VON KOPFTÜCHERN UND KARIKATUREN

Verena Tobler Linder den 0815-Info-Lesern vorzustellen, hieße „Eulen in die Schweiz schleppen“, gehört ihre Artikel-Reihe »“Nüchternes und Aufgeklärtes zur Islamisierung Europas“ doch zu den »meistgelesenenSeiten unseres Web-Portals. Der nachfolgende Artikel beschäftigt sich zwar vorrangig mit der Türkei, steht aber für die islamische Welt insgesamt. Wir wissen, dass lange Texte am Bildschirm oft ermüdend sind. Deshalb gibt es unterhalb des Artikels auch noch die Links für den Drucker und den Download (PDF-Datei).
Nehmen Sie sich die Zeit zum Lesen, es lohnt sich!

 


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Nachdenken über weltlich-westliche Formen der Borniertheit
von Verena Tobler Linder*

 

Der Grund, weshalb unser empfindendes, wahrnehmendes und denkendes Ich
nirgendwo in unserem wissenschaftlichen Weltbild angetroffen werden kann,
lässt sich leicht in sechs Worten ausdrücken: Weil es selbst dieses Weltbild ist.
Schrödinger

Im Kampf um Karikaturen und Kopftücher fordert der Westen Menschen- und Frauenrechte, persönliche Freiheiten, Religionsfreiheit ein und bezweifelt dennoch, dass Abdullah Gül als türkischer Staatspräsident gewählt werden kann, wenn sein Frau ein Kopftuch trägt.

Doch sind jene, die sich für die Aufklärung stark machen, denn in der Lage, religiös legitimierte Ord­nungs­vorstellungen zu verstehen? Sind sie, die in Nord und Süd zu den modernen und gut bezahlten Bildungsschichten gehören, überhaupt fähig, die Voraussetzungen für ihre aufgeklärten Weltbilder zu erkennen? Was, wenn sich hinter Kopftuchgebot und Karikaturenverbot eine Strukturdifferenz verbirgt? Eine Strukturdisparität, so gross und tief, dass sie den Heiligen Eifer erklärt, mit dem dieser Zivilisationskrieg derzeit beidseits verfochten wird.

Die Menschen unter dem Islam, so meine These, geraten vorab deshalb in unser Blickfeld, weil sie sich mit organisierter Stimme Gehör verschaffen. Anderswo zerfällt die Welt lautlos in Stücke: Staaten implodieren, Anomie breitet sich aus, überfüllte Boote queren das Mittelmeer, SchwarzafrikanerInnen ertrinken – was kümmert d a s den Westen?

Seit Dekaden mit der ungleichen Entwicklungsdynamik der Weltwirtschaft beschäftigt und mit Menschen, die an den weltwirtschaftlichen Rändern sozialisiert wurden, will ich im Folgenden dreierlei beleuchten:

  1. die wirtschaftlichen Verhältnisse, die zu den global so disparaten Ordnungsvorstellungen führen;
  2. die vielfältigen Ordnungsvorstellungen, mit denen Menschen „vor Ort“ überleben;
  3. Wege hin zu einer Aufklärung, die uns aus der weltlich-westlichen Borniertheit hinaus in eine gemeinsame Zukunft führen kann.

I. Leben „vor Ort“ und in den Kapitalzentren – eine zweigeteilte Welt?
Am Ende der Kolonialepoche war die Welt zweigeteilt: Im Norden die reichen westlichen Industrienationen, im Süden die mehr oder weniger armen Länder. Die laufende Globalisierung hat diese Art der Zweiteilung überholt: Der Graben verläuft jetzt zwischen jenen einen, die formell in die Kapitalzirkulation integriert sind, und jenen andern, die ins Ausserhalb verbannt bleiben. Abbildung 1 zeigt: Nicht nur die BürgerInnen und Bewohner der westlichen Wohlfahrtsstaaten sind in die Kapitalzirkulation integriert, sondern längst auch die Ober- und Mittelschichten in der restlichen Welt:

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Wer eine formelle Erwerbsarbeit und Berufsrolle hat, lebt von den Erträgen des Kapitals, ist an einer durchmonetarisierten Sozialordnung orientier und mit dem entsprechendem Sekundärrollenethos identifiziert. Wer hingegen im Ausserhalb überlebt, hält an vormonetären Ordnungsvorstellungen und den tradierten Primärrollen fest: an den Generationen-, Geschlechts- und Verwandtschaftsrollen. Diese Primärrollen bleiben verbindlich, so lange sie sicherstellen, dass die Menschen ihre unelastischen Bedürfnisse einigermassen ver­lässlich befriedigen können. So ist z. B. die Kapazität zu Schutz- und Solidarleistungen „vor Ort“ nur so gross, wie die Familienbande stark und die traditionale Moral intakt bleiben. Zwar bieten inzwischen die meisten Staaten Bildungseinrichtungen an und stellen Gerichte mit Richtern und Polizisten, Spitäler mit ärztinnen und Krankenschwestern bereit. Vielerorts fehlen jedoch jene wirtschaftliche Voraussetzungen, ohne die individuelle Grundrechte wie freie Partnerwahl, Geschlechtergleichstellung, die freie Wahl der Sexualität etc. nicht zu haben sind. Denn wenn ein Staat Alters- und Invalidenrenten, Kranken- und Arbeitslosenversicherungen organisieren sowie Fürsorgemittel, Geschlechtergleichstellung, individuelle Freiheiten für alle finanzieren soll, so muss die grosse Bevölkerungsmehrheit ein formelles Erwerbseinkommen haben. Die konfliktive Kluft reisst deshalb auch innerhalb der halbarmen und armen Staaten auf! Wer in den globalen Wohlstandsinseln mit durchmonetarisierter Sozialordnung residiert, beruft sich auf individuierte Ordnungsvorstellungen: Hier werden die Individualrechte valorisiert und ausgebaut – wesentlich über die Kapitalzirkulation bzw. Kapitalakkumulation finanziert. Jene hingegen, die für die verlässliche Befriedigung der Grundbedürfnisse weiterhin auf Primärbeziehungen angewiesen sind, halten an kommunitären Ordnungsvorstellungen fest: Sie stellen die Interessen des Kollektivs über jene der Individuen. Das erklärt auch, weshalb die Religion überall in der Welt für die modern orientierten Teile der Bevölkerung bestenfalls zum Ort der Spiritualität geworden ist, während sie die Menschen „vor Ort“ nach wie vor dazu bringt und zwingt, die religiös diktierten und legitimierten Pflichten zu erfüllen.

Warum übersehen wir, dass die formelle Erwerbstätigkeit in vielen Staaten auf tiefem Niveau stagniert? Warum ignorieren wir, dass die damit verbundene geringe Steuer- bzw. Abgabekapazität keine staatliche Absicherung der Individuen gestattet? Warum blenden wir den Zusam­menhang zwischen Wirtschaftskraft, moderner Rechtssicherheit, individueller Freiheit aus? Und weshalb können wir nicht erkennen, dass die Religion zwar in den tiefsten Existenzgefühlen der Menschen wurzelt, jedoch entlang der Zeit und über das Erdenrund auch noch ganz andere menschliche Anliegen „ordnen“ oder „lösen“ half?

Wer über diese Fragen nachdenken will, ist auf nicht-ethnozentrische Welt-, Selbst- und Menschenbilder angewiesen. Dazu dient mir das Konzept der Kernkultur: Es erfasst die verbindlichen Ordnungsvorstellungen, die in allerorts darauf zielen, dass ihre Mitglieder einer Gesellschaft ihre unelastischen Bedürfnisse stillen können. In unserer wirtschaftlich so ungleichen Welt wird Kernkultur jedoch höchst unterschiedlich konkretisiert, weil Rechts- und Moralitätsvorstellungen bis heute kontextspezifisch sind. Während personale „Moral“ meint, was einzelne Per­son als richtig oder falsch, gut oder bös erachten, zeige „Moralität“ an, was bei der Mehrheit als verbindlich gilt. „Recht“ wiederum sei jenes Set von Regeln, das angibt,

  1. welche Wertverletzungen bestraft werden,
  2. welche Sanktionen für spezifische Wertverletzungen gelten,
  3. wer diese Sanktionen verhängt.

II. Vielfältige kommunitäre Ordungsvorstellungen….. bis hin zur „Welt in Stücken“

Ich fokussiere in Folgenden nur die kommunitären Ordnungsvorstellungen1 bzw. Kernkulturen – leider in verkürzter und sehr vereinfachter Form. Trotz fliessender Übergänge lassen sich in Abbildung 2 jedoch holzschnittartig drei Typen unterscheiden:

  • Sekundär kommunitäre Ordnungsvorstellungen des Typs 2 finden sich in alten Staatsgesellschaften, also in Japan, China, Korea, Sri Lanka – in Ländern, die in ihrem Kulturellen Erbe oft Bewässerung, stets Grossreligionen sowie das Staatsmonopol der Gewalt mit Schrift und Buchhaltung führen. Ihre Bewohner sind seit Jahrhunderten zu Abgaben gezwungen und mit der Geldwirtschaft vertraut. Im Rahmen einer hoch differenzierten Arbeitsteilung wurden sie vom Staat und über Märkte zu Fleiss angetrieben. Solidarleistungen wurden historisch nicht vom Staat organisiert, sondern auf der Basis von Familie und Verwandtschaft oder Religion geleistet – und diese Art von Solidarinstitutionen sind in einigen Ländern bis heute geblieben.

