Robert Stein – Göbekli Tepe

Das Mysterium antiker Tempelanlagen (Robert Stein)

Veröffentlicht am 03.06.2014

Weltweit finden wir Tempelanlagen und Steinbauten, die alleine aufgrund ihrer gewaltigen Größe uns heute noch in Staunen versetzen. Die großen Pyramiden von Gizeh, die Statuen der Osterinsel oder der Tempel von Baalbek im heutigen Libanon, die moderne Archäologie schreibt diese gigantischen Baukünste den alten Kulturen zu. Und all diese Errungenschaften menschlicher Baukunst sollen in den letzten 7000 Jahren stattgefunden haben, denn vor der Kultur in Sumer gab es schließlich nur ein paar halbnomadische Jäger und Sammler.
Doch unser politisch korrekt verordnetes Weltbild bekommt immer mehr Risse je näher wir uns diesen fantastischen Bauwerken nähern. Wer einen etwas genaueren Blick riskiert wird schnell feststellen auf welch tönernen Füßen unsere Geschichtsschreibung steht. Spätestens seit der Entdeckung der Tempelanlagen von Göbekli Tepe im Süden der Türkei im Jahr 1994 wird klar wie widersprüchlich unser Bild der Geschichte ist.

Robert Stein wirft in seinem neuesten Vortrag einen kritischen Blick auf unsere Vorstellung der Menschwerdung und stellt die entscheidenden Fragen:

Woher kommt der Mensch?
Warum sind wir hier?

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Göbekli Tepe, der älteste Tempel der Welt

Steinkreise in Göbekli Tepe

In der Südtürkei kann man zur Wiege der Zivilisation reisen. In weißen, klimatisierten Bussen geht es über holprige Serpentinen bis zu einem steinernen Tor. Die Touristen – meist Türken, manchmal auch Westeuropäer – fingern an ihren MP3-Spielern und Was­serflaschen und scheren sich wenig um die An­weisungen und Erklärungen der Reiseleiter. Ihr Ziel ist der Gipfel des Hügels. Oben auf dem Göbekli Tepe angekommen, stehen sie plötzlich da wie Comicfiguren, die Münder zu einer Reihe staunender O geöffnet. Wie gebannt schauen sie auf Dutzende riesi­ger Steinpfeiler, in mehreren Ringen angeordnet, einer gegen den anderen gelehnt. Die Stätte erinnert ein wenig an Stonehenge. Doch die Anlage auf dem Göbekli Tepe wurde viel früher erbaut. Und sie besteht nicht etwa aus grob behauenen Steinblöcken wie der Kultort in Südengland, sondern aus sorgfältig bearbeiteten Kalksteinpfeilern. Sie sind reich mit Tierfiguren verziert: mit Gazellen, Schlangen, Füchsen, Skorpionen und furchterregenden Kei­lern. Errichtet wurde das Ensemble vor etwa 11600 Jahren, 7000 Jahre vor Stonehenge und dem Bau der Pyramiden von Giseh.

Auf dem Göbekli Tepe steht die älteste be­kannte Tempelanlage der Welt – ja, die älteste bekannte monumentale Architektur überhaupt. Das erste Bauwerk, das größer und komplexer als eine Hütte war. Als diese Pfeiler aufgerichtet wurden, gab es, so weit wir wissen, nichts ver­gleichbar Großes auf der Welt. Nach einem Moment verblüfften Schweigens zücken die Touristen auf dem mythischen Hügel ihre Kameras und Handys. Vor elf Jahrtausen­den hatte natürlich niemand solche Geräte. Den­noch haben sich die Dinge weniger geändert, als man annehmen könnte. Große religiöse Zentren waren schon immer Wallfahrtsziele für spiritu­elle Reisende, die oft lange Strecken zurücklegen, um Einzigartiges zu schauen, um berührt oder geheilt zu werden. Der Göbekli Tepe könnte die erste dieser Pil­gerstätten gewesen sein.

