Seit zwei Monaten ist er nun im Gange, der spektakulärste Börsencrash, den die Welt je gesehen hat. In den vergangenen drei Jahrzehnten hat sich China sehr stark in Richtung Westen geöffnet, und wie so viele andere Dinge auch war das Börsenmodell der Chinesen »Made in USA«, oder genauer gesagt: »Made on Wall Street«.
Die Aktienblase allerdings, die in den vergangenen sechs Monaten explodiert ist, war durch und durch »Made in China«, ausgelöst von der chinesischen Staatsführung, die offenbar nicht die geringste Ahnung davon hatte, wie schuldenfinanzierte Wertpapiermärkte wirklich funktionieren.
Präsident Xi Jinping und der Regierung droht nun ein massiver Vertrauensverlust bei der Bevölkerung, allen voran bei den 90 Millionen gewöhnlichen Bürgern, die den Empfehlungen ihrer Führung vertrauten und ihr Erspartes in chinesische Titel schaufelten.
Im Juni kippte die Stimmung, die Investoren verloren das Vertrauen in die Börsen in Schanghai und Shenzhen. Seitdem brechen die Kurse weg. Der Crash ist noch lange nicht vorüber und droht nun, das ganze Land ins Wirtschaftschaos zu stürzen. Das Problem ist eine naive und möglicherweise auch gierige Führung, die vor mehreren Monaten mit extrem gefährlichen Maßnahmen die Aktienblase platzen ließ. Als der brutale Absturz mehrere Tausend Milliarden Dollar Börsenwert binnen weniger Tage vernichtete, griff die Führung zu noch gefährlicheren Gegenmaßnahmen.
Mancher mag das böse Ausland dahinter vermuten und spekulieren, Wall Street und Washington hätten ihre Finger im Spiel, weil sie die wachsende Bedrohung im Keim ersticken wollten, die Chinas wachsende Finanzmacht für die Rolle des Dollars als globale Leitwährung darstellt. Die derzeitige Beweislage spricht jedoch sehr stark dafür, dass die Blase einzig auf sehr riskante und sehr, sehr unbedachte politische Entscheidungen Pekings zurückzuführen ist.
Der Ärger mit den Schattenbanken
Xi Jinping wurde Ende 2012 zum chinesischen Präsidenten gekürt. Seit seinem Amtsantritt macht er sich für den chinesischen Aktienmarkt stark, bewirbt ihn als »Anker des chinesischen Traums«. Ministerpräsident Li Keqiang tritt mit dem Slogan »Lasst den Markt tun, was er am besten kann« an. Beide Spitzenpolitiker riefen die gewöhnlichen Bürger auf, Anteile an börsennotierten chinesischen Unternehmen zu erwerben.
Die Führung in Peking hat – sehr ermutigt durch US-Finanzministerium und IWF – erklärt, dass »die Marktmächte entscheidend sein werden«, was die Reformen angeht, die Chinas langsamer werdendes Wirtschaftswachstum wieder ankurbeln sollen. Offenbar sah die Börsenstrategie vor, mit Schulden überfrachtete Staatskonzerne mit frischem Kapital zu versehen und den Betrieb aufrecht erhalten zu können, auch während die Konjunktur bei Weitem nicht mehr so rasch wuchs wie in früheren Jahren.
Von Staatsvertretern über die chinesische Notenbank und Börsenaufsicht bis hin in die obersten Ebenen des Staatsrats – die fortwährende Kernschmelze am chinesischen Aktienmarkt zeigt, dass viele Beteiligte keine Ahnung hatten, wie gefährlich die von der Wall Street importierten Instrumente sein können, mit deren Hilfe sie vergangenes Jahr die Kurse höher und höher treiben wollten.
