F. William Engdahl
Die Türkei ist ein wunderschönes Land, hat viel zu bieten und ist die Heimat vieler hochintelligenter und warmherziger Menschen. Leider hat sie jedoch auch einen Präsidenten, der es offenbar darauf anlegt, die einst so stolze Nation zu zerstören. Es tauchen immer mehr Details auf, die zeigen, dass niemand anderer als der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan oder seine Geheimdienste den »Islamischen Staat in Irak und Syrien« (kurz »ISIS«, »IS« oder »Daesh«) am Leben erhalten.

Einige Beobachter sagen, Erdoğan träume von einem zweiten Osmanischen Reich, das sich über Syrien und den Irak bis ganz nach China erstreckt. Diese Träume drohen nicht nur die Türkei zu vernichten, sondern auch den ganzen Nahen Osten mit in den Abgrund zu reißen.
Im Oktober 2014 erklärte der amerikanische Vizepräsident Joe Biden bei einer Rede in Harvard, Erdoğans Regime unterstütze ISIS mit »Hunderten Millionen Dollar und Tausenden Tonnen Waffen…«
Später entschuldigte sich Biden für diese Aussage – ganz offensichtlich aus taktischen Gründen, weil die Amerikaner von Erdoğan die Erlaubnis wollten, den türkischen Luftwaffenstützpunkt Incirlik für Angriffe gegen ISIS in Syrien nutzen zu können. Dabei ist das Ausmaß der Unterstützung, das Erdoğan dem »Islamischen Staat« zukommen lässt, noch viel, viel größer, als Biden es andeutete.
ISIS-Kämpfer wurden von Amerikanern und Israelis ausgebildet, aber auch, wie sich nun herausgestellt hat, seit drei Jahren von türkischen Spezialkommandos auf Geheimstützpunkten in der Provinz Konya nahe der syrischen Grenze. Erdoğans Beziehung zuISIS reicht aber noch viel weiter. Washington, Saudi-Arabien und sogar Katar haben offenbar ihre Unterstützung für ISIS eingestellt, dennoch hält sich die Organisation auffällig hartnäckig. Der Grund dafür ist offenbar die gewaltige Hilfe, die Erdoğan und sein sunnitischer Ministerpräsident und Mit-Neo-Osmane Ahmet Davutoğlu ISIS zukommen lassen.
Ein nettes Familiengeschäft
Haupteinnahmequelle von ISIS dieser Tage ist der Verkauf irakischen Öls aus den Feldern bei Mossul, einer Hochburg der Organisation. Und wer ermöglicht es ISIS, Öl aus den eroberten Gebieten zu verkaufen? Offenbar niemand Geringerer als Erdoğans Sohn Bilal höchstpersönlich.
Bilal gehören mehrere Schifffahrtsunternehmen und angeblich hat er mit europäischen Betreibern Verträge geschlossen, die vorsehen, dass das gestohlene Öl aus dem Irak an verschiedene asiatische Abnehmer geliefert wird. Die türkische Regierung kauft also Öl, das aus den eroberten irakischen Ölfeldern stammt und dem irakischen Volk gestohlen wurde. In Beirut und Ceyhan betreiben Bilal Erdoğans Schifffahrtsunternehmen spezielle Kaianlagen. Dort landet das geschmuggelte Rohöl von ISIS und geht auf Tanker in Richtung Japan.
Der stellvertretende Vorsitzende der türkischen Republikanischen Volkspartei (CHP), Gürsel Tekin, erklärte kürzlich in einem Interview gegenüber türkischen Medien: »Präsident Erdoğan behauptet, Bilals illegale Aktivitäten würden im Einklang mit den internationalen Transportkonventionen stehen und sein Sohn führe ganz normale Geschäfte mit den in Japan registrierten Unternehmen durch. Tatsächlich jedoch steckt Bilal Erdoğan bis zum Hals in terroristischen Aktivitäten. Aber solange sein Vater im Amt ist, wird er gegenüber jeder strafrechtlichen Verfolgung immun sein.«
BMZ Limited, das Unternehmen Bilals, das die Ölgeschäfte für ISIS durchführt, ist laut Tekin ein Familienunternehmen. »Enge Verwandte von Präsident Erdoğan halten Anteile an BMZ und sie haben öffentliche Mittel zweckentfremdet und von türkischen Banken unerlaubte Kredite aufgenommen.«
Bilal betreibt also für ISIS einen illegalen und lukrativen Ölhandel. Unterdessen leitet die Präsidententochter Sümeyye Erdoğan offenbar ein geheimes Feldlazarett unmittelbar hinter der syrischen Grenze. Türkische Armeelaster laden dort täglich Dutzende verwundeter ISIS-Dschihadisten ab, die man zusammenflickt und dann wieder losschickt, ihren blutigen Heiligen Krieg nach Syrien zu tragen. Das zumindest berichtet eine Krankenschwester, die in dem Lager gearbeitet hat, bis man entdeckte, dass sie Alawitin ist – sie hängt also demselben Glauben an wie der syrische Präsident Baschir al-Assad, der Mann, den Erdoğan scheinbar um jeden Preis aus dem Amt jagen möchte.
