NSU-Staatsaffäre: »Ruß in den Augen der Redakteure«

Falk Schmidli

Mitten im Weihnachtstrubel hat der Innenausschuss des Deutschen Bundestages eine Maildes Arbeitskreises NSU bekommen, genauer gesagt eine komplette Ausarbeitung zum Thema »Rußlungen-Lüge« und eine darauf aufbauende Analyse der »Nachrichtenehrlichkeit der deutschen Presse«. Kopp Online hat mit dem Autor dieser Studie gesprochen.

Die Rußlungen-Lüge

Im besagten erneuten Schreiben des Arbeitskreises NSU vom 15.12.2014 an den Innenausschuss wird die Rußlungen-Lüge als Aufhänger verwendet. Worum geht es bei dieser Lüge?

Vor gut drei Jahren, am 21.11.2011, wurde der Innenausschuss des Deutschen Bundestages vom damaligen Chef des Bundeskriminalamtes Jörg Ziercke sowie vom Generalbundesanwalt Harald Range darüber in Kenntnis gesetzt, dass Gerichtsmediziner in der Lunge von Uwe Mundlos Rußpartikel vom Brand des Wohnmobils gefunden hätten, in Uwe Böhnhardts Lunge dagegen nicht. Damit schienen Ziercke und Range die These zu belegen, Mundlos habe zunächst Böhnhardt erschossen, dann das Wohnmobil angezündet und daraufhin sich selbst gerichtet.

Im März 2014 wurde allerdings durch die Vorsitzende des Untersuchungsausschusses des Thüringer Landtags, Dorothea Marx, bekannt, dass sich bei den gerichtsmedizinischen Untersuchungen weder in der Lunge von Böhnhardt noch in der Lunge von Mundlos Ruß gefunden hat. Am 21.05.2014 wurde dies im Prozess vor dem OLG München durch den Rechtsmediziner bestätigt, der die Obduktion beider Leichen durchgeführt hatte.

Damals, am 21.11.2011, hatte sich Ziercke ausdrücklich auf die Ergebnisse der Obduktion berufen. Diese hatte aber bereits am 5.11.2011, also über zwei Wochen vorher (!), stattgefunden. Die Ergebnisse lagen den Behörden zum Zeitpunkt von Zierckes Aussage also vor. Nochmals zum Mitdenken: Das Obduktionsergebnis wurde ausdrücklich nicht erst am 31.03.2014 entdeckt, sondern es wurde vielmehr bis zu diesem Zeitpunkt der Öffentlichkeit vorenthalten!

Es gibt also eine Tatsache, die für die NSU-Affäre hoch relevant ist: Der Ex-BKA-Präsident Ziercke hat Ende 2011 wahrscheinlich vorsätzlich gelogen, d.h. sein Beweis für seine Version des Ablebens der beiden angeblichen »NSU-Terroristen« ist mittlerweile – auch offiziell – widerlegt. Die ganze These, dass Uwe Mundlos erst Uwe Böhnhardt erschossen hat, danach das Feuer im Wohnmobil gelegt und sich im Anschluss selbst erschossen hat, ist dadurch nahezu unhaltbar geworden.

Da an dieser These im Grunde aber die gesamte NSU-Geschichte hängt, müsste es hierzu kritische Artikel in der deutschen Presse geben, denn der Widerspruch ist offiziell bekannt. Der promovierte Physiker Dr. Andreas Müller (Jahrgang 1966) hat die Reaktion der Presse auf diese doch eigentlich als Sensation zu bezeichnende Nachricht analysiert. Daraus ist sein 42-seitiges »Dossier zur Nachrichtenehrlichkeit der deutschen Presse 2011 bis 2014« mit dem Titel »Ruß in den Augen der Redakteure« entstanden. Dieses wurde vom Arbeitskreis NSU den Parlamentariern des Innenausschusses im Rahmen eines neuen Mailings übersendet. Interessierte Leser finden die komplette Studie hier.