Dass gewöhnliche Bürger sich für Aktiengeschäfte Geld von Brokerfirmen leihen und die Aktien als Sicherheit hinterlegen durften, erwies sich als gefährlichste Entscheidung von allen. »Wertpapierbelehnung« heißt diese Methode oder nach dem englischen Begriff »Margin Buying«. Bei der Aktienmarktblase, die die USA seit Ende des Zweiten Weltkriegs erlebt haben, und dem darauffolgenden Crash spielte die Wertpapierbelehnung eine Rolle. Das gilt ganz besonders für die Internetblase, die 1999/2000 platzte.
Aber wo die Amerikaner mit einem Turbolader-Modell arbeiteten, legten die Chinesen noch einen drauf.
2014 zeigten sich die chinesischen Regulierer alarmiert, wie stark die Rolle der »Schattenbanken« als Kreditgeber in der chinesischen Wirtschaft zugenommen hatte. Die Aufsicht griff hart durch gegen diesen rasch wachsenden Industriezweig, der die Mittel bereitgestellt hatte, die nötig waren, um das Wirtschaftswachstum immer schneller voranzutreiben. Das Vorgehen der Behörden hatte dramatische Folgen, umso mehr, als man einige bekannte Nicht-Banken ohne staatliche Hilfe untergehen ließ. Der November 2014 kam und die Neuvergabe von Krediten lag deutlich unter dem Vorjahreswert. Seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 2005 war die Kreditvergabe in China noch nie dermaßen langsam gewachsen. Das harte Durchgreifen gegen die Schattenbanken führte zu einem kräftigen Abbremsen des Wirtschaftswachstums.
In dieser Situation gelangte die chinesische Führung zur Überzeugung, die Börse könne die Dinge zum Besseren wenden. Vielleicht ließ sie sich von übereifrigen und blauäugigen Finanzberatern überzeugen, die an amerikanischen Universitäten das Finanzwesen studiert hatten oder an der Wall Street gearbeitet haben. Wie auch immer: Die Führung meinte, man müsse »den kleinen Mann« dazu bringen, sein Erspartes in Aktien zu stecken und den überschuldeten Staatskonzernen einen zweiten Frühling bescheren, dann werde schon alles wieder gut.
Ende 2014 läuteten die chinesischen Staatsmedien eine große Propagandaoffensive ein, bei der gewöhnliche Bürger aufgefordert wurden, sich ihr Stück vom »Anker des chinesischen Traums« zu erwerben. Damit auch alles reibungslos vonstattengehen konnte, ließen die Notenbank und die chinesische Börsenaufsicht CSRC ab Anfang 2015 in großem Stil Wertpapierbelehnung zu. Zunächst war das Ganze ein voller Erfolg: Aktienkäufe im Rahmen dieser neuen Methode boomten wie verrückt, die Aktienkurse gingen durchs Dach. Zwischen November, als das Vorgehen gegen die Schattenbanken die Neuausrichtung nach sich zog, und dem Kurshoch Mitte Juni gewannen chinesische Aktien im Schnitt 100 Prozent an Wert hinzu.
Plötzlich war es wieder wie 1929 an der Wall Street: Jeder chinesische Schweinezüchter träumte nun davon, demnächst in Rente gehen zu können, genauso Großmütter, Lehrer und Arbeiter. Sie alle schaufelten ihr Geld in Aktienwerte. 90 Millionen Chinesen beteiligten sich am Run auf Aktien. Bevor die Blase Mitte Juni platzte, belief sich der Wert der offenen Lombardkredite auf 2200 Mrd. Yuan, was für die belehnbaren Aktien geschätzte zwölf Prozent der Streubesitz-Marktkapitalisierung ausmachte und 3,5 Prozent des chinesischen Bruttoinlandsprodukts. Ein vergleichbares Ausmaß gab es in der Geschichte der globalen Finanzmärkte wohl noch nie, heißt es in einer Analyse von Goldman Sachs.