Unter dem Deckel heutiger Staaten existieren aber auch zahllose verwandtschaftlich-ethnisch organisierte Verbände, die sich bis heute an kommunitären Ordnungsvorstellungen der vormo­netären Art orientieren. Selten verschriftlicht, sind auch diese Formen von Kernkultur tief in die Herzen der Menschen eingelassen, d. h. sie werden von ihnen narzisstisch und aggressiv besetzt. Denn Menschen lernten bislang die zentralen Ordnungsvorstellungen stets in ihrem jeweiligen gesellschaftlichen Kontext: Wir alle wachsen also mit einer spezifischen Kernkultur auf und erlernen und internalisieren i. d. R. deren Werte und Normen.

Vormonetäre Ordnungsvorstellungen kommen in zwei sehr unterschiedlichen Formen vor:

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  • Als primär kommunitäre Ordnungsvorstellungen: Wir finden sie in tropischen und subtropischen Regionen, wo Kleinvölker vom Hackbau oder vom Jagen und Sammeln leben. Vorab in Melanesien und Schwarzafrika gibt es noch viele kleinere Ethnien. Auch sie sind verwandtschaftlich-ethnisch strukturiert, doch wird in Klein- und Kleinstverbänden die Verwandtschaft meist sozial und oft hoch flexibel definiert. Weil in Schwarzafrika die Frauen für den Hackbau verantwortlich sind, haben sie vielerorts eine relativ starke Position, ja es gibt sogar matri-zentrierte Ethnien. Die kernkulturellen Vorstellungen gehen in den tropischen Zonen und Savannenregionen Schwarzafrikas vielerorts zusammen mit Ahnen- und Naturreligionen. Historisch kam im Norden und Osten der Islam vor. Das Christentum hingegen hat sich, mit der Ausnahme von Äthiopien, in Schwarzafrika erst mit der Kolonisierung verbreitet. Doch für beide Hochreligionen gilt: Sie werden meist synkretistisch mit den traditionalen manistischen und animistischen Vorstellungen vermischt.

Die erwähnten drei Typen kommunitärer Ordnung2 lassen sich gleichzeitig m. o. w. geographisch-klimatischen Zonen zuordnen. Abbildung 3 zeigt das Kulturelle Erbe von nicht-euro­päischen Staaten. Weil dazu rezentere Daten genutzt wurden, die quasi den vorkolonialen Zustand erfassen, fehlt der Kontinent Amerika: Die dortigen Gesellschaften und Kulturen wurden von den Europäern lange vorher beeinflusst, unterdrückt, zerstört und ausgerottet.

    • Viele Länder mit hoher Strukturkomplexität im Kulturellen Erbe liegen in Asien. Es sind „alten Staaten“ – strukturkomplex, aber kulturell relativ homogen – die unseren Anstoss erregen, weil sie die individuelle Freiheit beschränken. Dennoch beginnen sie dem Westen den weltwirtschaftlichen Rang abzulaufen: Autoritär organisiert, bringen sie hoch disziplinierte Individuen hervor, die zudem mit kernkulturellen Merkmalen ausgestattet sind, die zu komplexen Leistungen befähigen. So erweisen sich nicht nur die Staaten, sondern auch viele Individuen aus diesen Kontexten als äusserst anschluss- und aufstiegsfähig in unserer modernen Welt.
    • Auch unter dem Islam gab es alte Staaten. Sie weisen, bei mittlerer Strukturkomplexität und kultureller Homogenität, im Kulturellen Erbe, eher nur mittlere Erfolge in der Weltwirtschaft auf, wenn auch mit grosser Varianz. So sind der Iran, Irak und die Türkei „alte“ Staaten, die in ihrem Kulturellen Erbe aber oft beide Typen der sekundär kommunitären Ordnung mitführen: monetär und vormonetär organisierte – jeweils mit je unterschiedlichem Gewicht. Jene Länder, die sich auf Stammesverbände abstützen, sich aber inzwischen auf ihr Erdölvorkommen abstützen, bilden einen eigenen wirtschaftlichen Erfolgstyp: Sie bleiben z. B. – wie Saudiarabien – am Traditionalismus orientiert, wenn der Grossteil der Bevölkerung nicht von der Erwerbsarbeit, sondern von Renteneinkommen aus dem Öl lebt.

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  •  Staaten in Schwarzafrika und Melanesien setzen sich hingegen oft aus Hunderten Kleinvölkern zusammen – es sei denn, diese Staaten seien klein wie etwa Botswana. Innerhalb vonGrenzen, die oft von den westlichen Grossmächten festgelegt wurden, weisen die meisten Länder Schwarzafrikas eine enorm grosse kulturelle Heterogenität auf. Mit ihrer traditional geringen Strukturkomplexität sind sie relativ schlecht für die Weltwirtschaft gerüstet, ja bislang kaum in der Lage, für ihre eigenen BürgerInnen sorgen. Vorab in Schwarzafrika droht inzwischen eine Form der Anomie, welche die dortigen Gesellschaften und Ordnungsvorstellungen gewissermassen „lautlos“ – für uns Europäer nicht sichtbar – in Stücke zerfallen lässt. Denn diese Sichtbarkeit wird heute für die allermeisten von uns über die Medien hergestellt.

So scheint aber die Strukturkomplexität von Gesellschaften doppelt wichtig zu sein: Zum einen für den wirtschaftlichen Erfolg in der hoch komplexen Weltwirtschaft, zum andern für die organisierte Abwehr von destruktiven Ausseneinflüssen.

II. Verwirrliches Schwarzafrika – einige Beispiele

Warum aber kam aus dem Raum südlich der Sahara bislang kaum eine auf den Westen gerichtete Aggression, obwohl so mancher dieser postkolonialen Staaten implodierte und der innere Zusammenbruch, wie z. B. im Kongo, zu hochgradiger Anomie und ins soziale Desaster geführt hat? Der Approach der Kernkultur erlaubt, die folgenden begründeten Vermutungen anzustellen: Am Ende der Kolonialepoche entstanden hier zwar formelle Staaten. Doch beherbergen sie bis heute Gesellschaften mit primär kommunitär orientierten Kernkulturen. Deshalb fehlt jene vertikalisierte und zentralisierte Organisationsstruktur, die es erlauben würde, trotz Vielfalt mit einer Stimme zu sprechen. Anders formuliert: Die ethnische Vielfalt hat sich erhalten, weil bislang nur ein kleiner Teil der Bevölkerung formell in die Kapitalzirkulation integriert wurde. Der Islam vermag diese primär kommunitären Ordnungsvorstellungen teilweise zu ersetzen, allerdings nur wenn und so lange er seine Gläubigen zu verlässlichen Quellen und Adressaten von Umverteilung und Solidarität machen kann.

Ein Beispiel für die enorm große kernkulturelle Heterogenität ist Kamerun – ein Staat, der sich aus über 200 verschiedenen Volks- bzw. Sprachgruppen zusammensetzt. Einzelne dieser Kleinvölker waren historisch weder horizontal noch vertikal differenziert, vorab die vom Jäger und Sammlerinnen. Die meisten Ethnien leben jedoch bis heute auf der Basis von weiblichem Hackbau. Manche sind akephal, d.h. ohne Führer, andere in kleinen Königstümern organisiert. Nota bene waren Entwicklungsprojekte in den letzteren erfolgreicher als in den ersteren.

Inzwischen wird diese Vielfalt schier allerorts in Schwarzafrika zum innerstaatlichen Störfall: Denn wo immer eine grosse Kinderschar das Alter sichert, ist die Fruchtbarkeit heilig3: das Bevölkerungswachstum ist enorm. Es gibt mehr Konkurrenz um den sich verknappenden Boden, und ausgerechnet die Bevölkerung, die ausserhalb der Kapitalzirkulation überleben muss, nimmt besonders rasch zu. So haben nur 10% der Bewohner eine Sozialversicherung. Gleichzeitig fehlt im Kulturellen Erbe vieler afrikanischer Staaten ein nationales Identifikationspotenzial, das die Kleingruppen transzendieren könnte – und ein neuzeitliches ist, ohne Erwerbsarbeitsplätze für die Massen, schwer herzustellen. Sogar in Kamerun fallen Fussballsiege selten an. Wo nur eine privilegierte Minorität eine Erwerbsarbeit hat, können auch keine Gewerkschaften entstehen, die für nationale Solidarsysteme kämpfen. So gibt es in Kamerun nicht nur unzählige Sekten, sondern Legionen von hoch flexiblen Persönlichkeiten, die sich kunterbunt sowohl am Christentum und Islam als auch an den Regeln der althergebrachten Ahnen- und Naturreligionen orientieren. Weil die Landreserven schwinden und der Boden immer weniger hergibt, motivieren Familien und Dörfer heute die Jugend zunehmend dazu, in die europäischen Konsumparadiese zu emigrieren.

