Mythos Fachkräftemangel: Wie die Zuwanderung herbeigelogen wird

Gerhard Wisnewski

»Drah di net um – der Fachkräftemangel geht um«, könnte man ein Lied des Schlagersängers Falco umdichten. Der Fachkräftemangel ist das Schreckgespenst von Politik und Wirtschaft und wird immer gern herausgeholt, wenn irgendjemand beim Zustrom von Zuwanderern abbremsen möchte. Aber gibt es den »Fachkräftemangel« überhaupt? Und wenn ja: Ist er dann wirklich so schlimm? Oder ist es nur eine nützliche Lüge für eine ungebremste Zuwanderung?

Unter einer »Fachkraft« versteht man in erster Linie jemanden mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung. Und unter »Fachkräftemangel« versteht man einen Mangel an eben jenen Fachkräften: »Seit Jahren berichten unzählige Medien täglich darüber«, schreibt der Personalberater Martin Gaedt in seinem Buch Mythos Fachkräftemangel (Weinheim, 2014), in dem er »geschönte und tendenziöse Statistiken« entlarvt.

»Aber nehmen wir mal an, unser Bild über den Fachkräftemangel wäre falsch. Es beruht[e] auf Irrglauben und wäre ein Phantom, geschaffen durch gebetsmühlenartige Wiederholung und die schiere Masse an Schlagzeilen in den Medien.« Tatsächlich ist die »Fachkräftelücke« hauptsächlich ein Schreckgespenst – eine eingeführte politische Floskel wie »Klimawandel« und »Energiewende«.

»Merkel setzt auf Einwanderer«, konnte man am 15. Mai 2013 beispielsweise in der Stuttgarter Zeitung lesen (online): »Die Kanzlerin sagt, um den Fachkräftemangel, der sich in vielen Branchen abzeichnet, meistern zu können, müsse Deutschland ›durchaus auf Zuwanderung setzen‹.«

Auch politisch korrekte Wirtschaftsbosse schlagen Alarm: »Der Fachkräftemangel wird zum Konjunkturrisiko Nummer eins«, drohte der Bundesvorsitzende der Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung der Union, Josef Schlarmann, laut Die Welt: »Um ein weiteres Auseinanderklaffen der Fachkräftelücke zu verhindern, bedürfe es eines ›schlüssigen Konzepts der geregelten Zuwanderung‹…« Fazit: »Zuwanderer dringend gesucht« (Tagesschau,26.05.14).

Her mit den Super-Migranten!

»Nur wenn jedes Jahr 400 000 Menschen mehr zu- als abwandern, kann Deutschland seine wirtschaftliche Kraft erhalten«, postuliert die supranationale Organisation OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung). »In keinem anderen industrialisierten Land werde die Erwerbsbevölkerung dramatischer schrumpfen als in der Bundesrepublik«

(tagesschau.de, 26.05.14).

Migranten beziehungsweise Zuwanderer sind in den Augen dieser Migrationspolitiker die reinsten Supermänner (und  frauen, versteht sich). Besonders »Krisenflüchtlinge« seien »nach Einschätzung der Bundesagentur für Arbeit jung, gut ausgebildet, sie sprechen mehrere Sprachen«, schwärmte die Tagesschau. »Fast die Hälfte der Neuankömmlinge sind Akademiker.«

Die Bundesrepublik sehe in ihnen die Möglichkeit, ihren Status der führenden Wirtschaftsnation halten zu können: »Die neue Qualität der Zuwanderung ist ein Glücksfall«, jubelte 2014 demnach auch die damalige Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen. »Sie hilft unserem Land, macht es jünger, kreativer und internationaler. Das gibt frische Impulse und mehr Wettbewerbsfähigkeit.«

Zuwanderer bis zum Abwinken

Hurra! Zuwanderer bis zum Abwinken, lautet die Botschaft. Vor allem sie werden uns aus der dunklen Hölle des Fachkräftemangels erlösen und in ein neues Zeitalter der Sicherheit, des Wohlstands und des Glücks führen. Na so was! Wahrscheinlich haben wir uns schon zu sehr an das allgegenwärtige Mantra vom Fachkräftemangel gewöhnt, um uns angesichts dieser Worte noch zu wundern. Denn schließlich klingt »Fachkräftemangel« ja erst mal nach Vollbeschäftigung und nach der Wirtschaftswunderzeit der 50er und 60er Jahre, als man tatsächlich ausländische Arbeitskräfte ins Land holen musste, um den Bedarf zu befriedigen.

