Offener Brief an Merkel zu ihrer Rede in Sydney

Wutrede in Sydney: Merkel rechnet mit Putin ab (Bild: APA/EPA/MILLER, KLIMENTYEV/NOVOSTI/KREMLIN POOL, APA/EPA/PILIPEY)

Foto: http://www.krone.at/

Von Karl-Jürgen Müller aus Konstanz (gefunden bei ceiberweiber)

Der Lehrer von Beruf spricht in einem offenen Brief an Kanzlerin Angela Merkel aus, was viele Menschen nicht nur in Deutschland denken, wenn sie hören, wie die angeblich “mächtigste Frau der Welt” gegen Russland und Präsident Wladimir Putin hetzt. Sowohl der Wortlaut von Merkels Rede in Sydney als auch die begeisterten Reaktionen in NATO-Medien machen deutlich, dass sie keineswegs “mächtig” und verantwortungsvoll agiert, sondern sich erneut als Befehlsempfängerin Washingtons entlarvt.

Kommen Sie zur Wahrheit, Frau Merkel!
Offener Brief an den Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland,
Dr. Angela Merkel

Sehr geehrte Frau Bundeskanzler,

in Ihrer Rede vor dem «Lowy Institut für Internationale Politik» im australischen Sydney sind Sie am 17. November erneut auf die Situation in der Ukraine eingegangen und haben dabei ein Urteil über Russland und die russische Politik gefällt. Am nächsten Tag kommentierten deutsche Medien, Sie hätten eine «Brandrede» gehalten und dem russischen Präsidenten die «Leviten» gelesen. Sie seien «mit Ihrem Latein – und ihrer Geduld … am Ende» und hätten jetzt eine «deutliche Warnung» ausgesprochen. «Wirklich über den Weg getraut» hätten Sie «Putin noch nie» (Anmerkung: ein paar Kostproben der Berichterstattung gibt es nach diesem Text).

Wir beide wissen sehr genau, dass dies alles Unsinn ist. Für einen historisch und politisch gebildeten Menschen ist es beklemmend, mit ansehen zu müssen, wie sich die konzertierte Aktion aus Medienhetze und eiskalter Machtpolitik die Bahn zu brechen versucht und dabei alle Skrupel abgelegt hat. Ihre ganze Rede in Sydney war ein Konglomerat ideologischer Versatzstücke zur Kaschierung US-amerikanischer, EU-europäischer und auch deutscher Machtpolitik, die allerdings weder im deutschen, noch im europäischen Interesse liegt, auch nicht im Sinne deutscher oder europäischer Wirtschaftsinteressen ist.

In diesem Jahr 2014 ist der politische Missbrauch der Massenmorde und der Millionen von Opfern des Ersten Weltkriegs weit verbreitet. Sie haben sich nahtlos in diese Reihe gestellt, um so zur Attacke gegen Russland und die russische Politik auszuholen. Ihre Lügen über den inneren Zustand und die Ziele der Europäischen Union spotten jeder Beschreibung, aber das soll heute nicht mein Thema sein. Dann haben Sie gesagt, wir müssten derzeit erleben, «dass es auch in Europa immer noch Kräfte gibt, die sich dem gegenseitigen Respekt und einer Konfliktlösung mit demokratischen und rechtsstaatlichen Mitteln verweigern, die auf das angebliche Recht des Stärkeren setzen und die Stärke des Rechts missachten. Genau das ist mit der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim durch Russland zu Beginn dieses Jahres geschehen.

Russland verletzt die territoriale Integrität und die staatliche Souveränität der Ukraine. Ein Nachbarstaat Russlands, die Ukraine, wird als Einflusssphäre angesehen. Das stellt nach den Schrecken zweier Weltkriege und dem Ende des Kalten Krieges die europäische Friedensordnung insgesamt infrage. Das findet seine Fortsetzung in der russischen Einflussnahme zur Destabilisierung der Ostukraine in Donezk und Lugansk.» Weiter sagten Sie: «Ich frage: Wer hätte es für möglich gehalten, dass 25 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer, nach dem Ende des Kalten Krieges und der Teilung Europas und dem Ende der Teilung der Welt in zwei Blöcke so etwas mitten in Europa geschehen könnte? Altes Denken in Einflusssphären, womit internationales Recht mit Füßen getreten wird, darf sich nicht durchsetzen. Ich bin überzeugt: Es wird sich auch nicht durchsetzen, mag der Weg auch noch so lang, noch so beschwerlich sein und noch so viele Rückschläge mit sich bringen.»

