Ferngesteuert: Wie uns Amazon, Google, Facebook & Co im Netz kontrollieren

14. Juni 2015

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Die großen Datenspione aus den USA wissen, was wir im Netz tun werden, bevor uns das überhaupt selber klar ist. Die neue Liebe, das neue Buch, die nächste Bestellung, ob wir kreditwürdig sind oder zum Terroristen werden – deren Algorithmen haben all das schon längst vorausberechnet. Unser Leben wird von Maschinen fremdbestimmt. Erkennen Sie die Methoden der Manipulation – mit einem Blick hinter die Kulissen.

Unser Leben wird im Voraus berechnet – die Algorithmen von Google, Facebook, Amazon, Netflix & Co ziehen uns förmlich aus. Wir werden durchleuchtet wie am Flughafen-Scanner und merken es nicht einmal. Das Schlimmste liegt aber noch vor uns: Die Maschinen entwickeln ein Eigenleben. Sie sammeln Daten, beobachten, wägen ab und kommen zu Entscheidungen – ohne, dass ein Mensch darauf noch Einfluss nehmen kann.

Viele Zeichen deuten darauf hin: Etwa die berüchtigte »No-Fly-List« der USA: Wer auf dieser Liste landet, darf in »God´s own country« weder ein- noch ausreisen. Die Entscheidung darüber treffen längst Algorithmen. Ein einziger denunzierender Kommentar in den sozialen Netzwerken reicht dafür aus. Ausgewertet wird auch, wer Ihnen bei Twitter oder Facebookschreibt: Steht er selbst unter Verdacht, kommen Sie automatisch mit auf die Liste. TIDE undTSDB, die großen Terrorverdachts-Datenbanken der US-Geheimdienste, sammeln längst automatisiert immer mehr Informationen über Menschen rund um den Globus. Einen gewissen Schutz haben nur noch US-Bürger. Deren Fälle werden zumindest von Hand doppelt geprüft.

Aktienhandel auf Auto-Pilot – bis zum »Flash Crash«

Terrorismus – das ist weit weg, glauben Sie? Die Algorithmen sind längst überall und kontrollieren auch unsere Finanzen. Der nette Berater in der Bank bleibt nur noch der Sklave eines automatisierten Systems. Er verkauft etwas, was er selbst weder versteht noch kontrolliert. Den gesamten Wertpapierhandel führen längst Maschinen aus.

Rasend schnell werten sie Daten aus, kaufen und verkaufen. Es geht um Entscheidungen in Millisekunden, bei denen das menschliche Hirn nicht mehr mithält. Aktienhandel auf Autopilot und Kurs-Rennen mit abrupten Richtungswechseln – ohne, dass ein Mensch noch eingreifen kann.

Das Ergebnis des sogenannten Hochfrequenz-Handels sind »Flash Crashs«. Der gesamte Finanzmarkt kollabiert in einem Sekundenbruchteil. Die Finanzbranche ist dagegen wehrlos und wischt sich hinterher nur noch den Angstschweiß von der Stirn: »Noch einmal gut gegangen.« 2010 gab es den bislang größten »Flash Crash«. Computerprogramme hatten in Sekunden Aktien im Wert von 4,1 Milliarden Dollar verkauft. Sie lösten damit eine noch größere Verkaufswelle aus, in der andere Computerprogramme mitschwimmen wollten und auch verkauften. In Minuten sackte der Dow Jones um 1.000 Punkte ab. 1,3 Milliarden Aktien wurden gehandelt – sie fielen teilweise auf einen Bruchteil ihres ursprünglichen Wertes. Manche verloren sogar 99 Prozent.

