Ahmadiyya-Gemeinde will in Chemnitz eine Moschee bauen

Eine Moschee der Ahmadiyya-Gemeinde in Niedersachsen. Foto: Markus Hibbeler/dpa/Archivhttps://aax-eu.amazon-adsystem.com/s/iu3?d=doubleclick.net&cb=448741

Von Jürgen Becker
erschienen am 13.04.2016

Chemnitz. Die Ahmadiyya-Gemeinde will in Chemnitz eine neue Moschee mit Kuppel und Minarett bauen. Eine Bauvoranfrage an die Stadt hat sie bereits im Dezember 2015 gestellt. Ein 1400 Quadratmeter großes unbebautes Grundstück, das einem Privateigentümer gehört, hat sie auch schon gefunden. Das teilte am Mittwoch Gemeindevorsteher Rashid Nawaz mit. Den zentrumsnahen Standort Bernhardstraße 15 hat die Gemeinde, der in Chemnitz 40 Mitglieder angehören, bewusst gewählt. „Muslime dürfen nicht ausgegrenzt werden“, sagte Nawaz. „Deshalb soll die Moschee äußerlich erkennbar sein, damit die Leute mit uns ins Gespräch kommen können.“

Gekauft werden soll das Grundstück aber erst, wenn die Bauvoranfrage positiv ausfällt. Konkrete Pläne, wie groß oder wie hoch die Moschee sein soll, gebe es noch nicht, sagte Nawaz. „Die Moschee wird aber sehr schlicht und klein. Und der viereckige Bau wird in Richtung der muslimischen Kultstätte Mekka ausgerichtet sein.“

Bis zu 100 Besuchern soll das neue Gebetshaus Platz bieten. Dass dort einmal ein Muezzin vom Minarett ruft, schließt Nawaz aber aus. „Unser Glaube schreibt den Gebetsruf nicht zwingend vor“, sagte er.

Eine Baugenehmigung für die Leipziger Ahmadiyya-Moschee, deren Planung schon seit 2013 für Schlagzeilen sorgt, liegt laut Nawaz nach wie vor nicht vor. „Wir haben aber die Hoffnung noch nicht verloren, dass wir dort im September mit dem Bau beginnen können.“

Der Ahmadiyya-Gemeinschaft gehören in Deutschland etwa 40.000 Mitglieder in rund 220 Gemeinden an. Ambitioniertes Ziel sei, bis zum Jahr 2023 in Deutschland 100 Moscheen zu errichten, sagte Dawood Majoka, Pressesprecher der deutschen Ahmadiyya-Gemeinschaft, am Mittwoch. 47 Moscheen habe seine Bewegung bundesweit bereits errichtet. Auch in Plauen, Zwickau und Dresden halte er nach Grundstücken Ausschau, sagte Nawaz.

Finanziert werden soll der Moscheebau aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden. In Deutschland zahlen nach Angaben Majokas Angehörige der Gemeinschaft 6,5 Prozent ihres Nettoeinkommens als Beitrag an die Ahmadiyya. „Jeder darf aber auch nur so viel geben, wie er kann“, sagt Majoka. Ihre Vorbeter, die Imame, bildet die Gemeinschaft selbst in einem eigenen Institut nahe Darmstadt aus.

CSU-Generalsekretär fordert Islam-Gesetz

Die Finanzierung von Moschee-Vereinen etwa durch die Türkei und Saudi-Arabien oder durch Stiftungen sollte nach Ansicht von CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer in Deutschland verboten werden. „Es kann nicht sein, dass andere zum Teil extreme Wertvorstellungen aus dem Ausland importiert werden“, sagte er der Zeitung „Die Welt“.

Deshalb müssten künftig auch alle Imame in Deutschland ausgebildet sein. CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach sieht dort ebenfalls „dringenden Handlungsbedarf“. Der Bundesvorsitzende der Türkischen Gemeinde, Gökay Sofuoglu, sprach sich indes gegen ein generelles Verbot aus. Er sei aber für mehr Kontrolle, wo der Verdacht bestehe, dass ausländische Geldgeber versuchten, mit dem Grundgesetz unvereinbare Ideen zu verbreiten. (dpa)

Die Ahmadis – zwischen Reformern und Sektierern

Die Formel auf den Leinenbeuteln, die Rashid Nawaz verteilt, ist eine Kernbotschaft seines Glaubens: „Liebe für alle, Hass für keinen.“ Der 44-Jährige gehört der Ahmadiyya Muslim Jamaat (AMJ) an, steht ihr in Chemnitz vor und ist so etwas wie ein Spiegel der Gemeindemitglieder. Von den deutschlandweit etwa 40.000 Ahmadis haben überdurchschnittlich viele Abitur. Auch Nawaz ist gebildet, hat in Freiberg studiert, arbeitet als Automatisierungstechniker. Genau wie die meisten seiner Glaubensbrüder in Deutschland stammt er aus Pakistan – und hängt einem Glauben an, der sich grundlegend von dem der rund fünf Millionen anderen Muslime in der Bundesrepublik unterscheidet.