Nun muss ich allerdings sagen, dass nicht nur Ihre Charakterisierung der russischen Politik einer Überprüfung nicht standhält, sondern dass Sie auch der russischen Politik etwas unterstellen, das die Politik anderer Mächte der vergangenen 25 Jahre viel besser charakterisiert, nämlich die Politik der USA, der Nato, der EU und leider auch Deutschlands. Ich muss Sie daran erinnern, dass es die USA, die Nato, die EU und Deutschland waren, die seit 1990/1991 den «gegenseitigen Respekt» gegenüber anderen Staaten nicht mehr gewahrt haben. Diese Mächte haben sich einer «Konfliktlösung mit demokratischen und rechtsstaatlichen Mitteln» verweigert, haben auf «das angebliche Recht des Stärkeren» gesetzt und die «Stärke des Rechts» missachtet. Sie haben die «territoriale Integrität» zahlreicher Staaten missachtet und verletzt und wollten die ganze Welt als ihre «Einflusssphäre» sehen.

Ich kann Ihre Formulierung wörtlich übernehmen: «Das stellt nach den Schrecken zweier Weltkriege und dem Ende des Kalten Krieges die europäische Friedensordnung insgesamt infrage.» Ja, es ist vollkommen richtig, wenn Sie sagen: «Altes Denken in Einflusssphären, womit internationales Recht mit Füßen getreten wird, darf sich nicht durchsetzen.» Nur muss sich dieser Satz an andere Mächte richten. Professor Wjascheslaw Daschitschew, Berater des ehemaligen sowjetischen Präsidenten Gorbatschow in Fragen der Ost-West-Entspannung und heute Mitglied der russischen Akademie der Wissenschaften, hat in den vergangenen Jahren mehrfach an die am 21. November 1990 verabschiedete Charta von Paris erinnert und den Westen ermahnt, zu dieser Grundlage zurückzukehren und seine imperiale Politik aufzugeben. Darüber ist der Westen bis heute hinweggegangen.

Ein paar wenige Stichworte wie Nato-Osterweiterung, Krieg gegen Jugoslawien 1999, Irak-Krieg im Jahr 2003, Krieg gegen Libyen im Jahr 2011, die aktive Beteiligungen an zahlreichen Staatsstreichversuchen und Staatsstreichen der vergangenen Jahre – auch in der Ukraine –, der Aufbau und die Instrumentalisierung politischer Extremisten und Terroristen sowie die Versuche, die Grenzen in manchen Regionen der Welt neu zu ziehen, weisen auf die Erscheinungsformen einer im wesentlichen imperialen Gewaltpolitik des Westens in den vergangenen 25 Jahren hin – ohne Rücksicht auf Recht und Völkerecht. Das Buch des US-amerikanischen Sicherheitsberaters Zbigniew Brzezinski «Die einzige Weltmacht», im englischen Original aus dem Jahr 1997, wurde auch von mir gelesen – und nicht nur von mir. Ich muss es Ihnen auf den Kopf zusagen: So lange Sie und die anderen westlichen Politiker so weiter machen wie bisher, wird es keine Verständigung mit der russischen Politik geben können.

Ich muss bei Betrachtung der vergangenen 25 Jahre sogar den Eindruck gewinnen, dass der Westen und auch Sie, Frau Bundeskanzler, gar nicht an einer wirklichen Lösung des Konfliktes über gleichwertige Verhandlungen aller beteiligten Partner interessiert sind, sondern die Situation weiter eskalieren lassen wollen und in dem Wahn leben, Sie könnten in diesem Konflikt Russland in die Knie zwingen und «siegen». Darin unterscheiden Sie sich leider in keiner Weise von den Hasardeuren, die ihre Staaten und Völker in den Ersten Weltkrieg geführt haben. Allerdings wirken Sie auf mich verlogener, weil Sie so tun, als wollten Sie die «Fehler» von damals vermeiden und alles tun, um den Frieden zu sichern. Die Tatsachen jedoch sprechen eine andere Sprache.