Für die hier arbeitenden Archäologen ist der Fall ziemlich klar: Der menschliche Sinn für das Heilige und nicht zuletzt auch unsere Vor­liebe für grandiose Inszenierungen schufen die Grundlage für die Zivilisation. Zu der Zeit, als der Göbekli Tepe entstand, lebten die meisten Menschen in kleinen noma­dischen Gruppen, die Wildpflanzen suchten und Tiere jagten. Doch um so eine Tempelanlage zu errichten, mussten mehr Leute an einem Ort zusammenkommen als vermutlich jemals zuvor. Und, noch überraschender: Diese Men­schen schafften es, bis zu 16 Tonnen schwere Felsblöcke zu brechen, zu bearbeiten und einige hundert Meter weit zu transportieren – dabei verfügten sie weder über das Rad noch über Lasttiere. Die Pilger, die zum Göbekli Tepe ka­men, kannten auch noch keine Schrift, kein Metall, keine Keramik. Wer sich diesem Tem­pelbezirk näherte, auf den müssen die Pfeiler wie mächtige Riesen gewirkt haben. Und die im Feuerschein zitternden Tierfiguren wie Boten aus einer Geisterwelt – die sich der Mensch wohl erst vorzustellen begann.

Die Ausgrabungen am Göbekli Tepe sind noch in vollem Gang, und die Archäologen dis­kutieren weiterhin über seine Bedeutung. Was sie schon wissen: Die Stätte ist die bedeutendste in einer Reihe unerwarteter Funde, die frühere Vorstellungen der kulturellen Entwicklung geradezu auf den Kopf stellen. Vor nur 20 Jahren glaubten die meisten Forscher noch, Zeit, Ort und ungefähren Verlauf der Neolithischen Revo­lution zu kennen – jenes Über­gangs, in dem sich der Ackerbau entwickelte und Jäger und Sammler der Spezies Homo sapiens sesshaft wur­den. Damals begann die Entwicklung hin zu Gesellschaften mit großartigen Bauwerken und Herrschern, die die Arbeit ihrer Untertanen dirigierten und diese Leistungen in schriftlicher Form festhielten.

Doch seit einigen Jahren sehen sich die Ar­chäologen gezwungen, diese Vorstellungen zu überdenken. Die Ausgrabungen auf dem Göbekli Tepe spielen dabei eine zentrale Rolle. Zunächst betrachteten die Forscher die Neo­lithische Revolution als einmaliges Ereignis – als eine Art jähen Geistesblitz unserer frühen Vorfahren in Mesopotamien, dem heutigen Südirak. Von hier aus nahm sie ihren Weg nach Indien, Europa und darüber hinaus. Die meis­ten Archäologen waren überzeugt davon, dass sich dieses plötzliche Erblühen der Zivilisation weitgehend Umweltveränderungen verdankte: nämlich der Wärmephase nach dem Ende der Eiszeit. Dies hätte es ermöglicht, erstmals Pflan­zen anzubauen und große Tierherden zu halten. Die neuen Forschungen legen nun nahe, dass nicht nur viel mehr Menschen an dieser „Re­volution“ beteiligt waren, sondern dass diese sich auch über ein riesiges Gebiet und einen Zeitraum von Tausenden von Jahren hinzog. Und möglicherweise waren es gar nicht neue Umweltbedingungen, die diese Umwälzung verursachten.

Aber was war es dann? Als Klaus Schmidt, ein seit Jahrzehnten mit der Region vertrauter Archäologe, 1994 zum Göbekli Tepe kam, wusste er sofort, dass er hier lange Zeit ver­bringen würde. Der gebürtige Franke hatte einige Jahre lang an anderen Grabungsstellen in der Südtürkei geforscht und damals eine neue Fundstätte gesucht. Die größte Stadt in der Um­gebung ist Sanlıurfa. Der Legende nach wurde hier der Stammvater Abraham geboren. Nördlich liegen die ersten An­höhen der Berge, in denen Eu­phrat und Tigris entspringen. Nur 14 Kilometer außerhalb der Stadt verläuft ein langer Hügelzug mit einem gerundeten Gip­fel, den die Einheimischen Göbekli Tepe nen­nen: „gebauchter Berg“.

