»Wie eine absurde Ideologie unseren Alltag erobern will« − Gender GAGA von Birgit Kelle

Janne Jörg Kipp

»Gender Mainstreaming« hat in Deutschland alle wichtigen Bereiche erobert. Kirchen, Universitäten, Behörden, die Politik und auch die Medien nehmen sich der verordneten Umerziehung mit einer atemberaubenden Vehemenz an. »Gender Mainstreaming« steht dafür, dass es neben dem biologischen Geschlecht, also Mann und Frau, auch ein soziales gäbe, ein anerzogenes Rollenverhalten, das schädlich sei. Diese Sichtweise soll sich mit dem Programm des »Gender Mainstreamings« überall zeigen und die Verhältnisse auf den Kopf stellen.

Birgit Kelle bringt in ihrem neuen Buch Gender GAGA die Auswüchse dieser Bevormundung in bewundernswerter Weise auf den Punkt: »eine große Satireshow« kündigt Sie für die 188 Seiten ihres Werkes an. Vorweg: Sie hat Wort gehalten. Neben dem beklemmenden Gefühl, die nächste Stufe staatlicher und gesellschaftlicher Bevormundung zu erleben, stellt sich beim Leser unvermeidlich regelrecht Heiterkeit ein. Der Irrsinn greift um sich.

Dabei hat die neue Ideologie durchaus einen ernsten Hintergrund, der vor allem wirtschaftlicher Natur ist. So beschreibt die Autorin eine »ganze Gender-Industrie mit Tausenden Beschäftigten«, die heute mit diversen Lehrstühlen lebt, in Instituten und als »Beauftragte«. Traurig, aber wahr, wie auch offizielle Statistiken belegen. Deren Aufgabe besteht vor allem darin, über die Sprache und diverse Sprachvorschriften Zugang zum Gehirn zu bekommen – so jedenfalls die offizielle Lesart der Genderforschung. Birgit Kelle erinnert daran, dass dies noch die schlimmsten Befürchtungen bei Weitem übertrifft, die George Orwell in 1984 literarisch verarbeitet hatte. Sein damaliger »Neusprech« kannte die Genderisierung noch nicht, prophezeite indes, wie weit die politische Umerziehung reichen könnte.

»Gender Mainstreaming« bemächtigt sich jedoch nicht nur der Sprache, sondern macht sich auf die Suche nach »genderunsensiblen Strukturen«, wie die Autorin augenzwinkernd anmerkt – und wird schlicht überall fündig. So sorgte das Berliner Ampelmännchen für Furore, da es zunächst zum Weibchen mutieren sollte, das dann allerdings auch wegen einer zu mädchenhaften Darstellung abgelehnt wurde. Wer möchte, kann in Berlin inzwischen auch sogenannte Unisextoiletten aufsuchen. Die sind geschlechtsneutral. Dabei wissen nur etwa maximal 0,1 Prozent aller Bürger in Deutschland nicht, ob sie sich eher als Mann oder Frau fühlen sollten.

Kurz: Birgit Kelle bereitet uns auf Auswüchse vor, die deutlich machen, um was es tatsächlich geht: »Kompatibel als Ersatzreligion«. In einem amüsanten Ritt durch unübersichtliches Gelände nimmt uns die Autorin deshalb mit und zeigt halb augenzwinkernd, halb anklagend, wie weit es schon gekommen ist.

Diese klaren Worte sind es, die jedes einzelne Kapitel wieder einordnen. Ob es um die »Einstiegsdroge Pink« geht oder einen »Puff für alle im Lehrplan« oder gar »gendergerechten Geschlechtsverkehr« − zahlreiche Beispiele für den schleichenden und inzwischen exzessiven Übergriff in unser aller Privatleben sind auf der einen Seite höchst amüsant. Birgit Kelle bezieht dann jedoch wieder eindeutig Stellung. Und so bereitet die Lektüre ganz besondere Freude. Abendliche Unterhaltung und ein ernsthafter, nachdenklicher politischer Beitrag. Denn die Autorin beschränkt sich nicht darauf, alles »schlecht zu machen«, sondern fragt einfach nach, warum wir spezielle Förderprogramme nicht einfach Frauenförderung nennen. Dabei geht es aber um das biologische Geschlecht. Förderbedarf gibt es hier sicherlich genug. Dies aber geht den Eiferern ganz offensichtlich nicht weit genug. In dieser Forschungsrichtung geht es sogar um neue, angeblich freie Wege zur eigenen Sexualität.

Birgit Kelle zitiert dazu Sigmund Freud: »Der Verlust des Schamgefühls ist das erste Anzeichen von Schwachsinn«. Womit sich auch der Kreis um viele der oberflächlich betrachtet amüsanten Auswüchse des Gender GAGA schließt.

Die 188 Seiten dieses Buches habe ich in einem Zug verschlungen. Wie der Autorin, so läuft es auch mir »kalt den Rücken runter«, wenn frühe Szenarien wie bei George Orwell oder Aldous Huxleys Schöne neue Welt, die wir alle gelesen haben werden, wahr werden. Möge das Buch den Weg in jeden Haushalt finden.

Sprachliche Untiefen

Die naive Sicht der Genderbefürworter geht davon aus, dass die wesentlichen Verhaltenseigenschaften durch eine gesellschaftliche Hackordnung immer wieder neu erlernt werden. Das Unglück, beschreibt Kelle, fängt bereits im Kreißsaal an. »Es ist ein Mädchen!«, könnte sich bereits als entscheidender Fehler auf dem Weg zum gleichberechtigten Menschen erweisen.

Über Studenten, die Studierende werden sollen, seltsame Titel für Leipziger Professoren, die in Dokumenten nur noch als Professorinnen betitelt werden oder die überfällige Umwidmung der Dax-Vorstände in Vorständinnen – Birgit Kelle hat ein mächtiges Repertoire an wahren Geschichten und Vorschlägen. Die Tränen in den Augen des Lesers könnten vom Weinen wie vom Lachen stammen.

Eine beruhigende Nachricht gibt es zudem von der Verkehrsfront. Ausgerechnet der frühere CSU-Verkehrsminister Peter Ramsauer erwies sich als Vorkämpfer der Genderbewegung: Dafür findet sich im Buch der Hinweis auf die »Straßenverkehrsordnung vom 1. April 2013«. Sie ist der »Erfordernis der sprachlichen Gleichbehandlung von Mann und Frau« angepasst. Wussten Sie, dass Sie nicht mehr Fußgänger sind, sondern der Gruppe der »Zu Fuß Gehenden« angehören? Falls Sie dies verpasst haben sollten, wären Sie keinesfalls allein. Selbst Bundespräsident Gauck musste sich trotz seiner bedachten Worte nicht nur beleidigen lassen, sondern wurde auch dem Spiegel gemeldet.

Was hatte er getan? Im Lande, so stellte er fest, herrsche eine Art von »Tugendfuror« beim Thema Mann und Frau. Was daran zu beanstanden ist, erfahren Sie natürlich bei Frau Kelle. Doch der Korrektheitswahnsinn geht natürlich noch weiter. Viele von uns würden sich wundern, wo sie säßen, wenn alles unter Strafe gestellt wird.