Ich muss Ihnen auch sagen, dass ich nicht nur Ihre Reden und Interviews, sondern mit großem Interesse auch diejenigen des russischen Präsidenten Putin lese. Dessen Interviews und Reden beeindrucken mich in Kenntnisstand, politischer Analyse, Forderungen und Tonlage. Was er sagt, ist für mich weitgehend nachvollziehbar und deckt sich dort, wo ich es beurteilen kann, mit dem, was ich weiss. Ich bin immer offen für Gegenbeweise, habe diese aber noch nicht gesehen. Ich weiß nicht, ob Sie wirklich davon überzeugt sind, dass Ihre plumpe Propaganda bei den Bürgern verfängt, oder ob Sie auf Grund der in vielerlei Hinsicht desaströsen Lage innerhalb der westlichen Welt und deren Niedergang nichts weiter als den krampfhaften Versuch machen, eben wie Hasardeure die «Flucht nach vorne» anzutreten, und dabei alle Skrupel verloren haben.

Mir als deutschem Bürger jedenfalls verschlägt Ihre Politik und die der anderen Regierungen in den USA und in der EU täglich die Sprache. Mit einer ungeheuren Arroganz der Macht gehen Sie über alle hinweg, die fundierte Kritik üben, nach Alternativen suchen und auf Alternativen hinweisen. Offensichtlich wollen Sie so tun, als wenn auch Ihre jetzige Politik gegen Russland «alternativlos» sei. Ich nehme Ihnen das nicht ab, und ich weiß, dass viele Leute so denken. Sie regieren offenkundig am deutschen Volk vorbei, und ich frage mich, welches Verständnis Sie von Ihrem Amtseid haben. Es heißt nicht ohne Grund, dass Sie verpflichtet sind, Schaden vom Deutschen Volk abzuwenden.

Auch ich frage mich: «Wer hätte es für möglich gehalten, dass 25 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer, nach dem Ende des Kalten Krieges und der Teilung Europas und dem Ende der Teilung der Welt in zwei Blöcke so etwas mitten in Europa geschehen könnte?» Und selbstverständlich hoffe ich sehr, dass sich Ihre Politik nicht «durchsetzen [wird], mag der Weg auch noch so lang, noch so beschwerlich sein und noch so viele Rückschläge mit sich bringen.»

Konstanz, den 18. November 2014

Karl-Jürgen Müller  (Berufsschullehrer in Konstanz am Bodensee für Deutsch, Geschichte und Politik, Mitarbeiter der Schweizer Wochenzeitung Zeit-Fragen)

Anmerkung: Die Berichterstattung in angeblich freien Medien vermittelt zweierlei: zum einen werden Merkels Behauptungen, die man bei objektiver Betrachtung auf USA/NATO und nicht auf Russland anwenden muss, zur einzig möglichen “Wahrheit” gemacht. Welche Zeitung man auch aufschlägt, welche Sendung man sieht, ob in Deutschland oder Österreich – der Tenor ist, mit nuancierter Wortwahl, stets der gleiche. Auf der anderen Seite wird die Person Merkel psychologisch effektiv inszeniert, indem man sie zur starken Frau macht, die ihre vermeintliche Eigenständigkeit durch “Wut” auf den “Aggressor” Putin zeigt (der im ARD-Interview den “starken Mann” markiert habe, behauptet “Bild”).