In den Sechzigern hatten sich Archäologen der Universität von Chicago hier umgesehen, den Göbekli Tepe aber nicht für besonders interes­sant befunden. Auf dem Hügel konnten sie zwar erkennen, dass dort etwas verändert worden war, und sie schrieben die vielen Feuersteinabschläge schon der Steinzeit zu. Doch die monumentale Architektur blieb ihnen noch verborgen. Schmidt, durch die kurzen Aufzeichnungen seiner amerikanischen Kollegen neugierig ge­worden, beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen. Als Erstes fielen auch ihm die riesigen Mengen Feuersteinfragmente auf. «Nach weni­gen Minuten war mir klar», erzählt mir der For­scher, «dass hier in vergangenen Jahrtausenden Dutzende, wenn nicht Hunderte Menschen ge­arbeitet haben mussten.»

In Zusammenarbeit mit dem Deutschen Ar­chäologischen Institut (DAI), dem er heute an­gehört, und dem Museum von Sanlıurfa macht sich Schmidt 1995 an die Arbeit. Nur Zentimeter unter der Oberfläche stößt sein Team auf einen kunstvoll gestalteten Stein. Dann kommen weitere zum Vorschein: ein Kreis von aufrecht stehenden Pfeilern. Im Laufe der Jahre finden die Archäologen und ihre einhei­mischen Helfer einen zweiten Steinkreis, dann einen dritten. Durch geomagnetische Messun­gen identifizieren sie allein im Jahr 2003 min­destens 20 solcher Anlagen. Die größten Pfeiler sind fünfeinhalb Meter hoch und 16 Tonnen schwer. Sie sind mit Tierfiguren in Form von Flachreliefs dekoriert, gefertigt in verschiedenen Stilen, einige nur grob angedeutet, andere fein ausgearbeitet wie byzantinische Kunstwerke. An weiteren Stellen des Hügels findet sich die größte Ansammlung neolithischer Feuerstein­werkzeuge, die Schmidt je untergekommen ist: Messer, Beilklingen, Pfeilspitzen. «Es gibt hier auf einem oder zwei Quadratmetern mehr Feu­ersteine, als viele Archäologen an ganzen Gra­bungsstellen finden», sagt er.

Die Steinkreise sind alle nach gleichem Mus­ter errichtet. Sie wurden aus Kalksteinpfeilern zusammengesetzt, die oben eine Art Querbalken tragen und somit wie ein T geformt sind. Fünf­mal so breit wie tief, stehen sie zwei Armlängen oder mehr voneinander entfernt. Verbunden werden sie durch niedrige Steinbänke. In der Mitte der Kreise stehen jeweils zwei größere Pfeiler, die mit ihren schmalen Enden in Furchen im Fels eingelassen sind. Der Rothenburger Architekt und Bauingenieur Eduard Knoll, der mit Schmidt an der Erhaltung der Stätte arbeitet, vermutet, dass die Pfeiler einst abge­stützt waren, möglicherweise mit Holzpfosten.

Für Schmidt stellen die T-förmigen Pfeiler stilisierte menschengestaltige Wesen dar. Diese Annahme wird vor allem durch die geschnitzten „Arme“ gestützt, die von den „Schultern“ einiger Pfeiler abwärts führen und deren „Hände“ sich nach den mit Lendenschür­zen drapierten Bäuchen strecken. Die Steine sind zur Kreismitte ausgerichtet – «wie bei einer Zusammenkunft oder einem Tanz», sagt der Archäologe. Stellen sie eine Kulthandlung dar? Die tänzelnden, springenden Tiere zeigen über­wiegend lebensbedrohende Wesen: Skorpione, Keiler, Löwen. Sollten sie hier die menschlichen Figuren beschützen? Oder sollten die „Men­schen“ die Tiere besänftigen? Galten diese den Menschen möglicherweise als Totems?

