
Gegen die Zerstörung unserer Glücksfähigkeit in der frühen Kindheit
Jean Liedloff
US-amerikanische Autorin und Psychotherapeutin, 1926-2011. Jean Liedloff stammt aus New York, hat das Drew Seminary for Young Women abgeschlossen und ging dann zur Cornell University, begann aber zu reisen, bevor sie einen Abschluss gemacht hatte. Nach fünf Expeditionen zum indigenen Volk der Yequana in Venezuela schrieb sie ihre Beobachtungen auf in dem Buch Auf der Suche nach dem verlorenen Glück – Gegen die Zerstörung unserer Glücksfähigkeit in der frühen Kindheit (Originaltitel: The Continuum Concept). Sie war Mitbegründerin der Zeitschrift The Ecologist. Zeitweise lebte sie in London als Publizistin. Sie schrieb unter anderem für die Sunday Times. Jean Liedloff war nicht verheiratet und hatte keine Kinder.
Vorwort
von Rainer Taëni
Es gibt Bücher, denen man den Explosivstoff, den sie enthalten, auch nach einigem Durchblättern und Überfliegen nicht ansieht. Liedloffs „Auf der Suche nach dem verlorenen Glück“ gibt sich, oberflächlich betrachtet, wie ein Buch über indianische Lebensweise, oder vielleicht auch wie einer der üblichen praktischen Ratgeber zum Thema Kinderaufzucht, der Eltern berät, wie sie bei ihren Kindern dieses oder jenes verbessern oder verhindern können. Es ist jedoch weit mehr als das – wie viel mehr, wird erst dem aufmerksamen Leser, vielleicht gar erst beim zweiten Durchlesen, vollständig deutlich.
Ich selbst habe mich jahrelang mit der Erforschung des Phänomens der latenten Angst befaßt, seit ich eines Tages erkannte, wie so gut wie jeder von uns sein Lebtag eine Bürde von versteckter, ihm selbst zumeist unbewußter Angst, die mit körperlicher Verklemmung und mangelndem Selbstvertrauen gekoppelt ist, mit sich herumschleppt. Und je mehr ich dem nachforschte, umso deutlicher wurde mir, daß in der Tat auch unsere gesellschaftlichen Strukturen auf zerstörerische Weise von diesem Phänomen mitgeprägt sind. Die beunruhigende Frage, die sich in diesem Zusammenhang aufdrängt, ist, ob angesichts dieser Tatsache noch Hoffnung für die Menschheit bestehen kann – und worin.
Dieses Buch liefert Hoffnung. Es zeigt zunächst den Grund der latenten Angst überzeugend auf, indem es die These vertritt, daß das Wesen des Menschen selbst von uns – auch von den Autoritäten der Wissenschaft – nicht mehr verstanden und daher auch in der Säuglings- und Kinderaufzucht nicht ausreichend berücksichtigt wird. Sein eigentliches Thema ist das menschliche „Kontinuum“ – und was ein Leben im Einklang damit bedeuten müßte. Gemeint ist mit dem Begriff die uns angeborene, kontinuierliche Folge von triebenergetisch motivierten Erwartungen, die erfüllt werden müssen, ehe der Organismus sich unbeeinträchtigt auf seine nächste (evolutionär festgelegte) Entwicklungsstufe begeben kann. Werden sie es nicht – und dies beginnt mit dem ersten Aternzug des Neugeborenen –, so ist das schließliche Ergebnis ein Leben in Unzufriedenheit, Vertrauensmangel, Liebesunfähigkeit und verdrängter Angst: die fatale Art von Verklemmung, an der wir „Zivilisierten“ durchweg leiden.
Vielen Dank für diesen Lesetip! Ich habe den ganzen Text auf langelieder gelesen, mich dann auf die Suche nach diesem Buch gemacht und es in der örtlichen Landesbibliothek gefunden. Heute habe ich im Wurzelwerk einer großen und sehr alten Eiche das Vorwort und das erste Kapitel gelesen. Ich empfinde es als große Wohltat, es entspricht sehr meinen eigenen Erkenntnissen und „kulturpädagogischen“Forschungen.
Lieben Dank von ganzem Herzen …
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Sehr gerne geschehen. Ich habe das Buch in den 90ern gelesen und vieles davon niemals vergessen, so beeindruckt war ich davon. Ich habe mich daran erinnert und diese gute Netzseite gefunden. Das und wollte ich meinen Lesern nicht vorenthalten.
Und ich danke Dir von Herzen für Deinen Kommentar. R.
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