Umgerechnet entsprechen die 2200 Mrd. Yuan rund 310 Mrd. Euro, aber bei dieser Summe handelte es sich einzig um die offiziell erfassten und regulierten Wertpapierbelehnungen über Brokerhäuser. Ein nahezu ähnlich große Summe – vielleicht 1500 Mrd. Yuan – wurde über verdeckte Kanäle den Investoren für den Aktienkauf bereitgestellt, sei es über die so genannten »Umbrella Trusts« oder über Websites, die im Rahmen von Peer-to-Peer-Krediten Sofortdarlehen für den Aktienkauf vergeben.
Solange die Kurse steigen, ist diese Art der Geschäftemacherei so, als habe man eine Geldpresse im Keller stehen. Aber schlägt die Stimmung um, fällt auch der Wert der Aktien, die als Sicherheit hinterlegt wurden. Dann stellen die Broker Einschussforderungen an die Schuldner – sie wollen Geld sehen. Um die Mittel aufzubringen, waren die meisten Kleinanleger gezwungen, einen Teil ihrer Aktien oder das gesamte Depot zu verkaufen.
Das ist nämlich die unerbittliche umgekehrte Hebelwirkung einer Finanzblase. Wer die Ereignisse an der Wall Street in den vergangenen drei Jahrzehnten aufmerksam verfolgt hat, weiß darüber Bescheid.
Im April versuchte die Börsenaufsicht einzugreifen und das »Margin Buying« einzudämmen, ohne dabei die inzwischen deutlich erkennbare Blase zum Platzen zu bringen. Doch der Markt brach weg und die CSRC musste sofort ihren Kurs korrigieren. Jetzt gab sie eine Lockerung der Bestimmungen zu Wertpapierbelehnungen bekannt, während die erfahreneren Investoren, die eine Baisse witterten, ihre Beteiligungen verkauften und gewaltige Gewinne einfuhren. Damit nahmen die Ereignisse ihren Lauf. Millionen börsenunerfahrener chinesischer Investoren versuchten nun panikartig, aus dem Markt auszusteigen.
Mitte Juni hatte der mittlere Preis der chinesischen Aktien ein spektakuläres Niveau erreicht, das 85-Fache der Gewinne! Zum Vergleich: Benjamin Graham von der Columbia University – der immerhin Warren Buffett unterrichtete – lehrte folgende Formel zum Wert einer Aktie: Gewinn pro Aktie *(8,5 + 2 * Wachstum [%]). Beim aufgeblähten Index Standard & Poor’s 500 beläuft sich das Kurs-Gewinn-Verhältnis noch auf das etwa 19-Fache der gemeldeten Gewinne.
Peking verfällt in Panik, während Millionen Gumin ruiniert sind
Der chinesische Begriff für Investor lautet »Gumin«. Chinas jüngste Aktienmarktblase war von einer Regierung verursacht worden, die 90 Millionen gewöhnliche Chinesen dazu brachte, ihr Erspartes in chinesische Aktien zu stecken. Beim Großteil der neuen Aktionäre handelte es sich um Menschen, die wenig oder gar keine Erfahrung mit den Risiken hatten, die das Spielen an der Börse mit sich bringt. Die gewöhnlichen Gumin haben, Stand 4. Juli, im Schnitt geschätzte 420 000 Yuan verloren, hat die Guangzhou Daily errechnet. Für kleine Arbeiter, Straßenhändler, Bauern und Hausfrauen ist diese Summe, die knapp 60 000 Euro entspricht, ein gewaltiger Verlust. Es gibt eine zunehmende Zahl von Berichten über Selbstmorde und Gewalthandlungen. Aus Nanchang wurde der Fall von einem Mann gemeldet, der seine Frau ermordete, weil sie mit Spekulationsgeschäften 1,8 Mio. Yuan Schulden angehäuft hatte.