Im Laufe der Ausgrabungen kommt Rätsel zu Rätsel. Aus noch unbekannten Gründen schei­nen die Steinkreise vom Göbekli Tepe regelmäßig ihre Kraft oder zumindest ihren Zauber verloren zu haben. Alle paar Jahrzehnte begru­ben die Menschen die Pfeiler und stellten neue auf: einen zweiten, kleineren Ring innerhalb des ersten, manchmal auch einen dritten. Dann wurde alles mit Geröll zugeschüttet und in der Nähe ein völlig neuer Kreis errichtet. Die Stätte könnte über Jahrhunderte hinweg gebaut, zuge­schüttet und neu erbaut worden sein.

Zum Erstaunen der Archäologen ließ die Qualität der Tempelanlagen immer mehr nach. Die ersten Kreise sind die größten und technisch wie künstlerisch anspruchsvollsten. Im Laufe der Zeit wurden die Pfeiler kleiner, schlichter und weniger sorgfältig aufgestellt. Um 8200 v. Chr. endet die Geschichte des Göbekli Tepe. Die Stätte verschwindet von der Bildfläche und ersteht nicht wieder.

Ebenso wichtig wie die Funde der Wissen­schaftler ist das, was sie nicht finden. Hunderte Menschen müssen hier gewirkt haben, um die Pfeiler zu bearbeiten und aufzustellen – aber es gab kein Wasser; der nächste Fluss war etwa fünf Kilometer entfernt. Die Arbeiter brauchten ein Dach über dem Kopf – doch die Archäologen entdecken weder Mauern und Häuser noch Feuerstellen. Die Menschen mussten essen – aber Schmidt findet nicht eine einzige Kochstelle. Der Göbekli Tepe war offenbar ein reines Kultzentrum.

Falls hier überhaupt Menschen gelebt haben, dann waren es nicht Bewohner, sondern eher Helfer und Bedienstete. Tausende Gazellen- und Auerochsenknochen lassen darauf schließen, dass die Arbeiter wohl ständig mit Wild aus ent­fernten Jagdrevieren versorgt wurden. All diese komplexen Prozesse müssen organisiert und überwacht worden sein – aber bisher gibt es keinerlei stichhaltige Beweise für eine soziale Hierarchie. Auch keine Wohnbereiche für Wohlhaben­de, keine reichen Gräber und keine Anzeichen dafür, dass sich manche Menschen besser er­nährt hätten als andere.

„Diese Menschen waren Jäger und Sammler», sagt Schmidt. «Bisher dachten wir dabei immer an kleine, bewegliche Gruppen, ein paar Dut­zend Personen vielleicht. Wir dachten an Leute, die sich keine festen Behausungen bauen konn­ten, weil sie ihren Ressourcen folgen mussten. Wir dachten, dass es keine Klasse von Priestern und Handwerkern geben konnte, weil die Men­schen die zusätzlichen Vorräte nicht mitnehmen konnten, um diese Elite zu ernähren. Und was müssen wir jetzt feststellen? Dass sie genau das taten, was wir ihnen nicht zutrauten.»

Die Erkenntnis, dass der Göbekli Tepe von Jägern und Sammlern errichtet wurde, erscheint uns so unwahrscheinlich, als hätte jemand mit einem Papiermesser einen Airbus gebaut. «Wir konnten das alles zu Beginn selber nicht fassen», sagt Schmidt. Zum Erstaunen der Forscher scheint der Göbekli Tepe beides gewesen zu sein: ein Vorbote der künftigen zivilisierten Welt und zugleich die letzte und größte Hervorbrin­gung einer nomadischen Vergangenheit. Die Leistung, diese Stätte zu errichten, ist ganz er­staunlich, aber wie wurde sie vollbracht, und was bedeutete sie? «In zehn oder 15 Jahren», prophezeit Schmidt, «wird der Göbekli Tepe berühmter sein als Stonehenge. Und das aus gutem Grund.»