Für Ahmadis wie Nawaz ist der Mahdi, auf dessen Ankunft die anderen Muslime noch warten, längst erschienen. Sie glauben, dass der 1835 im heutigen Indien geborene Hadhrat Mirza Ghulam Ahmad der von Gott verheißene Erneuerer des Islams, sogar der erwartete Messias der Juden und der wiedergekommene Jesus war. Dazu gehört auch, dass Ahmad seinen Anhängern seither als Nachfolger des Propheten Mohammed gilt. „Wir sind die Reformgemeinde, die als einzige die wahre Lehre des Korans repräsentiert“, sagt Dawood Majoka, Sprecher des deutschen AMJ-Ablegers.

Die muslimische Mehrheit hält das jedoch für Ketzerei. Aus der Weltmuslimliga ist die Ahmadiyya 1974 ausgeschlossen worden. In Pakistan sind die Ahmadis im Jahr 1984 per Gesetz gar zu Nichtmuslimen erklärt worden. Sie dürfen dort keine öffentlichen Ämter mehr bekleiden, sind in ihrem Pass als Ahmadis gebrandmarkt und werden weltweit verfolgt. Erst vor zwei Wochen fiel ein Ahmadi einem Extremisten in Glasgow zum Opfer.

Dabei gelten die Ahmadis in Westeuropa als bestens integriert. In Hessen und Hamburg ist die AMJ als erste islamische Körperschaft des öffentlichen Rechts gar den großen Kirchen gleichgestellt worden. Ihre Bewegung gilt als friedliebend und demokratiefreundlich. SPD-Bundesparteivize Olaf Scholz lobt sie, weil sie den Islam als Religion der Toleranz und des Friedens vorlebe. Gewalt, um den Islam zu verbreiten, oder Terrorismus lehnen die Ahmadis ab. „Das ist mit dem Islam unvereinbar“, sagt Majoka. „Wir bekennen uns zur uneingeschränkten Meinungs- und Religionsfreiheit. Selbst bei einem Wechsel zu einer anderen Konfession sieht der wahre Islam keine Bestrafung vor.“

Die Ahmadiyya lehrt die strikte Trennung zwischen Staat und Religion. „Wir glauben, dass jeder Muslim, egal ob er in einem Land mit jüdischer, christlicher oder muslimischer Mehrheit lebt, dem Staat gegenüber loyal sein und einen Beitrag zum Fortkommen der Gesellschaft leisten muss“, sagt Majoka. Zugleich geht von der Bewegung aber auch wohl der größte missionarische Eifer des Gegenwartsislams aus. Sie erhebt den Anspruch, dass ihr Islam in 300 Jahren die Oberhand auf der ganzen Welt erlangt haben wird. „Unser Glaube wird sich aber nicht durch Zwang, sondern nur durch die Herzen verbreiten“, sagt Majoka.

Geführt werden die Ahmadis weltweit von einem „Kalifen“, der seit 1984 in London sitzt und demokratisch gewählt wird. Historisch betrachtet war der Kalif im Islam immer der politische und religiöse Führer, der nach weltweiter Macht strebt. „Bei uns ist der Kalif aber nur ein rein spirituelles Oberhaupt“, sagt Majoka. „All unsere Kalifen haben immer betont, dass wir nie nach weltlicher Macht streben werden.“

Kritiker wie Johannes Kandel überzeugt das indes nicht. Noch als Akademiedirektor für Politische Erwachsenenbildung bei der Friedrich-Ebert-Stiftung hatte Kandel schon vor Jahren kritisiert, dass das Verhältnis zwischen Religion und Politik in den Ahmadiyya-Schriften nicht sehr eindeutig formuliert sei. Er monierte damals auch, dass die Ahmadis der Frau dieselbe Rolle wie die Orthodoxen oder Fundamentalisten im Islam zuschrieben.

Majoka betont indes, dass die Frauen den Männern bei ihnen gleichgestellt seien. Zugleich sagt er aber: „Wir glauben an eine Trennung zwischen Mann und Frau in der Öffentlichkeit. Es gibt bei uns keine öffentliche Veranstaltung, bei der Männer und Frauen in einem Raum etwas gemeinsam machen.“

© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
http://www.freiepresse.de/

5 Kommentare zu “Ahmadiyya-Gemeinde will in Chemnitz eine Moschee bauen

  1. Pingback: Honigmann – Nachrichten vom 15. April 2016- Nr. 829 | ERWACHE!

  2. Pingback: Honigmann – Nachrichten vom 15. April 2016- Nr. 829 | Viel Spass im System

  3. Pingback: Honigmann – Nachrichten vom 15. April 2016 – Nr. 829 | Terraherz

  4. Pingback: Honigmann – Nachrichten vom 15. April 2016- Nr. 829 | Der Honigmann sagt...

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s