Die Entstehung der Welt bei den Nordgermanen

yggdrasil-asgard-tableau-688

Bildquelle: eden-saga.com

Von: http://www.heilige-quellen.de/

Die Entstehung der Welt in der Vorstellung der Nordgermanen

In der Edda schildert eine altgermanische Seherin, eine Völva, in visionärer Schau die ur- und endzeitlichen Geschehnisse. Diese Vision oder Weissagung der Seherin (Völuspa) ist eine der bedeutendsten Überlieferungen der älteren oder Lieder-Edda. Es ist die wichtigste literarische Quelle zur nordgermanischen Religion. Die Lieder der Edda reichen nach neueren Forschungen in die Zeit zwischen dem 6. und 7. Jahrhundert n. Chr. zurück.

Nicht war Sand noch See noch Salzwogen, nicht Erde unten, noch oben Himmel, Gähnung grundlos, doch Gras nirgend. (Edda, Völuspa, 3). So beschreibt die germanische Seherin Völuspa das Chaos vor Erschaffung der Welt.

In der gähnenden Kluft (ginnunga gap) schied sich Dunkel von Hell. Im Norden lag klirrend das kalte Niflheim, wo eisige Stürme in Finsternis tosten. Inmitten von Ginnunga gap toste ein eisiger Brunnen, Hwergelmir (der in kesselförmiger Vertiefung Rauschende) genannt. Aus ihm ergossen sich zwölf reißende Ströme, strebten fort von ihrem Quell und erstarrten am Rande der Gähnung zu Eis, das sich Gletschern gleich am mächtigen Schlund emporschob. Die sprühende Gischt verwandelte sich in Nebel und überlagerte alles mit klirrendem Reif.

Im Süden Ginnunga gaps loderten dagegen die heißen Flammen von Muspellheim, glühend heiß und alles verzehrend, was nicht im Feuer heimisch war. Surt hieß der Wächter des Feuerreichs; sein Schwert waren die scharf lodernden Flammen mit denen er einst die Welt verheeren und die Götter stürzen würde.

Die heißen Winde Muspellheims trafen auf das klirrende Eis Nebelheims. Der Raureif schmolz, die Tropfen gewannen Leben und formten eine menschliche Gestalt. So entstand der gewaltige Urriese Ymir. Als er wild und ungeheuer am Abgrund lag, brach ihm am ganzen Körper Schweiß aus. Da erwuchsen aus der Feuchte seiner linken Achselhöhle ein Mann und eine Frau. Sein rechter Fuß zeugte einen sechshäuptigen Sohn und auch dem linken entsprang eine zahlreiche Brut. So ward die Welt von grimmigen Riesen erfüllt.

Als zweites Wesen erwuchs aus den Schmelzwassern eine Kuh: Audhumla, die Sanftreiche.

Vier Milchströme rannen aus ihren Zitzen. Damit nährte sie Ymir. Die Kuh aber fristete ihr Leben, indem sie salzige Reifsteine beleckte. Am ersten Tag leckte sie das Haar eines Mannes frei, am zweiten Tag den Kopf und am dritten den ganzen Mann. Er war groß, stark und schön anzusehen und wurde Buri, der Geborene, genannt. Sein Sohn Bur zeugte mit Besla, der Tochter des Riesen Bölthorn, die Götter Odin, Wili und We. Mit ihnen begann das nordische Götter- oder Asengeschlecht.

Es entstand Feindschaft zwischen den Göttern und Riesen. Als die Asen heranwuchsen und sich ihrer Kräfte bewusst wurden, erschlugen sie Ymir. Den Leichnam des Riesen stemmten sie in die Höhe, sodass er über dem Nichts von ginnunga gap schwebte.

Aus des Riesen Fleisch schufen sie die Erde, aus seinem Blut das brausende Meer, mit dem die Götter die Erde umgaben, sowie die Flüsse und Seen. Aus dem Gebein Ymirs formten die Götter die Berge, aus Zähnen und Knochenstücken wurden Felsen und Gestein. Die Bäume schufen die Asen aus des Riesen Haaren. Dann stülpten die Götter Ymirs Hirnschale als Himmelskuppel über die Welt.

