Peter Harth
Eine »unabhängige Jury« hat »Lügenpresse« zum sogenannten Unwort des Jahres 2014 gekürt. Diese Giftspritze soll die Kritiker der Mainstream-Medien kaltstellen. Ein Eigentor, denn Google zeigt anhand historischer Daten: Das Wort »Lügenpresse« hat immer dann Hochkonjunktur, wenn ein großer Krieg beginnt. Dann funktionieren Staaten ihre Medien zu Propaganda-Schleudern um: 1849, 1869, 1914, 1939 und auch jetzt. Sind wir also schon wieder mittendrin?

Ein Satz ist besonders kindisch und obendrein falsch: »Erfunden wurde das böse Wort von Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels, die Demonstranten in Dresden und Leipzig beten es gedankenlos nach: ›Lügenpresse‹.« Trotzdem ist ein solcher Unsatz die Kernbotschaft der Mainstream-Medien zum Unwort des Jahres 2014!
»Lügenpresse« soll ein »Kampfbegriff gegen die Demokratie« sein, schreibt dieSüddeutsche und schiebt kräftig nach: »Hinter dem Ausdruck standen […] meist völkische oder nationalistische Anliegen, die durch Medien angeblich befleckt wurden.« Der Spiegel dichtet: »Vokabular wie bei Goebbels«.
Natürlich Goebbels. Das ist das sichere Ende jeder Diskussion. Ein Totschlagargument und ein Ablenkungsmanöver: Mit der PEGIDA haben die Mainstream-Medien Sündenböcke gefunden, auf die sie alles abwälzen.
Medien-Kritik – war da noch was? Kommt doch eh alles von diesen ungebildeten »Wutbürgern«. Muss man nicht ernst nehmen.
Mainstream-Medien: Feindbilder erschaffen und Fehler verschweigen
Wer spricht noch von verdrehten Tatsachen bei der Ukraine-Berichterstattung, von der eigenen Bankrotterklärung, von Zensur, vom Vorwurf: »interessengeleitet, gesteuert, manipuliert« zu sein? Wer spricht noch davon, dass zwei Drittel der Deutschen den Mainstream-Medien nichts mehr glauben? Von der Arroganz unserer Journalisten, während sie Menschen aufhetzen? Wie sie es zusammen mit der Bundeskanzlerin schaffen, dass in diesem Land keiner mehr den anderen versteht?
Die Mainstream-Medien bauen Feindbilder auf und ziehen Mauern in den Köpfen hoch, stacheln an. Deutschland besteht offenbar nur noch aus Demonstrationen und Gegendemonstrationen. Wer die Medien kritisiert, der ist ein Feind der Demokratie: Auf der Straße laufen die Bösen, weil sie »Lügenpresse« rufen. Dann ist automatisch auch jeder böse, der den Medien misstraut? Wir sollen uns jetzt entscheiden und man lässt uns nur eine Wahl: gut sein, gegen die Bösen sein!
Zieht die Köpfe ein, es regnet Lügen und Propaganda
Fertig, das ist Kriegsrhetorik. So einfach baut man Feindbilder auf, malt die Welt schwarz-weiß, schiebt die eigenen Fehler den anderen zu. Erklärt das eigene Handeln zum unantastbaren Heiligtum. Das gesamte mediale und politische Deutschland leidet an Paranoia. Kritik ist nur das Machwerk einer fünften Kolonne. Sie unterwandert Deutschland und wird aus Moskau gesteuert. Wenn das sogar Kai Gniffke behauptet – als Chef der Tagesschau der Mann, auf den sogar die Alpha-Journalisten hören –, dann heißt das: Willkommen beim Krieg der Worte. Zieht die Köpfe ein, es regnet Lügen und Propaganda. Und das ist vielleicht nur das Vorspiel.
Die Mainstream-Medien feiern sich dafür: »So lange es eine ›Lügenpresse‹ gibt, scheint die Demokratie gut zu funktionieren.« Das Gegenteil ist richtig: Immer dort, wo Menschen das Wort »Lügenpresse« in den Mund nehmen, da funktionieren weder Demokratie noch Medien! Die Gesellschaft hat ein sehr feines Gespür dafür.
