Wording – Das Spiel der Medien mit dem Unterbewusstsein

20.10.2016 • 14:06 Uhr

It´s the wording, stupid! Vor allem mit emotional aufgeladenen Begriffen wird in den Medien gezielt Stimmung erzeugt.

It´s the wording, stupid! Vor allem mit emotional aufgeladenen Begriffen wird in den Medien gezielt Stimmung erzeugt.
Die Tagesschau wird künftig nicht mehr permanent das Attribut „rechtspopulistisch“ voranstellen, wenn von der AfD die Rede ist. Die Entscheidung zeigt auf, wie Medien mit fest definierten Sprachregelungen gezielt Stimmungen erzeugen. Was steckt hinter dem „Wording“?

von Florian Hauschild

Er halte die AfD weiterhin für eine rechtspopulistische Partei, betonte Kai Gniffke, Chefredakteur der ARD-Tagesschau, gestern in einem Statement, das über den Kurznachrichtendienst Twitter Verbreitung fand.

Mit dieser Einschätzung liegt Gniffke nicht einmal falsch. Was jedoch in seiner Erklärung folgen sollte, hat es aus ganz anderen Gründen in sich: Künftig, so der Vordenker der ARD-Nachrichten, werden die Sendungen der Tagesschau-Redaktion darauf verzichten, vor jeder Nennung der AfD das Attribut „rechtspopulistisch“ zu setzen. Was im Umkehrschluss jedoch bedeutet: Bisher galt dies bei dem öffentlich-rechtlichen Sender offenbar als verbindliche Sprachregelung.

Geradezu drollig geht es in Gniffkes Begründung weiter. Gleichsam als die Unschuld vom Lande gibt sich der Nachrichtenchef, wenn er eingesteht, zahlreiche Zuschauer hätten das gezielte Wording als „Versuch einer Bevormundung empfunden“. Nein, wirklich?

In der Tat handelt es sich beim sogenannten Wording um eine der subtilsten und gleichzeitig wirkungsmächtigsten Manipulationstechniken in den Massenmedien. Beispiele dafür gibt es viele. So wirkt es sich etwa massiv auf die Meinungsbildung aufseiten der Medienkonsumenten aus, ob der Nachrichtensprecher in sonorer Stimme von „Terroristen“, „Rebellen“ oder gar „Freiheitskämpfern“ spricht. Die tatsächliche Faktenlage spielt dann schnell eine untergeordnete Rolle. Am Ende bleibt: Terroristen verachtet man, für Rebellen hat man irgendwie Verständnis und bei Freiheitskämpfern handelt es sich gar um richtige Helden.

Gerade im Falle der Berichterstattung über bewaffnete Auseinandersetzungen wird besonders heftig an der Manipulationsspirale gedreht. Dies betrifft lange nicht nur die Bezeichnung von Aufständischen. Für die Einschätzung eines Konfliktes seitens der Mediennutzer ist es vor allem auch entscheidend, wie eine umstrittene Staatsführung im Mainstream bezeichnet wird. Gilt diese in der Tagesschau, bei ZDF heute und auf Spiegel Online als „Regime“, ist ihr Schicksal aus westlicher Sicht eigentlich schon besiegelt.

Besonders deutlich ist dies im Syrien-Konflikt zu erkennen. Obwohl Baschar al-Assad jahrelang auch im Westen als ein Vorzeigeherrscher im Nahen Osten galt, der vor allem auch den Schutz religiöser Minderheiten in seinem Land garantierte und eine beachtliche sozialstaatliche Versorgung aufbaute, firmiert der studierte Augenarzt im Mainstream heute durch die Bank als „Despot“, bestenfalls noch als „Machthaber“, seine Regierung als „Regime“.

Es sollte niemand bezweifeln, dass auch die Assad-Truppen seit Ausbruch des Krieges in Syrien Blut an ihren Händen haben, interessant wird die Sprachregelung des Mainstreams jedoch im direkten Vergleich mit anderen Staaten, zu denen der Westen wichtige wirtschaftliche Beziehungen pflegt. In Saudi-Arabien jedenfalls gibt es kein „Regime“, auch keine „Despoten von Riad“. Saudi-Arabien verfügt einfach nur wertfrei über ein Königshaus.