Primär kommunitäre Kernkulturen zeichnen sich u. a. durch folgende Merkmale aus:

  1. Die Sozialordnung ist an den Bedürfnissen der Primärgruppe orientiert – ihr gilt das moralische Primat. Weil in den Tropen und Subtropen kaum Vorräte zu halten sind, fokussiert die Moralität hier die „Solidarität“.
  2. Die Grenzen zwischen Gruppe, Individuum und Natur sind diffus: Das Selbstbild und die Moral des Einzelnen sind relational – verwoben in ein Netz von Einflüssen, das mit anderen Menschen, Geistern und der Natur verbindet.
  3. Die Wirkung menschlichen Handelns wird überhöht: Wo Menschen „fühlen“, dass die Natur nur dann Früchte für sie abwirft, wenn sie die moralischen Gebote erfüllen, dienen magische Praktiken dazu, die Ordnung zu sichern und zu manipulieren. So sind die Rechtsvorstellungen diffus und projektiv: Wer die Regeln verletzt, wird verhext, erkrankt oder stirbt.

Zur Illustration einige Fälle aus Mosambik, die ich im Jahr 2005 – und zwar bei Informanten aus dem universitären Milieu – erhoben habe.

  • Weil ein Forscherteam die Dorfbevölkerung nicht gebührend geachtet hatte, wurden Tonbänder verhext, in denen monatelange Arbeit steckte. Erst als dem Dorfältesten eine formelle Entschuldigung und Geschenke erbracht wurden, kamen die Aufnahmen wieder aufs Band.
  • Eine junge Frau auf dem Dorf, deren Verlobter in Malawi war, um den Braupreis zu erarbeiten, liess sich mit einem Forscher aus der Hauptstadt ein – eines Morgens lag sie tot neben ihm im Bett: Ihre Eltern, durch das töchterliche Verhalten um den Brautpreis gebracht bzw. um ihre Alterssicherung betrogen, hatten sie verhext.
  • Einem Universitätsassistenten, bereits glücklich mit einer Städterin verheiratet, droht Impotenz, falls er keine zweite Frau aus dem Dorf heiratet. Denn das würde Staatsgelder ins Hinterland bringen. Der junge Mann ist Christ geworden und hofft so, den Bösen Zauber abzuwenden.

Unwichtig, was an diesen Geschichten wahr ist, was nicht: Sie sind weit verbreitet, werden bis heute geglaubt und bis hinauf ins universitäre Milieu weiterhin beachtet. Aber sie sind für uns „differenzierte“ oder auch „fragmentierte“ Europäer so faszinierend wie verwirrlich.

Primär kommunitäre Ordnungsvorstellungen gelten, immer gemäss dem Approach der Kernkultur, so lange, als für die Bevölkerungsmehrheit weder Erwerbsarbeit noch überfamiliale Solidarnetze zu haben sind. In Mosambik hatten 2005 grad mal 20% der Erwerbsfähigen ein formelles Erwerbseinkommen – zwei Drittel davon beim Staat. Der Rest überlebt im Ordnungsrahmen von persönlichen Beziehungen und Leistungen, was immer die Verfassung an modernen Rechten verspricht. Bricht das Primärbeziehungsgefüge ein, so drohen Elend und Anomie – in Haiti und Schwarzafrika. Der Dunkle Kontinent hat schlechte Karten: Die Bevölkerungsmehrheit wird wohl kaum je formell in jene Weltwirtschaft integriert, die ihm zusehends die Ressourcen abkauft. Dabei sind Schwarzafrikaner so intelligent wie Weisse – nur sind sie mit völlig anderen wirtschaftlichen bzw. kernkulturellen Parametern aufgewachsen.

II.a Einige Besonderheiten der Verbände in den traditionalen Ehre-Schande-Regionen

Es ist der vormonetäre Typ 1 der sekundär kommunitären Ordnung, der dem Westen zu schaffen macht4. Denn die Kernkulturen der Stammesverbände weisen i. d. R. die folgenden Merkmale auf:

  1. Das moralische Primat steht zwar immer noch der Gruppe zu, doch werden nun Individuum, Gesellschaft und Natur kulturell, konzeptuell und sprachlich, klar auseinandergehalten.
  2. Um die mit dieser Differenzierung drohende Gefahr abzuwehren, wird die individuierte Bedürfnisbefriedigung – wie früher im Christentum – zur Sünde erklärt. Damit wird zwar die Existenz der Individuen, nicht aber deren Legitimität anerkannt.
  3. Die Macht wird formell zum Kollektiv verschoben: Der hoch und straff organisierte Ver­band sorgt nun dafür, dass die Regeln eingehalten und Normbrüche rigoros bestraft werden.

Kein Wunder, dass es zu heftigen Kollisionen zwischen den hoch individuierten Ordnungsvorstellungen des Westens und jenen dieser Verbände kommt. Es ist jedoch nicht der Islam, der die vormonetär organisierten Stämme gefährlich macht, sondern dessen Verbindung mit dem kämpferischen Kulturellen Erbe: Wo Vorräte, Eigentum, Weiden, Frauen zu verteidigen waren, wurden Schutz- und Sicherheitsaufgaben priorisiert – Bedingungen, unter denen sich das klassische Patriarchat herausgebildet5 hat. Die Taliban lassen grüssen: Sie – einst vom Westen als Freiheitshelden gefeiert und mit Waffen und Dollars gefördert, weil sie gegen die UdSSR kämpften – setzten nach gewonnener Schlacht das Paschtunwali6, das traditionale Stammes­recht, wieder in Kraft. Ein Stammesrecht, das – unter dem Unstern einer Modernisierung, die nicht greifen kann – diese Modernisierung abwehrt und deshalb zusehends harscher wird.

Es gibt weitere Aspekte, welche die Stämme extrem gefährlich machen: Auch die Paschtunen halten ihre Kernkultur narzisstisch und aggressiv besetzt – nur sind Recht, Moralität und Moral, soweit sie auf verbindliche Primärrollen zielen, rigoros mit Ehre und Schande, Stolz und Scham verbunden. Und so hat das Paschtunwali die Männer im Süden Afghanistans (und im westlichen Pakistan!) mit wichtigen Aufgaben betraut: Es galt erstens Weiden, Wasser und Vorräte in Form von Vieh und Getreide vor Neidern zu verteidigen; zweitens die Schwachen zu schützen – alle, die kein Gewehr hatten: Alte, Frauen Kinder, Barbiere, Musiker; drittens war die eigene Rechtsordnung zu bewahren und zu verteidigen. Anderes bringt diesen Männern einen gewaltigen Bedeutungs- und Statusverlust.

Simone de Beauvoir hat sich gefragt, warum dem männlichen Geschlecht, das tötet, ein höherer Wert eingeräumt wird als der Frau, die Leben hervorbringt. Als Feministin der ersten Stunde hat sie den Grund dafür nüchtern und ehrlich benannt: Nicht fürs Töten gebührt den Männer Ehre, sondern dafür, dass sie ihr Leben riskieren7. Wo die Schutzfunktion unverzichtbar war, bildete sich, wie z. B. in Albanien und im Irak, mancherorts die Institution der eidgebundenen Jungfrau8 heraus: Ist eine Familie ohne Sohn, konnte oder musste eine Tochter die Männerrolle übernehmen, Männerkleider tragen und ein Gewehr. Damit die Sozialordnung intakt blieb, hatten diese Frauen dann allerdings ledig zu bleiben.

Diese Männer sind also nicht nur gefährlich, weil Schutz und Trutz samt Kriegsgeschäften ihr Alltag ist, sondern weil der vormonetäre Typ der sekundär kommunitären Ordnung für die erfüllte Schutzpflicht just kein Geld, sondern „nur“ Ansehen, Ehre, Ruhm in Aussicht stellt, die verpasste Pflicht hingegen mit Schande, Verstossung, Tötung bestraft. Kurz – hier sind die Primärrollen hoch moralisiert und das heisst stets: narzisstisch und aggressiv besetzt. Die Paschtunen treten ihre Macht deshalb höchst ungern an den Staat ab, erst recht nicht an einen, dem die Mittel fehlen, Schutz und Sicherheit für alle bereitzustellen. Bei meinen UNO-Einsätzen hat mich und mein Tross stets ein Stammesangehöriger mit Gewehr begleitet wenn es in entlegene Regionen ging. So sind diese Helden tief gekränkt, wenn der Westen das, was sie als ihre Pflicht erachten, herabwürdigt und ihre Heldentaten dazu nutzt, eine „Achse des Bösen“ zu konstruieren. Die Taliban sind hoch moralisch!