Aus dem Gehirn des Riesen, das die Götter in die Höhe warfen, wurden die Wetterwolken. Aus den Funken Muspellheims machten die Götter Himmelslichter. Dann ordneten sie den Lauf der Sonne, des Mondes und der Sterne, die Folge von Tag und Nacht und die Jahreszählung. Von Süden her beschien die Sonne den Erdengrund, da entspross grünes Gras.

Die Erde war eine kreisrunde Scheibe und um sie herum lag das tiefe Meer. An den Küsten wiesen die Götter den Riesen Wohnplätze zu. Weiter rückwärtig errichteten sie wegen der feindlichen Gesinnung der Riesen einen Burgwall rund um die Erde und benutzten dazu die Wimpern Ymirs. Inmitten dieses Burgwalls lag Midgard – der mittlere Garten – die Welt der Menschen.

Hoch über Midgards Mitte errichteten die Götter ihre eigene Wohnstätte: Asgard – Garten der Asen, Asenland.

Als die Asen eines Tages am Strand gingen, waren dort die Baumstümpfe einer Ulme (Embla) und Esche (Ask) angetrieben. Daraus formten die Götter einen Mann und eine Frau. Odin hauchte dem ersten Menschenpaar den Atem ein, Wili schenkte ihnen Vernunft und We stattete sie mit Sinnen und Empfindungen aus. Den Mann nannten sie Ask, die Frau Embla. Als Wohnstätte bekamen die Menschen Midgard zugewiesen. Sie wurden die Ahnen des Menschengeschlechtes.

Inmitten Asgards lag eine weite, schöne Ebene, Idafeld genannt. Hier errichteten die Götter ihre Häuser, Säle und Werkstätten.

All dies aber überragte der mächtige Weltenbaum, die Esche Yggdrasil, die hohe, benetzt mit hellem Nass: von hier kommt der Tau, der in Täler fällt; immergrün steht sie am Urdbrunnen, beschreibt sie die Seherin. Ihre Krone Yggdrasils reicht bis in den Himmel, ihre Zweige breiten sich über die ganze Welt. Drei Hauptwurzeln tragen den mächtigen Stamm. Eine reicht tief hinab in den Schlund Ginnunga gap, ins neblige Niflheim und in das Heim der Reifthursen. An ihrem Wurzelfuß brodelt der Quellkessel Hwergelmir. Hier entspringen alle reißenden Flüsse dieser Welt. Hier in Nebelheim waltet auch Hel, die Unterwelts- und Todesgöttin.

Die zweite Wurzel des Weltenbaums gründet in Jötunheim, der Riesen Land, wo Mimirs Brunnen entspringt. Jeder, der aus diesem Brunnen trinkt, erhält Weisheit und Wissen. Hüter der Quelle war der weise Riese Mimir. Da Mimir täglich aus der Riesenquelle trank, verfügte er über große Weisheit und die seherische Kraft, die Zukunft zu schauen. Um ebenfalls Weisheit aus dieser Quelle zu erlangen, war Gott Odin bereit, Mimir ein Auge zu verpfänden.

Die dritte Wurzel gründete im Hain der Götter. Hier entsprang die heiligste aller Quellen. Sie wurde Urds Brunnen oder Urdarbrunnen genannt. Auf seinem dunklen Wasserspiegel schwimmen zwei weiße Schwäne. An diesem Brunnen wohnen die geheimnisvollen drei Jungfrauen, die Nornen Urd, Werandi und Skuld – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Täglich begießen sie die Zweige des Weltenbaums mit dem lebenserhaltenden Wasser des Brunnens, aus dem auch die Götter und Helden immer wieder neue Lebenskraft schöpfen. Hier versammelten sich die Götter zu ihren täglichen Beratungen.

Die drei heiligen Frauen galten als Hüterinnen des Lebens. Sie schnitzten die Schicksalsstäbe, die über Glück und Leid, Leben oder Tod der Menschen und sogar über das Schicksal der Götter entschieden. Aus dieser Funktion heraus sah man sie auch als die Spenderinnen des Lebens und der Fruchtbarkeit. Die drei Nornen galten den Frauen als Helferinnen bei Geburtswehen.