Beispiel 1: Tagesschau-Webseite: “Neue, ganz neue Töne von Angela Merkel. Die Kanzlerin geradezu im ‘Gauck-Sound’. Bis zu ihrer Rede in Sydney hatte es die Bundeskanzlerin auf das Sorgsamste vermieden, hörbarer als in Zimmerlautstärke, über Wladimir Putin zu sprechen. Klartext ist noch milde formuliert, wenn man die Rede Merkels in Australien ausdeutet. Doch was heißt hier deutet – da gibt es nichts mehr zu deuten oder zu rätseln. Das war und ist eine ganz klare An- und Absage an Putins politischen Kosmos. Das kann man alles wörtlich nehmen – Missverständnisse völlig ausgeschlossen: Angela Merkel hat es satt. Sie ist es leid, und sie sagt es. Was diese australische Rede allerdings zur vollen Höhe ihrer Bedeutung bringt, ist der Umstand, dass die Kanzlerin ihre Ansprache nach einem mehrstündigen Vier-Augen-Treffen mit Putin hielt. Es muss Merkel in der Bilanz des Treffens mit Putin wohl völlig klar geworden sein, dass mit ihm auf der Geschäftsgrundlage des geltenden Völkerrechts nicht zu reden ist.” (Auf dieser Webseite findet man immer wieder Desinformationen, zum Beispiel das Abkupfern einer Newsweek-Story gegen Putin).

Beispiel 2: Kronen Zeitung: “Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel, die letzte Putin-Versteherin unter den europäischen Spitzenpolitikern, hat jetzt in einer Rede in Sydney überraschend deutlich ein Donnerwetter gegen den Kremlchef losgelassen. Sie sagte unter anderem: ‘In Europa gibt es noch Kräfte, die auf das angebliche Recht des Stärkeren setzen. Genau das ist durch diese völkerrechtswidrige Annexion der Krim durch Russland geschehen’ – und das stelle Europas Friedensordnung infrage. Dann erinnert sich die Ex- ‘Ossi‘: ‘Wer hätte es für möglich gehalten, dass 25 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer so etwas mitten in Europa geschehen kann: ein altes Denken, das internationales Recht mit Füßen tritt.’….. Angela Merkel ist also die Geduld gerissen, aber in Österreich (und Serbien) bilden die Putin- Versteher noch immer eine treue Gefolgschaft: Man wirft sich dem ‘christlichen’ Putin in die Arme, um eigentlich den Ärger über die USA und die NATO abzureagieren.” (Näheres zur Rolle der Kronen Zeitung beim Pushen bzw. Bashen von Politikern, die NATO-Vasallen sind bzw. nicht sein wollen).

Beispiel 3: Focus: “Einer enttäuschten Kanzlerin platzt der Kragen wegen ‘Polit-Rambo Putin’ – Angela Merkel hat im australischen Sydney mit deutlichen Worten die Politik von Wladimir Putin in der Ukraine-Krise kritisiert. Die deutsche Presse stimmt großteils in Merkels Putin-kritische Rede ein, manche weisen jedoch auch auf Gefahren ihres Vorstoßes hin. Viele deutsche Pressevertreter stimmen in Merkels Putin-Kritik ein und können verstehen, dass Merkels Geduldfaden im Umgang mit dem russischen Präsidenten langsam zu reißen droht. Vor allem die für Merkelsche Verhältnisse ungewohnt emotionale Rede lässt einige aufhorchen.” Dass embedded journalists des Weißen Hauses embedded politicians verstehen, überrascht jetzt aber schon, oder? Ergänzend gibt es noch ein “Video: Merkel schleudert Putin eisige Blicke entgegen” und eine Presseschau (zur Funktion von Focus und Co. siehe etwa Aus dem NATO-Desinformationsbazar).

Beispiel 4: Bild unter dem Titel “Merkel: Kampfansage
 an Putin – Kreml-Chef versucht im ARD-Interview Deutschland einzuwickeln – Kanzlerin warnt ihn vor Flächenbrand”: “Vier Stunden lang, bis tief in die Nacht hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (60, CDU) beim G20-Gipfel in Brisbane mit Russlands Präsident Wladimir Putin (62) unter vier Augen gesprochen. Zwischenzeitlich stieß auch EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker dazu.” Die Altersangaben irritieren etwas – haben sich die beiden etwa bei Parship registriert und dann gedatet, wo sie schon mal beide in Australien waren? Das war es offenbar nicht: “Doch was immer sie da besprochen haben, gebracht hat es offenbar kaum etwas. Denn Putin sagt weiterhin ‘NJET’ zu allen Bemühungen einer diplomatischen Lösung des Ukraine-Konflikts. Am Sonntagabend feuerte der Kremlchef in der ARD dann auch prompt die nächste Provokation ab, leugnete nicht einmal mehr die Annexion der Krim durch Russland. Um 21.59 Uhr fragte Reporter Hubert Seipel im deutschen Fernsehen Putin: ‘Sie haben die Krim annektiert am 18. März.’ Und Putin nickte, sagte, dass er die Reaktion des Westens darauf für völlig inakzeptabel halte.”