Digitale Schufa: Wie Algorithmen die Zocker unter den Schuldnern entlarven

Auch, wenn Sie von Aktien Abstand halten, den Maschinen entkommen Sie nicht. Die Hamburger Firma Kreditech entwickelte einen Algorithmus, der automatisch unsere Kreditwürdigkeit berechnet – allein durch die Daten, die er über uns im Netz findet. Aus Tausenden Einzeldaten setzt er ein Bild über den Möchtegern-Schuldner zusammen. Die Welttitelte unlängst: »Gegen Kreditech ist die Schufa ein Schuljunge«. Wenn der Sachbearbeiter in der Bank also abwinkt, dann fallen Sie nicht über ihn her. Entschieden hat es eine Maschine. Kontrollieren Sie lieber, was die lieben Facebook-Freunde über Sie schreiben.

Kreditech fand mit dem Algorithmus sogar heraus: Menschen mit einer ganz bestimmten Schriftart auf dem Smartphone oder Rechner zahlen ihre Kredite nie zurück. Warum? Diese Schriftart nutzen nur Poker- und Casino-Programme. Ein unsichtbares Wasserzeichen, das Zocker verrät und der Gipfel der schamlosen Daten-Spionage ist.

Geld interessiert Sie nicht? Die Maschinen machen nicht einmal vor Liebe & Sex halt. Selbst in Dating-Plattformen werden wir fremdgesteuert. Ein Musterbeispiel ist Okcupid. Die Nutzer dort bekommen ungewöhnliche Fragen gestellt:»Ist die Erde größer als die Sonne?« oder »Ist Drogenkonsum zu zweit romantisch?« – Der Algorithmus wertet die Antworten aus und schlägt nach einer Liebesformel die Kandidaten vor. Okcupid ist dabei nur der amüsanteste Vertreter, die Konkurrenz schnüffelt ohne Augenzwinkern, ist absolut intransparent und hortet die gesammelten Datenberge. Darunter der Bildungsstand, das Einkommen, der Wohnort und weitaus intimere Informationen.

Sex-Häufigkeit minus Streit-Frequenz = Beziehung

Dabei bleibt die computer-gesteuerte Liebe nicht mehr als eine Illusion. Den Algorithmen fehlt auch der kleinste Funken Fantasie. Sie wurden von Menschen programmiert und ein Blick hinter die Kulissen verrät die Banalität des Blödsinns. Ein Beispiel: Wie lässt man Maschinen die Stabilität in einer menschlichen Beziehung berechnen? Sie reduzieren einfach alles auf eine Formel mit zwei Faktoren: Sex-Frequenz minus Streit-Frequenz. So einfach geht das. Rutscht das Ergebnis ins Minus, schlägt ihnen der unromantische Liebes-Algorithmus gleich eine neue Beziehung vor.

Dass die Maschinen noch nicht unsere Liebe beherrschen, liegt an uns. Wir lügen bei der Partnersuche schon bei Gewicht, Alter, Einkommen und optimieren schamlos den Lebenslauf mit Fotos. Statt der nackten Wahrheit gibt es unbrauchbaren Datenmüll. In diesem Berg voller Lügen findet auch eine Maschine nicht unsere große Liebe. Wären wir doch sonst nur so unkontrollierbar: Viel geschickter sind die Algorithmen darin, Menschen und ihr Verhalten vorauszusagen – weil sie beobachten, während wir uns allein fühlen.

Der Mensch in der Schublade

Beispiel Amazon: Bereits 1995 wollte Amazon den Buchhändler als Experten abschaffen. Kaufen Sie dort etwas, kommen sofort Empfehlungen, was sonst noch interessant ist. Der Algorithmus merkt sich Ihre Vorlieben und steckt Sie in eine bestimmte Schublade – Kunden werden nach den gleichen Interessen gruppiert. Für Amazon sind wir berechenbar. Das US-Unternehmen weiß, was wir wann kaufen werden, bevor uns das selbst in den Sinn kommt.

Das Geheimnis hinter der intelligenten Lagerhaltung hat aber noch eine weitere, hässliche Seite: Amazon teilt seine Informationen mit Datensammelprogrammen. Wer Fifty Shades of Grey als Geschenk bestellt, den verfolgt das Buch fortan im Netz. Sowohl Google als auchFacebook bekommen Informationen von diesen Datensammelprogrammen und kennen fortan auch unsere Einkäufe. Immerhin verdienen beide Konzerne ihr Geld mit maßgeschneiderten Werbebannern.

