Verena Tobler Linder den 0815-Info-Lesern vorzustellen, hieße „Eulen in die Schweiz schleppen“, gehört ihre Artikel-Reihe »“Nüchternes und Aufgeklärtes zur Islamisierung Europas“ doch zu den »meistgelesenenSeiten unseres Web-Portals. Der nachfolgende Artikel beschäftigt sich zwar vorrangig mit der Türkei, steht aber für die islamische Welt insgesamt. Wir wissen, dass lange Texte am Bildschirm oft ermüdend sind. Deshalb gibt es unterhalb des Artikels auch noch die Links für den Drucker und den Download (PDF-Datei).
Nehmen Sie sich die Zeit zum Lesen, es lohnt sich!
Nachdenken über weltlich-westliche Formen der Borniertheit
von Verena Tobler Linder*
Der Grund, weshalb unser empfindendes, wahrnehmendes und denkendes Ich
nirgendwo in unserem wissenschaftlichen Weltbild angetroffen werden kann,
lässt sich leicht in sechs Worten ausdrücken: Weil es selbst dieses Weltbild ist.
Schrödinger
Im Kampf um Karikaturen und Kopftücher fordert der Westen Menschen- und Frauenrechte, persönliche Freiheiten, Religionsfreiheit ein und bezweifelt dennoch, dass Abdullah Gül als türkischer Staatspräsident gewählt werden kann, wenn sein Frau ein Kopftuch trägt.
Doch sind jene, die sich für die Aufklärung stark machen, denn in der Lage, religiös legitimierte Ordnungsvorstellungen zu verstehen? Sind sie, die in Nord und Süd zu den modernen und gut bezahlten Bildungsschichten gehören, überhaupt fähig, die Voraussetzungen für ihre aufgeklärten Weltbilder zu erkennen? Was, wenn sich hinter Kopftuchgebot und Karikaturenverbot eine Strukturdifferenz verbirgt? Eine Strukturdisparität, so gross und tief, dass sie den Heiligen Eifer erklärt, mit dem dieser Zivilisationskrieg derzeit beidseits verfochten wird.
Die Menschen unter dem Islam, so meine These, geraten vorab deshalb in unser Blickfeld, weil sie sich mit organisierter Stimme Gehör verschaffen. Anderswo zerfällt die Welt lautlos in Stücke: Staaten implodieren, Anomie breitet sich aus, überfüllte Boote queren das Mittelmeer, SchwarzafrikanerInnen ertrinken – was kümmert d a s den Westen?
Seit Dekaden mit der ungleichen Entwicklungsdynamik der Weltwirtschaft beschäftigt und mit Menschen, die an den weltwirtschaftlichen Rändern sozialisiert wurden, will ich im Folgenden dreierlei beleuchten:
- die wirtschaftlichen Verhältnisse, die zu den global so disparaten Ordnungsvorstellungen führen;
- die vielfältigen Ordnungsvorstellungen, mit denen Menschen „vor Ort“ überleben;
- Wege hin zu einer Aufklärung, die uns aus der weltlich-westlichen Borniertheit hinaus in eine gemeinsame Zukunft führen kann.
I. Leben „vor Ort“ und in den Kapitalzentren – eine zweigeteilte Welt?
Am Ende der Kolonialepoche war die Welt zweigeteilt: Im Norden die reichen westlichen Industrienationen, im Süden die mehr oder weniger armen Länder. Die laufende Globalisierung hat diese Art der Zweiteilung überholt: Der Graben verläuft jetzt zwischen jenen einen, die formell in die Kapitalzirkulation integriert sind, und jenen andern, die ins Ausserhalb verbannt bleiben. Abbildung 1 zeigt: Nicht nur die BürgerInnen und Bewohner der westlichen Wohlfahrtsstaaten sind in die Kapitalzirkulation integriert, sondern längst auch die Ober- und Mittelschichten in der restlichen Welt:
Wer eine formelle Erwerbsarbeit und Berufsrolle hat, lebt von den Erträgen des Kapitals, ist an einer durchmonetarisierten Sozialordnung orientier und mit dem entsprechendem Sekundärrollenethos identifiziert. Wer hingegen im Ausserhalb überlebt, hält an vormonetären Ordnungsvorstellungen und den tradierten Primärrollen fest: an den Generationen-, Geschlechts- und Verwandtschaftsrollen. Diese Primärrollen bleiben verbindlich, so lange sie sicherstellen, dass die Menschen ihre unelastischen Bedürfnisse einigermassen verlässlich befriedigen können. So ist z. B. die Kapazität zu Schutz- und Solidarleistungen „vor Ort“ nur so gross, wie die Familienbande stark und die traditionale Moral intakt bleiben. Zwar bieten inzwischen die meisten Staaten Bildungseinrichtungen an und stellen Gerichte mit Richtern und Polizisten, Spitäler mit ärztinnen und Krankenschwestern bereit. Vielerorts fehlen jedoch jene wirtschaftliche Voraussetzungen, ohne die individuelle Grundrechte wie freie Partnerwahl, Geschlechtergleichstellung, die freie Wahl der Sexualität etc. nicht zu haben sind. Denn wenn ein Staat Alters- und Invalidenrenten, Kranken- und Arbeitslosenversicherungen organisieren sowie Fürsorgemittel, Geschlechtergleichstellung, individuelle Freiheiten für alle finanzieren soll, so muss die grosse Bevölkerungsmehrheit ein formelles Erwerbseinkommen haben. Die konfliktive Kluft reisst deshalb auch innerhalb der halbarmen und armen Staaten auf! Wer in den globalen Wohlstandsinseln mit durchmonetarisierter Sozialordnung residiert, beruft sich auf individuierte Ordnungsvorstellungen: Hier werden die Individualrechte valorisiert und ausgebaut – wesentlich über die Kapitalzirkulation bzw. Kapitalakkumulation finanziert. Jene hingegen, die für die verlässliche Befriedigung der Grundbedürfnisse weiterhin auf Primärbeziehungen angewiesen sind, halten an kommunitären Ordnungsvorstellungen fest: Sie stellen die Interessen des Kollektivs über jene der Individuen. Das erklärt auch, weshalb die Religion überall in der Welt für die modern orientierten Teile der Bevölkerung bestenfalls zum Ort der Spiritualität geworden ist, während sie die Menschen „vor Ort“ nach wie vor dazu bringt und zwingt, die religiös diktierten und legitimierten Pflichten zu erfüllen.