Nota bene schreibt das Paschtunwali die Rollen für beide Geschlechter vor: Wer immer gegen die Normen der Sittlichkeit verstösst, wird rigoros bestraft – Frauen u n d Männer. Vor Vorurteilen sei deshalb gewarnt: Zwar haben Frauen im Außenraum den Männern zu gehorchen, sie sind jedoch als Mütter von Söhnen die ungekrönten Königinnen in Haus und Verband. Denn Söhne sind nicht nur wegen ihrer Schutzaufgabe wichtiger als Töchter, sondern auch weil sie die Hauptarbeit in der Landwirtschaft leisten und später die alten Eltern versorgen. Mütter bevorzugen Söhne: Sie bringen im Alter Sicherheit und dienen ihnen dazu, Macht im Hier und Jetzt auszuüben. Forschungen9 zeigen, dass just in Gesellschaften mit kriegerischer Tradition die Mutter-Sohn-Bindung besonders eng ist. So eng, dass eine Cross-Sex-Identification vermutet wird – eine verdeckt weibliche Identifikation, die der junge Mann dann später oft über ein besonders aggressives Verhalten abzuwehren sucht.

TürkInnen fragen jetzt vielleicht empört: Was hat da alles mit der modernen Türkei zu tun? Nichts, hingegen so Manches mit dem Rest der Türkei. Mit Blick auf die Ordnungsvorstellungen an den internen Rändern gilt oft, was ein Studierender aus Anatolien an unserer Fachhochschule angemahnt hat. Als die jungen Schweizerinnen monierten, Jungfräulichkeit gelte in der Türkei „nur“ wegen dem Islam, hat der Türke heftig protestiert:

„Die Jungfräulichkeit gehört bei uns gar nicht der Tochter, sondern dem Vater und dem Bruder! Wer denn kommt in meiner Heimat für meine Schwester und deren unehelichen Kinder auf? Entweder mein Vater oder ich! Mein Vater hat aber seine Pflicht erfüllt und kann im Alter nicht mehr für die Tochter sorgen. Aber auch ich will nicht für meine Schwester aufkommen, sondern eine Frau heiraten und eigene Kinder haben.“

III. Wege aus der westlichen Borniertheit hin zu einer neuen Aufklärung

Ein Gedankenexperiment für Empörte: Stellen Sie sich vor, dem Sozialstaat ginge das Geld aus, Polizei, Richter, Gefängnisaufseher, Sozialarbeiterinnen, Krankenschwestern werden aus dem Etat gestrichen, auch für Alte, Invalide, Kranke, ledige Mütter und deren Kinder fehlen die Mittel, denn Erwerbsarbeit ist entweder nicht oder nur für eine Minorität zu haben. Wie wollen Sie nun sicherstellen, dass alle ernährt, beschützt, gepflegt, gut erzogen werden? Ich habe darauf keine Antwort. Als nüchterne Emanze witzle ich: Ich würde mir sofort einen starken Tarzan suchen! Denn was hat mich denn als Frau befreit? Maschinen, Erdöl, Geld bzw. das Kapital und die Pille.

Ich will nochmals zusammenfassen, welches die Voraussetzungen für die erwähnten wohlfahrtsstaatlichen Leistungen sind: Formelle Erwerbsarbeit für die grosse Mehrheit, Produktivitätsvorsprünge und überdurchschnittliche Kapitalerträge sowie hohe Geldeinkommen und Vermögen in der Privatwirtschaft. Sie haben dem westlichen Staat bislang gestattet, abzuschöpfen und umzuverteilen, nicht nur die Männer, sondern auch die Frauen gut auszubilden, sowohl mit den Alten als auch mit Kranken, Invaliden und Habenichtsen aller Sorten solidarisch zu sein.

Doch prüfen wir die weltlich-westliche Ordnung einmal nüchtern auf das, worauf sich „liberté, égalité, fraternité“ gründen – Werte, die wir seit der Bürgerlichen Revolution verkünden:

  • Zur Freiheit: Unter dem kommunitären Ordnungsdiktat sind Menschen nicht „frei“ im westlichen Sinn: Wer dort seine Pflichten nicht erfüllt, fällt der Familie oder dem Verband zur Last. Deshalb zielt die normative Erziehung auf ein Primärethos ab, das den Individuen erlaubt, ihre Produktions-, Schutz-, Solidar- und Erziehungsaufgaben zu erfüllen. Für die erfüllten Pflichten werden im Diesseits Respekt und Ehre, im Jenseits Ewiges Leben und das Paradies in Aussicht gestellt. Normbrüche werden mit Schande, Verhexung, Tötung bestraft; SünderInnen droht nach dem Tod – rastloses Herumgeistern, das Fegefeuer, die Hölle.

Der Westen hat auf die religiöse Fundierung der Sozialordnung verzichtet und das In­divi­duum vom Diktat moralischer Vorschriften befreit. Verletzt es Regeln, wird es gebüsst oder eingesperrt – etwas, das zwar kostet, aber vielen Professionellen zusätzliches Geld einbringt. ähnliches gilt, wenn die ach-so-freien Individuen ihre Pflichten nicht mehr erfüllen: Berufsleute übernehmen sie gerne und zu Hauf – allerdings nur gegen Bezahlung. Doch könnte der Staat sie eines Tages nicht mehr bezahlen – all die Polizisten und Richterinnen und die ebenfalls mit Zwangsabgaben finanzierten Sozialtätigen sowie das Gesundheitspersonal – westliche Moral, Moralität würden sich, samt den persönlichen und professionellen Empfindsamkeiten, vermutlich rasch und radikal ändern. Und damit auch unser Recht und Gesetz!

Unsere Weltwirtschaft ist also janusköpfig: Während sie für die einen Restriktion bringt, gewährt sie anderen Strukturverwöhnung und lässt sie vergessen, worin sich Marx und Hayek einig waren: Erst Geld macht frei! Freie Kapitalzirkulation und freie Märkte sind das Rückgrat der weltlich-westlichen Sozialordnung – eine Freiheit allerdings, die nur so lange fraglos andauert, als es uns – dank Produktivitätsvorsprüngen und anderen Formen von Kapitalmacht – gelingt, die Nase im globalen Wettbewerb ganz vorn zu haben.

  • Zur Gleichheit: Beide, die vormonetär und monetär organisierte Sozialordnung, versuchen sicherzustellen, dass ihre Mitglieder ihre Bedürfnisse verlässlich stillen können, und generieren zu diesem Zweck entsprechende Kernkulturen und Kernrollen. Doch während das kommunitäre Kernrollengefüge auf Primärrollen basiert und sich über religiöse Vorschriften, wie z. B. das Kopftuchgebot und Karikaturenverbot, stabilisiert und legitimiert, werden in den Kapitalzentren die Berufsrollen staatlich zertifiziert und bezahlt. Unser Kernrollengefüge basiert auf dem Geld, wird über eine gewaltige Einkommens- und Beschäftigungshierarchie stabilisiert, legitimiert über den sog. Freien Markt und den individuellen Schul- und Berufserfolg. Bestraft wird bei uns, wer die Berufsrolle nicht adäquat erfüllt oder gegen das Berufsethos verstösst. Wer hingegen in den Sekundärrollen Besonderes leistet, steigt auf in der Hierarchie und kann im allerbesten Fall mit einem Nobelpreis rechnen. Kurz – Hierarchie, Autorität, Schande und Ehre sind im Westen an die Sekundärrollen gebunden. Warum nur blenden wir weltlich-westlich Gebildeten es systematisch aus: Kernrollen werden überall klar und eindeutig definiert, in ein hierarchisches System gebracht und höchst ungleich bewertet – nur sind das „vor Ort“ die Primärrollen, bei uns hingegen die Sekundärrollen. Hierarchie und ungleiche Bewertung sind also beidseits fundamentale Bestandteile der Herrschaft und für jene im sozialen Unten hüben und drüben mit Nachteilen verbunden. Sicher, wir im Westen können unsere Sekundärrollen jederzeit wechseln oder sogar aufgeben, weil schlimmstenfalls eine monetarisierte Solidarinstitution zum Tragen kommt. An den weltwirtschaftlichen Rändern hingegen, wo nach wie vor die Primärrollen die Kernrollen geblieben sind und deshalb ein gewichtiges Fundament der dortigen Gesellschaftsordnung bilden, wird die Jugend zu einem verbindlichen Primärethos erzogen und es gibt für alle den Rollenzwang.