Die drei weisen Frauen sind mit den drei Mutter- und Fruchtbarkeitsgöttern verwandt, die in römischer Zeit in Süd- und Westdeutschland als Matronae verehrt wurden. Auch die Matronae standen in einer Beziehung zum Wasser. Ihre Weihesteine waren häufig an Brunnen und Quellen aufgestellt. Im christlichen Volksglauben und in Legenden leben die Nornen als die drei Schwestern, drei Madeln oder drei Marien noch heute fort.

Allerlei Tiere und Unwesen zehrten an der gewaltigen Esche Yggdrasil, um sie zu Fall zu bringen und um dadurch das Ende der Welt herbeizuführen. Am Brunnen Hwergelmir nagten der Drache Nidhögg und anderes Gewürm an den Wurzeln. In der Krone des Weltenbaums saß der Adler und schrie hässliche Schimpfworte gegen den Drachen. Jener antwortete dem Greif mit heftigen Schmähreden. Zwischen den ewigen Gegnern sprang das Eichhörnchen Ratatosk unablässig am Stamm hinauf und hinab, um die Schmähbotschaften zu überbringen. Hirsche fraßen am Laub des Baumes.

Doch die Nornen an Urds Brunnen begossen die Wurzeln der Esche beständig mit frischem Wasser und legten feuchten Schlamm aus der Quelle um die Wurzeln, damit die Zweige nicht verfaulten oder verdursteten.

Über den hohen Himmelsfelsen an der Grenze Asgards ragte die dreifarbige Regenbogenbrücke Bifröst über ausgedehnte und tiefe Gewässer. Das Rot des Bogens entsteht, weil die Brücke in Flammen steht. Kein böses Wesen konnte über sie gelangen. kk

Verwendete Quellen:
Wilhelm Grönbech, Nordische Mythen und Sagen, Berlin o.D.
H.W. Fischer, Helden und Götter, Berlin 1934
R.M. Meyer, Altgermanische Religionsgeschichte, Berlin 1909

To

Völuspá – Die Weissagung der Seherin 1/2 (deutsche Untertitel)

Teil 2

Das Lied der Seherin

in der Übersetzung von Karl Simrock (28.8.1802- 18.7.1876)

Völuspa

Der Seherin Ausspruch

1. Allen Edlen gebiet ich Andacht,
Hohen und Niedern von Heimdalls Geschlecht;
Ich will Walvaters Wirken künden,
Die ältesten Sagen, der ich mich entsinne.

2. Riesen acht ich die Urgebornen,
Die mich vor Zeiten erzogen haben.
Neun Welten kenn ich, neun Äste weiß ich
An dem starken Stamm im Staub der Erde.

3. Einst war das Alter, da Ymir lebte:
Da war nicht Sand nicht See, nicht salzge Wellen,
Nicht Erde fand sich, noch Überhimmel,
Gähnender Abgrund und Gras nirgend.

4. Bis Börs Söhne die Bälle erhuben,
Sie, die das mächtige Midgard schufen.
Die Sonne von Süden schien auf die Felsen
Und dem Grund entgrünte grüner Lauch.

5. Die Sonne von Süden, des Mondes Gesellin,
Hielt mit der rechten Hand die Himmelsrosse.
Sonne wusste nicht, wo sie Sitz hätte,
Mond wusste nicht, was er Macht hätte,
Die Sterne wussten nicht, wo sie Stätte hatten.

6. Da gingen die Berater zu den Richterstühlen,
Hochheilge Götter hielten Rat.
Der Nacht und dem Neumond gaben sie Namen,
Hießen Morgen und Mitte des Tags,
Under und Abend, die Zeiten zu ordnen.

7. Die Asen einten sich auf dem Idafelde,
Hof und Heiligtum hoch sich zu wölben.
(Übten die Kräfte alles versuchend,)
Erbauten Essen und schmiedeten Erz,
Schufen Zangen und schön Gezäh.

