von Ronald Gehrt
Die Sache ist kompliziert, komplex und knifflig. Und die bisherige Berichterstattung daher ein wenig sehr irreführend. In den Nachrichten hieß es bis heute Mittag, die Eurozone-Finanzminister und Griechenland hätten sich geeinigt, es gebe einen „Deal“. Im Prinzip richtig. Aber genau genommen hat man sich schon wieder darauf geeinigt, sich nicht zu einigen…
Das heißt, wie die Amerikaner es passend ausdrücken, „they kicked the can down the road“. Sie verschieben das Ganze, scheibchenweise, nach hinten. Was man so Einigung nennt.
Auf den ersten Blick wirkt diese „Einigung“ wie eine totale Niederlage des Duos Tsipras und Varoufakis. Statt ihre Forderungen durchzubringen, werden sie nun auch noch für ihre Aufmüpfigkeit bestraft. Die alten Politik-Hasen zwingen die Rebellen in die Knie. Aber ganz so ist es nicht.
Viele Europäer grinsen sich nun zwar eins. Denn Griechenland wird als der Inbegriff von Korruption, Schlendrian und Faulheit gesehen, ein Land, das sich den Euro erschlichen hat, indem es damals falsche Angaben gemacht hatte. Tja. Wie einfach die Welt doch sein kann, wenn man sie sich einfach macht. Immerhin sollte mal eines klar sein: Als man den Beitrittsantrag Griechenlands positiv beschied, wusste man ganz genau, dass diese Angaben falsch waren. Das kam zwar erst 2010 ins Licht der Öffentlichkeit. Aber die EU bestand auch damals nicht aus Horden wirtschaftlicher Vollpfosten auf entscheidenden Stühlen. Man sah geflissentlich darüber hinweg, weil man diese falschen Angaben provoziert hatte, weil man Griechenland im Euro haben wollte! Und weil man einfach naiv davon ausging, dass sich dieses Spielchen immer weiter treiben lässt und so ein paar fiskalische Leichen im Keller nichts ausmachen. Das mal vorweg.
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In Griechenland besteht seit ewigen Zeiten – und natürlich nicht nur dort – ein dichter Filz zwischen Politik und Wirtschaft … und der, nun, nennen wir es mal „Schatten-Wirtschaft“. Den kann man nicht per Aushang im Rathaus verbieten und beseitigen, denn so fatal ein solcher Zustand ist, so viele profitieren zugleich davon. Auch viele kleine Leute, durch Pöstchen, durch kleine Geschenke, die das Leben erleichtern und bisweilen sogar angenehm machen. Das funktionierte so lange unproblematisch weiter, bis heute noch nicht namentlich genannte „Große Adressen“ begannen, die Eurozone gezielt unter Feuer zu nehmen. Ich hatte damals, 2010 ff., zahlreiche Kolumnen zu dieser Thematik geschrieben. Cui bono? Die, die keine starke Wirtschaftszone Europa gebrauchen können, also die USA oder China. Und letztere waren es mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht.
Staatsanleihen wurden leer verkauft, dass man die Ohren anlegte. Zuerst die griechischen, dann auch die der anderen schwächeren Länder wie Portugal. Spanien und Italien gerieten zusätzlich ins Fadenkreuz. Das Geld floh zum Teil aus dem Euroraum, zum Teil in die Anleihemärkte der stärkeren Länder. Deutschland profitierte … was den Staat und die Unternehmen anging. Die Zinsen fielen deutlich, während sie in Griechenland stiegen. Während die Sparer plötzlich ihre Renditen davonschwimmen sahen (bei bereits im Depot vorhandenen Anleihen dadurch aber satte Kursgewinne einfuhren), refinanzierte sich der Bund und die Unternehmen immer billiger und mittlerweile fast gratis. Weil Griechenland & Co. unter Wasser gesetzt wurden. Wofür die Griechen letztlich aber nichts konnten.
Diese gezielten Angriffe von außen führten dazu, dass die Zinsen dort durch die Decke gingen, weil die Kurse der Staatsanleihen komplett einbrachen. Die dortigen Sparer verloren ihr Geld. Der Konsum brach ein. Die Arbeitslosigkeit explodierte. Ausländische Unternehmen traten den Rückzug an. Die Refinanzierung des Landes wurde unbezahlbar, der Schuldendienst, sprich die Zinszahlungen waren gefährdet, die Rückzahlung ohnehin. Geld wurde abgehoben, außer Landes transferiert, die Banken gerieten ins Taumeln.
