Markus Gärtner
Die wunderbare neue Welt der Totalkontrolle aller Bürger wird täglich weiter perfektioniert. Bislang regt sich dagegen wenig Widerstand. Vielleicht müssen wir von Geräten wie der neuen Blackbox im Auto, die die EU ab 2018 zur Aufzeichnung des Fahrverhaltens zwingend vorschreibt, erst noch weiter eingekreist werden, bevor weite Teile der Bevölkerung aufbegehren und gegen den aufkommenden Daten- und Kontroll-Faschismus endlich entschieden protestieren.

Vielleicht hilft ja die neueste Nachricht zu diesem Themenkreis, um den Adrenalinspiegel weiter anzuheben. Es geht um eine Anhörung in Los Angeles, die in dieser Woche stattfand. General Motors ließ dort laut dem Autoblog einen Firmenjuristen auftreten, der folgende Position vertrat:
Moderne Autos funktionieren nur, weil Software allen Teilen sagt, was sie tun sollen. Diese Software ist geschützt. Das Copyright hat der Hersteller des Autos. Daher stellt der Kauf eines Autos durch den Kunden eigentlich nur eine Lizenzvereinbarung dar, aber keinen Kauf im herkömmlichen Sinne.
Im Klartext: Lieber Kunde, Du bist nicht der Eigentümer »Deines« Fahrzeugs, Du darfst es lediglich, − wie im kleingedruckten Text des Kaufvertrages gut versteckt − als Lizenznehmer benutzen.
Genauso macht das auch schon Deere, der weltweit führende Hersteller von Maschinen für die Landwirtschaft, mit seinen Traktoren. Als Deere kürzlich die Software-Katze aus dem Sack ließ, gab es in den USA einen großen Aufschrei der Bauern.
Das Unternehmen ruderte aber nicht etwa zurück. Es schickte seine üppig ausgestattete PR-Brigade an die wütende Kunden-Front und ließ einen Brief verteilen.
Darin stand unter anderem ein haarsträubender Vergleich: Dass man im Buchladen zwar ein Buch kaufen könne, aber nicht beliebig den copyright-geschützten Text kopieren dürfe. So sei das auch bei den Traktoren.
Das machte die Bauern noch viel wütender, weil dieser Vergleich absolut lächerlich ist: Das Recht des Bauern, den Traktor selbst, oder durch eine unabhängige Werkstatt, reparieren zu lassen und dafür auf die Software zuzugreifen, hat nichts mit der Anfertigung von Raubkopien zu tun.
Doch genau darum geht es Firmen wie General Motors, Deere und bald auch deutschen Autoschmieden in Stuttgart, München und Wolfsburg: Die Hersteller wollen nicht etwa die Karossen aus der Garage des Kunden zurückholen und den Kaufvertrag ignorieren.
Sie wollen aber den Zugriff Dritter auf die Software der Fahrzeuge sperren. Das soll die »liebe Kundschaft« rigoros in die Werkstätten des Herstellers zwingen und hohe Preise für Reparaturen sowie Ersatzteile durchsetzen.
Hier wird der eiserne Ring exzessiver Kontrolle fester um uns geschlossen. Genauso, wie durch die Abschaffung des Bargelds die Kontrolle über Sparer und Konsumenten ausgedehnt wird.
Das ist auch das Ziel von »Telematik-Tarifen«, wie sie die HUK-Coburg jetzt erprobt: Sogenannte »Gyrometer« messen wie eine Krake, die auf dem Motor sitzt, das Gebaren der Autofahrer bis hin zu Geschwindigkeit sowie Brems- und Beschleunigungsverhalten.
Doch wer unser Fahrverhalten kennt und unsere Routen gleich noch mit aufzeichnet, kann diese Daten wunderbar an Dritte verkaufen, die uns dann ihrerseits in ihr Orbit ziehen, unsere Daten gegen uns verwenden, oder damit Geschäfte machen, von Tankstellen, über McDonald´s entlang der häufigsten Fahrstrecke bis hin zur Bank, die dann nicht mehr »an unserer Seite« steht – was sie sowieso nie tat – sondern zufällig an unserem Lieblingsparkplatz.
