Komponist muss mit seiner Musik nicht etwas kommentieren, was nicht aus seinem eigenen Inneren, aus einer Erfahrung, aus seinem eigenen Erleben, aus seiner eigenen Gefühlswelt stammt. Ganz abgesehen von der damit zusammenhängenden intellektuellen und schöpferischen Leistung Wagners, die übrigens selten genug wiederholt wurde, konnte er auf diese Weise seine gesamten Lebenserkenntnisse und sein musikalisches Genie voll zum Ausdruck bringen, ohne irgendwelche Kompromisse gemacht haben zu müssen. Dies ist einer der Gründe für die makellos geschlossene Form, den beispiellos tiefen Inhalt und damit die überwältigende Wirkung dieses Werkes.

[Not]

„daz ist der nibelunge nôt“ (Konrad von Würzburg)  geocities.ws

Eine weitere Besonderheit des Werkes ist der Stoff. Wagner bedient sich der alten germanischen Mythen und man fragt sich gelegentlich noch heute, warum er das tat. Etwa, weil er ein strammer Deutscher oder ein den alten Göttern huldigender Germane war? Nun, so einfach war Wagner nun wahrlich nicht gestrickt.

Die Fragen nach den inneren Beweggründen und Antrieben des Menschen, nach der Sinnhaftigkeit des irdischen Daseins, nach der Bedeutung seines Wirkens und Werdens auf dieser Welt und seine Bedeutung als Teil der Natur sind so uralt, daß es nicht möglich gewesen wäre, profane, heute moderne, morgen aber schon wieder unmoderne, überholte – kurz: Oberflächliche – Stoffe oder Figuren im Werk wirken zu lassen. Wagner hat von den sowieso schon uralten Mythen und Sagen die allerältesten verfügbaren herangezogen (und sie im Sinne seiner Botschaften freilich stark verändert), weil sie im Bewusstsein der Menschen, des Publikums, schon zu nachgerade ewigen Mythen geworden waren. Sie haben all die Zeiten überdauert, waren nie ganz vergessen. Indem er die ewigen Daseinsfragen und inneren Konflikte des Menschen von den ewigen Figuren der ewigen Mythen erzählen lässt, wird der „Ring“ selbst zum ewigen, also zeitlosen, und damit ewig aktuellen Werk. Und das gilt eben auch für alle Zukunft, solange jedenfalls Menschen in ihrem Wesen das bleiben, was sie seit 5000 Jahren sind.
Daß diese Stoffauswahl stimmig und richtig war, wird dadurch bewiesen, daß das Publikum zu allen Zeiten so fasziniert und ergriffen ist vom „Ring“ – selbst dann, wenn er nicht immer vollständig verstanden wird.

Staatstheater Dessau – Heute Anhaltisches Theater http://www.anhaltisches-theater.de/

Heutige Regisseure versuchen freilich andauernd, diese Stimmigkeit dadurch zu zerstören, daß sie alles Mögliche an Absurdem und Groteskem auf die Bühne bringen, nur nicht die Figuren und die Bühnenbildanweisungen des Originals. Das hat nicht nur damit zu tun, daß das heutige Regietheater das Werk als komplexes Ganzes nicht im Ansatz versteht und sich dazu auch keine Mühe gibt, sondern auch damit, daß es unter keinen Umständen dem Publikum verständlich gemacht werden soll. Denn die heutige weltweite Kunstszene wird angeführt von philosophisch und künstlerisch beispiellos unterbelichteten Kräften, die merkwürdigerweise unter allen Umständen tiefe Erkenntnisse und Reife des Publikums zu vermeiden versuchen, wie die weltweite Aufführungspraxis der Wagner-Werke unbestreitbar belegt. Es ist eben nicht richtig, wenn der „Schriftsteller“ Friedrich Dieckmann behauptet, es sei wichtig, daß die Szene der Musik und die Musik der Szene widerspricht und daß der „Ring“ immer zeitgemäß (er meint „modern“) inszeniert werden muss, weil er sonst nicht „funktioniert“.