Warum nur übersehen z. B. wir gebildeten Frauen, dass die meisten von uns in Berufen tätig sind, die vom Staat qua Umverteilung finanziert werden, und dass in jenen Sektoren, die effektiv produktivitätssteigernd sind und wo nach wie vor gefährliche oder schwerste körperliche Arbeit geleistet wird, nach wie vor Männer für sie arbeiten?

Damit zum Wichtigsten, das bei uns alle, vom Manager bis zur Fürsorgeabhängigen, ignorieren: Unser Wohlfahrtsstaat und sein individuiertes Rechtsverständnis basieren auf einem grenzenlosen, höchst ungleichen und ganz und gar nicht-nachhaltigen Zugriff auf die globalen Ressourcen. Ein Zugriff, der uns dank den Regeln der kapitalistischen Weltwirtschaft möglich ist, der aber gewaltige Nachteile für die fremden Anderen sowie für Klima und Natur bringt.

Warum nur zwingt der Westen aller Welt seine durchmonetarisierten Ordnungsvorstellungen auf – notfalls mit Waffengewalt? Denn was unser Wohlfahrtsstaat bietet, kann – ceteris paribus (!) – für die Anderen nicht gelten: Globale égalité wäre zwar möglich, würde aber den Ressourcenverzicht im Westen einschränken – und dazu ist leider derzeit kaum jemand von uns bereit.

  • Zur Brüderlichkeit: Wie aber kommt es, dass wir im Westen eifrig Gleichheit und Freiheit für alle fordern, ohne „brüderlich“ die wirtschaftlichen Voraussetzungen dafür mitzudenken? Ich habe in sechs Ländern Schwarzafrikas und in drei muslimischen Ländern und bei Professorinnen, Putzfrauen, Ärzten, Managern, Sozialarbeitern in der Schweiz nach Antworten auf diese Frage gesucht. Denn auffallend ist, dass Heiliger Eifer und Strukturblindheit für die Menschen hüben und drüben gelten. So erst bin ich zum Konzept der Kernkultur gekommen.

Denn die Moralität einer jeden Gesellschaften bildet sich primär um den Zugang zu Ressourcen heraus. An ihm machen sich allerorts die Kernkultur und kollektiv organisierten Interessen fest. Gleichzeitig legt diese Moralität eine ideale Balance zwischen den egozentrierten und den alterzentrierten Interessen fest und gibt u. a. an, wie mit wichtigen Ressourcen umgegangen werden soll. Die personale Moral hingegen entsteht zunächst im Dunkeln frühkindlicher Abhängigkeit. Konkret bildet sie sich im frühen Spiel zwischen

  • den egozentrierten Interessen des Kindes,
  • dessen individueller Ausstattung sowie
  • seiner Sehnsucht nach Geltung und Anerkennung heraus.

Moralbildung ist aber gleichzeitig auf bedeutsame Andere angewiesen, die für die Moralität ihrer Gesellschaft stehen. Zwar kann sich die personale Moral lebenslang weiterentwickeln – sie bleibt jedoch transkulturell dem Streben nach Anerkennung und Geltung verhaftet: Menschen sehnen sich nach einer Bedeutung, die ihr beschränktes Dasein und die Enge im eigenen Selbst transzendiert. So sind beide, religiöse und weltliche Bedeutung, von einem Ewigkeitsstreben beseelt, das uns Menschen inhärent ist und uns im guten Fall zur Anteilnahme und zum Teilen bringt, im schlechteren Fall dazu, andere zu vernichten.
M. E. gibt es, außer den Spiegelneuronen, die Empathie gestatten, keine moralischen A priori. Hingegen einen früh erlernten moralischen Imperativ. Einer, der uns gleichzeitig die global so ungleichen Strukturen ausblenden lässt, auf denen unser Wohlfahrtsstaat basiert: Strukturen, die zunehmend die Menschheit und die Natur bedrohen. So ist Moral zwar nötig, aber leider schrötig, weil sie gerne mit „weisse Pfötchen“ protzt und dann blind dafür wird, dass die frem­den Anderen selten keine, sondern meist nur eine andere Moral haben als wir.

So würde der Blinde Fleck in unserem Weltbild mit jenem in unserem Selbstbild zusammenfallen. Weil wir Menschen die je eigene Moral transkulturell narzisstisch und aggressiv besetzen, wäre es ausgerechnet die Moral, die uns – selbstgestreng und selbstgerecht, wie sie oft ist – verbietet zu erkennen, worauf die je eigene Moralität und jene der jeweils Fremden basieren? Und weil Gesellschaften ihren Mitgliedern stets die ideale Balance zwischen alter- und egozentrierten Interessen in Form von Moralität und Recht vorschreiben, käme es zum dummen, weil bornierten, aber mit Heiligem Eifer verfochtenen Krieg zwischen den westlichen Kapitalzentren und den von ihnen geschaffenen Rändern?

Mein Fazit: Alles zu verstehen, heisst nicht, alles zu akzeptieren. Verstehen ist aber die Voraussetzung für Verständigung und Veränderung. Deshalb brauchen wir eine neue Aufklärung.

Eine Aufklärung, die darauf besteht, dass ein Urteil über die Moralität, das ethischen Kriterien genügt, die Ressourcen in Rechnung zu stellen hat, über die eine Gesellschaft verfügt. Alles andere ist arrogantes und kränkendes Moralisieren, provoziert Widerstand und führt zu jener Eskalation, die in der Konfliktforschung „gemeinsam in den Abgrund“ heisst. Denn ärger, Wut, Empörung oder Entsetzen über die fremde Verhaltensformen sagen zunächst wenig über die fremden Anderen aus, sondern zeigen primär an, welche unserer eigenen Regeln verletzt wurden. So liessen sich just im Kulturkontakt die strukturbedingten Unterschiede erkennen und verstehen sowie die Schatten im Fremden und im Eigenen benennen. Denn nur, wenn wir diese Schatten integrieren, können wir unsere bornierten Welt- und Selbstbilder überwinden und zu einem gemeinsamen Frieden finden.

Wer nicht rassistisch ist, wird den Menschen weltweit dieselben Grundbedürfnisse und Potenziale zubilligen und deshalb auch davon ausgehen, dass in unserer hoch ungleichen Weltwirtschaft die fremden Anderen oft aus guten Gründen andere Ordnungsvorstellungen haben. Statt auf die Infragestellung der je eigenen Moral narzisstisch gekränkt und aggressiv zu reagieren, könnte die neue Aufklärung die Ideen des Säkularisierten und des Religiösen in einer Weise zusammenbringen, die den Menschen eine zukunftsträchtige Kernkultur ermöglichen würde – eine, die einen global gerechteren und nachhaltigen Zugriff auf die Ressourcen erlaubt und den Menschen allerorts zugesteht, sich selbstbestimmt eine konstruktive Sozialorganisation zu schaffen. Hoffentlich. Denn gesucht ist eine enkelkompatible Weltoffenheit, die anerkennt, dass wir Menschen ein winziges, aber wichtiges Teilchen in einem allumfassenden Naturprozess sind.


© Verena Tobler Linder

© Grafik: mit freundlicher Genehmigung http://www.egonkramer.de

Foto: cortona.ethz.ch*Verena Tobler Linder wurde 1944 in Winterthur (Schweiz) geboren. Sie hat eine Erstausbildung als Primarlehrerin, später das Lizenziat als Ethno- & Soziologin (Universität Zürich) sowie ein Diplom in Supervision und Organisationsberatung erworben. Seit 2002 übt sie eine selbständige Lehr-, Kurs-, Referats- und Beratungstätigkeit aus, insbesondere zum Thema „Interkulturelle Konflikte und deren Überwindung“. Sie erteilt Kurse zur interkulturellen Kommunikation und Integration für: Spital-, Psychiatrie und Gefängnispersonal, für Schulen, Krippen, Horte, Mitarbeitende von Sozialämtern, Gemeinden, Gerichten, des Bundesamtes für Flüchtlinge und Immigration und andere vom Thema Betroffene.

mehr von und über Verena Tobler Linder können Sie » hier nachlesen und/oder noch viel mehr, direkt auf ihrer » Homepage.

http://www.0815-info.com/

CIA-Direktor Casey über US-Desinformation im Jahr 1981

Ein früherer CIA-Direktor soll während seiner Amtszeit geäußert haben, dass das Desinformationsprogramm der CIA dann vollendet sei, wenn alles, was die amerikanische Öffentlichkeit glaubt, falsch ist. Er sagte das angeblich in Bezug auf einen geplanten Putsch Gaddafis im Jahr 1981.

Inzwischen gestürzt und hingerichtet:
Gaddafi, Bild: kremlin.ru

“Unser Desinformationsprogramm ist vollendet, wenn alles was die amerikanische Öffentlichkeit glaubt, falsch ist.” Dieses Zitat wird William Casey, CIA-Direktor in den Jahren 1981-1987, zugeschrieben. Er sagte das laut Berichten der Newsweek und anderen Zeitungen im Sommer 1981 in Bezug auf einen damals geplanten Sturz des libyschen Staatsoberhaupts Muammar Gaddafi.