“Will Putin Deutschland einwickeln?”, fragt das NATO-Kampfblatt (siehe auch Germany Made In USA) besorgt per Zwischenüberschrift. “In dem Interview drückt Putin aber auch ein Stück weit auf die Tränendrüse, erinnert daran, dass die Stimmung zwischen Russland und Deutschland vor der Ukraine-Krise so gut gewesen sei, wie nie zuvor. Dies sei auch eine gute Grundlage für die Entwicklung der Beziehungen zwischen Russland und Europa insgesamt. ‘Es wäre sehr schade, all das zu verlieren’, sagte Putin. Die Krise schade außerdem der Weltwirtschaft.” – Also das geht ja gar nicht, erst kreieren Bild und Co. eifrig das (auch jetzt permanent bestätigte) Bild des harten Machos und Rambos, und dann sowas, “Tränendrüse”! Wieder der Kontrast “starke Frau” (bzw. Friseurin aus der FDJ), denn “Merkel wäscht Putin den Kopf”: “Die sonst eher diplomatische Kanzlerin findet diesmal überraschend deutliche Worte für das Verhalten des Kreml-Chefs. Angela Merkel hielt in Sydney jene Rede, die das renommierte australische Lowy-Institut für internationale Politik einmal im Jahr herausragenden Persönlichkeiten vorbehält. Darin machte sie wieder einmal deutlich, dass sie bei aller Geduld und Zurückhaltung auch knallhart sein kann. Über den Zweiten Weltkrieg und das Ende des Kalten Krieges kommt sie schnell zu ihrer Botschaft: Die Welt muss genau hinsehen, was in der Ukraine passiert. Sonst könnte es zum Flächenbrand kommen. Weltweit.”

Wieder einmal wird unterstellt, Merkel sei bisher zurückhaltend gewesen, obwohl alle, die Medienpropaganda nicht aufsitzen, sondern objektiv betrachten, wer wie agiert und was sagt bzw. verschweigt, davon nichts gemerkt haben. Nur ganz kurz sah es so aus, als wolle sie den ukrainischen Präsidenten Poroschenko einbremsen (zu dessen Lügen siehe etwa hier). Interessant ist aber, dass Merkel nichts zum Vieraugengespräch mit Putin sagen will, weil es “vertraulich gewesen” sei. Bild interpretiert, dass “das Treffen an ihrer offenbar zunehmenden Desillusionierung und Frustration über Putin kaum etwas geändert haben” kann, “sonst würde Merkel kaum die nächste Gelegenheit nutzen, ihn so zu kritisieren und zu brandmarken”. Es fällt nämlich auf, dass “westliche” Politiker schweigen, wenn sie persönlich mit Putin sprachen, was nur den Schluss zulässt, dass er ihnen unangenehme, von ihnen verdrängte Wahrheiten sagte. Etwa, wie er vor ein paar Wochen beim Waldai Club in Sotschi auch andeutete, dass Staats- und Regierungschefs der EU von den USA erpresst werden (das kann persönlich und / oder gesamtstaatlich sein, weil man durch Sanktionen, Bankstrafen, Ratings, Fake-Terror, mediale Vernichtung, physische Angriffe auf Personen einiges anrichten kann).