Die Kontrolle nimmt Ausmaße an, die wir uns nie vorstellen konnten. Und das offiziell immer im Namen von Sicherheit, Gesundheit und dem Kampf gegen den Terror. Natürlich geht es allein um den Geldbeutel.
Und die nächste Runde zeichnet sich bereits ab, wenn der eiserne Ring der Beobachtung, Kontrolle und Drangsalierung NOCH enger gezogen wird: Zum Beispiel wenn wir, weil wir »unser« Auto nicht häufig benutzen, oder stets entlang einer S-Bahn-Linie fahren, zu monatlichen Zwangsgebühren à la GEZ auch für öffentliche Verkehrsmittel verdonnert werden.
Oder, wenn der Hersteller unseres Kühlschranks der Brauerei um die Ecke Zahlen darüber verkauft, wie oft und wann wir per Handy von unterwegs aus unsere Getränke kaltstellen. Wer das oft macht, hat öfter einen leeren Kühlschrank. Da kann man doch mit Werbung nachhelfen.
Oder, wenn Firmen unsere Daten an Abgeordnete liefern, um unliebsame – oder selbst eingereichte – Gesetzesvorlagen zu begründen, oder abzuschmettern.
Oder, wenn der Hersteller der Software und eines Küchengerätes sich verbünden, um noch mehr Geld aus uns herauszuquetschen. Apple und IBM arbeiten schon intensiv zusammen, um kommerziell besser nutzbare iPhone-Apps zu entwickeln.
Apple hilft IBM, um die von iPhones gesammelten medizinischen Daten systematisch zu analysieren. Es gibt in den USA die ersten Krankenhäuser, die eine Apple-Software namens »HealthKit« einsetzen, um die Patientenkarteien mit mehr Daten anzureichern. Vielleicht lässt sich ja ein erhöhter Cholesterinspiegel feststellen, für den man gleich noch ein paar Tabletten zusätzlich einwerfen kann? Warum bis zum nächsten Arztbesuch dafür warten?
IBM hat derweil einen Online-Service namens Watson Health Cloud eingerichtet. Dort werden die Daten aus der HealthKit-Anwendung ausgewertet und auf Muster untersucht. Frage: Ist es so schlimm, wenn wir aufgrund unseres Verhaltens werbliche Angebote bekommen? Für viele zumindest ist es nervig.
Ist es so schlimm, wenn Firma A unsere Daten an Firma B verkauft und wir NOCH mehr Werbung bekommen? Nicht, wenn es zu unserem Vorteil ist. Aber wann passiert das schon, wenn Firmen Geld verdienen wollen?
Doch das wahrlich Schlimme ist: Wenn wir völlig transparent und jederzeit kontrollierbar werden, wenn alle, die ihre Daten vor unserem Zugriff schützen, unsere Daten ungefragt für lukrative Geschäfte nutzen.
Wenn wir ferngesteuerte Schafe werden, die für stetig steigende Renditen zurechtmanipuliert werden, einschließlich von der politischen Kaste, die mit unseren Daten ihren Wahlkampf organisiert und noch gezielter das verspricht, was danach ohnehin nicht eingehalten wird.
Oder, wenn sich Politik, Hochfinanz und Industrie im Internet der Dinge verbünden und aus uns das machen, was sie schon aus Firmen gemacht haben: Reine Geldautomaten, Objekte, den verachteten Ort von endlosen Beutezügen.
Kunde König, der souveräne Bürger, die geschützten Daten? Das sind dann verblasste Floskeln aus uralten Zeiten, in denen sie auch schon wenig galten. Aber in der wunderbaren Welt der Totalkontrolle sind aus diesen Floskeln Staatsfeinde der neuen Ordnung geworden.
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