»Lügenpresse« ist ein Gradmesser für Krieg und Frieden
Es ist nur eine Frage der Perspektive: Von ganz oben betrachtet wird alles klar. Lassen Sie einmal das tägliche Kleinklein von Politik und Mainstream-Medien hinter sich. Schweben Sie wie ein Vogel über den Dingen. Über 168 Jahre Geschichte. Sie erkennen dann, wieso das Wort »Lügenpresse« ein Gradmesser für Krieg und Frieden ist.
Das geht nicht? Doch! Dank Maschinen, die sämtliche Daten der Menschheit sammeln und analysieren. Google will die ganze Welt digitalisieren, auch die Bücher. Sucht man in dieser gigantischen Digital-Bibliothek nach dem Wort »Lügenpresse«, zeigt sich seit 1840 folgendes Bild:

Wer hat‘s erfunden?
Wie bei einer Fieberkurve sehen wir insbesondere in der ersten Grafik, wann man über die »Lügenpresse« besonders heiß diskutiert hat. Das Ergebnis ist ebenso auffällig wie beängstigend – immer dann, wenn es Krieg und/oder Revolution gab. Die erste Spitze liegt im Jahr 1849.
Da gab es noch keinen Goebbels, und damit stirbt eine weitere Lüge der Presse über die »Lügenpresse«. Das Wort wurde zusammen mit den Zeitungen geboren, als diese massenhaft in Druck gingen. Krieg, Revolution und der böse Begriff sind untrennbar miteinander verbunden. Das wird umso deutlicher, je kriegerischer die Zeiten sind.
1849 befindet sich Deutschland in einer Revolution. Bürger gehen auf die Barrikaden, die Monarchien feuern zurück. Dieser politische Krieg wird auch in den Zeitungen geführt. 1869 zeigt sich die nächste Spitze für das Wort »Lügenpresse«. Damals benutzt Otto von Bismarck die Presse. Er manipuliert mit der Emser Depesche und bekommt seinen Krieg gegen Frankreich.
Auch die »68er« kämpften gegen die »Lügenpresse«
1914 zeigt den Spitzenwert für das Wort »Lügenpresse«: Deutschland marschiert in das neutrale Belgien ein. Französische wie britische Journalisten »berichten« über die Gräueltaten der deutschen »Hunnen«. Deutschland hat den Krieg der Worte schon lange verloren, da kämpft es noch in den Schützengräben. Die Instrumentalisierung der Medien für Kriegspropaganda wiederholt sich noch einmal ab 1939. Dort kommt »Lügenpresse« auf seinen zweithöchsten Wert.

Aber auch danach hat das Wort noch einmal Hochkonjunktur: ausgerechnet in den Jahren zwischen 1968 und 1977 (wenngleich die Spitze hier deutlich kleiner als die vorangegangenen ausfällt). Warum verschweigen die Mainstream-Medien das heute? Aus Scham. Die linkssozialistischen Studenten von damals gingen gegen »den« Kapitalismus, »das« System unddie »Lügenpresse« auf die Straße – jetzt sind sie »das« System. Haben den »Marsch durch die Institutionen« geschafft.
Wenn die Chefredakteure und Politiker heute auf die Straßen und auf die »Wutbürger« schauen, sehen sie in ihre eigene Vergangenheit. Sie haben mit PEGIDA und dem Wort »Lügenpresse« mehr gemein, als sie zugeben.
Das finden sie unerträglich. Ein blinder Fleck in der eigenen Geschichte, der heute verschwiegen wird, Googles Daten sind aber unbestechlich: Auch die 68er haben um die »Lügenpresse« gestritten und verloren. Mit dem Scheitern der linksterroristischen RAF verschwindet das Wort wieder aus den Büchern.
Sind die Kriege vorbei, verschwindet auch das Wort »Lügenpresse«
Dann passiert das, was immer passiert. Nach dem Krieg, nach der Revolution, nach dem Kampf in der Gesellschaft werden die Massenmedien nicht mehr im politischen Richtungsstreit instrumentalisiert, sondern nur noch zur Ankurbelung des Konsums.