Associated Press schrieb dazu in einer bis heute vertrauten Art und Weise: “Wie das Newsweek Magazine berichtet, wurde die verdeckte Operation entwickelt, um Gaddafi mittels einer “Desinformations”-Kampagne zu stürzen, ihn in Verlegenheit zu bringen, eine Gegenregierung einzusetzen zu seine Führung durch eine paramilitärische Kampagne anzufechten.”

Eine andere Zeitung schrieb einige Wochen später, dass die laufende Kampagne der CIA folgende drei Schritte beinhalte: 1) Abschaltung bestimmter Informationskanäle, 2) Bestrafung von Journalisten, die gegen die Interessen der CIA berichten und 3) Verbreitung von Desinformation über die Nachrichtenagenturen. Weiter steht im Artikel: “Nun kommt CIA-Direktor Bill Casey mit dem Argument, dass die Regierung das Recht hat, die Öffentlichkeit durch die Verbreitung falscher Meldungen in der Presse zu täuschen.”

Das oben genannte Zitat wird natürlich – wie so viele andere regierungskritische Zitate – in seiner Echtheit angezweifelt. So oder so: An der Tatsache, dass es interessensgesteuerte Medienkampagnen gibt, insbesondere im Vorfeld von Militäreinsätzen oder Bankenrettungen, existiert jedoch überhaupt kein Zweifel und konnte zigfach nachgewiesen werden. Hier einige Beispiele.

Hier die Scans der oben genannten Zeitungen (gefunden hier):

CIAplot2-misleadingtactics-SantaCruzSentinel22Sept1981

CIAplot-The_Gettysburg_Times_Mon__Jul_27__1981

http://www.gegenfrage.com/cia-direktor-casey-ueber-us-desinformation-im-jahr-1981/

ACHTUNG AN ALLE ! ZENSUR-TUBE MAG DIESES VIDEO NICHT ! HELFT ES ZU VERBREITEN !

Ich stelle das Video mal wieder ein, damit wir nicht vergessen, was wir hier erleben, was der Menschheit angetan wird. Vom wem ist hinlänglich bekannt und oft genug, auch hier, gesagt worden.

 

Veröffentlicht am 19.05.2014

https://www.youtube.com/watch?v=TYvMF…
Troijanische Wolken
Original Upload by : kandascha
Menschen die das wieder als Verschwörung nieder machen bitte lesen:

Was ist Geo-Engineering?
Geo-Engineering umfasst bewusste und zielgerichtete — meist in großem Maßstab durchgeführte — Eingriffe in das Klimasystem mit dem Ziel, die anthropogene Klimaerwärmung abzumildern (Royal Society 2009). Dem IPCC1 zufolge sind unter Geo-Engineering technologische Maßnahmen zu verstehen, die darauf abzielen, das Klimasystem zu stabilisieren, indem sie direkt in die Energiebilanz der Erde eingreifen. Das Ziel besteht darin, die globale Erwärmung zu verringern (IPCC 2007 b, WG III). Die Ideen sind zahlreich und vielfältig. Im Wesentlichen können bei den Maßnahmen des Geo-Engineering zwei Kategorien unterschieden werden.

http://www.umweltbundesamt.de/sites/d…

http://www.umweltbundesamt.de/publika…

Geo-Engineering: Gezielt das Klima beeinflussen
Bundeswehr: Streitkräfte, Fähigkeiten und Technologien im 21. Jahrhundert

http://www.planungsamt.bundeswehr.de/…

Hagelflieger:

http://de.wikipedia.org/wiki/Hagelfli…
http://www.hagelabwehr-rosenheim.de/h…

„Wie repariere ich ein System, dass ich nicht ganz verstehe?“ (Ronald Prinn, 2010)

Auf den großen internationalen Klimakonferenzen von Kopenhagen und Cancun konnten keine nennenswerten Durchbrüche im Bereich der Klimaschutzziele erzielt werden. Die CO2 Emissionen sind auf einem Rekordniveau und das Ziel, die Erderwärmung auf 2°C zu begrenzen, rückt in immer weitere Ferne. In dieser Situation werden vereinzelte Stimmen laut, die die Lösung des Klimaproblems im Geo-Engineering sehen. Das Kieler Earth Institute hat nun im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) aktuell in einer Studie die Chancen und Risiken von Geo-Engineering bewertet.

http://www.climate-service-center.de/…

Historische Beispiele:
http://www.umweltbundesamt.de/sites/d… (Seite 3)
http://en.wikipedia.org/wiki/Project_…

Merkel-Versprecher: “Antisemitismus ist unsere staatliche Pflicht”

Peinlich! Oder doch nur trauriger Beweis für das virulente Desinteresse politischer Würdenträger im deutschen Bundestag? Angesichts der Pariser Terroranschläge gab Bundeskanzlerin Angela Merkel eine Regierungserklärung ab, bei der sie sich einen sehr groben Versprecher erlaubte und “Antisemitismus zur staatlichen Pflicht” erklärte. Die Abgeordneten jedoch applaudierten unbeeindruckt der deutschen Regierungschefin zu.

Merkel: "Antisemitismus ist unsere staatliche und bürgerliche Pflicht"

http://www.rtdeutsch.com/

UBUNTU Eine Welt ohne Geld

UBUNTU Eine Welt ohne Geld

Avatar von crae´dorDie Stunde der Wahrheit

Ein Auszug aus Michael Tellingers 2-stündiger Präsentation bei der Global Breakthrough Energy Conferece (BEM) in den Niederlanden im November 2012.
Die UBUNTU Kultur des Beitragens ist eines der Ergebnisse seiner Forschung über die Ursprünge der Menschheit, die ursprünglichen Kulturen von Südafrika, über die Ursachen des Geldsystems, über arglistig betrügerische Regierungen und die Bankster, die diese steuern.

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Krieg gegen den IS: Wo Deutschlands Waffen wirklich im Nordirak landen (Video)

Die Bundeswehr im Nordirak weiß nicht, an welche Einheiten der kurdischen Peschmerga-Milizen die gelieferten Waffen nach deren Ankunft im Irak gehen. Das räumte der Sprecher der Bundeswehr vor Ort im Interview mit dem ARD-Magazin MONITOR ein: „Wir können nicht verfolgen, wo die einzelnen Waffen hingehen. Wir haben keine Kenntnisse über die einzelnen Bataillone oder gar Kompanien, wo die Waffen sich befinden“, sagte Oberstleutnant Torsten Stephan.

Dass junge Männer zu Terroristen werden, hat ganz sicher auch mit dem Krieg in Syrien und im Nordirak zu tun. Der Kampf gegen den sogenannten Islamischen Staat, er wird seit einigen Monaten ganz offiziell auch mit deutschen Waffen geführt. Waffen, die an die kurdischen Peschmerga-Milizen geliefert wurden, eine zuverlässige und hochmotivierte Truppe. Das jedenfalls erzählt uns die Bundesverteidigungsministerin. Aber wer kämpft da eigentlich mit deutschen Waffen? Sind es wirklich nur tapfere Freiheitskämpfer? Und hat die Bundesregierung überhaupt irgendeine Ahnung davon, wo diese Waffen sich gerade befinden? Recherchen zeigen, dass es eben nicht so einfach ist, mit dem Gut und Böse, dem Schwarz und Weiß. Schon gar nicht im Krieg.

Nachforschungen im Nordirak legen zudem schwere Menschenrechtsverletzungen durch Peschmerga-Milizen und die kurdische Führung nahe. So schilderten mehrere kurdische Regierungskritiker, wie sie vom Geheimdienst der Autonomieregierung oder Privatmilizen in Geheimgefängnisse gebracht und dort gefoltert wurden. Die kurdische Autonomieregierung beschuldigen sie, solche Gefängnisse auch weiterhin zu unterhalten und befürchten, dass die westlichen Waffen schon bald auch gegen sie gerichtet werden könnten.

Ein ranghoher Peschmerga-General wird darüber hinaus verdächtigt, einen Auftragsmord an einem regimekritischen Journalisten angeordnet zu haben. Bis Ende Dezember 2014 befehligte er einen der Frontabschnitte, die mit deutschen Waffen ausgestattet wurden. Das belegen Filmaufnahmen.

Die Krisenbeauftrage der Menschenrechtsorganisation amnesty international, Donatella Rovera, äußerte scharfe Kritik am Verhalten der Bundeswehr. Den Verbleib gelieferter Waffen nachzuverfolgen, „liegt in der Verantwortung jeder Regierung, die Waffen verkauft oder kostenlos weitergibt“. Vor diesem Hintergrund sei das Verhalten der Bundeswehr „absolut falsch“. Die Bundesregierung trage damit auch „die Mitverantwortung für alle Verbrechen“, die mit diesen Waffen begangen werden.

