Kennen Sie Brigitte Büttner? Sie redete sich am Montagabend im Plasberg-Talk der ARD ihr Innerstes von der Seele. Die überzeugte Grünen-Wählerin erklärte vor einem Millionenpublikum, weshalb sie zum ersten Mal bloß noch AfD wählen konnte. Weil das in sich geschlossene Merkel-System auf nichts mehr reagiert – außer einem drastischen Wahldenkzettel. So wie Brigitte Büttner tickt er also, dieser AfD-Protestwähler.
Aber Moment: Haben uns die Leitmedien AfD-Wähler nicht als böse Monster beschrieben? Sie tragen »Glatze und Bomberjacke« (Süddeutsche). Sie sind »rechte Hetzer«, die »rassistische Beschimpfungen« geifern und »Morddrohungen« ausspucken (Spiegel Online). Sie klatschen über Wortbomben des AfD-Personals (»Schusswaffengebrauch«, »Kanzlerin nach Chile«).
»Wir sind doch nicht bloß Stimmvieh!«
Und dann setzt sich eine verboten normale Brigitte Büttner bei Plasberg hin! Die grüne Stammwählerin ist weder rassistisch noch fremdenfeindlich! Sie berichtet lieber von ihrer »inneren Zerrissenheit« und dass sie im Moment keine politische Heimat mehr habe. »Frau Merkel kann nicht vermitteln, wohin die Reise geht. Was hat sie mit uns vor, was wird mit uns passieren?« Das war ehrlich und Millionen im Land sehen es genauso. Anders lässt sich der sensationelle Wahlerfolg der AfD nicht erklären.
Die drei Landtagswahlen vom Sonntag waren ein klares Signal für den wachsenden Protest, der genug hat von der konzeptlosen Flüchtlingspolitik unserer alternativlosen Kanzlerin. Büttner fasste die Wahlhaltung vieler verblüffend einfach zusammen: »Ich habe meine Stimme und auch die Partei [AfD] instrumentalisiert. Das, was mit uns immer gemacht wird, habe ich jetzt auch gemacht.«
Und dann noch dieser Satz: »Es wird Rückgrat gefordert, also mache ich das auch. Wir sind doch nicht bloß Stimmvieh!« Dabei blickten die politischen Brüllaffen in der Runde bloß vielsagend zu Boden. Der AfD-Wähler als denkendes Wesen? Das passt auch den Medienprofis nicht ins Bild. Springers Welt oder Focus Online ignorierten Büttners Appell für mehr Ehrlichkeit komplett. Bild und Sternservierten ihn lieblos ganz am Ende, nach dem Motto: Da war doch noch irgendetwas.
Beim Spiegel sorgt so viel Ehrlichkeit für die »Irritation« des Abends
Spiegel Online erklärte die AfD-Wählerin zur »Irritation« des Abends. Auch erst ganz zum Schluss. Wichtiger waren linksversponnene »emotionale Momente: Irgendwann stieß Oppermann in aller Freundschaft mit seinem CDU-Kompagnon [Altmaier] mit Wasser auf dessen Zusicherung an, der unionsinterne Zoff werde endlich aufhören. Zeh gewährte einen kurzen Einblick in ihr immer noch rotes Herz und gestand dem Sozi, aufgrund ihrer Sozialisation müsse sie ihn ›eigentlich die ganze Zeit umarmen‹.« Der distanzlose Spiegel–Autor sah wohl am Montagabend eine andere Plasberg-Sendung.
Oder er fand all das nur lustig. Ist es aber nicht. Es ist tragisch. Büttner serviert unseren Leitmedien die Antwort auf dem Silbertablett, warum sich CDU und SPD als Volksparteien zerlegen, warum die AfD inzwischen 24,2 Prozent wie in Sachsen-Anhalt holen kann. Und wie reagieren die Selbstgerechten darauf? Nach dem alten Motto: Wir lassen uns doch nicht unser schönes Feindbild kaputtmachen. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Brigitte Büttner darf im Medienzirkus bloß noch als Zitat von SPD-Oppermann weiterleben. Der sagte in der Sendung, sie sei die »sonderbarste rechte Protestwählerin«. Prima, drei Wörter: sonderbar, rechts, Protest. Das passt ins Feindbild, also können Journalisten in Ruhe weiter nach selbstverfasstem (?) Drehbuch ausgrenzen, ignorieren, beschimpfen.