Ohne Feind braucht es auch keine Feindbilder, mit denen man die Köpfe der Menschen verdreht, Hass schürt, Wahrheiten manipuliert oder an der Heimatfront für Ruhe sorgt. Also muss die Presse auch nicht mehr in dem Ausmaß lügen. Die »Lügenpresse« verschwindet wieder aus dem Bewusstsein, es wird nicht mehr darüber geschrieben.
Wir sind auf dem Weg in einen neuen Krieg…
Doch jetzt kommt das Wort »Lügenpresse« wieder. »Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit.« Wir sind zurück bei der Dreiecksbeziehung Krieg – Medien – Propaganda. Leider reichen die Buchauswertungen von Google nur bis zum Jahr 2008. Hilfsweise bedienen wir uns der Auswertung des Google-Suchbegriffs »Lügenpresse« im Internet. Nach Jahren des Desinteresses ging es hier zum Jahreswechsel 2014/2015 steil nach oben. Dies natürlich deshalb, weil die Gesellschaft jetzt wieder über die Doppelmoral der Medien diskutiert. Weil sie fühlt, dass ein Konflikt angefacht wird, der zum (Welt-) Krieg geraten kann.

Quelle: Google
Warum ist es böse, in Syrien eine Stadt voller Rebellen mit Artillerie zu beschießen, aber in der Ukraine gut? Warum liest sich die Berichterstattung zur Ukraine-Krise wie ein unvermeidbarer Krieg? Warum wird ein klares Feindbild aufgebaut? »Die Bösen, das sind die Russen, die NATO – also wir – muss sich endlich wehren!« Darf ein deutscher Außenminister so denken? Dürfen die Journalisten das ungefiltert für ihre Leitartikel einfach übernehmen?
Es wird nach dem kleinsten Zeichen der Eskalation gesucht. Und zwar so gründlich, dass Dinge erfunden, verdreht oder erlogen werden. Wir haben uns immer über die Kriegspropaganda von 1914 und 1941 gewundert. Die war so primitiv, wie konnte man das glauben?
… aber das Volk ist unwillig
Aber auch 2014 fahren Fantasie-Panzer durch die Medien. Allein dafür müssten sich die Mainstream-Medien schämen. Weil sie wieder nichts dazugelernt haben. Das Internet entblößt die Propaganda immer schneller, aber die Macht der Mainstream-Medien liegt in der Wiederholung. Jeden Tag und auf allen Kanälen, bis wir es glauben.
Vier von fünf Deutschen wollen nicht, dass sich unser Land stärker militärisch für was auch immer engagiert. Doch genau das möchte unsere politische Elite. Sogar ein Bundespräsident, der sonst gerne vom Frieden spricht, predigt pastoral, dass der »Einsatz militärischer Mittel nicht von vornherein zu verwerfen« sei.
War-Cast: (k)ein neuer Service von Google
Machen wir uns nichts vor, das ist ein Paradigmenwechsel. Gewollt durch die politische Elite, verbreitet durch die Mainstream-Medien, nicht hinterfragt durch die Mehrheit. In der Ukraine brennt es schon wieder. Auch der Erste Weltkrieg kam nicht plötzlich. Er eskalierte nach einer Reihe von Kriegen auf dem Balkan und kam zu einer Zeit, als niemand mehr damit rechnete.
Auch damals fragten sich die Soldaten: »Wofür kämpfen wir hier eigentlich?« Nun ist Osteuropa auf dem Weg, der neue Zankapfel zu werden – und die Ursache für einen viel größeren Krieg.
Google analysiert mittlerweile die Welt und kann anhand von Suchanfragen vorhersagen, wo bald die Grippe zuschlägt. Diese kleine Spielerei zeigt, was mit den Daten möglich ist. Vermutlich könnte es auch die nächsten Kriege vorhersagen, wenn es denn wollte oder dürfte.
Dieser Beitrag stellt ausschließlich die Meinung des Verfassers dar. Er muss nicht zwangsläufig die Meinung des Verlags oder die Meinung anderer Autoren dieser Seiten wiedergeben.
Hat dies auf Treue und Ehre rebloggt.
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