Im Neben-Universum der Finanzmärkte droht ein galaktischer Sturm

Markus Gärtner

Im größten und gefährlichsten Neben-Universum der Kapitalmärkte rumort es. Dem Reich der Schattenbanken droht ein Kollaps, wenn die Turbulenzen an den Börsen weitergehen.

In dieser dunklen Materie der Finanzwelt sind laut dem internationalen Rat für Finanzstabilität, demFinancial Stability Board, 75 Billionen Dollar unterwegs. Das entspricht der jährlichen Wirtschaftsleistung der ganzen Welt. Hier werden mit riesigen Kredithebeln hoch-explosive Wertpapiere finanziert und gehandelt. Ein kleiner Funke wie Griechenland kann das Fass entzünden.

Als Schattenbanken gelten Geldmarktfonds, Investmentbanken und Hedgefonds ‒ also Finanzdienstleister und Kreditgeber ‒ die nicht wie die klassischen Banken von der staatlichen Einlagenversicherung gedeckt sind.

Weil sie es nicht sind, unterliegen sie auch nicht den Auflagen, die Regulierer den Banken machen. Die Folge: Waghalsige und extrem auf Pump finanzierte Geschäfte werden zunehmend dorthin verlagert, um sie vor der Finanzaufsicht zu verstecken.

Im vergangenen Jahr ist dieses Neben-Universum um fünf Billionen Dollar weiter angeschwollen. Das entspricht der jährlichen Wirtschaftsleistung von Japan. Chinas oberster Börsenaufseher hat diesen Bereich der Kapitalmärkte als »Betrugsschema« bezeichnet.

Der bekannte Anleihe-Experte Bill Gross hat vor einem Liquiditäts-Infarkt bei den Schattenbanken gewarnt. Und sogar die New Yorker Zweigstelle der US-Notenbank gibt zu, dass die Schattenbanken  »die Zerbrechlichkeit des gesamten Finanzsystems erhöht« haben.

Dem jüngsten Halbjahresbericht des Financial Stability Board sind beunruhigende Zahlen zu entnehmen. Demnach machen die Schattenbanken in den führenden westlichen Volkswirtschaften im Schnitt 25 Prozent des gesamten Anlagevermögens aus. Sie sind etwa halb so große wie das offizielle Bankensystem. Und sie entsprechen 120 Prozent der jeweiligen Wirtschaftsleistung in einem Jahr.

Doch die eigentlich schockierende Zahl ist eine andere. Das Schattenbanken-System hat sich nicht nur seit 2002 verdreifacht. Es zieht auch immer stärker die offiziellen Banken durch Kreditaufnahme in sein gefährliches Orbit hinein.

In den vergangenen drei Jahren haben die Schattenbanken ihre Kreditaufnahme bei den Banken um über 200 Prozent gesteigert. Das Geld wird aufgenommen, um mit Papieren zu spekulieren, die Warren Buffett als »finanzielle Massenvernichtungswaffen« bezeichnet hat.

In den USA sind Kredite an die Schattenbanken im laufenden Jahrzehnt von der elftgrößten zur fünftgrößten Position im Kreditgeschäft der Banken aufgestiegen. Im Klartext: Immer mehr Geld aus dem offiziellen Bankensystem wird abgezweigt, um das Riesenrad im Atomwaffen-Segment der Wertpapiere zu bewegen.

In den USA und in Großbritannien hat diese Entwicklung mehr Wucht als in Europa. In China hat sie das Finanzsystem zuletzt an den Rand des Abgrunds geschoben. Das geht aus Quellen hervor, die nichts mit Banken oder Fonds zu tun haben und daher relativ unverdächtig sind.

So drohen Streitfälle um Kredite für Schattenbanken die Zivilgerichte Chinas förmlich zu überwältigen.

Laut dem jüngsten Bericht des Präsidenten des Obersten Gerichtshofs in der Volksrepublik vom März haben Chinas Gerichte im vergangenen Jahr über eine Million Streitfälle mit Schattenbanken behandelt. Das war jeder fünfte Zivilfall im Land.

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