Schließlich könnte man nur von einem Mangel sprechen, wenn der Arbeitsmarkt zumindest in nennenswerten Teilbereichen leergefegt wäre. In Wirklichkeit treffen diese Zuwanderer aber auf einen Arbeitsmarkt mit offiziell drei Millionen Arbeitslosen – und das auch nur, nachdem die Statistiken jahrzehntelang geschönt wurden. Bezieht man stille Reserven und in Sozialmaßnahmen versteckte Arbeitnehmer mit ein, kommt man auf das Doppelte bis Dreifache, also sechs bis neun Millionen.

In Wirklichkeit gibt es hierzulande also enorme Potenziale von Arbeitskräften, die entweder offiziell arbeitslos sind, sich nicht als arbeitslos gemeldet haben oder in zahlreichen Sozialmaßnahmen aufgefangen und versteckt werden.

Einen Arbeitskräfte- oder »Fachkräftemangel« zu begründen, der vor allem durch Zuwanderer behoben werden könnte, ist daher gar nicht so einfach. Und tatsächlich gibt es ihn derzeit auch gar nicht.

Zwei Millionen Fachkräfte zu viel

In Wirklichkeit haben wir zurzeit gar nicht zu wenige Fachkräfte, sondern zu viele. Und zwar gleich zwei Millionen. Selbst Artikel, die den Fachkräftemangel beschwören sollen, beweisen zumindest für die Gegenwart das Gegenteil: »Aktuell liegt die Gesamtzahl der Fachkräfte mit Berufsausbildung in Deutschland bundesweit zwei Millionen über dem Bedarf«, hieß es zum Beispiel im Handelsblatt (26.12.12). Beispiel Oldenburg.

Während die Nordwest-Zeitung Online von einem grassierenden Fachkräftemangel berichtet, wunderte sich ein Leser direkt unter dem Artikel: »Gäbe (Konjunktiv!) es in Oldenburg einen Fachkräftemangel, könnten wir das zwangsläufig an drei Kriterien ablesen«:

  • An einem leergefegten Arbeitsmarkt im Bereich der gesuchten Fachkräfte.
  • An einem wahrnehmbar erhöhten Vergütungsniveau. Von solchen »attraktiven, geradezu ›magnetischen‹ Vergütungsangeboten« gebe es jedoch keine Spur.
  • Daran, dass Fachkräfte ausschließlich über die gewünschten Fähigkeiten gesucht würden – »unabhängig von formaler Qualifikation, Herkunft, Geschlecht und Alter…«

Er sei auf die Belege für den Fachkräftemangel »gespannt«, schrieb der Leser.

Keine Anzeichen für Fachkräftemangel

Beispiel Hamburg: »Jeder zweite der rund 76 000 Arbeitslosen in Hamburg hat eine qualifizierte Ausbildung«, schrieb das Hamburger Abendblatt und meinte: »Wirtschaft ignoriert gut ausgebildete arbeitslose Fachkräfte« (02.04.14). »Junge Männer und Frauen strömen in die Ingenieurstudiengänge – mit der Hoffnung auf einen sicheren Job und ein gutes Gehalt«, hieß es auch in der Süddeutschen Zeitung (online, 10.03.14). »Doch immer mehr Absolventen landen bei Leiharbeitsfirmen.«

Für Statistikprofessor Gerd Bosbach sprächen solche Fälle daher »gegen einen Ingenieurmangel«: »Die Arbeitgeber machen eine Kampagne, um mehr Leute ins Studium zu locken, damit sie anschließend aus einem Heer gut Ausgebildeter wählen können.« Und genau diese »Studienkampagne« könnte – wenn überhaupt – irgendwann wirklich zu dem von Politik und Wirtschaft beklagten »Fachkräftemangel« führen. Einfach deshalb, weil kaum noch jemand eine Berufsausbildung absolvieren möchte.