Die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) haben diesen Monat den türkischen Staatsbürger Ramazan Basol gefangengenommen, als dieser versuchte, sich von der Provinz Konya aus zu den ISIS-Truppen durchzuschlagen. Basol erzählte während der Befragung, dieİsmail-Ağa-Gemeinde habe ihn zu ISIS geschickt. Bei der İsmail-Ağa-Gemeinde handelt es sich um eine strenggläubige türkische Sekte, der gute Verbindungen zu Erdoğan nachgesagt werden. Die Sekte rekrutiere Mitglieder und biete den radikal-islamistischen Kämpfern logistische Unterstützung. In einigen Gebieten Konyas bilde die Sekte zudem Dschihad-Kämpfer aus. Wer die Ausbildung durchlaufen hat, wird nach Syrien entsandt, um sich dem »Islamischen Staat« anzuschließen.
Präsident Erdoğan hat »die Plünderung Syriens organisiert, alle Fabriken in der Wirtschaftsmetropole Aleppo abbauen und die Werkzeugmaschinen stehlen lassen«, sagt der französische Geopolitik-Analyst Thierry Meyssan. »Genauso hat er den Diebstahl archäologischer Schätze organisiert und in Antiochia einen internationalen Markt errichten lassen… Mithilfe von General Benoît Puga, dem Stabschef des französischen Präsidenten, organisierte er eine Operation unter falscher Flagge, die das Ziel hatte, das Atlantische Bündnis dazu zu verleiten, in den Krieg zu ziehen. Die Rede ist von dem Chemieangriff auf Ghuta bei Damaskus im August 2013.«
Meyssan behauptet, Erdoğan habe die Syrien-Strategie 2011 zunächst in geheimen Absprachen mit dem früheren französischen Außenminister Alain Juppé und Erdoğans damaligem Außenminister Davutoğlu entwickelt. Zuvor hatte Juppé den zögernden Erdoğan überzeugen können, sich an einem Angriff auf Syrien zu beteiligen, traditionell ein Verbündeter der Türken. Im Gegenzug wurde Erdoğan die Unterstützung der Franzosen zugesagt, was eine Aufnahme der Türkei in die EU anbelangt. Frankreich machte später einen Rückzieher, sodass Erdoğan das Blutbad in Syrien auf sich gestellt fortführen musste und dabei vor allem auf den »Islamischen Staat« zurückgriff.
Nach einem Treffen mit Erdoğan überschritt General John R. Allen seine Befugnisse und kündigte eine 150 Kilometer breite »No-fly-Zone« über syrischem Gebiet und entlang der türkischen Grenze an. Allen ist ein Gegner der Iran-Politik von US-Präsident Barack Obama und mittlerweile als Gesandter der USA dafür zuständig, die Koalition gegen den »Islamischen Staat« zu koordinieren. Mit dem Überflugverbot sollte angeblich syrischen Flüchtlingen geholfen werden, ihrer Regierung zu entkommen, aber tatsächlich diente sie dazu, den »Juppé-Wright-Plan« umzusetzen. Dass die Amerikaner hinter dem Vorhaben stehen, enthüllte der türkische Ministerpräsident Davutoğlu im Fernsehsender A Haber, als er Bombenangriffe auf die PKK ankündigte, so Meyssan.
Im Krieg gibt es niemals Sieger. Erdoğans Krieg gegen Syriens Assad zeigt das ganz deutlich. Die Türkei und die Welt verdienen etwas Besseres. Davutoğlus berühmte Politik der »null Probleme mit den Nachbarn« ist zu massiven Problemen mit sämtlichen Nachbarn verkommen. Schuld sind die närrischen Visionen von Erdoğan und seiner Bande
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