Warum übersehen wir, dass die formelle Erwerbstätigkeit in vielen Staaten auf tiefem Niveau stagniert? Warum ignorieren wir, dass die damit verbundene geringe Steuer- bzw. Abgabekapazität keine staatliche Absicherung der Individuen gestattet? Warum blenden wir den Zusammenhang zwischen Wirtschaftskraft, moderner Rechtssicherheit, individueller Freiheit aus? Und weshalb können wir nicht erkennen, dass die Religion zwar in den tiefsten Existenzgefühlen der Menschen wurzelt, jedoch entlang der Zeit und über das Erdenrund auch noch ganz andere menschliche Anliegen „ordnen“ oder „lösen“ half?
Wer über diese Fragen nachdenken will, ist auf nicht-ethnozentrische Welt-, Selbst- und Menschenbilder angewiesen. Dazu dient mir das Konzept der Kernkultur: Es erfasst die verbindlichen Ordnungsvorstellungen, die in allerorts darauf zielen, dass ihre Mitglieder einer Gesellschaft ihre unelastischen Bedürfnisse stillen können. In unserer wirtschaftlich so ungleichen Welt wird Kernkultur jedoch höchst unterschiedlich konkretisiert, weil Rechts- und Moralitätsvorstellungen bis heute kontextspezifisch sind. Während personale „Moral“ meint, was einzelne Person als richtig oder falsch, gut oder bös erachten, zeige „Moralität“ an, was bei der Mehrheit als verbindlich gilt. „Recht“ wiederum sei jenes Set von Regeln, das angibt,
- welche Wertverletzungen bestraft werden,
- welche Sanktionen für spezifische Wertverletzungen gelten,
- wer diese Sanktionen verhängt.
II. Vielfältige kommunitäre Ordungsvorstellungen….. bis hin zur „Welt in Stücken“
Ich fokussiere in Folgenden nur die kommunitären Ordnungsvorstellungen1 bzw. Kernkulturen – leider in verkürzter und sehr vereinfachter Form. Trotz fliessender Übergänge lassen sich in Abbildung 2 jedoch holzschnittartig drei Typen unterscheiden:
- Sekundär kommunitäre Ordnungsvorstellungen des Typs 2 finden sich in alten Staatsgesellschaften, also in Japan, China, Korea, Sri Lanka – in Ländern, die in ihrem Kulturellen Erbe oft Bewässerung, stets Grossreligionen sowie das Staatsmonopol der Gewalt mit Schrift und Buchhaltung führen. Ihre Bewohner sind seit Jahrhunderten zu Abgaben gezwungen und mit der Geldwirtschaft vertraut. Im Rahmen einer hoch differenzierten Arbeitsteilung wurden sie vom Staat und über Märkte zu Fleiss angetrieben. Solidarleistungen wurden historisch nicht vom Staat organisiert, sondern auf der Basis von Familie und Verwandtschaft oder Religion geleistet – und diese Art von Solidarinstitutionen sind in einigen Ländern bis heute geblieben.
Unter dem Deckel heutiger Staaten existieren aber auch zahllose verwandtschaftlich-ethnisch organisierte Verbände, die sich bis heute an kommunitären Ordnungsvorstellungen der vormonetären Art orientieren. Selten verschriftlicht, sind auch diese Formen von Kernkultur tief in die Herzen der Menschen eingelassen, d. h. sie werden von ihnen narzisstisch und aggressiv besetzt. Denn Menschen lernten bislang die zentralen Ordnungsvorstellungen stets in ihrem jeweiligen gesellschaftlichen Kontext: Wir alle wachsen also mit einer spezifischen Kernkultur auf und erlernen und internalisieren i. d. R. deren Werte und Normen.
Vormonetäre Ordnungsvorstellungen kommen in zwei sehr unterschiedlichen Formen vor:
- Als primär kommunitäre Ordnungsvorstellungen: Wir finden sie in tropischen und subtropischen Regionen, wo Kleinvölker vom Hackbau oder vom Jagen und Sammeln leben. Vorab in Melanesien und Schwarzafrika gibt es noch viele kleinere Ethnien. Auch sie sind verwandtschaftlich-ethnisch strukturiert, doch wird in Klein- und Kleinstverbänden die Verwandtschaft meist sozial und oft hoch flexibel definiert. Weil in Schwarzafrika die Frauen für den Hackbau verantwortlich sind, haben sie vielerorts eine relativ starke Position, ja es gibt sogar matri-zentrierte Ethnien. Die kernkulturellen Vorstellungen gehen in den tropischen Zonen und Savannenregionen Schwarzafrikas vielerorts zusammen mit Ahnen- und Naturreligionen. Historisch kam im Norden und Osten der Islam vor. Das Christentum hingegen hat sich, mit der Ausnahme von Äthiopien, in Schwarzafrika erst mit der Kolonisierung verbreitet. Doch für beide Hochreligionen gilt: Sie werden meist synkretistisch mit den traditionalen manistischen und animistischen Vorstellungen vermischt.