Wie Müller zu Recht bemerkt, sind grundsätzliche Aussagen zu Völkerrecht und Souveränität richtig, aber leeres Gerede, wenn völkerrechtswidriges Handeln der einen stets übersehen oder gar unterstützt wird (wie diese Komplizenschaft konkret aussieht, ist hier von Alois Mock und dem Balkan bis zu Elmar Brok und der Ukraine dargestellt). Und wie Müller haben viele Menschen den Eindruck, dass vermeintlich “westliche” Politiker, für die angeblich westliche Werte in Wahrheit wertlos sind, vor allem Phrasen dreschen, während Putin reflektiert, analysiert, differenziert argumentiert. Im Grunde sind Merkel-Reden ebenso austauschbar wie jene von Bundespräsident Gauck und Politikern in Bundestag bzw. im österreichischen Parlament, von österreichischen Regierungsmitgliedern. Putin aber bringt sich als Mensch, als handelndes politisches Subjekt ein, und das kann er nur, wenn er autonom agiert – deswegen wird er so sehr diffamiert, und hält den Vasallen auch beständig den Spiegel hin; er ist, was sie nie zu sein wagen….
PS:

Rede von Angela Merkel

Interview mit Wladimir Putin (ARD)

Offener Brief an Merkel (von US-Geheimdienstveteranen zu NATO-Desinformationen)

Offene Briefe an Merkel (von Autoren wegen NSA-Überwachung, im Jahr 2013 und 2014)

Alexandra Bader
alexandra@ceiberweiber.at

http://krisenfrei.de/offener-brief-an-merkel-zu-ihrer-rede-in-sydney/

Holländer spricht Klartext – in Dresden

Die Medien verdrehen alles, sagt er. Und, die Mehrheit in Holland sagt, Ausländer´raus. Kriminelle Ausländer ´raus.

Der normale Islam sei nicht das Problem, sondern der radikale Islam. Stimmt. oder?

Michael Winkler – Tageskommentar vom 22.11.2014

 

Die lahmgeschossene Ente im Weißen Haus, Barack Hussein Lord of Obama, probiert jetzt eine neue Form der Demokratie aus: die absolutistische Präsidialherrschaft. Die amerikanische Verfassung läßt es zu, daß der Präsident Verordnungen erläßt, die Gesetzeskraft haben. Diesmal möchte der Schwarze Mann im Weißen Haus etwas für die Immigranten tun: Wer sich seit mindestens fünf Jahren illegal in den USA aufhält oder dort Kinder bekommen hat (die damit automatisch US-Staatsbürger werden) und nicht straffällig geworden ist, darf nun seinen Aufenthalt legalisieren und Steuern bezahlen. Dies betrifft etwa fünf Millionen Mexikaner, die über die Grenze gesickert sind. Wer erst später gekommen ist, den bestraft allerdings das Leben. Und Obama? Der darf das, wie gesagt, gerne anordnen. Um das zu finanzieren, benötigt er jedoch das Parlament. Der Kongreß ist jedoch über diese Verordnung alles andere als begeistert. Was für Obama wohl bedeutet: Ohne Moos nix los.

Während die Deutsche Bundesbank der Geldwertstabilität verpflichtet gewesen war, hat Goldman-Sucks-Statthalter Mario Draghi angekündigt, alles zu tun, um die Inflation anzuheizen. Der DAX ist vor lauter Begeisterung um runde 250 Punkte gestiegen, wobei die Chinesen dies mit einer Zinssenkung unterstützt haben. Ich weiß natürlich nicht, ob Sparer eine solche Meldung verstehen, denn übersetzt heißt dies, daß dieser Draghi vorhat, ihre Spargroschen zu enteignen. Sollte ich Oma Tüttelbek demnächst treffen, werde ich ihr das gerne erklären. Und je nach Tagesform ihr womöglich vorschlagen, diesen Draghi mit harten Würsten aus Frankfurt zu prügeln, ihn zu teeren und zu federn oder ihm eine Höhenluftkur am nächsten Laternenpfahl zu spendieren. Ganz sicher werde ich ihr jedoch sagen, daß selbst die höchste Draghi-Inflation Gold und Silber nichts anhaben kann.