Für das Verständnis eines Werkes ist das eben grundfalsch (Hollywood hat das – jedenfalls für die dort produzierten platten Massenmachwerke – natürlich längst verstanden), noch dazu, wenn es sich wie beim „Ring“ um ein an sich schon nicht gerade leicht zu verstehendes Werk handelt, dessen Botschaften nicht auf dem Silbertablett präsentiert werden. Es ist unabdingbar, daß sich die Szene von selbst erklärt, daß alle Bestandteile des Bühnenwerkes miteinander korrespondieren: Text, Musik, Bühnenbild, Requisite, Kostüm. Erst dann kann der Inhalt des Werks verstanden werden, der ja viel tiefer liegt, als die bloße erzählte und bildlich dargestellte Geschichte.

Wagners „Der Ring des Nibelungen“ – Bühnenbild der Uraufführung in Bayreuth 1876 baar-eifel.de

Wenn aber das Bühnenbild verhunzt oder das Werk in irgendwelche obszöne oder Alltagsszenarien verfrachtet wird, wird der Zuschauer aus der erzählerischen Einheit des Ganzen heraus gerissen und zum Nachdenken darüber gezwungen, „was uns der Künstler eigentlich damit sagen will“. Mit „Künstler“ ist hier natürlich der aufmerksamkeitsgeile und skandalsüchtige Regisseur gemeint, doch manch unbedarfter Zuschauer hält die Ergüsse geistiger Unterbelichtungen auf der Bühne vielleicht tatsächlich für Wagners Ideen.

Natürlich verpackt Wagner uns seine Philosophie in eine Geschichte und lässt diese von fantastischen Figuren in sagen- und märchenhaften Bildern erzählen. Geniale Künstler machen das eben so und sie werden auch immer verstanden. Es ist ja wohl keineswegs eine übertriebene Forderung an die Institution Theater, die sich ja immer auch als Bildungseinrichtung versteht, daß das Gesamtbild einer Inszenierung stimmig sein muss. Und als kastrierte Männer mit blutigen Windeln gekleidete Walküren sind eben nicht stimmig. So etwas ist grotesk und zerstört dem Zuschauer den Genuss des Werks. Und da Regisseure ihr Publikum normalerweise kennen, unterstelle ich ihnen hier volle Absicht.

 Szene aus der „Götterdämmerung“: Allison Oakes (Gutrune) und Attila Jun (Hagen). Beim Publikum fiel die Inszenierung durch

Beyreuth 2014. Der „Ring“ in der Regie von Frank Castorf – sueddeutsche.de  Beim Publikulm ist diese Aufführung durchgefallen

Bildquelle: http://www.br.de/

Die wichtigste und größte Besonderheit des „Rings“ ist der Einsatz einer weiteren Kommunikationsebene neben der der Szene, dem gesungenen Wort und der Musik. Es ist das Motiv, von Wagner „Erinnerungsmotiv“, später „Leitmotiv“ genannt. Das Motiv ist ein kurzes musikalisches Gebilde, das ein bestimmtes Ding, einen Sachverhalt, ein Gefühl musikalisch-emotional beschreibt und charakterisiert. Seine Funktion liegt darin, die Handlung zu kommentieren, zu erklären und ihre Wirkung auf uns inhaltlich zu verstärken. Das Motiv ist hier nicht zu verwechseln mit der Musik selbst, auch wenn dieses im Orchester mitgeteilt wird: die eigentliche Musik wird immer geführt vom gesungenen Wort, also von der Melodie. Die Melodie ist ein eigenständiges Gebilde, genauso wie das sie kommentierende, begleitende oder ihr widersprechende Motiv. Aus musikalischer, musiktheoretischer und harmonischer Sicht ergibt das Zusammenwirken von Melodie und Motiv im „Ring“ ein faszinierendes, bisher nicht gekanntes, dramatisches Ganzes, ein völlig neues Hör- und Erkenntniserlebnis.