Die erwähnten drei Typen kommunitärer Ordnung2 lassen sich gleichzeitig m. o. w. geographisch-klimatischen Zonen zuordnen. Abbildung 3 zeigt das Kulturelle Erbe von nicht-europäischen Staaten. Weil dazu rezentere Daten genutzt wurden, die quasi den vorkolonialen Zustand erfassen, fehlt der Kontinent Amerika: Die dortigen Gesellschaften und Kulturen wurden von den Europäern lange vorher beeinflusst, unterdrückt, zerstört und ausgerottet.
- Viele Länder mit hoher Strukturkomplexität im Kulturellen Erbe liegen in Asien. Es sind „alten Staaten“ – strukturkomplex, aber kulturell relativ homogen – die unseren Anstoss erregen, weil sie die individuelle Freiheit beschränken. Dennoch beginnen sie dem Westen den weltwirtschaftlichen Rang abzulaufen: Autoritär organisiert, bringen sie hoch disziplinierte Individuen hervor, die zudem mit kernkulturellen Merkmalen ausgestattet sind, die zu komplexen Leistungen befähigen. So erweisen sich nicht nur die Staaten, sondern auch viele Individuen aus diesen Kontexten als äusserst anschluss- und aufstiegsfähig in unserer modernen Welt.
- Auch unter dem Islam gab es alte Staaten. Sie weisen, bei mittlerer Strukturkomplexität und kultureller Homogenität, im Kulturellen Erbe, eher nur mittlere Erfolge in der Weltwirtschaft auf, wenn auch mit grosser Varianz. So sind der Iran, Irak und die Türkei „alte“ Staaten, die in ihrem Kulturellen Erbe aber oft beide Typen der sekundär kommunitären Ordnung mitführen: monetär und vormonetär organisierte – jeweils mit je unterschiedlichem Gewicht. Jene Länder, die sich auf Stammesverbände abstützen, sich aber inzwischen auf ihr Erdölvorkommen abstützen, bilden einen eigenen wirtschaftlichen Erfolgstyp: Sie bleiben z. B. – wie Saudiarabien – am Traditionalismus orientiert, wenn der Grossteil der Bevölkerung nicht von der Erwerbsarbeit, sondern von Renteneinkommen aus dem Öl lebt.
- Staaten in Schwarzafrika und Melanesien setzen sich hingegen oft aus Hunderten Kleinvölkern zusammen – es sei denn, diese Staaten seien klein wie etwa Botswana. Innerhalb vonGrenzen, die oft von den westlichen Grossmächten festgelegt wurden, weisen die meisten Länder Schwarzafrikas eine enorm grosse kulturelle Heterogenität auf. Mit ihrer traditional geringen Strukturkomplexität sind sie relativ schlecht für die Weltwirtschaft gerüstet, ja bislang kaum in der Lage, für ihre eigenen BürgerInnen sorgen. Vorab in Schwarzafrika droht inzwischen eine Form der Anomie, welche die dortigen Gesellschaften und Ordnungsvorstellungen gewissermassen „lautlos“ – für uns Europäer nicht sichtbar – in Stücke zerfallen lässt. Denn diese Sichtbarkeit wird heute für die allermeisten von uns über die Medien hergestellt.
So scheint aber die Strukturkomplexität von Gesellschaften doppelt wichtig zu sein: Zum einen für den wirtschaftlichen Erfolg in der hoch komplexen Weltwirtschaft, zum andern für die organisierte Abwehr von destruktiven Ausseneinflüssen.
II. Verwirrliches Schwarzafrika – einige Beispiele
Warum aber kam aus dem Raum südlich der Sahara bislang kaum eine auf den Westen gerichtete Aggression, obwohl so mancher dieser postkolonialen Staaten implodierte und der innere Zusammenbruch, wie z. B. im Kongo, zu hochgradiger Anomie und ins soziale Desaster geführt hat? Der Approach der Kernkultur erlaubt, die folgenden begründeten Vermutungen anzustellen: Am Ende der Kolonialepoche entstanden hier zwar formelle Staaten. Doch beherbergen sie bis heute Gesellschaften mit primär kommunitär orientierten Kernkulturen. Deshalb fehlt jene vertikalisierte und zentralisierte Organisationsstruktur, die es erlauben würde, trotz Vielfalt mit einer Stimme zu sprechen. Anders formuliert: Die ethnische Vielfalt hat sich erhalten, weil bislang nur ein kleiner Teil der Bevölkerung formell in die Kapitalzirkulation integriert wurde. Der Islam vermag diese primär kommunitären Ordnungsvorstellungen teilweise zu ersetzen, allerdings nur wenn und so lange er seine Gläubigen zu verlässlichen Quellen und Adressaten von Umverteilung und Solidarität machen kann.
