
12. November 2015 (von Niki Vogt, Bild: ec.europa.eu) Wo Herrschsucht, Regelwut und Ahnungslosigkeit sich traut vereinen, da ist der Untergang nicht fern. Gestern reposteten wir den Aufruf von Julia Reda, der Vorsitzenden der Young Pirates of Europe, zu den neuesten Plänen der EU, die Verlinkungen im Internet unter das Leistungsschutzrecht zu stellen. Will sagen: Man darf nicht mehr verlinken, außer man hat die Einwilligung des Rechtebesitzers (der, auf den verlinkt wird) und hat als Nutzer ggf. für’s Verlinken bezahlt. In dem dort eingebetteten Video mit besagtem Herrn Oettinger kam ganz klar zum Ausdruck, daß es dabei in erster Linie um den Schutz der Inhalte von Online-Ausgaben der Mainstreamedien geht. Ich habe mir ein paar Gedanken dazu gemacht, die ich untertänigst dem Herrn Oettinger hoch oben in den geweihten Rängen zu Gehör bringen möchte.
Rue de la Loi / Wetstraat 200
Lieber Herr Oettinger,
Ihre Äußerungen zu der Absicht, Verlinkungen im Internet zu verbieten – außer sie sind vom Rechteinhaber ausdrücklich erlaubt und gegebenenfalls vom Nutzer bezahlt worden – haben uns Bürger aufgeschreckt.
Wir Bürger, die wir das Internet im täglichen Leben viel nutzen, haben den Eindruck, daß Sie nicht verstehen, welchen immensen Schaden Sie damit anrichten werden.
Sie wollen die altehrwürdige Institution der Presse in Form von Zeitungen, Magazine, Fernsehsendungen und deren Onlineangebote schützen, weil der Niedergang der Auflagezahlen und die Abwanderung der Leser und Zuschauer deren materielle Existenz bedroht. Daß die Internetnutzer immer wieder in ihren Beiträgen, Blogs und Foreneinträgen auf die Inhalte der Onlineausgaben verlinken, betrachten Sie als eine Art widerrechtliche Leistungserschleichung der mit Aufwand und Arbeit hergestellten Inhalte dieser Medien.
Einfache, aber kontraproduktive Lösung aus Ihrer Sicht: Verlinkungen sind nicht mehr zugelassen, außer ausdrücklich vom Rechteinhaber erlaubt und gegebenenfalls bezahlt.
Es ist aber nicht so, daß der Niedergang der Presse und des Rundfunks durch die Verlinkungen im Netz verursacht worden ist. Die Auflagenzahlen sinken und die Zuschauer laufen in Scharen davon, weil die Inhalte der Mainstreammedien die Bürger nicht mehr erreichen. Wir, die Bürger, glauben den Medien nicht mehr. Wir wissen alle längst, vom Professor bis zum Straßenkehrer, vom Jugendlichen bis zum Greis, daß ebenjene Medien schon lange zur Beute und zum Sprachrohr der Mächtigen geworden sind und nicht mehr der offenen Information und Meinungsvielfalt dienen, sondern der Täuschung, Bevormundung, Einschüchterung und Manipulation.
Politiker wie Sie haben diese Entwicklung zu verantworten. Um die Macht zu erhalten, haben die Mächtigen seit jeher ihre Untertanen mit Propaganda beeinflusst. Die modernen Medien sind dazu das ideale Instrument. Immer schon und überall zu beobachten ist: Je mißliebiger die Herrschaft beim Volk ist, je offener Rechtsbruch, Ungerechtigkeit, Ausbeutung und Willkür der Mächtigen, umso heftiger die Propaganda und die Unterdrückung von freier Meinung und Opposition.
Die Instrumentalisierung der Medien zur Manipulation der Völker – insbesondere in der EU – hat in den letzten zwanzig Jahren einen noch nie dagewesenen Höhepunkt erreicht. Das „Unwort Lügenpresse“ hat seinen Grund. Und eine Wirkung: Die Menschen verachten die Medien dafür. Das ist der Grund für deren Niedergang. Den haben hauptsächlich Sie und Ihresgleichen herbeigeführt, weil Sie der Presse Maulkörbe verpassen und die wenigen noch verbliebenen, mutigen Redakteure feuern oder abstrafen lassen (Beispiele: Oliver Janich und sein Bericht über 9-11 im Focus Money, Frieder Wagner und seine Dokumentation „Todesstaub – Uranmunition im Irak). Auch das einstige „Sturmgeschütz der Demokratie“, der „Spiegel“, ist längst zu einer kleinen Sylvester-Knaller-Konfetti-Tischkanone verkommen.