Die Stadt Goslar im Harz hat ein Problem. Dieses ist ein CSU-Import mit Namen Oliver Junk, der dort als Oberbürgermeister Schaden anrichtet. Dem Herrn Junk (englisch für: Abfall, Müll) ist aufgefallen, daß in Goslar viele Wohnungen leer stehen, da die Bewohner das Weite gefunden haben. Nun glaubt er, er könne diese Wohnungen „Flüchtlingen“ zur Verfügung stellen, um auf diese Weise Landesgeld abzugreifen. Die Damen und Herren Zudringlinge würden außerdem in Goslar Arbeit finden, halluziniert er weiter. Nun ja, wäre es so attraktiv in Goslar zu arbeiten, wäre wohl kaum jemand weggezogen. Allerdings benötigen Zudringlinge Bedienstete, von Köchen bis zu Putzfrauen, denn dies selbst zu erledigen, betrachten sie als Zumutung. Wenn es in den Goslarer Wohnungen schnelles Internet, eine gute Mobilfunkanbindung und vor allem ein reichhaltiges Unterhaltungsangebot gibt, wären allerdings schon ein paar Flüchtlinge bereit, sich dort all-inclusive unterbringen zu lassen.

Wenn jemand versucht, innerhalb oder gegen den Willen des westlichen Lagers das Selbstbestimmungsrecht der Völker zu verwirklichen, verstößt das gegen das Völkerrecht, die zehn Gebote, die Prinzipien der Demokratie und die EU-Verordnung zur Einfuhr von Karamel-Bonbons. Weil Katalonien am 9. November einen Stimmungstest über die eigene Unabhängigkeit durchgeführt hat, haben nun die Spanier Strafverfahren gegen die katalanischen Politiker eingeleitet. Ihnen wird Unterschlagung öffentlicher Gelder, Ungehorsam, Rechtsbeugung sowie Amtsanmaßung zur Last gelegt. In Deutschland wäre das viel einfacher, denn da gibt es im Strafgesetz die Paragraphen 86a und 130. Damit ließe sich sogar der Gebrauch von Seife strafrechtlich verfolgen, denn weil sich auch die Nationalsozialisten gewaschen haben, verwendet man verbotene Symbole und betreibt damit eine Rechtfertigung. Den Spaniern fehlt eben eine Befreiung durch unsere amerikanischen Freunde und ein Zentraler Empörungsrat.

Das mit den Krümmungsradien der Gurken hat die EU nicht richtig hinbekommen. Dafür hat sie erfolgreich die Glühbirnen abgeschafft und die Staubsauger in ihrer Leistung gedrosselt. Jetzt unternimmt die EU einen neuen Schritt zur Rettung der Welt: Plastiktüten sollen rationiert werden. In zehn Jahren darf jeder EU-Bürger nur noch 40 Tüten pro Jahr verbrauchen. Wobei noch offen ist, wie diese Lösung mit maximalem bürokratischem Aufwand eingeführt werden kann. Ich plädiere für Bezugsmarken. Jedes Quartal kann sich der EU-Bürger eine Zehnerkarte persönlich beim Rathaus (Einwohnermeldeamt) abholen. Diese wird im Einkaufsmarkt gestempelt oder gelocht, wobei eine Stempelung zwecks besserer Rückverfolgung vorzuziehen wäre. Noch besser wären eine Stempelung und ein Kontrollabschnitt, den der ausgebende Einkaufsmarkt einbehält und bei der Gemeindeverwaltung einreicht. So ließe sich am Quartalsende die Abgabe nachvollziehen. Nicht verbrauchte Plastiktütenmarken verfallen natürlich, ganz im Sinne des Umweltschutzes.

http://www.michaelwinkler.de/

Die Bildungs-Hochstapler: Viel dümmer, als sie glauben

bildungshochstapler

Weniger wäre mehr. Thomas Städler führt ein engagiertes Plädoyer für eine radikale Abkehr vom unerreichbaren Bildungsideal an deutschen Schulen.

Über 13.000 Stunden ihres Lebens verbringen Gymnasiasten hierzulande auf der Schulbank, hinzu kommen noch einmal geschätzte 7000 Stunden an Hausaufgaben und anderen schulischen Verpflichtungen. Vielfach damit verbunden sind Prüfungsstress, Dauerbelastung und hohe Frustration bei Schülern, Eltern und Lehrern.