8. Sie warfen im Hofe heiter mit Würfeln
Und darbten goldener Dinge noch nicht.
Bis drei der Thursen-Töchter kamen
Reich an Macht, aus Riesenheim.

9. Da gingen die Berater zu den Richterstühlen,
Hochheilge Götter hielten Rat,
Wer schaffen sollte der Zwerge Geschlecht
Aus Brimirs Blut und blauen Gliedern.

10. Da ward Modsognir der Mächtigste
Dieser Zwerge und Durin nach ihm.
Noch manche machten sie menschengleich
Der Zwerge von Erde, wie Durin angab.
[Es folgt die Aufzählung einer Reihe von Zwergennamen.]

14. Zeit ist’s, die Zwerge von Dwalins Zunft
Den Leuten zu leiten bis Lofar hinauf,
Die aus Gestein und Klüften strebten
Von Aurwangs Tiefen zum Erdenfeld.

15. Da war Draupnir und Dolgtrasir,
Har, Haugspori, Hläwang, Gloi,
Skirwir, Wirwir, Skafid, Ai,
Alf und Yngwi, Eikinskjaldi.

16. Fialar und Frosti, Finnar und Ginnar,
Heri, Höggstari, Hliodolf, Moin.
Solange Menschen leben auf Erden,

Wird zu Lofar hinauf ihr Geschlecht geleitet.

17. Gingen da dreie aus dieser Versammlung,
Mächtige, milde Asen zumal,
Fanden am Ufer unmächtig
Ask und Embla und ohne Bestimmung.

18. Besaßen nicht Seele, und Sinn noch nicht,
Nicht Blut noch Bewegung, noch blühende Farbe.
Seele gab Odin, Hönir gab Sinn,
Blut gab Lodur und blühende Farbe.

19. Eine Esche weiß ich, heißt Yggdrasil,
Den hohen Baum netzt weißer Nebel;
Davon kommt der Tau, der in die Täler fällt.
Immergrün steht er über Urds Brunnen.

20. Davon kommen Frauen, vielwissende,
Drei aus dem See dort unterm Wipfel.
Urd heißt die eine, die andre Werdani:
Sie schnitten Stäbe; Skuld hieß die dritte.
Sie legten Lose, das Leben bestimmten sie
Den Geschlechtern der Menschen,
das Schicksal verkündend.

21. Allein saß sie außen, da der Alte kam,
Der grübelnde Ase, und ihr ins Auge sah.
Warum fragt ihr mich? Was erforscht ihr mich?
Alles weiß ich, Odin, wo du dein Auge bargst:

22. In der vielbekannten Quelle Mimirs.
Met trinkt Mimir allmorgendlich
Aus Walvaters Pfand! Wisst ihr, was 
das bedeutet?

23. Ihr gab Heervater Halsband und Ringe
Für goldene Sprüche und spähenden Sinn.
Denn weit und breit sah sie über die Welten all.

24. Ich sah Walküren weither kommen,
Bereit zu reiten zum Rat der Götter.
Skuld hielt den Schild, Skögol war die andre,
Gunn, Hilde, Göndul und Geirskögul.
Hier nun habt ihr Herjans Mädchen,
Die als Walküren die Welt durchreiten.

25. Da wurde Mord in der Welt zuerst,
Da sie mit Geren Gulweig (die Goldkraft) stießen,
In des Hohen Halle, die helle brannten.
Dreimal verbrannt ist sie dreimal geboren,
Oft, unselten, doch ist sie am Leben.

26. Heid hieß man sie, wohin sie kam,
Wohlredende Wala zähmte sie Wölfe.
Sudkunst konnte sie, Seelenheil raubte sie,
Übler Leute Liebling allezeit.

27. Da gingen die Berater zu den Richterstühlen,
Hochheilige Götter hielten Rat,
Ob die Asen sollten Untreue strafen,
Oder alle Götter Sühnopfer empfangen.

28. Gebrochen war der Burgwall den Asen,
Schlachtkundge Wanen stampften das Feld.
Odin schleuderte über das Volk den Spieß:
Da wurde Mord in der Welt zuerst.