Kopp Online hat Dr. Müller kontaktiert und nachfolgendes Gespräch mit ihm geführt:

Kopp Online: Herr Dr. Müller, Sie haben den Parlamentariern des Innenausschusses ein Dokument zur Verfügung gestellt, das sich mit der Nachrichtenehrlichkeit der deutschen Presse beschäftigt. Die Erstellung des Dokuments hat viel Arbeit erfordert. Was war Ihre Motivation dazu?

Dr. Müller: Das hat eine lange Vorgeschichte. Ich wohne ganz in der Nähe des Ladens, in dem Habil Kilic 2001 erschossen wurde, es war der vierte Mord der Ceska-Serie. Ich hatte kurz vorher dort noch Gemüse gekauft und mich dann jahrelang gewundert, dass dieser Mord bzw. die ganze Mordserie trotz eines enormen Ermittlungsaufwands nicht aufgeklärt wurde. 2007 geschah dann der Mord an der Polizistin Kiesewetter in Heilbronn. In der Nähe bin ich zur Schule gegangen, weshalb mich dieses Ereignis besonders berührt hat.

Kopp Online: Und im Laufe der Zeit scheint dann Ihre Skepsis zugenommen zu haben…

Dr. Müller: Genau, denn was mich an dem Kiesewetter-Fall richtig erstaunt hat, war die Suche nach dem mysteriösen »Phantom von Heilbronn« und die Auflösung dieses Rätsels durch eine DNS-Verunreinigung erst nach geschlagenen zwei Jahren. Als ausgebildeter Naturwissenschaftler und aktiver Softwareentwickler war ich immer davon ausgegangen, dass diese mögliche Fehlerquelle jedem DNS-Analytiker bewusst und sie dadurch unter Kontrolle sein müsste.

Trotz dieser Merkwürdigkeiten habe ich dann im Jahr 2011 zunächst die Sensation geglaubt, dass beide Morde – Kilic und Kiesewetter – von Rechtsradikalen begangen wurden. Als sich aber schließlich doch die Zweifel mehrten, bin ich irgendwann auch auf den Arbeitskreis NSU gestoßen und habe dort zunächst nur mitgelesen. Ich wollte mit meiner Untersuchung einerseits überprüfen, ob sich ein Mord an Böhnhardt und Mundlos auch ohne die Akten nur aus Zeitungsberichten ableiten lässt, und andererseits wollte ich systematisch feststellen, in welchem Ausmaß Zeitungen zu einem eindeutigen Sachverhalt falsch berichten. Die Mühe hat sich gelohnt und die Klarheit der Ergebnisse hat mich selbst sehr überrascht.

Kopp Online: Wie würden Sie insgesamt als Fazit die Nachrichtenehrlichkeit am Beispiel der Rußlungen-Lüge beurteilen? Was ist das Ergebnis Ihrer Analyse, die Essenz der 42 Seiten?

Dr. Müller: Das war die Tatsache, dass die große Mehrheit der Zeitungen nicht zögerte, in der Berichterstattung zum NSU-Prozess Tatsachen und Zusammenhänge wegzulassen, zu verdrehen oder komplett falsch darzustellen, um den von den Behörden erfundenen Ablauf des Selbstmords im Wohnmobil von Eisenach-Stregda zu stützen. Nur eine einzige von einem guten Dutzend betrachteter Zeitungen, nämlich die Thüringer Zeitung, berichtete sachlich korrekt und ausführlich aus dem Prozess.

Eine weitere, die Frankfurter Allgemeine Zeitung, berichtete aus dem Thüringer Untersuchungsausschuss, dass das von den Behörden wiederholt genutzte Argument vom Ruß in der Lunge falsch ist.

Keine Zeitung klagte aber die Behörden an, von höchster Ebene ausgehend und von 2011 bis 2014 den Bundestag und die Öffentlichkeit systematisch belogen zu haben, um einen Selbstmord glaubwürdiger zu machen.

Kopp Online: Können diese Zeitungen nicht einfach nur schludrig gearbeitet, also versehentlich falsch berichtet haben?