Zuwanderer und das Heer der Arbeitslosen

Ein Mangel herrscht laut Handelsblatt derzeit nur »in einigen Regionen und Berufen« – »etwa in der Pflege, den Kindergärten und der Gastronomie«. Also erstens nicht gerade in Deutschlands Kernindustrien. Und zweitens zum Teil in Problembereichen, die durch eine verfehlte Wirtschafts- und Sozialpolitik erst geschaffen wurden (Stichwort: Zerstörung der Familie). Drittens existieren natürlich wirklich regionale Unterschiede.

Unter dem Strich gibt es einen angeblich bedrohlichen Fachkräftemangel, wie er von Politik und Wirtschaft ständig suggeriert wird, jedoch nicht. Jedenfalls keinen, der nicht mit bundesdeutschen »Bordmitteln« behoben werden könnte. In Wirklichkeit wird er, wenn, erstens selbst geschaffen und zweitens erst für die Zukunft erwartet, und zwar für die Zeit in zehn bis 15 Jahren. Trotzdem wird damit die aktuelle Zuwandererschwemme begrüßt, die jetzt auf einen Arbeitsmarkt mit offiziell drei Millionen Arbeitslosen (inoffiziell sechs bis neun) und mit einem Fachkräfteüberschuss von zwei Millionen trifft.

Wenn überhaupt, werden die angeblich »gut qualifizierten Zuwanderer« also erst in zehn bis 15 Jahren gebraucht. Bis dahin machen sie deutschen Bewerbern Konkurrenz, landen selbst in der Arbeitslosigkeit und kosten den deutschen Staat Milliarden. Während die offizielle Arbeitslosenquote bei Deutschen bei sieben bis acht Prozent liegt, liegt sie bei Ausländern bei 17 bis 18 Prozent.

Selbst wenn die Zuwanderer also in ein bis zwei Jahrzehnten nützlich sein könnten, hätten sie bis dahin jede Menge Geld gekostet. »Bezieht man sämtliche Staatsausgaben ein, so käme auf jeden 2012 in Deutschland lebenden Ausländer ein stolzes Defizit von 79 100 Euro«, schrieb die Junge Freiheit (05.12.14). Bei Deutschen betrage das Defizit lediglich 3000 Euro.

Aber auch, ob die Prognosen überhaupt eintreffen, ist mehr als unsicher. Schließlich hängt das von der Qualität der Vorhersagen, der wirtschaftlichen Entwicklung sowie der weiteren Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik ab. Und selbst wenn dann um das Jahr 2024 oder 2030 ein flächendeckender Fachkräftemangel einträte, verfügte Deutschland über jede Menge mobilisierbare Reserven im Heer der offiziell Arbeitslosen oder im Bereich Hartz IV.

Die vielgepriesenen »hochqualifizierten« und »akademischen Flüchtlinge«, von denen manche Politiker schwärmen, sind sogar besonders fehl am Platz, weil hier selbst laut offiziellen Vorhersagen auch in der Zukunft »ein deutliches Überangebot« zu erwarten sei, so das Handelsblatt: »Erreichen die Bildungspolitiker alle Ziele – wozu auch die Steigerung des Akademikeranteils auf 42 Prozent eines Jahrgangs gehört –, wird es im Jahr 2030 rund 1,5 Millionen Hochqualifizierte ›zu viel‹ geben.« Was nochmals beweist, dass die Politik den Mangel an berufsausgebildeten Fachkräften – wenn er überhaupt eintritt – durch eine »Akademisierung« der Jahrgänge erst selbst herbeiführt.

Man spürt die Absicht und ist verstimmt. Mithilfe des angeblichen »Fachkräftemangels« sollen also politisch erwünschte Gruppen ins Land und/oder auf den restlos überfüllten deutschen Arbeitsmarkt gebracht werden – etwa Zuwanderer und Frauen. Die Folgen werden einstweilen durch ausufernde Sozialleistungen und Arbeitsmarkttricks überdeckt, dürften mittel- bis langfristig aber katastrophal sein…

http://info.kopp-verlag.de/

Dazu auch mein Beitrag:

https://marbec14.wordpress.com/fachkraftemangel-hartz-iv-und-armut/

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