Ein Beispiel für die enorm große kernkulturelle Heterogenität ist Kamerun – ein Staat, der sich aus über 200 verschiedenen Volks- bzw. Sprachgruppen zusammensetzt. Einzelne dieser Kleinvölker waren historisch weder horizontal noch vertikal differenziert, vorab die vom Jäger und Sammlerinnen. Die meisten Ethnien leben jedoch bis heute auf der Basis von weiblichem Hackbau. Manche sind akephal, d.h. ohne Führer, andere in kleinen Königstümern organisiert. Nota bene waren Entwicklungsprojekte in den letzteren erfolgreicher als in den ersteren.
Inzwischen wird diese Vielfalt schier allerorts in Schwarzafrika zum innerstaatlichen Störfall: Denn wo immer eine grosse Kinderschar das Alter sichert, ist die Fruchtbarkeit heilig3: das Bevölkerungswachstum ist enorm. Es gibt mehr Konkurrenz um den sich verknappenden Boden, und ausgerechnet die Bevölkerung, die ausserhalb der Kapitalzirkulation überleben muss, nimmt besonders rasch zu. So haben nur 10% der Bewohner eine Sozialversicherung. Gleichzeitig fehlt im Kulturellen Erbe vieler afrikanischer Staaten ein nationales Identifikationspotenzial, das die Kleingruppen transzendieren könnte – und ein neuzeitliches ist, ohne Erwerbsarbeitsplätze für die Massen, schwer herzustellen. Sogar in Kamerun fallen Fussballsiege selten an. Wo nur eine privilegierte Minorität eine Erwerbsarbeit hat, können auch keine Gewerkschaften entstehen, die für nationale Solidarsysteme kämpfen. So gibt es in Kamerun nicht nur unzählige Sekten, sondern Legionen von hoch flexiblen Persönlichkeiten, die sich kunterbunt sowohl am Christentum und Islam als auch an den Regeln der althergebrachten Ahnen- und Naturreligionen orientieren. Weil die Landreserven schwinden und der Boden immer weniger hergibt, motivieren Familien und Dörfer heute die Jugend zunehmend dazu, in die europäischen Konsumparadiese zu emigrieren.
Primär kommunitäre Kernkulturen zeichnen sich u. a. durch folgende Merkmale aus:
- Die Sozialordnung ist an den Bedürfnissen der Primärgruppe orientiert – ihr gilt das moralische Primat. Weil in den Tropen und Subtropen kaum Vorräte zu halten sind, fokussiert die Moralität hier die „Solidarität“.
- Die Grenzen zwischen Gruppe, Individuum und Natur sind diffus: Das Selbstbild und die Moral des Einzelnen sind relational – verwoben in ein Netz von Einflüssen, das mit anderen Menschen, Geistern und der Natur verbindet.
- Die Wirkung menschlichen Handelns wird überhöht: Wo Menschen „fühlen“, dass die Natur nur dann Früchte für sie abwirft, wenn sie die moralischen Gebote erfüllen, dienen magische Praktiken dazu, die Ordnung zu sichern und zu manipulieren. So sind die Rechtsvorstellungen diffus und projektiv: Wer die Regeln verletzt, wird verhext, erkrankt oder stirbt.
Zur Illustration einige Fälle aus Mosambik, die ich im Jahr 2005 – und zwar bei Informanten aus dem universitären Milieu – erhoben habe.
- Weil ein Forscherteam die Dorfbevölkerung nicht gebührend geachtet hatte, wurden Tonbänder verhext, in denen monatelange Arbeit steckte. Erst als dem Dorfältesten eine formelle Entschuldigung und Geschenke erbracht wurden, kamen die Aufnahmen wieder aufs Band.
- Eine junge Frau auf dem Dorf, deren Verlobter in Malawi war, um den Braupreis zu erarbeiten, liess sich mit einem Forscher aus der Hauptstadt ein – eines Morgens lag sie tot neben ihm im Bett: Ihre Eltern, durch das töchterliche Verhalten um den Brautpreis gebracht bzw. um ihre Alterssicherung betrogen, hatten sie verhext.
- Einem Universitätsassistenten, bereits glücklich mit einer Städterin verheiratet, droht Impotenz, falls er keine zweite Frau aus dem Dorf heiratet. Denn das würde Staatsgelder ins Hinterland bringen. Der junge Mann ist Christ geworden und hofft so, den Bösen Zauber abzuwenden.
Unwichtig, was an diesen Geschichten wahr ist, was nicht: Sie sind weit verbreitet, werden bis heute geglaubt und bis hinauf ins universitäre Milieu weiterhin beachtet. Aber sie sind für uns „differenzierte“ oder auch „fragmentierte“ Europäer so faszinierend wie verwirrlich.
Primär kommunitäre Ordnungsvorstellungen gelten, immer gemäss dem Approach der Kernkultur, so lange, als für die Bevölkerungsmehrheit weder Erwerbsarbeit noch überfamiliale Solidarnetze zu haben sind. In Mosambik hatten 2005 grad mal 20% der Erwerbsfähigen ein formelles Erwerbseinkommen – zwei Drittel davon beim Staat. Der Rest überlebt im Ordnungsrahmen von persönlichen Beziehungen und Leistungen, was immer die Verfassung an modernen Rechten verspricht. Bricht das Primärbeziehungsgefüge ein, so drohen Elend und Anomie – in Haiti und Schwarzafrika. Der Dunkle Kontinent hat schlechte Karten: Die Bevölkerungsmehrheit wird wohl kaum je formell in jene Weltwirtschaft integriert, die ihm zusehends die Ressourcen abkauft. Dabei sind Schwarzafrikaner so intelligent wie Weisse – nur sind sie mit völlig anderen wirtschaftlichen bzw. kernkulturellen Parametern aufgewachsen.