Dr. Müller: Versehentliche Falschberichte möchte ich wegen der teilweise ausgeklügelten Tricks zur Irreführung ausschließen. Zeitungen wie die Welt oder der Tagesspiegel haben 2014 ja sogar ihre eigenen besonders guten Berichte von 2011 in die Ecke der Verschwörungstheorien gestellt.

Kopp Online: Sie haben in Ihrer Studie den Parlamentariern auch Ihre E-Mail-Adresse bekannt gemacht, d.h. jeder, den Ihr Dokument interessiert hätte, könnte Sie auch problemlos kontaktieren. Insgesamt wurden immerhin 40 Bundestagsmitglieder, u.a.  Petra Pau (Die Linke), Volker Beck (Die Grünen), Renate Künast (Die Grünen), direkt angeschrieben. Der Kreis der Mail-Empfänger war sogar noch viel größer, nämlich der Innenausschuss, alle Mitglieder des Deutschen Bundestages, Presse und Medien. Hat Sie jemand von den Angeschriebenen mittlerweile kontaktiert?

Dr. Müller: Nur ein mir bis dahin unbekannter Leser hat mich kontaktiert und sich bedankt dafür, dass er jetzt verstehe, warum ihn die Berichte zum NSU insgesamt verwirren. Er hatte sich nicht vorstellen können, dass oft einfach nur schlichte Lügen dahinterstecken. Die Lügen sind ja so dreist, dass sie bei jeder systematischen Untersuchung auffliegen müssten.

Wer nur hier und da einen Bericht liest und nicht sehr misstrauisch ist, kann das nicht erkennen, bleibt aber verwirrt zurück. Aus der Dreistigkeit der Lügen muss man eigentlich folgern, dass die verantwortlichen Redakteure gelernt haben, dass sie damit durchkommen. Als normal ehrlicher Mensch hält man das für fast unmöglich und kann genau deshalb so grob hinters Licht geführt werden.

Kopp Online: Was sagen Sie selbst zur Rußlungen-Lüge, d.h. wie bewerten Sie das Verhalten des BKA-Präsidenten Ziercke, das Verhalten der Presse und der Politik? Könnte man dieses systemische Gesamtverhalten dahin deuten, dass Fakten, die nicht in die offizielle NSU-Geschichte passen, vorsätzlich, systematisch und übergreifend vertuscht werden?

Dr. Müller: Die Rußlungen-Lüge wurde gezielt eingesetzt, um eine größere Lüge zu stützen, nämlich den Selbstmord im Wohnmobil. Dieser wird natürlich auch durch andere Manipulationen gestützt, unter anderem dadurch, dass das Ergebnis der Untersuchung der Hände und Kleidung der beiden Toten auf Schmauchspuren bisher recht geschickt aus dem Prozess herausgehalten wurde, wie ich im Dossier ebenfalls mithilfe der Zeitungsberichte zeige. Ebenfalls nicht im Prozess behandelt wurde die Tatsache, dass auf der angeblichen Selbstmordwaffe keine Fingerabdrücke von Uwe Mundlos gefunden wurden, obwohl er bei Auffinden keine Handschuhe trug.

Das Ergebnis dieser Routineprüfung wird einfach nicht berichtet, weder im Prozess noch in den Medien. Im Frühjahr 2014 wurde alles, was gegen einen Selbstmord spricht, unter den Teppich gekehrt. Der Selbstmord ist offensichtlich wichtig, damit die NSU-Geschichte nicht als Ganzes in sich zusammenfällt – wie damals das »Phantom von Heilbronn«.

Kopp Online: Wir danken für das Interview und wünschen Ihnen und dem Arbeitskreis NSU einen guten Rutsch in ein erfolgreiches Jahr 2015, in welchem hoffentlich Klarheit in diesem Fall geschaffen werden kann.

 http://info.kopp-verlag.de/

5 Kommentare zu “NSU-Staatsaffäre: »Ruß in den Augen der Redakteure«

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