Göbekli Tepe

Göbekli Tepe

Dieser Pfeiler der Tempelanlage von Göbekli Tepe in der Südtürkei zeigt vermutlich einen tanzenden Priester bei einer Zusammenkunft. Über Gürtel und Lendentuch sind zwei Hände dargestellt.

RADIO MOPPI – 14.3.2015 – BLOGNEWS

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Mysteriöser Untergang – Archäologin erklärt Zerfall der Stadt Teotihuacan (Videos)

Von Pyramiden und Brandanschlägen: Seit Jahrhunderten rätseln Forscher weltweit, wie es zum mysteriösen Untergang der einst florierenden mexikanischen Stadt Teotihuacan kam. Jetzt glaubt eine Archäologin, die Lösung gefunden zu haben.

Die mittelamerikanische Metropole war zwischen 100 und 650 nach Christus bekannt für ihre vielseitigen Kulturschätze, wie Muschel- und Edelsteinschmuck. Doch im siebten Jahrhundert nach Christus wurde Teotihuacan eines Tages verlassen aufgefunden. Auf einen Angriff von außen gab es keinerlei Hinweise.

(Bild: Modell der Sonnenpyramide)

Jetzt will die Archäologin Linda Manzanilla das Geheimnis gelüftet haben. Laut Manzanilla kam es durch Spannungen zwischen den Führern einzelner Stadtteile und der herrschenden Elite zum Zerfall der Metropole.

Obwohl die Bürger untereinander gemeinschaftsorientiert organisiert waren, stritten sich die Anführer mancher Stadtteile um die Gunst der Stadtherren. Im Laufe der Auseinandersetzungen kam es zu Brandanschlägen auf mehrere Hauptgebäude Teotihuacans. Außerdem wurden zahlreiche Skulpturen in den Palästen zerstört. Jahrhunderte später fanden Azteken auf der Durchreise die Stadt menschenleer auf.

Für die Nachgeborenen markierten die Ruinen von Teotihuacan den “Ort, an dem Menschen zu Göttern werden”. Denn wer die riesigen Pyramiden und Plätze erbaut hat, die 50 Kilometer nordöstlich von Mexiko-Stadt in Staunen versetzen, hatten die Menschen längst vergessen, als die ersten Spanier an der Küste Mexikos erschienen. Teotihuacan war mit bis zu 200.000 Einwohnern um 500 n. Chr. eine der größten Städte der Welt. Und eine der erstaunlichsten. Hier gab es weder Wagen noch Waffen und Werkzeuge aus Metall noch eine Schrift.

Warum diese Stadt, die von Archäologen gern als “Mutter der mittelamerikanischen Kulturen” bezeichnet wird, im 7. oder 8. Jahrhundert n. Chr. verlassen wurde, gehört zu den großen Fragen der präkolumbischen Anthropologie. Jetzt hat Linda Manzanilla von der Universidad Nacional Autonóma in Mexiko-Stadt eine neue Erklärung vorgeschlagen: Spannungen zwischen der städtischen Elite und den regionalen Führern der einzelnen Stadtviertel führten zum Kollaps dieser hochkomplexen Gesellschaft.

Im Fachjournal “Proceedings of the National Academy of Sciences” (PNAS) zeichnet die Archäologin ein Bild vom komplizierten Leben in der Metropole. Linda Manzanilla vermutet, dass Vulkanismus im Tal von Mexiko ihren Aufstieg begünstigte. Demnach führte ein Ausbruch des Vulkans Popocatepetl im 1. Jahrhundert n. Chr. dazu, dass viele Menschen von dort nach Teotihuacan kamen. Die Forscherin verweist auf den Vulkan Xitle, der im 4. Jahrhundert ähnliche Wanderungsbewegungen auslöste.

Bald wurde Teotihuacan zum Anziehungspunkt für verschiedenste ethnische Gruppen. Wie DNA-Analysen und Stiluntersuchungen ihrer Relikte zeigen, stammten sie aus vielen Teilen des heutigen Mexiko – aus Chiapas, Oaxaca, Puebla oder Veracruz. Wer die Elite war, die das Zusammenleben dieser Gruppen organisierte, ist allerdings bis heute unbekannt.

