Meinungsforscher und Medienlügen: Bei Wahrheit Lebensgefahr
Markus Gärtner
Vor einer Woche riss dem Vorstandschef des US-Meinungsforschers Gallup die Hutschnur. Jim Clifton war es satt, in den Leitmedien des Landes überall zu lesen, dass die Arbeitslosenrate im Dezember mit 5,6 Prozent den niedrigsten Stand seit dem Sommer 2008 erreicht hat. Laut Clifton ist diese Zahl jedoch eine »große Lüge«. Inzwischen wurde sie vom Arbeitsministerium für den Januar auf 5,7 Prozent nach oben korrigiert.
Die Jubelchöre in den Medien über die viel zu niedrig angesetzte offizielle Zahl, so der Gallup-Chef, seien ohrenbetäubend. Am Tag nach diesem drastischen Statement saß er im Studio des Fernsehsenders CNBC und sprach über seine Angst, er könne »plötzlich verschwinden« , weil er es gewagt hat, die offizielle Statistik des Weißen Hauses anzuzweifeln.
Mit Jim Clifton, dem Gallup-CEO, hat erstmals ein bekannter Manager der USA offen eine Angst eingeräumt, die viele Kritiker der US-Regierung nach Jahren mit Lauschangriffen, Attacken gegen die Pressefreiheit und zunehmenden Einschränkungen der Bürgerrechte haben. Solche Ängste gab es früher nur in Bananen-Republiken. Doch längst machen sie sich auch im angeblichen Mutterland der Demokratie breit.
Einen Tag bevor er im Fernsehen seine Angst beichtete, hatte Clifton auf der Webseite von Gallupso richtig in die Tasten gehauen: »30 Prozent der Amerikaner sind derzeit entweder ohne Arbeit oder stark unterbeschäftigt« schrieb er, »die meisten von ihnen schmeißen keine Partys oder stoßen auf die fallende Arbeitslosenrate an.«
Clifton zählte am Dienstag in seinem schmetternden Einwand gegen die offizielle Statistik auf, welche Arbeitslosen dort ignoriert werden, darunter Millionen von Amerikanern, die die Suche nach einem Arbeitsplatz mangels Erfolgsaussichten ganz aufgegeben haben, oder diejenigen, die Teilzeit arbeiten, aber eine volle Beschäftigung suchen.
»Man kann es nicht anders sagen«, schrieb Clifton, aber »die offizielle Arbeitslosenrate, die grausam das Leiden der Langzeitarbeitslosen, dauerhaft Arbeitslosen und deprimierend Unterbeschäftigten übersieht, ist ›eine große Lüge‹.«
Es bedürfe mindestens zehn Millionen neuer Jobs, so Clifton, um Amerikas Mittelschicht wieder zu reparieren. »Erst wenn die Medien, das Weiße Haus und die Wall Street die Wahrheit zu berichten beginnen – die Prozentzahl der Amerikaner in einer guten und vollen Beschäftigung – werden wir aufhören, uns zu wundern, warum die Amerikaner nicht etwas spüren, das die Realität in ihrem Leben nicht im Entferntesten widerspiegelt. Dann werden wir auch aufhören, uns zu wundern, was die Mittelschicht ausgehöhlt hat.«
Ähnlich frustriert hatte sich Clifton bereits am 13. Januar darüber ereifert, dass die USA einen beträchtlichen Teil ihrer wirtschaftlichen Dynamik eingebüßt haben.Das Land sei nicht mehr an erster, zweiter oder dritter Stelle der Rangliste mit den meisten neu gegründeten Firmen auf der Welt, sondern abgeschlagen an zwölfter Position, hinter Ländern wie Ungarn, Neuseeland und Italien.
Doch dieses größte einzelne Wirtschaftsproblem der USA, so Clifton, bleibe praktisch ein Geheimnis, weil kaum eine Zeitung darüber berichte: »Du siehst es nie in den Medien erwähnt, noch hörst Du einen Politiker davon sprechen, dass zum ersten Mal in 35 Jahren mehr amerikanische Firmen sterben als neu gestartet werden.« In dem Kommentar mit der Schlagzeile »Amerikanisches Unternehmertum: Tot oder lebendig« beklagte Clifton ein »unterirdisches Erdbeben« in den USA:
»Bis 2008 hat die Zahl neu gegründeter Firmen die Zahl der Pleiten jedes Jahr um etwa 100 000 übertroffen. Aber in den vergangenen sechs Jahren hat sich dieses Verhältnis umgedreht. Es hat ein unterirdisches Beben gegeben. Während Sie diese Zeilen lesen, sind wir bei 70 000 mehr Pleiten als Firmenstarts. Und die entsprechenden Zahlen kommen nur sehr langsam aus dem Census-Büro auf dem Umweg über die Small Business Administration. Das heißt, die berichteten Zahlen sind hinter der Realität zwei Jahre her.«
Vielsagend lautet auch die Erklärung des Gallup-Chefs für die mangelnde und manipulierte Berichterstattung zu diesem brisanten Missverhältnis, das laut Clifton nicht nur Amerikas wirtschaftliche Substanz aushöhlt, sondern damit auch seine nationale Sicherheit gefährdet:
»Meine Vermutung ist«, so Clifton, »dass niemand über diese Geburten- und Sterbezahlen amerikanischer Firmen redet, weil die Wall Street und das Weiße Haus – egal, welche Partei dort residiert – zwei gigantische Institutionen der Meinungsmache sind. Das Weiße Haus muss Sie bei der Stange halten, weil die regierende Partei Ihre Stimme braucht. Und die Wall Street braucht einen Börsen-Boom, selbst wenn dieser mit einer Illusion angeheizt wird. Also erzählen uns beide, die Konjunktur erhole sich. Aber lassen Sie uns eines ganz klar feststellen: Diese Wirtschaft wird sich niemals erholen, bevor sich das Verhältnis zwischen neu gegründeten und pleite gegangenen Firmen wieder umkehrt.«
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