II.a Einige Besonderheiten der Verbände in den traditionalen Ehre-Schande-Regionen
Es ist der vormonetäre Typ 1 der sekundär kommunitären Ordnung, der dem Westen zu schaffen macht4. Denn die Kernkulturen der Stammesverbände weisen i. d. R. die folgenden Merkmale auf:
- Das moralische Primat steht zwar immer noch der Gruppe zu, doch werden nun Individuum, Gesellschaft und Natur kulturell, konzeptuell und sprachlich, klar auseinandergehalten.
- Um die mit dieser Differenzierung drohende Gefahr abzuwehren, wird die individuierte Bedürfnisbefriedigung – wie früher im Christentum – zur Sünde erklärt. Damit wird zwar die Existenz der Individuen, nicht aber deren Legitimität anerkannt.
- Die Macht wird formell zum Kollektiv verschoben: Der hoch und straff organisierte Verband sorgt nun dafür, dass die Regeln eingehalten und Normbrüche rigoros bestraft werden.
Kein Wunder, dass es zu heftigen Kollisionen zwischen den hoch individuierten Ordnungsvorstellungen des Westens und jenen dieser Verbände kommt. Es ist jedoch nicht der Islam, der die vormonetär organisierten Stämme gefährlich macht, sondern dessen Verbindung mit dem kämpferischen Kulturellen Erbe: Wo Vorräte, Eigentum, Weiden, Frauen zu verteidigen waren, wurden Schutz- und Sicherheitsaufgaben priorisiert – Bedingungen, unter denen sich das klassische Patriarchat herausgebildet5 hat. Die Taliban lassen grüssen: Sie – einst vom Westen als Freiheitshelden gefeiert und mit Waffen und Dollars gefördert, weil sie gegen die UdSSR kämpften – setzten nach gewonnener Schlacht das Paschtunwali6, das traditionale Stammesrecht, wieder in Kraft. Ein Stammesrecht, das – unter dem Unstern einer Modernisierung, die nicht greifen kann – diese Modernisierung abwehrt und deshalb zusehends harscher wird.
Es gibt weitere Aspekte, welche die Stämme extrem gefährlich machen: Auch die Paschtunen halten ihre Kernkultur narzisstisch und aggressiv besetzt – nur sind Recht, Moralität und Moral, soweit sie auf verbindliche Primärrollen zielen, rigoros mit Ehre und Schande, Stolz und Scham verbunden. Und so hat das Paschtunwali die Männer im Süden Afghanistans (und im westlichen Pakistan!) mit wichtigen Aufgaben betraut: Es galt erstens Weiden, Wasser und Vorräte in Form von Vieh und Getreide vor Neidern zu verteidigen; zweitens die Schwachen zu schützen – alle, die kein Gewehr hatten: Alte, Frauen Kinder, Barbiere, Musiker; drittens war die eigene Rechtsordnung zu bewahren und zu verteidigen. Anderes bringt diesen Männern einen gewaltigen Bedeutungs- und Statusverlust.
Simone de Beauvoir hat sich gefragt, warum dem männlichen Geschlecht, das tötet, ein höherer Wert eingeräumt wird als der Frau, die Leben hervorbringt. Als Feministin der ersten Stunde hat sie den Grund dafür nüchtern und ehrlich benannt: Nicht fürs Töten gebührt den Männer Ehre, sondern dafür, dass sie ihr Leben riskieren7. Wo die Schutzfunktion unverzichtbar war, bildete sich, wie z. B. in Albanien und im Irak, mancherorts die Institution der eidgebundenen Jungfrau8 heraus: Ist eine Familie ohne Sohn, konnte oder musste eine Tochter die Männerrolle übernehmen, Männerkleider tragen und ein Gewehr. Damit die Sozialordnung intakt blieb, hatten diese Frauen dann allerdings ledig zu bleiben.
Diese Männer sind also nicht nur gefährlich, weil Schutz und Trutz samt Kriegsgeschäften ihr Alltag ist, sondern weil der vormonetäre Typ der sekundär kommunitären Ordnung für die erfüllte Schutzpflicht just kein Geld, sondern „nur“ Ansehen, Ehre, Ruhm in Aussicht stellt, die verpasste Pflicht hingegen mit Schande, Verstossung, Tötung bestraft. Kurz – hier sind die Primärrollen hoch moralisiert und das heisst stets: narzisstisch und aggressiv besetzt. Die Paschtunen treten ihre Macht deshalb höchst ungern an den Staat ab, erst recht nicht an einen, dem die Mittel fehlen, Schutz und Sicherheit für alle bereitzustellen. Bei meinen UNO-Einsätzen hat mich und mein Tross stets ein Stammesangehöriger mit Gewehr begleitet wenn es in entlegene Regionen ging. So sind diese Helden tief gekränkt, wenn der Westen das, was sie als ihre Pflicht erachten, herabwürdigt und ihre Heldentaten dazu nutzt, eine „Achse des Bösen“ zu konstruieren. Die Taliban sind hoch moralisch!