Ganz offensichtlich ist die Zentralregierung in Panik geraten und hat auf eine Art und Weise reagiert, die die Dinge noch verschlimmerte. Am 28. Juni senkte die Notenbank gleichzeitig die Zinssätze und reduzierte die Anforderungen, was die Mindestkapitaleinlagen der Banken anging. Dann wies sie staatlich kontrollierte Pensionsfonds an, in großen Mengen Aktien zu kaufen. Am 4. Juli bestellte der Staatsrat die Chefs der größten nationalen Brokerhäuser ein. Bei dem Krisentreffen in Peking wurden sie aufgefordert, »zu kaufen und niemals zu verkaufen«. Dann untersagte es die CSRC institutionellen Anlegern und sonstigen Aktionären, die mehr als fünf Prozent der Anteile an einem Unternehmen hielten, sich innerhalb der kommenden sechs Monate von Aktien zu trennen. Zwei Tage später wurde die Hälfte der 2800 Firmen, die in Schanghai und Shenzhen notiert sind, vom Handel ausgesetzt, was die Börse praktisch lahm legte. Bei den Bemühungen, die Panik zu stoppen, wurde es dann so richtig gruselig: Chinas Ministerium für Öffentliche Sicherheit, normalerweise damit befasst, gegen politische Abweichler vorzugehen, kündigte an, man werde »bösartige« Leerverkäufer verhaften.
Diese außergewöhnlichen Interventionsmaßnahmen des Staates konnten das Debakel gerade einmal drei Wochen aufhalten. Begleitet von der Angst vor einer weiteren Abwertung des Renminbi und nachdem die Regierung das Verkaufsverbot wieder aufgehoben hatte, stürzten die Aktien am 18. August um zusätzliche sechs Prozent ab, während die Aktienkäufe auf Kredit weiter abgewickelt wurden.
Die Krise als Chance
Man kann davon ausgehen, dass die Führung in Peking derzeit über der Frage brütet, wie klug es war, für das Ziel, eine finanzielle Weltmacht zu werden, das Wall-Street-Modell zu übernehmen. Schanghai sollte zur neuen Wall Street Asiens, wenn nicht der Welt aufsteigen. Dieser Wunsch ist geplatzt, denn kein ausländischer Investor wird einem Markt trauen, auf dem der Staat interveniert, ein Verkaufsverbot ausspricht und Verkäufer verhaftet. »Das Vertrauen in den nationalen chinesischen Wertpapiermarkt ist zerbrochen und wird so schnell nicht wieder entstehen«, sagte ein Analyst der Schweizer Investmentfirma Julius Bär. Noch vor wenigen Wochen hatten Beobachter es zuversichtlich als »unvermeidlich« bezeichnet, dass chinesische Aktien schon bald zu den großen globalen Aktienindizes aufsteigen und als Benchmark-Index für professionelle Anleger geführt werden. Heute ist das undenkbar.
Das wiederum könnte sich aber auch als Segen erweisen. China steckt offenbar in einer schweren Krise, die, wenn noch mehr Fehler gemacht werden, rasch verheerende Folgen für die chinesische Volkswirtschaft und die Welt haben können. Vielleicht eröffnet sich China so aber auch die Gelegenheit, seine Finanzstrategie noch einmal zu überdenken, was die »One Belt, One Road«-Infrastruktur-Initiative anbelangt.
Wird sich China nicht der Risiken bewusst, die es mit sich bringt, wenn man dem amerikanischen Vorbild in Sachen Marktderegulierung und Öffnung für freien Kapitalfluss anbelangt, macht sich das Land anfällig für die Art Finanzschocks, die die Tiger-Wirtschaften 1997/98 während der Asienkrise erlitten. Damals zogen die Wall Street, die Quantum Funds von George Soros und Washington die Fäden in der Absicht, die Tiger in Washingtons Käfig zu locken. Zum jetzigen Zeitpunkt ist die Liberalisierung der Finanzmärkte und der Devisenmärkte ganz klar Chinas Achillesferse. Die Kriegsplaner in US-Finanzministerium und US-Außenministerium wissen das jetzt nur zu gut.