Wären die Inhalte der Online-Zeitungen informativ, unvoreingenommen und gut, kämen ihnen die Verlinkungen sehr zugute. Der Leser wird durch einen solchen Link auf den Beitrag geführt, denkt „Das ist aber interessant, vielleicht sollte ich die Zeitung sogar abonnieren!“ – und das Medium hat einen Bezahler mehr. Es liegt aber nicht nur an den Medien, endlich ihrer eigentlichen, wahren Pflicht nachzukommen. Sie und Ihre Mitpolitiker müßten den Medien auch die Möglichkeit lassen, offen und ungehindert zu berichten, Meinungsvielfalt zu leben und sich in der Pflicht für den Bürger zu sehen. Dann wäre das Zeitungssterben schnell vorbei.
Wenn sich jemand einen Schnupfen zugezogen hat, weil er zu dünn angezogen in der Kälte war und ihm die Nase läuft, wird er nicht davon gesund, daß man ihm einfach die Taschentücher wegnimmt. Genausowenig wird die Mainstreampresse genesen, wenn die Verlinkungen verboten werden. So gut wie niemand wird für eine Verlinkung auf die Onlinemedien bezahlen. Man geht eben einfach nicht mehr auf diese Seiten und verlinkt nicht mehr.
Eine Seite, auf die nicht mehr verlinkt wird, ist so gut wie tot. Die Zugriffszahlen sind das Ein-und-Alles, insbesondere für die Werbetreibenden ist das die Meßlatte. Ihr Plan geht nach hinten los, und zwar genau gegen diejenigen, die Sie bevorteilen wollen.
Ihre gehorsamen Obrigkeits-Hätschelkinder werden sehr bald feststellen, daß die einbrechenden Zugriffszahlen weniger Werbeaufträge und damit sinkende Einnahmen bedeuten. Das wird die Mainstrammedien-Onlinelandschaft ausdünnen und zum Einlenken bewegen. Nach kürzester Frist werden ganz oben auf diesen Seiten in dicken, roten Lettern die unbeschränkten Freigaben zum kostenlosen Verlinken prangen.
Für die bei Ihresgleichen verhaßten, alternativen Medien ist das sogar ein Vorteil. Die fördern und lieben das Posten, verlinken untereinander und werden von Anfang an jedem und allen diese Erlaubnis pauschal geben. Auf die Wahrheit und freie Meinung darf es kein Copyright geben. Kommunikation, Diskussion, Meinungsaustausch über alle Lager hinweg und Verbreitung sind hier gewollt. Dann verlinken die Alternativen eben nicht mehr auf die Onlineseiten Ihrer Hofberichterstatter. Den Bloggern und freien Medien ist das nur recht. Dann zitiert man einfach die entsprechenden Passagen und schreibt die Quelle nach altem Brauch dazu (z.B.: „Die Welt“, Onlineausgabe vom 12.11.2015, Titel: „Der Untergang der Mainstreammedien“, Suchbegriffe: Zensur, Political Correctness, Manipulation). Ein wenig mühsamer, aber infolgedessen bleiben die sogenannten Qualitätsmedien dann ganz allein in ihrer Schmollecke und verkümmern.
Was glauben Sie, Herr Oettinger, wie begeistert außerdem der Online-Handel von Ihrer Idee sein wird?
Soll jeder kleine Pennäler, der seinen Freunden auf Facebook einen Link schickt zu dem Produkt, das er sich zum Geburtstag wünscht, vor Gericht gezerrt werden?
Schon Neunjährige posten Links auf alles, was ihnen im Netz gefällt, auf den Foren und sozialen Medien. Wollen Sie die alle abstrafen? Oder deren Eltern?
Wenn aber jeder mit einer prominent herausgestellten Generalerklärung oben auf seiner Homepage die Erlaubnis zum Verlinken geben kann, wem nützt dann Ihre ganze Monster-Knebelungsmaschine?
Mit freundlichen Grüßen,
Niki Vogt
http://www.Quer-Denken.TV
(mit der ausdrücklichen Erlaubnis, auf alles bei uns zu verlinken)
Lieber Leser,
falls Du diesen offenen Brief unterstützen möchtest und damit ein Zeichen setzen gegen die Versuche, das Internet zu zensieren und zu beherrschen, kannst Du ihn (auch unter Deinem Namen) direkt an Herrn Oettinger mailen: guenther-oettinger-contact@ec.europa.eu
http://quer-denken.tv/index.php/1853-verbot-von-links-im-internet-offener-brief-an-herrn-oettinger
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