Nota bene schreibt das Paschtunwali die Rollen für beide Geschlechter vor: Wer immer gegen die Normen der Sittlichkeit verstösst, wird rigoros bestraft – Frauen u n d Männer. Vor Vorurteilen sei deshalb gewarnt: Zwar haben Frauen im Außenraum den Männern zu gehorchen, sie sind jedoch als Mütter von Söhnen die ungekrönten Königinnen in Haus und Verband. Denn Söhne sind nicht nur wegen ihrer Schutzaufgabe wichtiger als Töchter, sondern auch weil sie die Hauptarbeit in der Landwirtschaft leisten und später die alten Eltern versorgen. Mütter bevorzugen Söhne: Sie bringen im Alter Sicherheit und dienen ihnen dazu, Macht im Hier und Jetzt auszuüben. Forschungen9 zeigen, dass just in Gesellschaften mit kriegerischer Tradition die Mutter-Sohn-Bindung besonders eng ist. So eng, dass eine Cross-Sex-Identification vermutet wird – eine verdeckt weibliche Identifikation, die der junge Mann dann später oft über ein besonders aggressives Verhalten abzuwehren sucht.
TürkInnen fragen jetzt vielleicht empört: Was hat da alles mit der modernen Türkei zu tun? Nichts, hingegen so Manches mit dem Rest der Türkei. Mit Blick auf die Ordnungsvorstellungen an den internen Rändern gilt oft, was ein Studierender aus Anatolien an unserer Fachhochschule angemahnt hat. Als die jungen Schweizerinnen monierten, Jungfräulichkeit gelte in der Türkei „nur“ wegen dem Islam, hat der Türke heftig protestiert:
„Die Jungfräulichkeit gehört bei uns gar nicht der Tochter, sondern dem Vater und dem Bruder! Wer denn kommt in meiner Heimat für meine Schwester und deren unehelichen Kinder auf? Entweder mein Vater oder ich! Mein Vater hat aber seine Pflicht erfüllt und kann im Alter nicht mehr für die Tochter sorgen. Aber auch ich will nicht für meine Schwester aufkommen, sondern eine Frau heiraten und eigene Kinder haben.“
III. Wege aus der westlichen Borniertheit hin zu einer neuen Aufklärung
Ein Gedankenexperiment für Empörte: Stellen Sie sich vor, dem Sozialstaat ginge das Geld aus, Polizei, Richter, Gefängnisaufseher, Sozialarbeiterinnen, Krankenschwestern werden aus dem Etat gestrichen, auch für Alte, Invalide, Kranke, ledige Mütter und deren Kinder fehlen die Mittel, denn Erwerbsarbeit ist entweder nicht oder nur für eine Minorität zu haben. Wie wollen Sie nun sicherstellen, dass alle ernährt, beschützt, gepflegt, gut erzogen werden? Ich habe darauf keine Antwort. Als nüchterne Emanze witzle ich: Ich würde mir sofort einen starken Tarzan suchen! Denn was hat mich denn als Frau befreit? Maschinen, Erdöl, Geld bzw. das Kapital und die Pille.
Ich will nochmals zusammenfassen, welches die Voraussetzungen für die erwähnten wohlfahrtsstaatlichen Leistungen sind: Formelle Erwerbsarbeit für die grosse Mehrheit, Produktivitätsvorsprünge und überdurchschnittliche Kapitalerträge sowie hohe Geldeinkommen und Vermögen in der Privatwirtschaft. Sie haben dem westlichen Staat bislang gestattet, abzuschöpfen und umzuverteilen, nicht nur die Männer, sondern auch die Frauen gut auszubilden, sowohl mit den Alten als auch mit Kranken, Invaliden und Habenichtsen aller Sorten solidarisch zu sein.
Doch prüfen wir die weltlich-westliche Ordnung einmal nüchtern auf das, worauf sich „liberté, égalité, fraternité“ gründen – Werte, die wir seit der Bürgerlichen Revolution verkünden:
- Zur Freiheit: Unter dem kommunitären Ordnungsdiktat sind Menschen nicht „frei“ im westlichen Sinn: Wer dort seine Pflichten nicht erfüllt, fällt der Familie oder dem Verband zur Last. Deshalb zielt die normative Erziehung auf ein Primärethos ab, das den Individuen erlaubt, ihre Produktions-, Schutz-, Solidar- und Erziehungsaufgaben zu erfüllen. Für die erfüllten Pflichten werden im Diesseits Respekt und Ehre, im Jenseits Ewiges Leben und das Paradies in Aussicht gestellt. Normbrüche werden mit Schande, Verhexung, Tötung bestraft; SünderInnen droht nach dem Tod – rastloses Herumgeistern, das Fegefeuer, die Hölle.
Der Westen hat auf die religiöse Fundierung der Sozialordnung verzichtet und das Individuum vom Diktat moralischer Vorschriften befreit. Verletzt es Regeln, wird es gebüsst oder eingesperrt – etwas, das zwar kostet, aber vielen Professionellen zusätzliches Geld einbringt. ähnliches gilt, wenn die ach-so-freien Individuen ihre Pflichten nicht mehr erfüllen: Berufsleute übernehmen sie gerne und zu Hauf – allerdings nur gegen Bezahlung. Doch könnte der Staat sie eines Tages nicht mehr bezahlen – all die Polizisten und Richterinnen und die ebenfalls mit Zwangsabgaben finanzierten Sozialtätigen sowie das Gesundheitspersonal – westliche Moral, Moralität würden sich, samt den persönlichen und professionellen Empfindsamkeiten, vermutlich rasch und radikal ändern. Und damit auch unser Recht und Gesetz!