Google vergisst nichts!

Beispiel Google: Weitaus mehr Daten über uns sammelt der Suchmaschinenriese aber selbst. Wonach suchen wir? Worauf klicken wir? Google vergisst nichts! Im »Suchverlauf« bleiben alle Stichworte erhalten, nach denen man jemals gesucht hat. Zehntausende und mehr. Sie können gerne löschen, der Google-Algorithmus hat alles längst verarbeitet – und kennt Sie besser als Sie sich selbst.

Aus den Suchanfragen leitet Google unsere Interessen ab, wertet aus und erstellt unser Profil– oder zumindest den Teil, den der US-Konzern zeigen will. Hier genügt bereits ein Klick auf »Interessen«, um Sie sprachlos zu machen. Ähnlich wie bei Amazon landen wir mit unseren Interessen in einer der Schubladen. Verhindern lässt sich das mit diesem Datenschutz-Plugin für den Browser. Wer das nicht tut, leidet bald unter mehr als nur persönlicher Werbung, die immer aufdringlicher wird.

Internet-Zensur: Aus der Suchmaschine wird ein Filter

Denn: Eigentlich sollte eine Suchmaschine Webseiten nur nach ihrer Wichtigkeit sortieren. Je mehr andere Seiten auf sie verlinken, umso wichtiger wird sie, desto weiter nach oben in der Trefferliste rutscht sie. Google geht aber noch weiter und filtert neben der Werbung auch die Suchergebnisse – abgestimmt auf den Menschen in der Schublade. Das bedeutet: Wir sehen im Netz nur Dinge, die Google als interessant für uns einstuft. Der US-Konzern lenkt seine Nutzer mit unsichtbaren Scheuklappen. Wer sich für das Buch Fifty Shades of Greyinteressiert, landet in der Kategorie »Bondage & Sadomaso« und wird beim Suchwort »Latex« mit etwas ganz anderem bestraft als ein Informatiker, der nach der Software »LateX« sucht.

Auf ähnliche Weise blendet Google auch die Suchergebnisse aus, die Staaten ihren Bürgern vorenthalten wollen. Nicht nur in autoritären Regimen wie China, Iran, Vietnam oder Syrien. Auch Demokratien ziehen immer engere Grenzen. Der freie Informationsfluss wird manipuliert – im fernen Australien oder Brasilien und nicht zuletzt im sehr nahenDeutschland. Wir waren 2012 Vize-Weltmeister bei der Internet-Zensur: Sperren, löschen und Personen identifizieren; Google setzt diese Forderungen der staatlichen Behörden um, die nach immer mehr Zensur gieren.

Google entscheidet, was wichtig ist – und nicht Sie!

Der Algorithmus ändert aber auch die Menschen. Google sortiert unser Leben und macht aus dem selbstbestimmten Ich ein ferngesteuertes Ziel für Werbung. Wir sehen bei jeder Suche nichts Neues mehr, sondern bekommen nur noch geliefert, was wir kennen und lieben. Das ist der Fluch der Personalisierung. Je länger Sie Google nutzen, desto mehr Daten sammelt der Suchmaschinenriese über Sie – und desto größere Teile des Internets blendet Google aus, weil sie nicht zum Profil passen. Google entscheidet, was wichtig ist – nicht Sie! Der US-Konzern belastet uns nicht gerne mit dem, was gegen die gewohnten Ansichten spricht.

Machen Sie den Test. Keine zwei Google-Benutzer sehen die gleiche Trefferliste. Beispiel »BP«. Der Finanz-Orientierte bekommt Anlegertipps. Der Antifa-Aktivist darf die gesunkene Bohrplattform »Deepwater Horizon« und eine Ölpest bewundern. Beispiel »Ägypten«. Wer gerne Pauschalreisen im Internet bucht, sieht Hotels, Reisetipps und Folklore. Ihm entgehen Revolution, Staatskrise, Schauprozesse und Hinrichtungen. Wir sitzen in einer Blase, in der uns nur noch die Informationen erreichen, die wir mögen. Damit bietet der US-Konzern auch eine Infrastruktur zur globalen Verbreitung des amerikanischen Weltbilds. Die Suchmaschine steht schon lange im Fokus der amerikanischen Geheimdienste – denn für diese Institutionen klingt dieses Alptraum-Szenario nach einem Traum.