Menschenrechtsbeauftragter der Bundesregierung fordert Aufklärung

Der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Christoph Strässer, forderte, dass die deutsche Hilfe an Peschmerga-Milizen in dieser Form nicht weiter geleistet werden dürfe, sollten sich die Vorwürfe bestätigen. „Geheimgefängnisse, insbesondere Foltergefängnisse, müssen geschlossen werden. Das ist eine Voraussetzung für eine vernünftige und verantwortungsvolle Zusammenarbeit mit einem Staat. Und da kann man auch keine Kompromisse schließen.” Strässer kündigte an, entsprechende Anfragen an die Bundesregierung stellen zu wollen.

Die Bundesregierung antwortete auf Anfrage, dass „Berichte über Verletzungen des humanitären Völkerrechts sehr ernst genommen“ werden und weist auf die vereinbarte Endverbleibserklärung für Waffen und Rüstungsgüter hin. Es lägen „keine Erkenntnisse vor, dass die Regierung der Region Kurdistan-Irak von der unterzeichneten Endverbleibserklärung abweicht“.

Noch in diesem Monat soll der Bundestag über die Ausweitung des Bundeswehr- Einsatzes Nordirak entscheiden. Zusätzlich denkt die Bundesregierung darüber nach, den kurdischen Peschmerga-Milizen noch mehr Waffen und Ausrüstung für den Kampf gegen den so genannten Islamischen Staat zu liefern.

Wer Waffen in Kriegsgebiete liefert, ohne zu kontrollieren, wo sie bleiben, der trägt am Ende auch die Mitverantwortung für die Verbrechen, die mit diesen Waffen begangen werden. Auch deshalb sollte sich die Bundesregierung jetzt dringend um Aufklärung der Vorwürfe bemühen.

Link zum Video der ARD mediathek.

Video: Wie deutsche Waffen in die falschen Hände kommen

Quellen: dpa/wdr.de vom 15.01.2015

Krieg gegen den IS: Wo Deutschlands Waffen wirklich im Nordirak landen (Videos)

Größte Moslemversammlung Norwegens fordert Steinigung von Ehebrecherinnen und Homosexuellen › Katholisches.info

Ukraine: Kiew auf Kriegskurs

Während die militärische Auseinandersetzung im Donbass wieder eskaliert, setzt der Westen auf eine verschärfte Konfrontation gegenüber Russland –

Von SEBASTIAN RANGE, 16. Januar 2014 –

Am Donnerstag verabschiedete das Europäische Parlament fraktionsübergreifend – einschließlich der GUE/NGL-Fraktion, der auch Die Linke angehört – eine gegen Russland gerichtete Resolution, in der Moskau eine „aggressive und expansionistische Politik“ vorgeworfen wird, die eine „Bedrohung für die EU“ darstelle. (1) Die Resolution beruht auf einen Entwurf der Fraktion der Europäischen Volkspartei, in der die CDU die stärkste Kraft ist. Neben der Verurteilung der „illegalen Annexion der Krim“ wird Russland vorgeworfen, einen „hybriden Krieg gegen die Ukraine zu führen“.

Die „Separatisten und russische Kräfte“ hätten das Minsker Waffenstillstandsabkommen vom 5. September „täglich gebrochen“, während es einzig der Kiewer Regierung zu verdanken sei, dass die Anzahl der Verstöße gegen das Abkommen „drastisch reduziert“ werden konnte. Die Einseitigkeit der Schuldzuweisung seitens der EU-Parlamentarier ist offenkundig politisch motiviert, mit der Realität vor Ort hat sie wenig zu tun. Die ukrainischen Truppen haben nachweislich auch nach dem 5. September wiederholt schwere Angriffe gegen das von den Aufständischen kontrollierte Gebiet geführt, und dabei auch die von über einhundert Staaten geächtete Streumunition „wahllos in Wohngebieten eingesetzt“, „besonders bei den Angriffen Anfang Oktober in Donezk“ , wie die US-Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch in einem Bericht feststellte. (2)

Dennoch sind in der EU-Resolution Attribute wie „terroristisch“ und „kriminell“ einzig den „Separatisten“ vorbehalten, während der Regierung von Präsident Petro Poroschenko attestiert wird, die Grundlagen für  eine „echte Demokratie“ gelegt zu haben. Eine Aufrechterhaltung oder gar Verschärfung der Sanktionen gegen Moskau wird ebenso gefordert wie die Entwicklung einer „Kommunikationsstrategie“ seitens der EU, um der „russischen Propaganda-Kampagne“ entgegen zu wirken. Darüber hinaus sei eine engere Kooperation zwischen der EU und den USA bezüglich der Ukraine „vorteilhaft“.

Energiepolitisches Erdbeben

Zudem gelte es, Pipleline-Projekte zum Zweck einer  Energiediversifizierung voranzutreiben und die Abhängigkeit von Russland in dieser Frage zu reduzieren. In diesem Zusammenhang begrüßten die EU-Parlamentarier den Stopp des Baus der Southstream-Gasröhre, die unter Umgehung der Ukraine russisches Gas in die EU liefern sollte. Die Entwicklung „konkreter Alternativen, um den Mitgliedstaaten zu helfen, die gegenwärtig von Russland als einzigem Versorger abhängig sind“, muss die EU künftig wohl schneller vorantreiben, als ihr lieb ist.

Denn Russland reagierte nach Bekanntwerden des Inhalts der Resolution mit einem „sehr überraschenden“ Schritt, wie der Vizepräsident der EU-Kommission, Maroš Šefčovič, nach einem Treffen in Moskau mit Vertretern des Energiekonzerns Gazprom am Mittwoch formulierte. (3) Das russische Unternehmen kündigte an, sämtliche über die Ukraine laufenden Gaslieferungen einzustellen, sobald der kürzlich vereinbarte Bau einer Pipeline in die Türkei fertig gestellt ist. „Wir diversifizieren und mindern die durch unverlässliche Länder entstandenen Risiken, die in den vergangenen Jahren Probleme bereiteten, auch für die europäischen Konsumenten“, zitiert die NachrichtenagenturBloomberg Russlands Energieminister Alexander Novak. Der Gastransfer werde künftig über die Türkei laufen, „es gibt keine andere Option“, äußerte sich Gazprom-Generaldirektor Alexey Miller. Brenzlig für die EU ist diese Entscheidung vor allem deshalb, da für eine Weiterleitung des Gases aus der Türkei in die EU noch keine entsprechenden Kapazitäten bestehen „Wir haben unsere europäischen Partner informiert, und jetzt ist es an ihnen, die notwendige Infrastruktur, beginnend an der türkisch-griechischen Grenze, aufzubauen“, so Miller.(4)

„Ich glaube, wir finden eine bessere Lösung“, übte sich Šefčovič anschließend in Zuversicht, der eigentlich nach Moskau gereist war, um die Energieversorgung der südosteuropäischen EU-Staaten nach dem Scheitern des Southstream-Projekts zu erörtern.

Verhandlungen derzeit unzweckmäßig

Zuvor war am Montag ein ursprünglich für diesen Donnerstag vorgesehenes Vierer-Treffen mit den Staats- und Regierungschefs Russlands, Deutschlands, Frankreichs und der Ukraine von der Bundesregierung abgesagt worden, da es zu diesem Zeitpunkt nicht „politisch zweckmäßig“ sei, wie der Sprecher des Auswärtigen Amtes, Martin Schäfer, erklärte.

„Ein Gipfeltreffen kann es nur mit greifbaren Fortschritten geben“, erklärte Bundeskanzlerin Angela Merkel bereits am vergangenen Freitag, und bezog sich dabei auf eine umfassende Umsetzung des Minsker Abkommens. Berlin sieht diesbezüglich jedoch nur Russland sowie die Vertreter der „Volksrepubliken“ in der Bringschuld. Letztere sollen – darin sind sich Kiew und die Bundesregierung einig – an den Verhandlungen allerdings nicht teilnehmen dürfen. Deren Teilnahme wäre auch „rechtlich schwierig“, sagte Schäfer, man müsse daher darauf hinwirken, „dass der Einfluss, den Moskau auf die Separatisten hat, auch tatsächlich wirksam wird“. (5)

Für das Zustandekommen des Vierer-Treffens müsse es zumindest die Hoffnung geben, dass dabei tatsächlich Resultate erzielt würden, erklärte die Bundeskanzlerin am Mittwoch nach einem Treffen mit NATO-Generalsekretär Stoltenberg. Der forderte Russland anschließend auf, die Unterstützung für die Separatisten aufzugeben.