Unsere Weltwirtschaft ist also janusköpfig: Während sie für die einen Restriktion bringt, gewährt sie anderen Strukturverwöhnung und lässt sie vergessen, worin sich Marx und Hayek einig waren: Erst Geld macht frei! Freie Kapitalzirkulation und freie Märkte sind das Rückgrat der weltlich-westlichen Sozialordnung – eine Freiheit allerdings, die nur so lange fraglos andauert, als es uns – dank Produktivitätsvorsprüngen und anderen Formen von Kapitalmacht – gelingt, die Nase im globalen Wettbewerb ganz vorn zu haben.
- Zur Gleichheit: Beide, die vormonetär und monetär organisierte Sozialordnung, versuchen sicherzustellen, dass ihre Mitglieder ihre Bedürfnisse verlässlich stillen können, und generieren zu diesem Zweck entsprechende Kernkulturen und Kernrollen. Doch während das kommunitäre Kernrollengefüge auf Primärrollen basiert und sich über religiöse Vorschriften, wie z. B. das Kopftuchgebot und Karikaturenverbot, stabilisiert und legitimiert, werden in den Kapitalzentren die Berufsrollen staatlich zertifiziert und bezahlt. Unser Kernrollengefüge basiert auf dem Geld, wird über eine gewaltige Einkommens- und Beschäftigungshierarchie stabilisiert, legitimiert über den sog. Freien Markt und den individuellen Schul- und Berufserfolg. Bestraft wird bei uns, wer die Berufsrolle nicht adäquat erfüllt oder gegen das Berufsethos verstösst. Wer hingegen in den Sekundärrollen Besonderes leistet, steigt auf in der Hierarchie und kann im allerbesten Fall mit einem Nobelpreis rechnen. Kurz – Hierarchie, Autorität, Schande und Ehre sind im Westen an die Sekundärrollen gebunden. Warum nur blenden wir weltlich-westlich Gebildeten es systematisch aus: Kernrollen werden überall klar und eindeutig definiert, in ein hierarchisches System gebracht und höchst ungleich bewertet – nur sind das „vor Ort“ die Primärrollen, bei uns hingegen die Sekundärrollen. Hierarchie und ungleiche Bewertung sind also beidseits fundamentale Bestandteile der Herrschaft und für jene im sozialen Unten hüben und drüben mit Nachteilen verbunden. Sicher, wir im Westen können unsere Sekundärrollen jederzeit wechseln oder sogar aufgeben, weil schlimmstenfalls eine monetarisierte Solidarinstitution zum Tragen kommt. An den weltwirtschaftlichen Rändern hingegen, wo nach wie vor die Primärrollen die Kernrollen geblieben sind und deshalb ein gewichtiges Fundament der dortigen Gesellschaftsordnung bilden, wird die Jugend zu einem verbindlichen Primärethos erzogen und es gibt für alle den Rollenzwang.
Warum nur übersehen z. B. wir gebildeten Frauen, dass die meisten von uns in Berufen tätig sind, die vom Staat qua Umverteilung finanziert werden, und dass in jenen Sektoren, die effektiv produktivitätssteigernd sind und wo nach wie vor gefährliche oder schwerste körperliche Arbeit geleistet wird, nach wie vor Männer für sie arbeiten?
Damit zum Wichtigsten, das bei uns alle, vom Manager bis zur Fürsorgeabhängigen, ignorieren: Unser Wohlfahrtsstaat und sein individuiertes Rechtsverständnis basieren auf einem grenzenlosen, höchst ungleichen und ganz und gar nicht-nachhaltigen Zugriff auf die globalen Ressourcen. Ein Zugriff, der uns dank den Regeln der kapitalistischen Weltwirtschaft möglich ist, der aber gewaltige Nachteile für die fremden Anderen sowie für Klima und Natur bringt.
Warum nur zwingt der Westen aller Welt seine durchmonetarisierten Ordnungsvorstellungen auf – notfalls mit Waffengewalt? Denn was unser Wohlfahrtsstaat bietet, kann – ceteris paribus (!) – für die Anderen nicht gelten: Globale égalité wäre zwar möglich, würde aber den Ressourcenverzicht im Westen einschränken – und dazu ist leider derzeit kaum jemand von uns bereit.
- Zur Brüderlichkeit: Wie aber kommt es, dass wir im Westen eifrig Gleichheit und Freiheit für alle fordern, ohne „brüderlich“ die wirtschaftlichen Voraussetzungen dafür mitzudenken? Ich habe in sechs Ländern Schwarzafrikas und in drei muslimischen Ländern und bei Professorinnen, Putzfrauen, Ärzten, Managern, Sozialarbeitern in der Schweiz nach Antworten auf diese Frage gesucht. Denn auffallend ist, dass Heiliger Eifer und Strukturblindheit für die Menschen hüben und drüben gelten. So erst bin ich zum Konzept der Kernkultur gekommen.
Denn die Moralität einer jeden Gesellschaften bildet sich primär um den Zugang zu Ressourcen heraus. An ihm machen sich allerorts die Kernkultur und kollektiv organisierten Interessen fest. Gleichzeitig legt diese Moralität eine ideale Balance zwischen den egozentrierten und den alterzentrierten Interessen fest und gibt u. a. an, wie mit wichtigen Ressourcen umgegangen werden soll. Die personale Moral hingegen entsteht zunächst im Dunkeln frühkindlicher Abhängigkeit. Konkret bildet sie sich im frühen Spiel zwischen
- den egozentrierten Interessen des Kindes,
- dessen individueller Ausstattung sowie
- seiner Sehnsucht nach Geltung und Anerkennung heraus.