Szenenfoto aus "Die Nibelungen", Fritz Lang

Die Nibelungen von Fritz Lang Bildquelle: hinter-den-schlagzeilen.de

Wagner fügt jeder wichtigen Person, jedem Gegenstand, jeder Begebenheit, jedem Zustand, jedem Gefühl und jeder Ahnung, jeder Beziehung und jeder Stimmungslage, jeder Wahrheit und jeder Lüge ein musikalisches Motiv bei. Diese Motive haben nicht nur jeweils einen Begriff, sondern damit auch eine Bedeutung, die der jeweiligen Szene entspricht, sie kommentiert, sie aber auch als Lüge entlarven kann. Diese Motive sind es, vorausgesetzt, der Zuschauer ist mit ihnen einigermaßen vertraut, die das Werk so unvergleichlich inhaltsschwer und emotional ergreifend machen.
Diese Kommunikationsebene erweitert das Werk um nicht weniger als eine neue Dimension. Es ist erstaunlich, wie die Motive die Szenen erklären und sie kommentieren, wobei der Grundsatz gilt, daß das Motiv im Orchester immer die Wahrheit sagt. Wenn also handelnde Personen in der Szene etwas sagen, hat das Motiv die Macht, sie gelegentlich der Lüge zu überführen. „Der Ring des Nibelungen“ ist in seiner Gesamtheit tatsächlich nur dann ganz zu verstehen, wenn man die Motive und ihre Bedeutung kennt. Am Schluss der „Götterdämmerung“ sind es die musikalischen Motive, die uns die Bedeutung des ganzen Werkes offenbaren, während das letzte gesungene Wort längst verklungen ist.

Der Ring des Nibelungen, Bühnenbild für Götterdämmerung

Der Ring des Nibelungen, Bühnenbild für Götterdämmerung

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Die nächste Besonderheit im „Ring“ ist die verwendete Sprachform, der Stabreim. Wagner wurde dafür lange belächelt, aber inzwischen verkriechen sich die Lästerer und Kritikerschamvoll schweigend in ihre Ecken. Die gesamte altgermanische Versdichtung verwendete den Stabreim, weshalb er schon deshalb die geeignetste Sprachform für diesen Stoff und für dieses Werk ist. Darüber hinaus klingt die Sprache ewiger Erhabenheit und Würde undWagner beweist im Umgang mit dem Stabreim sein großes sprachliches Genie, indem er die Aussagen mithilfe des Stabreims immer knapp formuliert und die Inhalte damit enorm verdichtet.

„Wälse, Wälse!
Wo ist das Schwert, das starke Schwert,
daß im Sturm ich schwänge?“

Kann man es schöner sagen? Oder knapper? Oder etwa im rhythmischen Korsett des Endreims? Die dem Endreim anhaftende Metrik, sein ihm innewohnendes Erzwingen eines bestimmten Rhythmusses hätte die Komposition musikalisch eingeengt und zusätzlich erschwert, da der Rhythmus von der Musik im Orchester vorgegeben werden muss. Dies ist deshalb so, weil die unterschiedlichen, musikalischen Motive jeweils einen eigenen Rhythmus haben und weil wegen der oft gleichzeitigen Verflechtung mehrerer Motive miteinander bei der Komposition nicht immer Rücksicht auf den Rhythmus des Textes genommen werden konnte. Der Stabreim bot hier die notwendige rhythmische Freiheit.

Eine weitere herausragende Besonderheit des Werks ist die Befreiung von allen bis dahin für die Oper und für die Bühne allgemein gültigen und in Stein gemeißelten, sie aber damit maßlos einengenden Regeln. Warum klingt „Der Ring des Nibelungen“ nach Ewigkeit, geistiger Tiefe und Wahrheit? Weil Wagner alles, was zu seiner Zeit in Mode war, hinter sich gelassen und überwunden hat: den klassischen Tonsatz, die klassische Instrumentierung, den damals gebräuchlichen Aufbau der klassischen Oper mit Arie und Rezitativ, das klassische Opernhaus mit gepolsterter Bestuhlung und sichtbarem Orchester, all das hat er in revolutionärer Weise zu Gunsten seines dramatischen Gesamtkunstwerkes überwunden.Diese Moden und Marotten mussten überwunden, die Schlacke der Klassik entfernt werden, damit dieses Neue, Ewige, überhaupt erst entstehen konnte.1)

