Kriminelle Propaganda

In einem ARD-„Tatort“ wird WikiLeaks diffamiert.

Kriminelle Propaganda

Wie kann eine Krimiserie für den Neoliberalismus und gegen WikiLeaks trommeln? Der französische Soziologe Luc Boltanski thematisierte nicht ohne Grund den Krimi als ideologisches Konstrukt des bürgerlichen Nationalstaats.

Ein Schuss, ein Schrei und „Alles Weitere nach der Obduktion“, so gehen TV-Kommissare allabendlich auf Mörderjagd. Eine wahre Institution im deutschsprachigen Fernsehen ist die „Tatort“-Reihe am Sonntag nach der Tagesschau. Deren letzte Folge „Elefant im Raum“ war unfreiwillig selbstentlarvend, fast komisch. Thema waren unabhängige Politblogs, mit Verweis auf WikiLeaks. Die Darstellung war tendenziös und sollte die Zuschauer offensichtlich gegen Politblogs einnehmen: Der Chef des fiktiven Blogs „Veritas“ (Wahrheit) wird als pomadig, sensationslüstern und arrogant inszeniert. Rücksichtslos publiziert er alles, was ihm im Netz anonym zugespielt wird, ist frech zum Kommissar und beruft sich lauthals auf die Pressefreiheit, wenn ihm der wackere Polizist Ohrfeigen und Kinnhaken verpasst.

Aus Sicht des Krimis geschieht Polizeigewalt gegen Journalisten meist völlig zu Recht, denn bei Mordermittlungen muss ja alles erlaubt sein. Der Kommissar bleibt der Held und wenn er mal wegen Kompetenzüberschreitung vom Dienst suspendiert wird, leidet der Krimifan mit ihm.

Kämpft der Kommissar nicht gegen das Böse und für uns alle? Aber sicher doch. Dabei wurden jetzt sogar die feuchtesten Träume der korrupten Machtelite wahr, wenn in der Filmhandlung ein kritischer Enthüllungsjournalist, der just miese Rüstungsgeschäfte aufdecken wollte, vorher von einem aufgehetzten Paranoiden attackiert wird. Vom wem aufgehetzt? Von einem kritischen Politblog. Genau wie im „richtigen“ Mainstream-Medienleben blieben im Krimi die nebenbei enthüllten Finanzschiebereien in karibischen Steuerparadiesen nahezu folgenlos.

Wo unsere Medienelite mit ihren famosen „Recherche-Netzwerken“ in Panama-Papers und Co elitäre Schweinereien aufdeckt, bleibt nachhaltige Kritik an den Herrschenden aus: Täglich grüßt bei ARD und Bertelsmann das Murmeltier der Migrationsgefahr die skandalöse AfD. Täglich jagt man dort der immer größer werdenden rechten Hälfte der Bevölkerung Angst vor den Fremden ein, der schrumpfenden „besseren“ Hälfte Angst vor der AfD, also vor den „Populisten“. Und die Populisten, das bleibt dabei kaum je unerwähnt, lauern immer an beiden Extremen, rechts wie links. Besonders lauert die Gefahr links, wo linksextreme Populisten eine gerechte Reichtumsverteilung fordern.

Die grundlegenden Strukturprobleme von Macht und Finanzwelt, von ausbeuterischer Reichtumsanhäufung und prekärer Verelendung, werden so systematisch ausgeblendet und auf einzelne Skandale, am besten fern in Panama, reduziert. Würden unsere Medien eine Kampagne gegen Steueroasen so hartnäckig führen wie jene gegen Julian Assange und WikiLeaks, sie wären längst trocken gelegt und das Schattenbank-Unwesen reguliert. In der Schweiz ärgerte die Geldelite sich ja besonders über WikiLeaks-Enthüllungen zur mächtigen Traditionsbank Julius Bär.

Neoliberalismus-Propaganda im Sonntagskrimi

Die konservative Sichtweise des Tatort-Drehbuchs basiert vermutlich auch auf einer unbewussten (?) ideologischen Parteinahme für den Neoliberalismus. Hätten die Drehbuch-Autoren nur gelesen, was der französische Soziologe Luc Boltanski in seinem inspirierenden Werk „Rätsel und Komplotte: Kriminalliteratur, Paranoia, moderne Gesellschaft“ (1) geschrieben hat. Der Krimi als Literaturformat entstand laut Boltanski mit dem Niedergang von Kirche und Adel, mit dem Aufstieg der bürgerlichen Nationalstaaten. Der Krimi ist heute ein wichtiges Ritual zur Feier einer neuen Religion des Nationalstaats: Der „Tatort“ als Ersatz für das Abendgebet. Der Staat, nicht mehr König und Kirche, sorgt heute für den Sinnzusammenhalt der Realität.

Bitte hier weiter lesen:

https://www.rubikon.news/artikel/kriminelle-propaganda

2 Kommentare zu “Kriminelle Propaganda

  1. Pingback: Kriminelle Propaganda — Gegen den Strom | haluise

  2. Da ich mir die Tatort-Reihe schon seit einigen Jahren nicht mehr ansehe, kann ich mir also diesbezüglich jetzt kein Urteil erlauben. Allerdings erhalte ich immer wieder Hinweise auf dieses und jenes und bekomme auch Ausschnitte zu sehen – und da muß ich sagen: Ich bin froh, daß ich mir diesen Mist nicht mehr ansehen „muß“. Es war schon einiges in den vorangegangenen Tatort-Filmen vorhanden, was mir gegen den Strich ging, aber das sind eigene Meinungen, die keine Allgemeingültigkeit besitzen. Wenn man auf einmal anfing, daß der Islam super ist, daß Schwarz besonders gute Menschen sind usw. usf., dann hört bei mir die Freundschaft auf. In solchen Situationen wurde mir immer mehr klar, daß die Filmemacher und Drehbuchschreiber von dem Thema NULL Ahnung hatten. Ich hätte die Glotze schon längst rausgefeuert, denn was die heute für eine unverschämte Propaganda betreiben und sich diese vom blöden Zuschauer auch och teuer bezahlen lassen, ist für mich absolut kriminell! Jede Firma zahlt für ihre Reklame selbst, aber die Firma ARD, ZDF und Deutschlandfunk sind so dreist, sie sich durch Zwangsgebühren auch noch bezahlen zu lassen! Dazu verschwenden sie diese Gelder auch noch für Zusatzrenten, für eine Leistung die sie definitiv NICHT erbringen! Ich denke, daß so etwas nur in der Billigen Republik Dummdeutsch möglich ist und einmalig sein dürfte!

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