Moralbildung ist aber gleichzeitig auf bedeutsame Andere angewiesen, die für die Moralität ihrer Gesellschaft stehen. Zwar kann sich die personale Moral lebenslang weiterentwickeln – sie bleibt jedoch transkulturell dem Streben nach Anerkennung und Geltung verhaftet: Menschen sehnen sich nach einer Bedeutung, die ihr beschränktes Dasein und die Enge im eigenen Selbst transzendiert. So sind beide, religiöse und weltliche Bedeutung, von einem Ewigkeitsstreben beseelt, das uns Menschen inhärent ist und uns im guten Fall zur Anteilnahme und zum Teilen bringt, im schlechteren Fall dazu, andere zu vernichten.
M. E. gibt es, außer den Spiegelneuronen, die Empathie gestatten, keine moralischen A priori. Hingegen einen früh erlernten moralischen Imperativ. Einer, der uns gleichzeitig die global so ungleichen Strukturen ausblenden lässt, auf denen unser Wohlfahrtsstaat basiert: Strukturen, die zunehmend die Menschheit und die Natur bedrohen. So ist Moral zwar nötig, aber leider schrötig, weil sie gerne mit „weisse Pfötchen“ protzt und dann blind dafür wird, dass die fremden Anderen selten keine, sondern meist nur eine andere Moral haben als wir.
So würde der Blinde Fleck in unserem Weltbild mit jenem in unserem Selbstbild zusammenfallen. Weil wir Menschen die je eigene Moral transkulturell narzisstisch und aggressiv besetzen, wäre es ausgerechnet die Moral, die uns – selbstgestreng und selbstgerecht, wie sie oft ist – verbietet zu erkennen, worauf die je eigene Moralität und jene der jeweils Fremden basieren? Und weil Gesellschaften ihren Mitgliedern stets die ideale Balance zwischen alter- und egozentrierten Interessen in Form von Moralität und Recht vorschreiben, käme es zum dummen, weil bornierten, aber mit Heiligem Eifer verfochtenen Krieg zwischen den westlichen Kapitalzentren und den von ihnen geschaffenen Rändern?
Mein Fazit: Alles zu verstehen, heisst nicht, alles zu akzeptieren. Verstehen ist aber die Voraussetzung für Verständigung und Veränderung. Deshalb brauchen wir eine neue Aufklärung.
Eine Aufklärung, die darauf besteht, dass ein Urteil über die Moralität, das ethischen Kriterien genügt, die Ressourcen in Rechnung zu stellen hat, über die eine Gesellschaft verfügt. Alles andere ist arrogantes und kränkendes Moralisieren, provoziert Widerstand und führt zu jener Eskalation, die in der Konfliktforschung „gemeinsam in den Abgrund“ heisst. Denn ärger, Wut, Empörung oder Entsetzen über die fremde Verhaltensformen sagen zunächst wenig über die fremden Anderen aus, sondern zeigen primär an, welche unserer eigenen Regeln verletzt wurden. So liessen sich just im Kulturkontakt die strukturbedingten Unterschiede erkennen und verstehen sowie die Schatten im Fremden und im Eigenen benennen. Denn nur, wenn wir diese Schatten integrieren, können wir unsere bornierten Welt- und Selbstbilder überwinden und zu einem gemeinsamen Frieden finden.
Wer nicht rassistisch ist, wird den Menschen weltweit dieselben Grundbedürfnisse und Potenziale zubilligen und deshalb auch davon ausgehen, dass in unserer hoch ungleichen Weltwirtschaft die fremden Anderen oft aus guten Gründen andere Ordnungsvorstellungen haben. Statt auf die Infragestellung der je eigenen Moral narzisstisch gekränkt und aggressiv zu reagieren, könnte die neue Aufklärung die Ideen des Säkularisierten und des Religiösen in einer Weise zusammenbringen, die den Menschen eine zukunftsträchtige Kernkultur ermöglichen würde – eine, die einen global gerechteren und nachhaltigen Zugriff auf die Ressourcen erlaubt und den Menschen allerorts zugesteht, sich selbstbestimmt eine konstruktive Sozialorganisation zu schaffen. Hoffentlich. Denn gesucht ist eine enkelkompatible Weltoffenheit, die anerkennt, dass wir Menschen ein winziges, aber wichtiges Teilchen in einem allumfassenden Naturprozess sind.
© Verena Tobler Linder
© Grafik: mit freundlicher Genehmigung http://www.egonkramer.de
*Verena Tobler Linder wurde 1944 in Winterthur (Schweiz) geboren. Sie hat eine Erstausbildung als Primarlehrerin, später das Lizenziat als Ethno- & Soziologin (Universität Zürich) sowie ein Diplom in Supervision und Organisationsberatung erworben. Seit 2002 übt sie eine selbständige Lehr-, Kurs-, Referats- und Beratungstätigkeit aus, insbesondere zum Thema „Interkulturelle Konflikte und deren Überwindung“. Sie erteilt Kurse zur interkulturellen Kommunikation und Integration für: Spital-, Psychiatrie und Gefängnispersonal, für Schulen, Krippen, Horte, Mitarbeitende von Sozialämtern, Gemeinden, Gerichten, des Bundesamtes für Flüchtlinge und Immigration und andere vom Thema Betroffene.
mehr von und über Verena Tobler Linder können Sie » hier nachlesen und/oder noch viel mehr, direkt auf ihrer » Homepage.