29. Da gingen die Berater zu den Richterstühlen,
Hochheilge Götter hielten Rat,
Wer mit Frevel hätte die Luft erfüllt,
Oder dem Riesenvolk Odhurs Braut gegeben?

30. Von Zorn bezwungen zögerte Thor nicht,
Er säumt selten, wo er solches vernimmt:
Da schwanden die Eide, Wort und Schwüre,
Alle festen Verträge jüngst trefflich erdacht.

31. Ich weiß Heimdalls Horn verborgen
Unter dem himmelhohen heiligen Baum.
Einen Strom seh ich stürzen mit starkem Fall
Aus Walvaters Pfand: wisst ihr, was das bedeutet?

32. Östlich saß die Alte im Eisengebüsch
Und fütterte dort Fenrirs Geschlecht.
Von ihnen allen wird eins das schlimmste:
Des Mondes Mörder übermenschlicher Gestalt.

33. Ihn mästet das Mark gefällter Männer,
Der Seligen Saal besudelt das Blut.
Der Sonne Schein dunkelt in kommenden Sommern,
Alle Wetter wüten: wisst ihr, was das bedeutet?

34. Da saß am Hügel und schlug die Harfe
Der Riesin Hüter, der heitre Egdir.
Vor ihm sang im Vogelwalde
Der hochrote Hahn, geheißen Fialar.

35. Den Göttern gellend sang Gullinkambi,
Weckte die Helden beim Heervater,
Unter der Erde singt ein andrer,
Der schwarzrote Hahn in den Sälen Hels.

36. Ich sah dem Baldur, dem blühenden Opfer,
Odins Sohne, Unheil drohen.
Gewachsen war über die Wiesen hoch
Der zarte, zierliche Zweig der Mistel.

37. Von der Mistel kam, so dauchte mich
Hässlicher Harm, da Hödur schoss.
(Baldurs Bruder, war kaum geboren,
Als einsichtig Odins Erbe zum Kampf ging.
Die Hände nicht wusch er,
das Haar nicht kämmt er,
Eh er zum Bühle trug Baldurs Töter.)
Doch Frigg beklagte in Fensal dort
Walhalls Verlust: wisst ihr, was das bedeutet?

38. In Ketten lag im Quellenwalde
In Unholdgestalt der arge Loki.
Da sitzt auch Sigyn unsanfter Gebärde,
Des Gatten Waise: wisst ihr, was das bedeutet?

39. Gewoben weiß da Wala Todesbande,
Und fest geflochten die Fessel aus Därmen.
Viel weiß der Weise, weit seh ich voraus
Der Welt Untergang, der Asen Fall.
Grässlich heult Garm vor der Gnupahöhle,
Die Fessel bricht und Freki rennt.

40. Ein Strom wälzt ostwärts durch Eitertäler
Schlamm und Schwerter, der Slidur heißt.

41. Nördlich stand an den Nidabergen
Ein Saal aus Gold für Sindris Geschlecht.
Ein andrer stand auf Okolnir
Des Riesen Biersaal, Brimir genannt.

42. Einen Saal seh ich, der Sonne fern
In Nastrands, die Türen sind nordwärts gekehrt.
Gifttropfen fallen durch die Fenster nieder;
Mit Schlangenrücken ist der Saal gedeckt.

43. Im starrenden Strome stehn da und waten
Meuchelmörder und Meineidige
(Und die andrer Liebsten ins Ohr geraunt).
Da saugt Nidhögg die entseelten Leiber,
Der Menschenwürger: wisst ihr, was das bedeutet?

44. Viel weiß der Weise, sieht weit voraus
Der Welt Untergang, der Asen Fall.

45. Brüder befehden sich und fällen einander,
Geschwister sieht man die Sippe brechen.
Der Grund erdröhnt, üble Disen fliegen;
Der eine schont des andern nicht mehr.

46. Unerhörtes ereignet sich, großer Eh’bruch.
Beilalter, Schwertalter, wo Schilde krachen,
Windzeit, Wolfszeit eh die Welt zerstürzt.