»Gefällt-mir«: Facebook als Zensurbehörde

Beispiel Facebook: Nicht weniger gefährlich für die geistige Gesundheit ist der Facebook-Algorithmus. Auch er verzerrt den Blick auf die Welt und entscheidet, welche Videos, Fotos und Nachrichten uns überhaupt erreichen. Die Maschine nimmt den Menschen das Denken ab und analysiert alles, was wir jemals im sozialen Netzwerk getan haben. Mit wem ist der Nutzer befreundet? Welche »Gefällt-mir«-Knöpfe hat er gedrückt? Welche Meldung fand er interessant und wie viel Zeit hat er damit verbracht? Marc Zuckerberg lässt es auswerten – und noch viel mehr. Was genau, das hütet Facebookwie ein geheimes Rezept.

Trotzdem bleibt das soziale Netzwerk für seine Nutzer Informationsquelle Nummer eins. Obwohl es auch eine Zensurbehörde ist. Obwohl »Privat« und »Tabu« dort schon immer Fremdwörter waren. Was im Facebook-Universum passiert oder nicht, bestimmt alleinFacebook.

Der Netzwerk-Konzern experimentiert mit der Wahrheit

Am 9. August 2014 starb der schwarze Teenager Michael Brown durch die Schüsse eines weißen Polizisten. In der US-Stadt Ferguson brachen deshalb sofort Rassenunruhen aus. Die US-Internet-Soziologin Zeynep Tufekci wurde an diesem Tag ihr eigenes Experiment, denn Sie sah, wie im Netz die Wahrheit darüber gelenkt wird. Auf Twitter erhielt Tufekci sofort die Meldung über den Mord. Und auf Facebook? Nichts. Brisant ist hierbei: Die Soziologin äußerte sich bereits in der Vergangenheit kritisch gegenüber dem Datenhändler Zuckerberg. Hatte das soziale Netzwerk Tufekci in eine Gruppe gesperrt, die nur noch positive Meldungen bekommen sollte? Das halten Sie für zu weit hergeholt?

Bereits 2012 führte der Netzwerk-Konzern ein Psycho-Experiment mit 693 000 Facebook-Nutzern durch – ohne deren Wissen. Die Hälfte der Versuchskaninchen bekam auf der Startseite mit den wichtigsten Neuigkeiten nur noch positive Einträge gezeigt – die andere Hälfte negative. Das soziale Netzwerk wollte testen, wie es die Stimmung der Menschen beeinflusst, spielte mit den Emotionen und verfälschte die Wirklichkeit.

Maschinen werden zunehmend zum Werkzeug der Macht unter der Kontrolle von Konzernen wie Google, Amazon und Facebook. Sie sitzen auf dem Geheimnis ihrer Algorithmen wie einst Schürfer auf dem eigenen Claim. So lange diese Wildwest-Mentalität im Netz herrscht, sollten wir einen gesunden Abstand halten. Auch, wenn alles auf den ersten Blick wie Gold glänzt.

Der Preis ist zu teuer, denn wir zahlen mit unserer Freiheit.

Literatur:

Gekaufte Journalisten von Udo Ulfkotte

Bewusstsein 2.0: Wie die modernen Medien unser Denken manipulieren von Sabrina Wallner

Die facebook-Falle: Wie das soziale Netzwerk unser Leben verkauft von Sascha Adamek

Kapitalismus als Spektakel: Oder Blödmaschinen und Econotainment von Georg Seeßlen

Quellen: PublicDomain/info.kopp-verlag.de vom 13.06.2015

http://www.pravda-tv.com/

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