Nicht, weil die Griechen faul sind. Sondern weil auf einmal von außen gezielt nach der Schwachstelle der Eurozone gesucht und diese in Griechenland gefunden wurde. Weil dort der Staatshaushalt am wackligsten war (mal von Zypern und einigen anderen „Zwergen“ abgesehen, aber da anzugreifen hätte sich nicht gelohnt), was an jahrzehnte- bis jahrhundertelang gewachsenen Strukturen lag, die der EU aber vorher völlig egal waren!
Da der natürlich seitens der Angreifer erhoffte Lawineneffekt die Eurozone zu zerreißen drohte, musste man mit massiven Interventionen zum einen die extrem gestiegenen Zinsen in Griechenland ebenso wie in den anderen unter Beschuss geratenen Ländern drücken, zum anderen den unter Wasser geratenen griechischen Staatshaushalt und die Fast-Pleite-Banken stützen. Und da begann etwas schiefzulaufen.
Denn damit man so tun konnte, als wäre man an der ganzen Misere nicht im mindesten mit schuldig und bass über die „Zustände“ im Land überrascht, wurde das Land unter die Aufsicht einer Troika aus EU, EZB und IWF gestellt. Aber die agierten nicht weise, sondern bürokratisch. Man stabilisierte die Banken, stabilisierte den Staatshaushalt und stellte die Forderung auf, dass nun alles zu tun sei, um das fürderhin sicherzustellen. Und das hieß: Weniger ausgeben. Schnapsidee. Um es nett auszudrücken.
Auch das war Gegenstand zahlreicher Kolumnen der letzten Jahre. Auch, wenn man argwöhnen muss, dass deren eigene Großbanken das ganze ausgelöst haben, so haben die Amerikaner in der Beurteilung dieser Vorgehensweise recht, denn sie sagten von vornherein: So wird das Land „kaputtgespart“ … und das sei, gelinde gesagt, bescheuert.
Einem Land in tiefster Rezession das Geld zu entziehen, obwohl man es Güterwaggonweise hineinpumpt, ist grotesk. Man hätte mit einem Teil dieser „Hilfs-Milliarden“ dafür sorgen müssen, dass die Einnahmen wieder steigen! Wie? Nichts einfacher als das!
Wachstumsprogramme, um die Menschen wieder in Lohn und Brot zu kriegen, was die Kosten im Sozialbereich reduziert, die Steuereinnahmen steigert und den Konsum wieder ankurbelt.
Gezielte Programme zur Bekämpfung der Steuerflucht und Steuerhinterziehung, am besten so brutal, wie man es bei der Kürzung der Sozialhilfen, Renten und Staatsgehälter war und dort nicht hätte sein sollen!
DAS hätte man Griechenland verordnen sollen. Doch die Brüsseler Bürokraten ließen sich durch die scharfe Kritik von außen nicht beeindrucken und zogen ihren fatalen Stiefel immer weiter durch. Die vorherige griechische Regierung war zu schwach, um sich aufzulehnen. Und jetzt kommen da zwei, die sagen: „So geht es nicht! So klappt es nicht! Und wenn ihr das nicht kapieren wollt, dann stellen wir uns so lange quer, bis ihr uns auf die richtige Weise helft!“ Und werden niedergeknüppelt.
Das, was hier in manchen Boulevardmedien verzapft wurde, ist einfach grundfalsch. Tsipras hat nie gesagt (nicht einmal gedacht, nehme ich an), dass er den nun entstandenen Schuldenberg einfach nicht mehr zurückzahlen werde. Er hat auch nicht gesagt, dass er kein neues Geld will. Seine Forderung war eigentlich klar und deutlich und wurde nur medial so umgedichtet, dass es zum Bild der Griechen, wie man es seit Jahren zeichnet, passt, um die Schuld voll dort abzuladen.
Seine Forderung lautete: Helft uns richtig. Wir wollen kein neues Hilfsprogramm mehr, weil uns das immer mehr in eine ewige Hilflosigkeit und Uneigenständigkeit trägt. Wir möchten neue Kredite ohne Troika-Bewachung. Denn die tun das Falsche. Gebt uns die Chance, das richtige zu tun! Wachstumsprogramme, Arbeitslosigkeit abbauen, Steuerflüchtlinge attackieren!
http://www.rottmeyer.de/
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