47. Mimirs Söhne spielen,
der Mittelstamm entzündet sich
Beim gellenden Ruf des Giallarhorns.
Ins erhobne Horn bläst Heimdall laut,
Odin murmelt mit Mimirs Haupt.

48. Yggdrasil zittert, die Esche, doch steht sie,
Es rauscht der alte Baum, da der Riese frei wird.
(Sie bangen alle in den Banden Hels
Bevor sie Surturs Flamme verschlingt.)
Grässlich heult Garm vor der Gnupahöhle,
Die Fessel bricht und Freki rennt.

49. Hrym fährt von Osten und hebt den Schild,
Jörmungand wälzt sich im Jötunmute.
Der Wurm schlägt die Flut, der Adler facht,
Leichen zerreißt er; los wird Naglfar.

50. Der Kiel fährt von Osten,
da kommen Muspels Söhne
Über die See gesegelt; sie steuert Loki.
Des Untiers Abkunft ist all mit dem Wolf;
Auch Bileists Bruder ist ihm verbündet.

51. Surtur fährt von Süden mit flammendem Schwert,
Von seiner Klinge scheint die Sonne der Götter.
Steinberge stürzen, Riesinnen straucheln,
Zu Hel fahren Helden; der Himmel klafft.

52. Was ist mit den Asen? Was ist mit den Alfen?
All Jötunheim ächzt, die Asen versammeln sich.
Die Zwerge stöhnen vor steinernen Türen,
Der Bergwege Weiser: wisst ihr, was das bedeutet?

53. Da hebt sich Hlins anderer Harm,
Da Odin eilt zum Angriff des Wolfs.
Belis Mörder misst sich mit Surtur;
Schon fällt Friggs einzige Freude.

54. Nicht säumt Siegvaters erhabner Sohn
Mit dem Leichenwolf, Widar, zu fechten:
Er stößt dem Hwedrungssohn den Stahl ins Herz
Durch gähnenden Rachen: so rächt er den Vater.

55. Da kommt geschritten Hlodyns schöner Erbe,
Wider den Wurm wendet sich Odins Sohn.
Mutig trifft ihn Midgards Segner.
Doch fährt neun Fuß weit Fiörgyns Sohn
Weg von der Natter, die nichts erschreckte.
Alle Wesen müssen die Weltstatt räumen.

56. Schwarz wird die Sonne, die Erde sinkt ins Meer,
Vom Himmel schwinden die heitern Sterne.
Glutwirbel umwühlen den allnährenden Weltbaum,
Die heiße Lohe beleckt den Himmel.

57. Da seh ich auftauchen zum andern Male
Aus dem Wasser die Erde und wieder grünen.
Die Fluten fallen, darüber fliegt der Aar,
Der auf dem Felsen nach Fischen weidet.

58. Die Asen einen sich auf dem Idafelde,
Über den Weltumspanner zu sprechen, den großen.
Uralter Sprüche sind sie da eingedenk,
Von Fimbultyr gefundner Runen.

59. Da werden sich wieder die wundersamen
Goldenen Bälle im Grase finden,
Die in Urzeiten die Asen hatten,
Der Fürst der Götter und Fiölnirs Geschlecht.

60. Da werden unbesät die Äcker tragen,
Alles Böse bessert sich, Baldur kehrt wieder.
In Heervaters Himmel wohnen Hödur und Baldur,
Die walweisen Götter. Wisst ihr, was das bedeutet?

61. Da kann Hönir selbst sein Los sich kiesen,
Und beider Brüder Söhne bebauen
Das weite Windheim. Wisst ihr, was das bedeutet?

62. Einen Saal seh ich heller als die Sonne,
Mit Gold bedeckt auf Gimils Höhn:
Da werden bewährte Leute wohnen
Und ohne Ende der Ehren genießen.

63. Da reitet der Mächtige zum Rat der Götter,
Der Starke von oben, der alles steuert.
Den Streit entscheidet er, schlichtet Zwiste,
Und ordnet ewige Satzungen an.

http://www.heilige-quellen.de/

Advertisements

Ein Kommentar zu “Die Entstehung der Welt bei den Nordgermanen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s