Magnet für agile Migranten

Möglicherweise war es eine Theokratie, die mithilfe eines Tributimperiums die Stadt unterhielt. Das gelang über Jahrhunderte hinweg ohne Schrift. Obwohl in einigen Vierteln der Stadt Spuren von Schriftzeichen gefunden wurden, muss bislang davon ausgegangen werden, dass die urbanen Führer die Verwaltung ohne Schrift leisteten.

Diese Elite hatte die Stadt in mehrere deutlich voneinander getrennte Viertel eingeteilt. In ihnen lebten und arbeiteten Menschen, die auf gewisse Handwerke spezialisiert waren und womöglich gleicher oder ähnlicher Abstammung waren. Wahrscheinlich bedienten sich die Einwohner unterschiedlicher Viertel sogar verschiedener Sprachen. Durch die Jahrhunderte hinweg dürfte Teotihuacan seine Anziehungskraft auf agile Migranten nicht verloren haben. Die Integrationskraft der Metropole war beeindruckend.

Die Gesellschaft der Stadt “zog ihren Nutzen aus dem Wissen, den technischen Kenntnissen und der Erfahrung, die die Fremden in die Stadt brachten”, schreibt Manzanilla. Insbesondere widmet sich die Archäologin dem Viertel Teopancazco im Süden der Stadt. Dessen Bewohner hatten offenbar besondere Verbindungen zum etwa 250 Kilometer entfernten Meer. Nur in diesem Stadtteil seien Kleidungsstücke mit Muschelschmuck hergestellt worden. Diese waren vermutlich bei der herrschenden Elite sehr gefragt.

Innere Widersprüche der Gesellschaft

Im Stadtteil La Ventilla hatte man sich dagegen auf die Fertigung von Schmuck aus Edelsteinen spezialisiert. Linda Manzanilla vermutet, dass die lokalen Eliten in den Stadtteilen in heftiger Konkurrenz zueinander standen und um die Gunst der herrschenden Eliten wetteiferten. “Dieser Wettbewerb führte zu einer hochkomplexen Gesellschaft, aber einer mit inneren Widersprüchen”, schreibt Manzanilla. Diese Spannungen führten schließlich in den Untergang.

Dass die Stadt kein Opfer von Invasoren wurde, haben Archäologen beizeiten erkannt. Zwischen dem Ausgang des 6. und frühen 8. Jahrhundert wurden die Hauptgebäude der Stadt entlang der sogenannten Straße der Toten von den Bewohnern angezündet. Möglicherweise, so das Resümee von Linda Manzanilla, weil der Interessenausgleich zwischen Zentrale und den Stadtvierteln nicht mehr funktionierte.

Erst vor wenigen Monaten hatten mexikanische Wissenschaftler zwischen der Sonnenpyramide und dem Tempel der gefiederten Schlange einen Tunnel entdeckt, in dem Zehntausende Artefakte geborgen werden konnten. Möglicherweise handelte es sich um einen Eingang zur Unterwelt, an dem die Eliten zu ihren verstorbenen Mitgliedern Kontakt aufnahmen. Das könnte in Höhlen geschehen sein, die am Ende des Tunnels gefunden wurden. Sollten darin die sterblichen Überreste von Fürsten oder Priestern ans Licht kommen, wäre die Entschlüsselung Teotihuacans um einen wichtigen Schritt weiter.

Video: Zerfall der Stadt Teotihuacan

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Video: Antike Mega-City voller Geheimnisse
Video: Teotihuacan – Unbekannte Kammern unterhalb der Pyramide des Quetzalcoatl

Literatur:

Teotihuacan Geheimnisvolle Pyramidenstadt von Felipe Solis

Amerika vor Kolumbus: Azteken, Inka, Maya – Die Hochkulturen der Neuen Welt

Quellen: PRAVDA TV/en.wikipedia.org/WeltOnline/FocusOnline vom 17.03.2015

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