Nach den Übergriffen in Köln Interner Polizeibericht soll von „Spießrutenlauf“ sprechen

10:59 UhrVon , Nils Wischmeyer

UPDATE Die Polizei in Köln ist heftigen Vorwürfen ausgesetzt. In einem Einsatzbericht ist Medienberichten zufolge von der Bedrohung von Zeugen und überforderten Beamten die Rede.

Zahlreiche Menschen sind am 31.12.2015 in Köln (Nordrhein-Westfalen) auf dem Vorplatz des Hauptbahnhofs zu sehen. In der Silvesternacht waren am Kölner Hauptbahnhof Frauen sexuell belästigt und augeraubt worden.

Zahlreiche Menschen sind am 31.12.2015 in Köln (Nordrhein-Westfalen) auf dem Vorplatz des Hauptbahnhofs zu sehen. In der Silvesternacht waren am Kölner Hauptbahnhof Frauen sexuell… – FOTO: DPA

Die Polizei in Köln soll auf die Übergriffe in der Silvesternacht nicht vorbereitet gewesen sein, zu spät oder gar nicht eingegriffen haben und lediglich auf Anzeigen reagiert haben. Das ist die Kritik, die ihr gerade um die Ohren fliegt. Sogar Innenminister Thomas de Maizière (CDU) sagte: „So kann Polizei nicht arbeiten.“

Doch schon kurz nach seiner Aussage bekam der Bundesinnenminister eine ebenso heftige Reaktion von der Polizei. Wolfgang Albers, der Polizeipräsident in Köln, sagte: „Wir waren mit starken Kräften im Einsatz.“ Für einen normalen Silvestereinsatz sei man gut gewappnet gewesen. 220 Polizisten waren nach Angaben der Polizei vor Ort, 70 davon von der Bundespolizei. Das seien bereits mehr gewesen als in den Jahren zuvor.

Und doch fehlten knapp 100 Beamte, die sonst für solche Einsätze in Bereitschaft sind. Der stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), Ernst G. Walter, sagte dem Tagesspiegel: „Der Polizei fehlten an dem Abend viele Beamte, weil die zurzeit in Bayern eingesetzt werden.“ 2000 Polizisten aus ganz Deutschland würden dort zur Grenzsicherung eingesetzt.

Einem internen Bericht eines Beamten zufolge sollen während der Ausschreitungen Frauen Schutz bei der Polizei gesucht. „Im Einsatzverlauf erschienen zahlreiche weinende und schockierte Frauen/Mädchen bei den eingesetzten Beamten und schilderte sex. Übergriffe durch mehrere männliche Migranten/ -gruppen“, schreibt der Leiter einer an dem Einsatz beteiligten Hundertschaft in einem von der „Bild“ veröffentlichten internen Erfahrungsbericht.

Eingesetzte Beamte kamen „an die Grenze zur Frustration“

„Frauen mit Begleitung oder ohne durchliefen einen im wahrsten Sinne ‚Spießrutenlauf‘ durch die stark alkoholisierten Männermassen“, heißt es in den Bericht weiter. Da die Polizisten „nicht jedem Opfer einer Straftat helfen und den Täter dingfest machen konnte, kamen die eingesetzten Beamten an die Grenze zur Frustration“. Der Polizist beklagt in dem Bericht eine viel zu geringe Zahl eingesetzter Beamter. Alle eingesetzten Polizisten seien „ziemlich schnell an die Leistungsgrenze gekommen“. „Bild“ listet einige Beispiele aus dem Bericht für konkrete Erlebnisse von Polizisten auf:

– Beamte seien durch enge Menschenringe daran gehindert worden, zu Hilferufenden vorzudringen,

– ein Mann wird zitiert: „Ich bin Syrer, ihr müsst mich freundlich behandeln! Frau Merkel hat mich eingeladen“,

– Zeugen wurden bedroht, wenn sie Täter benannten,

– Menschen zerrissen dem Bericht zufolge vor den Augen der Polizisten Aufenthaltstitel, grinsten und sagten: „Ihr könnt mir nix, hole mir morgen einen neuen.“ Ob es sich um echte Dokumente handelte und um welche Art von Dokumenten, geht aus dem Bericht nicht hervor,

– erteilte Platzverweise wurden ignoriert; Wiederholungstäter in Gewahrsam zu nehmen, war aufgrund fehlender Kapazitäten nicht möglich,

– nach Gleissperrungen wegen Überfüllung seien Leute einfach auf das Nebengleis und dann über die Schienen wieder auf den gesperrten Bahnsteig gegangen,

– beim Einsteigen in Züge gab es körperliche Auseinandersetzungen, es galt das „Recht des Stärkeren“.

Der Verfasser des Berichts zieht ein düsteres Fazit: Den Maßnahmen der Beamten sei mit einer Respektlosigkeit begegnet worden, „wie ich sie in 29 Dienstjahren noch nicht erlebt habe“. Die gesamte Situation in der Silvesternacht beschreibt der Autor als „chaotisch und beschämend“. Die Kölner Polizei wollte sich zunächst nicht zu dem Bericht äußern.

Experten aus Sicherheitsbehörden hatten die Kölner Polizei am Mittwoch kritisiert, aber kein generelles Versagen in der Silvesternacht gesehen. „Es gab Kommunikationsfehler“, heißt es, „man kann sich nicht am 1. Januar hinstellen und sagen, es ist gut gelaufen, wenn noch gar nicht alle Einsatzberichte vorliegen.“

So war in einem Polizeibericht vom 1.Januar noch von einer ruhigen Einsatzlage die Rede, bei der sich circa 1000 Feiernde auf dem Domvorplatz aufhielten. Nur einen Tag später mussten sich die Beamten bereits korrigieren, man sprach nun von „aggressiver Stimmung“ und einer Gruppe aus 1000 Männern, die teilweise stark alkoholisiert gewesen seien.

Es wird geprüft, ob ein Versagen der Polizei vorliegt

Doch wer davon Täter und wer nur so vor Ort war, kann bis jetzt niemand sagen. Viele Beobachter berichten von ein paar Dutzend Männern, die übergriffig geworden sein sollen. Durch die schiere Masse sei es für die Polizisten quasi unmöglich gewesen, einzelne Straftaten zu verfolgen, sagte Walter dem Tagesspiegel. Auch in Sicherheitskreisen heißt es, angesichts des enormen Lärms und „Gewusels“ in der Nacht sei es nicht selbstverständlich, dass die Polizei die Schreie von Frauen hätte wahrnehmen müssen. Anhand der Aufzeichnungen von Überwachungskameras sei zu prüfen, was die Polizisten hätten sehen und hören können – und was nicht. Wie lange es bis zum Abschluss der Analysen dauere, könne man aber noch nicht sagen, heißt es bei der Polizei. Durch diffuse Zeugenaussagen sei die Auswertung erschwert. Viele Besucher waren betrunken oder standen unter Schock.

Weiter hier:

http://www.tagesspiegel.de/politik/nach-den-uebergriffen-in-koeln-interner-polizeibericht-soll-von-spiessrutenlauf-sprechen/12800416.html

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