Die meisten, auch die frühen Werke Wagners, ausgenommen vielleicht „Die Feen“, können als seine innere Befreiungsarbeit gegen das verstanden werden, was dramatische Kunst zu Wagners Zeit in die klassische Form der Oper zwang und damit gegen alles, was das ihm vorschwebende Ideal des dramatisches Gesamtkunstwerk einengen musste.

Wagner hat die Entwicklung einzelner Instrumente, wie die der Wagnertuba, vorangetrieben, um das ihm vorschwebende Klangideal des Orchesters, in die Praxis umzusetzen. Im „Ring des Nibelungen“ klingt nichts mehr nach klassischer oder romantischer Musik. Alles im Werk atmet den Hauch ewiger Gültigkeit. Das ist übrigens offensichtlich der Grund, warum sowohl die Anhänger als auch die Kritiker, während sie mit ihren Schriften inzwischen ganze Bibliotheken füllen, bis heute nicht mit diesem Werk innerlich abschließen können: es ist ihnen allen zu groß.

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Die Wagnertuba Bild: favorite-classical-composers.com

Jede handelnde Figur im „Ring des Nibelungen“, sei sie auch noch so „uáerlich fantastisch, märchenhaft oder sonst wie „üblich nichtmenschlich, hat ganz eigene, aber eben immer menschliche Züge und ist durchdrungen von einem eigenen Willen. Im Kern ist jede Figur zutiefst egoistisch und handelt auch demgemäß. Diese realistische und natürliche Charaktergebung der Figuren und die für uns so deutliche Nachvollziehbarkeit ihrer Handlungen zeichnet ein so plastisches Bild von uns selbst, daß es einen erschrickt und gleichzeitig im Angesicht ihrer Wahrhaftigkeit bannt und fasziniert. Wagner redet von Göttern, Zwergen, Naturwesen, Helden und Heldinnen, meint aber Menschen mit ihrem eigenen egoistischen Willen. Er hat die Welt und die Natur verstanden und er fährt uns das erste Naturgesetz allen Lebens vor: ohne Egoismus ist das Überleben in der Natur auf diesem Planeten nicht möglich!

Wagners Helden sind im übrigen nicht wahre Helden, wie sie der von ihm so hochgeschätzte Schopenhauer beschreibt; der ja den Helden, welcher immer nur für die anderen ein Held ist, da er sich für sie aufopfert, dem vernünftigen Menschen, der immer vernünftig-egoistisch handelt, gegenüberstellt. Wagner läßt auch die Heldin Brünnhilde nicht ganz selbstlos den Ring vernichten, nein, das tut sie eigentlich mehr oder weniger im Vorbeigehen, höchstens noch, um eine ihrem Vater gegenüber tief empfundene Schuld abzutragen, obwohl sie gleichzeitig fühlt, dass der von ihr, angesichts der von ihm angerichteten Misere, nichts erwarten darf. Aber eigentlich will sie sich ganz eigennützig im Liebestod wieder mit Siegfried vereinen.

Wotan bringt sich am Ende ebenfalls selbst um, genauer gesagt, verlässt er diese Welt 2), und zwar, um die zukünftige Welt von sich zu befreien. Dass diese Tat, die auf den ersten Blick so selbstlos anmutet, aber tats„chlich eine wirklich heldenhafte ist, darf bezweifelt werden angesichts der ebenfalls von Schopenhauer geäußerten und Wagner natürlich bekannten These, dass Menschen, die sich selbst töten, das nicht tun, weil sie nicht mehr leben wollen, sondern weil sie nicht mehr so leben wollen, wie sie in der Phase ihrer völligen Resignation, also kurz vor ihrer Selbsttötung, gezwungen sind zu leben. Der Wille zum Leben ist ein Naturprinzip und er lässt sich nicht auslöschen oder freiwillig aufgeben. Für Wotan würde das bedeuten, dass er nicht mehr so leben konnte, wie er es gewohnt war: als erster Gott, machtvoll und unbeschränkt herrschend. Und weil er das nicht konnte, wollte er nicht mehr weiterleben, wie er jetzt zu leben gezwungen war: mit zerbrochenem Speer, machtlos und überflüssig. Er verlässt die Welt aber auch in dem Gefühl, dass sie in Ordnung ist, auch wenn er nun in ihr fehlt.

