13 November 2015 von metropolico.org
Ein Brandbrief des Personalrats des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge dokumentiert die Erosion rechtsstaatlicher Grundwerte. Zehntausendfach finde Asylbetrug statt. Die Identität der Antragsteller würde nicht geprüft, Entscheidungen von „Schnellschuss-Qualifizierten“ getroffen. Die Vorwürfe wies die Migrationsbehörde bereits vollumfänglich zurück.
Schreiben, das Immigranten am Bahnhof Freilassing über ihre Pflichten aufklärt (Bild: metropolico.org)
Bei Syrern werde bei der Bearbeitung von Asylanträgen ein verkürztes schriftliches Verfahren durchgeführt. Auf eine Identitätsprüfung verzichte man gänzlich. In einem Brandbrief kritisiert der Personalrat des Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) das Flüchtlingsamt massiv und prangert an, dass dies einer Abkehr von rechtsstaatlichen Prinzipien in beschleunigten Asylverfahren gleichkomme.
Das momentan praktizierte verkürzte schriftliche Verfahren, ohne eingehende Prüfung der Bewerber, sei anfällig für Betrug und somit mit dem Rechtsstaatsgebot nicht vereinbar, heißt es in dem Offenen Brief, der an Frank-Jürgen Weise, den neuen Chef des BAMFs, gerichtet ist.
30 Prozent der Asylsuchenden geben falsche Herkunft an
Es sei nach den Erfahrungen der Bearbeiter davon auszugehen, dass es einen „hohen Anteil von Asylsuchenden gibt, die eine falsche Identität angeben, um eine Bleibeperspektive mit der Möglichkeit des Familiennachzugs etc. zu erhalten. Eine akribische Prüfung bei der Identitätsfeststellung entspräche ebenfalls nicht der Realität. „Tatsächlich verzichtet das Bundesamt auf eine Identitätsüberprüfung.“ Wer sich „schriftlich im Rahmen einer Selbstauskunft als Syrer bezeichnet, sprich im Fragebogen an der richtigen Stelle ein Kästchen ankreuzt und dem Dolmetscher, der in der Regel weder vereidigt noch aus Syrien kommt, dies bestätigt, werde ohne wenn und aber auch als Syrer anerkannt. Laut Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) träfe dieser angewandte Asylmissbrauch auf rund 30 Prozent der Asylsuchenden zu. Diese würden sich als Syrer ausgeben, obwohl sie in Wahrheit eine andere Nationalität hätten. Selbiges gelte auch für Immigranten aus Eritrea, dem Irak und Immigranten vom Balkan.
Solch eine „massenhaft praktizierte Entscheidungspraxis“ steht nach Ansicht der BAMF-Personalvertreter „mit einem rechtsstaatlichen Verfahren nicht im Einklang“.
Asylentscheidung nach „Schnellschuss-Qualifizierung“
Sorge bereitet dem Personalrat auch die „Schnellschuss-Qualifizierung“. Diejenigen, die über das Asylgesuch entscheiden, wurden in nicht einmal einer Woche in ihrer Tätigkeit unterwiesen. Die Herabsetzung der Einarbeitungszeit von drei Monaten auf unterhalb einer Woche „kann die Kolleginnen und Kollegen aus fachfremden Bereichen […] unmöglich in die Lage versetzen, im rechtsstaatlichen Sinne individuelle und sachlich/juristisch fundierte Rechtsprüfungen“ so die Kritik.
Ob der Brandbrief des BAMF-Personalrats ihren Chef, den Vorstandsvorsitzenden der Bundesagentur für Arbeit (BA) und Chef der Asylbehörde BAMF, Frank-Jürgen Weise, beeindrucken wird, ist zu bezweifeln. Wie metropolico berichtete, hält der Spitzenbeamte den Massenandrang von Asylsuchenden für eine Bereicherung. Das 64-jährige CDU-Mitglied Weise begründete seine Freude darüber mit den Worten: „Das ist eine gute Bereicherung unserer Arbeitswelt und unserer Gesellschaft, dass da nicht überall ältere graue Herren durch die Gegend laufen und langsam mit dem Auto auf der Autobahn rumfahren, sondern das wird eine lebendige Gesellschaft.“
„Vorwurf müssen wir klar zurückweisen!“
Mittlerweile hat das BAMF reagiert und die Kritik des Gesamtpersonalrats zurückgewiesen. Behördensprecher Mehmet Ata teilte dem BR am Donnerstagabend mit: „Den Vorwurf, dass wir die Rechtsstaatlichkeit nicht beachten, müssen wir klar zurückweisen.“ Die kürzeste Ausbildung würden nur die Mitarbeiter absolvieren, die zuvor schon einmal Entscheider gewesen seien und lediglich eine Auffrischung in Sachen Asylrecht benötigten. Erst kürzlich sei zudem im BAMF die Qualitätssicherung durch ein Dutzend Juristen verstärkt worden. (BS)
http://www.metropolico.org/2015/11/13/massive-interne-kritik-an-fluechtlingsbehoerde/


