Veröffentlicht am 31. Juli 2015 von

Ein Hoch auf die Sprache, genau jene Form der Kommunikation, die es uns Menschen erlaubt, nicht nur mit gebührenden Abstand den Pflanzen und Tieren zu begegnen, jene zu mißbilligen, was wir seit Jahrtausenden ohnehin unter Beweis stellen, sondern darüber hinaus die eigene Spezies gleich mit.
Eine Besonderheit läßt den grauen oder sonnigen Alltag, je nach eigener Perspektive, in ein gänzlich anderes Licht tauchen: die Schimpfwörter. Wenn dabei noch eine folgenschwere, aber eindeutige Assoziation hilfreich Kritik, Verachtung und billigste Polemik unterstreicht, mögen sie ihr Anliegen meist nicht verfehlen. Kein Wunder, daß hintersinnig die Erkenntnis reift, warum das Unwort Nazi besonders in Deutschland eine Signalwirkung hat.
Oder sollte man vielleicht doch viel eher all jenen den Spiegel vors Gesicht halten, die gar tatsächlich voller Überzeugung dieses simple Schimpfwort leichtferig anwenden, um ihnen aufzuzeigen, wie idiotisch es in keiner Weise auch nur annähernd Sachverhalte erklärt? Aber Hauptsache sich Luft gemacht.
Andererseits wären sie ja dann auch keine Schimpfwörter, da diese ohnehin nicht unbedingt es so genau nehmen wollen, oder? Trotzdem, Nazi kommt gut an. Hurra, der Nazi ist da! Möge diese Beschimpfung diffamieren, ihr Ziel nicht verfehlen, auf das ein Gegenüber zusammenzucke, in sich kehre und Reue zeige. Fehlanzeige, tut es mitnichten. Warum bloß, möge der Überzeugte vielleicht vermuten? Ganz einfach: Nazis gibt es nicht. Sie gehören der Vergangenheit an, als noch von 1933 bis 1945 sie schonungslos in den Straßen Deutschlands ihr Unwesen trieben.
Doch halt, manche auch in anderen Ländern, bis übern Atlantik in den USA. Dort unter anderen Voraussetzungen, ohne Untertan eines Dikators zu sein, aber mit derselben Überzeugung. Was heute weiterhin unter dem Namen American Nazi Party völlig legal sich dort öffentlich austoben darf, setzen gar mit eindeutigen Arm- und Handzeichen in der Ukraine deren Kollegen um, bestimmen gar den Verlauf des Krieges gegen das eigene Volk.
Die selben entrüsteten Parolen „Nazis raus“ in deutschen Gebieten schweigen sich aus, wenn im Amiland, in der Ukraine und anderswo die dortigen „Nazis“ ungestraft agieren. Welch unfassbare Unlogik, zumal es immer simpler wird, jedwede Kritik am System, besonders in Deutschland per Nazi zu diffamieren. Schublade auf, das Unwort verfehlt nicht seine Wirkung, die so weitreichend sein kann, daß Menschen, die friedlich protestieren, als Nazis beschimpft werden.
Selbst wenn dort „rechte Kräfte“ mitlaufen, fehlt die Differenzierung. Das Rechts-Links-Denken prägt unsere politische Landschaft erneut, weil die unfähige Mitte, die etablierten Parteien, ihr Volk mißachtet, extremistische Protestformen entstehen wollen. Aber diesmal wirken die alten Parolen nicht nur abgestumpft und hilflos, sie verdeutlichen die Ohnmacht eigener Planlosigkeit, weil der lächerliche Kadavergehorsam zur USA penetranter kaum noch gen Himmel stinken vermag: Hauptsache dabei sein, unreflektiert im Chor der Nazi-Hetze mit brüllen, obwohl völlig deplatziert. Cui bono? Ganz einfach: einer bösartigen, menschenverachtenden Elite.
Ihr
Lotar Martin Kamm
Hat dies auf wolfhilta rebloggt.
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