Anlässlich des Deutschland-Besuches des ukrainischen Premierministers Arseni Jazenjuk vergangene Woche hatte sich Merkel erneut gegen ein Ende der Anti-Russland-Sanktionen ausgesprochen. „Die Sanktionen können nur aufgehoben werden, wenn die Ursachen beseitigt sind“, so die Kanzlerin. Was die Krim angehe, habe sie „momentan wenig Hoffnung“. (6)
Zuvor war in einigen EU-Staaten, darunter Frankreich, der Ruf nach einer Aufhebung der Sanktionen laut geworden. Während seines Aufenthalts in Berlin offenbarte Jazenjuk erneut – im vergangenen Jahr hatte er die Donbass-Bevölkerung als „Untermenschen“ bezeichnet (7) – wessen Geistes Kind er ist. In einem ARD-Interview zog der Regierungschef  eine Parallele zwischen dem Krieg in der Ostukraine und dem Zweiten Weltkrieg. „Wir erinnern uns alle sehr gut an die sowjetische Invasion in der Ukraine und in Deutschland.“ Aufgrund dieser geschichtsrevisionistischen Äußerung sandte Moskau eine Protestnote an das Auswärtige Amt, das daraufhin Jazenjuks Leugnung des Angriffskrieges der Nazis als „Ausdruck der für uns sehr wichtigen Meinungsfreiheit“ betrachtete. (8)

Auch sonst wurde der aus der Westukraine stammende Nationalist, den Tschechiens Präsident Milos Zeman jüngst als „Premierminister des Krieges“ bezeichnete, der die Probleme im Donbass mit Gewalt lösen wolle, in Berlin mit Samthandschuhen angefasst. Aufforderungen von Human Rights Watch an die Adresse der Bundesregierung als einem der „engsten Verbündeten der Ukraine“, von Jazenjuk und seiner Regierung die Achtung des Kriegsrechts und einen besseren Schutz der Zivilisten im Donbass einzufordern, verhallten offenbar ungehört. (9)

Stattdessen konnte der US-Wunsch-Premierminister – von der Stellvertreterin des US-Außenministeriums, Victoria Nuland, in dem berühmt-berüchtigten „Fuck the EU“-Telefonat als „unser Mann“ bezeichnet – seinen Berlin-Besuch nutzen, um die nun vom EU-Parlament übernommene Unwahrheit unwidersprochen zum Besten zu geben, wonach die Ukraine „ihren Teil des Abkommens eingehalten“ habe, während „Russland dagegen keinen Punkt des Minsker Abkommens erfüllt“ habe. Während seiner Visite sagte die Bundesregierung Jazenjuk einen Kredit in Höhe einer halben Milliarde Euro zur Finanzierung des „Wiederaufbau in der Ostukraine“ zu. Damit die Gelder für den Wiederaufbau fließen können, muss das Gebiet jedoch zuerst wieder unter Kiews Kontrolle kommen, was faktisch auf eine militärische Rückeroberung hinaus läuft.

Ukrainische Armee: Gerüstet für erneuten Kriegseinsatz

Zu diesem Zweck wurde die ukrainische Armee in den vergangenen Monate mithilfe von NATO-Staaten hochgerüstet. Mehrmal übergab Präsident Poroschenko im vergangenen Monat persönlich neue Waffen an das Militär, darunter schweres Kriegsgerät wie Kampfjets, Haubitzen und Schützenpanzer. „Wir können heute zeigen, wofür die Haushaltsgelder ausgegeben werden“, sagte der Präsident bei einer solchen Gelegenheit vor gut einer Woche Poroschenko. „Direkt vor uns stehen die mächtigsten 203-mm-Panzerhaubitzen Pion, die sich in der Anti-Terror-Operation bewährt haben und den Feind in Angst versetzen. Erstmals seit Jahren übergeben wir den Streitkräften gut bewaffnete und modernisierte Flugzeuge“, so der Staatschef. (10)

„Ich bin überzeugt, dass 2015 das Jahr unseres Sieges wird. Dazu brauchen wir eine starke, patriotische und gut ausgerüstete Armee“, heißt es auf seiner Webseite zum Jahresbeginn. (11)

Unmittelbar nach der Parlamentswahl Ende Oktober hatte Premier Jazenjuk erklärt, Hauptaufgabe der neuen Regierung sei es, eine „schlagkräftige Armee“ gegen die „russische Aggression“ aufzubauen. Die Regierung werde laut Koalitionsentwurf „Maßnahmen zur Rückkehr der Krim“ in die Ukraine ergreifen. (12) Dass das auf einen direkten Krieg mit Russland hinausläuft, daraus machen Vertreter Kiews keinen Hehl. Mitte Dezember erklärte der Sekretär des Nationalen Sicherheitsrates und einstige Übergangspräsident der Putsch-Regierung, Alexander Turtschinow, sein Land werde für einen möglichen Krieg gegen Russland die „mächtigste Armee Europas“ aufbauen.

„Unser Krieg endet erst, wenn das ganze Gebiet der Ukraine – einschließlich der Autonomen Republik Krim – befreit ist“, sagte Turtschinow. Zuvor gelte es natürlich, die Gebiete in der Ostukraine zu „befreien“. (13) Wie diese Befreiungsversuche konkret aussehen, davon konnten sich die Einwohner von Donezk am Sonntag und Montag erneut einen Eindruck verschaffen. Stundenlang wurde die Großstadt mit schwerer Artillerie belegt, darunter sollen auch Grad-Mehrfachraketenwerfer zum Einsatz gekommen sein. Die Anzahl der bei dem Beschuss getöteten Zivilisten ist unklar. Zuvor hatte Kiew drei Teilmobilmachungen für das kommende Jahr angekündigt. Die erste Mobilisierungswelle soll am 20. Januar beginnen und 50 000 Reservisten umfassen.

Nach dem schweren Beschuss von Donezk wurden die Kampfhandlungen an verschiedenen Frontabschnitten, unter anderem an dem von ukrainischen Truppen gehaltenen Donezker Flughafen, wieder aufgenommen. Vertreter der „Volksrepubliken“ hatten angekündigt, wieder schweres Kriegsgerät an die Front zu schaffen, das aufgrund der Minsker Vereinbarung zuvor abgezogen worden sein soll.

Zur Eskalation der Lage trägt der Tod von mindesten zwölf Zivilisten an einem Checkpoint nahe der Stadt Wolnowacha bei, die sich am Dienstag gemeinsam in einem Bus auf dem Weg von Mariupol nach Donezk befunden haben. Der Ort wird von ukrainischen Truppen kontrolliert. Kiew  und die Aufständischen wiesen sich gegenseitig die Schuld für den Vorfall zu. Die Darstellung der ukrainischen Regierung, wonach der Tod der Insassen durch den Beschuss von Grad-Raketenwerfern verursacht wurde, wird durch Videoaufnahmen gestützt.

Die Aufzeichnungen einer Überwachungskamera zeigen, dass der Checkpoint, der zu diesem Zeitpunkt offenbar nicht von Militärkräften besetzt war, von einer Raketen-Salve getroffen wurde. (14) Zwar ist der Bus auf den Aufnahmen nicht zu sehen, – ein späterer Schwenk zeigt, dass er sich im Rücken der Kamera befand, wenige hundert Meter entfernt von der Haupteinschlagsfläche – der im Video zu sehende Schatten einer aufsteigenden Explosionswolke aus Richtung des Busses belegt jedoch, dass dort zeitgleich die Explosion erfolgte, die zum Tod der Passagiere führte.

Sie starben nicht durch einen direkten Treffer, sondern durch Schrapnell-Wirkung, „übereinstimmend mit einem nahegelegenen Raketeneinschlag“, heißt es in einem OSZE-Bericht. (15) Bildmaterial zeigt, dass der Einschlag rund fünfzehn Meter seitlich des Busses erfolgt sein muss.

Die Rebellen verfügen über Grad-Raketenwerfer, der Checkpoint dürfte sich auch in deren Reichweite befunden haben – daraus ergibt sich zwar kein zwingender Schuldbeweis, Poroschenko nutzte jedoch die Gunst der Stunde, um die internationale Gemeinschaft aufzurufen, der Ukraine im Kampf gegen die Terroristen der „Volksrepubliken“ beizustehen. Nicht nur in der Ukraine schlagen die Wellen angesichts des Todes der Passagiere hoch – im Internet formierte sich kurz darauf die Kampagne „Je suis Wolnowacha“. Der UN-Sicherheitsrat verurteilte am Mittwoch die Tat und forderte eine „objektive Untersuchung“. Auch Russlands Außenminister Sergej Lawrow sprach sich für eine Untersuchung aus und forderte Kiew auf, den Zwischenfall nicht als Vorwand für eine neue Militäroperation gegen die Aufständischen zu missbrauchen. Die Chancen, dass sich die ukrainische Regierung diese Aufforderung zu Herzen nehmen wird, stehen jedoch schlecht – dieser Tage wird der Kalte Krieg wärmer.


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Axel Klitzke Mysterium Ägypten Götterschule und kosmischer Informationsträger.

24.Otacun Webcast –

Axel Klitzke Mysterium Ägypten Götterschule und kosmischer Informationsträger vom 5.9.2013