Wotan – varunaholzapfel.de

Es mussten fast 140 Jahre vergehen, bis es überhaupt bewerkstelligt werden konnte, die Handlung und ihren Inhalt vollständig zu entschlüsseln. Dies gelang, wie sollte es anders sein, einem Musiker, der ursprünglich Philosophie studieren wollte und der dieser trotz der Entscheidung für die Musik immer treu geblieben ist. Und es ist ein Deutscher, und damit jemand, der naturgemäß die Sprache im Werk wirklich verstehen kann. Es war der Pianist, Musikwissenschaftler und der nicht nur von den „Wagnerianern“ hochgeschätzte Wagnerexperte Stefan Mickisch, der erstmals alle Motive im „Ring“ ausanalysiert hat. Das ist auch vorher schon versucht worden: bislang dachte man, es gäbe im Werk etwa 100 bis 120 Motive.

Stefan Mikisch – Bildquelle: seenandheard-international.com

Mickisch fand aber im Laufe seiner jahrzehntelangen Forschungsarbeit 261 Motive heraus und gab ihnen ihre jeweilige Bedeutung und ihren Begriff, wobei er glücklicherweise auch den Mut besaß, Fehlinterpretationen seiner Vorgänger zu korrigieren. Hier kann ich mir die Anmerkung nicht verkneifen, dass es eigentlich nicht zu ermessen ist, welch ungeheures Genie Richard Wagner war, indem er dieses Werk ja schuf, während sich noch Generationen nach ihm an der bloßen Analyse die Zähne ausbeißen mussten, bis endlich die glückliche Fügung eintrat, dass dieser unerhört begabte Musiker und Philosoph Stefan Mickisch es endlich bezwungen hat und uns nun seine Bedeutung in aller Klarheit offenbaren konnte.

Ohne die Arbeit Mickischs wäre die Handlung bis heute nicht vollständig darstellbar, wie man an den zahllosen meist vollständig misslungenen „Ring“-Interpretationen der letzten Jahrzehnte sehen kann. Der „Ring des Nibelungen“: ein musikalischer Genuss, eine philosophische Offenbarung, eine geistige Herausforderung – ein MUSS für jeden Kulturmenschen.

Yggdrasil

Yggdrassil – die Weltenesche norwegenservice.net

1) übrigens ist auch der Konservatismus in der gesamten Morphologie einer Hochkultur eine vorübergehende Modeerscheinung, die immer erst dann in Erscheinung tritt, wenn nichts mehr vom Alten zu retten ist, eine Marotte, die dem geistig Ewigen nichts entgegenzusetzen hat, außer seine von der Realität überholten Inhalte, seine längst nicht mehr verstandenem Riten und Kostüme. Man muss sie sogar aufschreiben und öffentlich zelebrieren, weil sie längst nicht mehr aus sich selbst heraus lebendig sind.

2) Der verbreitete Irrtum, Brünnhilde würde Walhall anzünden, entsteht, weil immer nur berücksichtigt wird, dass Brünnhilde am Schluss „den Brand nach Walhall wirft“. Was nicht beachtet wird, ist das, was die Nornen dreieinhalb Stunden vorher gesagt haben: Wotan stößt den zerbrochenen Speer in Loges Brust und entzündet dann mit der so entstandenen Fackel die Scheite der Weltesche.

Das brennende Walhall – https://de.wikipedia.org