Am Beispiel der Situation in Portugal können wir uns ein Bild von der Gesamtlage in Europa machen und erkennen dabei eine Tendenz, die nicht auf Südeuropa beschränkt bleiben wird. In ein verarmtes Europa kommen auch noch Millionen Menschen, die vor Krieg, politischer und religiöser Verfolgung und vor Hunger und Elend fliehen. Auch „Wirtschaftsflüchtlinge“ verlassen nicht Heimat und Familie, um sich bei uns ein besseres Smartphone leisten zu können.
Von Rui Filipe Gutschmidt
In Portugal sprechen die Zahlen eine deutliche Sprache. 19,5 Prozent der Portugiesen – also fast 2 Millionen, leben unterhalb der Armutsgrenze. Die Kinder- und Jugendarmut liegt sogar bei 25,6 Prozent. Der Mindestlohn wurde kurz vor den Wahlen von 485 auf 505 Euro angehoben. Doch war 2010 noch ein jährliches Anheben beschlossen worden, nachdem ein Arbeiter derzeit schon mindestens 600 Euro monatlich bekommen sollte – abzüglich von Steuern und Sozialversicherung. In der Wirtschaft gab es eigentlich eine Vereinbarung, die einer Erhöhung wohlwollend entgegensah, da die einseitige Ausrichtung auf den Export auf lange Sicht als nicht nachhaltig gilt. Ohne Binnennachfrage ist die Industrie den immer auftretenden Schwankungen auf den internationalen Märkten hilflos ausgeliefert. Der niedrige Ölpreis hat bei wichtigen Handelspartnern Portugals, wie Brasilien und Angola, die Nachfrage in den Keller rutschen lassen. Das wurde am Beispiel der UNICER, die vorwiegend Bier in diese Länder exportiert, deutlich. Sie müssen jetzt bis zu 600 Stellen streichen. Würden die Portugiesen noch ihr Bierchen beim Fußball trinken, wäre es nicht so ins Gewicht gefallen. Aber die Leute trinken gerade noch einen Espresso für 0,60 Euro und nur selten wird mal ein Bier gekippt.
Aber wer Arbeit hat, wenn auch schlecht bezahlt und oft noch schlechter behandelt, kann eher noch von Glück reden. Wer aber als Arbeitsloser sein Leben fristet, der hat oft weniger als 400 Euro im Monat zur Verfügung. Und was ist mit „Sozialhilfe“? Es gibt ein „Soziales Eingliederungseinkommen“, welches 2011 noch 187 Euro betrug. Als Passos Coelho an die Macht kam, wurde es auf 178,10 Euro abgesenkt und die Kriterien so stark eingeschränkt, dass 300.000 Menschen selbst diese miserable Hilfe noch verloren. 480.000, vorwiegend junge, gut gebildete Menschen, haben in den letzten vier Jahren das Land verlassen. Das Land blutet aus und was bleibt, sind die Alten, die Kranken, Leute ohne Ausbildung und alle, die aus irgendwelchen Gründen in Portugal festsitzen.
Allerdings muss auch gelobt werden, was gut ist. Vor allem anderem wären da die jungen Unternehmer, die aus ihrer Arbeitslosigkeit das Beste machen. Innovativ, kreativ aber ohne Finanzmittel, stürzen sie sich ins Unbekannte, arbeiten bis zum Umfallen und bauen lukrative, kleine Geschäfte in Landwirtschaft, Mode, Design oder im alternativem Tourismus auf. Dabei stellt sich die Frage, warum diese Unternehmen nicht mehr Unterstützung bekommen? Es scheint, als wäre es interessanter beim verscherbeln der Staatsbetriebe zuzugreifen. Leider haben der kleine Mann oder Frau, die sich selbstständig machen, nicht den Stellenwert den sie verdienen. Der Tourismus kann auch auf steigende Zahlen verweisen, da Portugal ein sicheres und weithin günstiges Urlaubsland ist. Auch gibt es einen Solidaritätstourismus, von Nordeuropäern die dem Treiben der Märkte und der Merkelregierung entgegenwirken wollen.
Es gibt viele Menschen, die von Merkels und Schäubles Sprüchen von „mehr Strenge zeigen“ oder „schlampige Südländer“ und „über ihren Verhältnissen lebende…“ Kopfschmerzen bekommen haben und deshalb extra in den Krisenländern ihr Geld ausgeben. Die Auswanderer schicken natürlich auch Geld nach Hause. Doch ist das Leben in ihren Gaststaaten auch nicht einfach und so bleibt nicht viel übrig. Sie sind dort um überhaupt Arbeit zu haben und nicht um besser zu verdienen. Denn die Armut ist in ganz Europa am wachsen und breitet sich immer stärker aus. Die Armut im Rest der Welt ist zum Teil eher auf dem Rückzug. Oder doch nicht? Die EU hat jedenfalls seit einem Vierteljahrhundert einen Weg des Sozialabbaus und ständiger Einsparungen eingeschlagen.
Am Beispiel Irlands ist es auch zu sehen, wie es die Menschen die ohnehin schon arm waren und daher keine Lobby haben, am schlimmsten trifft. Gestern arm, heute obdachlos! Laut einem Artikel in der Irish Times hat sich die Anzahl der obdachlosen Kinder in Dublin im letztem Jahr mehr als verdoppelt. Ende September lebten 5.000 Menschen auf der Straße, von denen 1571 Kinder und 980 Eltern waren. Doch wichtiger wie die Zahlen, sind die Schicksale hinter den Excel-Tabellen. Das sind Kinder, die von Notübernachtung zu Notübernachtung, meist in Begleitung ihrer alleinerziehenden Mutter, ziehen. Für die Erwachsenen ist es ebenfalls ein nie endender Albtraum.
Dabei ist die Frage der Obdachlosigkeit aufgrund von Alkohol oder Drogen oder jedoch von Alkohol und Drogen aufgrund der Obdachlosigkeit so etwas wie die Frage nach der Henne und dem Ei. Es gibt Menschen ohne Suchtprobleme die auf der Straße landen und sehr viele Menschen mit Suchtproblemen, die einen stabilen Job und ein eigenes Zuhause haben.
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http://www.contra-magazin.com/2015/10/armut-die-erschreckenden-folgen-der-herrschaft-der-maerkte/