Dass in der wahhabitischen Erbmonarchie regelmäßig Homosexuelle gesteinigt werden, ist den sonst äußerst schnell empörten LGBT-Aktivisten keinen größeren Aufstand wert. Dass Saudi-Arabien derzeit im Jemen zahllose Zivilisten abschlachtet, führt ebenfalls nicht zu verurteilenden Ermahnungen vonseiten der Meinungsmacher oder gar des deutschen Außenministeriums. Die öffentlich-rechtlichen Sender, so kritisierte jüngst der Friedensforscher Prof. Dr. Mohssen Massarrat, klammerten die jüngste Bombardierung einer jemenitischen Hochzeitsgesellschaft sogar gänzlich aus ihrem Programm aus.

In diesem Falle wurde zusätzlich die Manipulationstechnik des Auslassens angewendet – frei nach dem Prinzip: „Was das Fernsehen bringt, gilt als offiziell, was es nicht bringt, als nonexistent.“ Das Wording bildet die Grundlage für die spätere Feinjustierung des Nachrichtenfokus.

Die Welt lebt längst im Medienzeitalter. In Deutschland liegt die tägliche Mediennutzungsdauer pro Bürger im Schnitt bei rund 9,5 Stunden (Zahlen für 2015). Natürlich bezieht sich diese Zeitangabe nicht auf die konzentrierte Lektüre von Grundlagen-Analysen, sondern beinhaltet vor allem auch die ständige Hintergrundbeschallung durch Smartphone, Fernsehen oder Hörfunk. Die Manipulation durch Wording wird dadurch noch subtiler.

Wer sich im Auto eigentlich auf den Verkehr konzentriert und dabei dank ARD-Sprachregelung immer wieder eine „rechtspopulistische AfD“ oder ein „Assad-Regime“ eingehämmert bekommt, hat seinen Standpunkt irgendwann auf einen bestimmten Korridor eingeengt. Eine ergebnisoffene, faktenbasierte Debatte wird so praktisch unmöglich. An die Stelle von Argumenten treten Emotionen, die durch Angebote wie die ARD-Tagesschau gezielt in die öffentliche Wahrnehmung eingespeist wurden und sich später leicht mit einem entsprechenden Trigger – etwa mit einem Foto eines im Syrienkrieg getöteten Kindes – aktivieren lassen. Doch solche Emotionen sind flüchtig und halten harten Argumenten nicht lange stand. Am Ende beklagen sich dann aber dieselben Medien, die auf Konditionierung statt auf Abwägung gesetzt haben, wenn ihre gezielte Beeinflussung als „Lüge“ wahrgenommen und auch so bezeichnet wird.

Wer aufmerksam die Nachrichtensender transatlantischer Prägung verfolgt, erkennt ebenfalls schnell, dass Krieg nicht gleich Krieg ist und die Erzeugung von Mitleid und öffentlicher Empörung immer vom konkreten Fall und den dahinterstehenden Machtverhältnissen abhängt. So führt die NATO per se keine Angriffskriege, sondern „interveniert“. US-Militärs bombardieren auch nicht Krankenhäuser oder Zivilisten, sondern „beklagen Kollateralschäden“. Das Ergebnis am Boden bleibt jedoch dasselbe, es sind die von Medien verwendeten Begriffe, die den Unterschied in der öffentlichen Wahrnehmung ausmachen.

Besonders deutlich wird dies im Vergleich der jeweiligen Nachrichtenberichterstattung der Mainstreampresse zu Aleppo und Mossul. Auf der einen Seite morden „Putin und Assad“ kaltblütig Zivilisten – wie die Öffentlich-Rechtlichen schon ihre jüngsten Zuhörer im Kinderprogramm wissen lassenauf der anderen Seite „befreit“ die US-geführte Koalition die irakische Stadt Mossul vom IS. So einfach ist die Welt, dem Wording sei Dank.

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