Wahldenkzettel? Welcher Wahldenkzettel?
Ist das Trotz oder eine Bunkermentalität? Nein, die Journalisten imitieren das Schwarmverhalten, das ihnen ein Parteien-Kartell in Berlin erfolgreich vorlebt. Dort macht man um jeden Preis weiter wie bisher und klopft sich gegenseitig auf die Schultern. Weil man nicht selbst das Problem ist, sondern dieses »Stimmvieh« (Büttner über sich selbst) dort draußen. Deshalb gilt die AfD weiter als Betriebsunfall, der bloß in die Verlängerung geht. Bis man dem »Stimmvieh« seinen Wahlprotest wieder austreiben kann.
Dahinter verbirgt sich ein fürchterliches Verständnis von Demokratie: Die Willensbildung geht nicht den Weg vom Volk in die Parlamente, sondern umgekehrt. Leitmedien und TV-Arenen sind der Dauerfahrplan dafür, was und wie das Volk zu denken hat. Im Internetzeitalter funktioniert es halt nur etwas schlechter.
Der gute Plasberg
Für einen Moment bekam der ARD-Zuschauer das Gefühl, dass sich Moderator Plasberg vom sturen Wiederkäuen verabschiedet. Dass er sich nicht selbstverliebt in die eigene Meinungshoheit verrennt. Er verteidigte seine »Notwählerin der AfD«, die er sich eingeladen hatte. Nicht nur gegen den arrogant-trotzigen Altmaier, der darüber fantasierte, wie viele der Protestwähler bald wieder CDU wählen. Damit erntete das CDU-Schwergewicht bloß noch müdes Gelächter im Studio. Plasberg grätschte sogar SPD-Oppermann ab: »Genießen Sie es doch einfach still.«
Es war aber nur ein Moment, in dem er seine »Notwählerin« verteidigte. Der Moderator baute sich selbst die nötige Fallhöhe auf, um die AfD hinterher noch genüsslicher demontieren zu können. Hier die gute Notwählerin, dort die böse Nutznießer-Partei. Ein eingespielter Videobeitrag wollte sie wieder mal entlarven und schob die AfD in die berüchtigte rechtsextreme Ecke ab. Plasberg inszenierte sogar seinen Freudschen Versprecher und nannte die AfD plötzlich NPD.
Der böse Plasberg
Das machte er ganz bewusst: Der Moderator griff Jörg Meuthen damit weit unter der Gürtellinie an. Der war für die AfD in der Runde – und musste sich von Plasberg plötzlich den Vorwurf gefallen lassen, Bundessprecher für eine »NPD in Nadelstreifen« zu sein. Der Zuschauer fragte sich dabei, wer nun besser hetzen kann. Die AfD oder ARD-Journalisten? Der Moderator nahm Meuthen mit dieser NPD-in-Nadelstreifen-Nummer nicht nur in die Mangel. Er erklärte ihm dabei auch sein sehr persönliches Verständnis von Demokratie. Dazu gehört es, »dass ich Fragen stellen kann, die ich will, und sie beantworten sie«. Er ließ ihn aber nicht einmal antworten.
Einmal in Rage gehetzt, platzierte Plasberg seinen Nachsatz, der wie einstudiert wirkte: »Meine Mutter wird nach dieser Sendung sagen, der Herr Meuthen macht doch einen ganz vernünftigen Eindruck. Warum ist er mit diesen Schmierenkaspern zusammen?«
Ich glaube, Mutter Plasberg wird ihren Sohn etwas ganz anderes fragen: »Warum musste ich für deine nach Drehbuch einstudierte Demontage der AfD herhalten?«. Der wird dann wohl antworten: »Mutti, damit meine Notwählerin Brigitte Büttner und alle am Fernsehschirm sehen, dass man die AfD nicht einmal aus Protest wählen darf.« Mutter Plasberg wird darauf wohl mit dem Kopf schütteln und sagen: »Ach, so weit sind wir schon?«
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