Doch was ist das Resultat dieses gewaltigen Aufwandes an Steuermitteln, Zeit und Mühen? Welche Bildungserfolge erreicht überhaupt das deutsche Schulsystem, die zentrale Sozialisationsinstanz einer schrumpfenden Nation, die außer Wissen keine strategische Ressource aufweisen kann?

Folgt man dem Psychologen und Bildungsforscher Thomas Städtler, ist das Ergebnis jahrlanger Bildungsanstrengungen an deutschen Schulen trotz pausenloser Reform-ansätze ernüchternd und deprimierend. Allenfalls eine leicht verbesserte allgemeine Sprach und Denkfähigkeit ließe sich konstatieren. Die zentrale These seines Buches über die deutsche Bildungsmisere lautet daher: Vor der Herstellung eines garantierten Bildungsminimums für alle versage die Schule kläglich. „Die absurde Idee, aus normalen Kindern und Jugendlichen wahrhaftige geistige Giganten zu machen, die, wenn sie alle gymnasialen Lernziele erreichten, eine Allgemeinbildung besäßen, um die sie ein Leibnitz oder Humboldt beneidet hätte, schlägt ins Gegenteil um.“ Von den theoretisch über-frachteten Lehrplänen deutscher Schulbehörden bleibt bei den später im Berufsleben stehenden Erwachsenen nur ein verschwindend geringer Teil übrig.

Städler schätzt das nachhaltige Wissensresiduum im Durchschnitt sogar nur auf höchstens 1 Prozent des Lernstoffes und erläutert sein alarmierendes Resümee: „Man mag darüber streiten, ob meine 1 Prozent-Hypothese zutrifft, wer Wissensfetzen, meist holprig formulierte einzelne Schlagwörter und weitgehend leere Phrasen als Wissen bezeichnen will, mag auch von 5 Prozent verbleibenden Stoffes ausgehen.“

Zur Untermauerung seiner provozierenden These kann der Verfasser auf eine Fülle von Tests mit Erwachsenen und Erwerbstätigen verweisen, deren Resultate er mit dem Satz kommentiert: „Um eine Versagensquote bis zu 90 Prozent zu erreichen, genügt elementarer Hauptschulstoff.“ Wiche man auch noch von der üblicherweise praktizierten Multiple Choice -Methode ab, ergäbe sich etwa für den gesamten Gymnasialstoff von der 5. bis zur 12/13. Klasse ein noch verheerenderes Ergebnis. Würde man, so Städler, ehe-maligen Gymnasiasten die Fragen so konkret stellen, dass zu ihrer Beantwortung auch ein „wenig Verständnis“ notwendig wäre, lägen die Versagensquoten vermutlich bei 95 bis sogar 100 Prozent. Schon bei minimalen Anforderungen ließen sich so maximale Defizite offen legen, erklärt Städler und vergleicht seinen Testansatz, den er Minimax-Prinzip nennt, mit der technischen Prüfung eines Automobiles. Ein Auto, bei dem Bremsen und Motor nicht funktionierten, sei bereits vollkommen „falsifiziert“. Es brauche nicht weiter untersucht zu werden.

Schuld an dem Wissensdesaster sei in erster Linie ein System, das Schüler zwingt, den Schulstoff auf den Prüfungszeitpunkt genau präsent zu haben, um ihn dann sofort wieder zu vergessen. Anders wäre es für die Mehrheit gar nicht möglich, den nächsten Stoff aufzunehmen, der mit dem zuvor durchgenommenen oft gar nichts zu tun hat. Hier ließe sich, so Städler, sogar von Bulimie-Lernen sprechen: Der Lehrstoff wird hastig und schlecht gekaut herunter geschluckt und für die Prüfungen weitgehend unverdaut wieder erbrochen.

Das Selbstbild der Gesellschaft als Wissensgesellschaft erweist sich somit ebenso wie ihr Wissensideal als „hochstaplerisch“. Damit gelangt Städtler zu dem zentralen Paradox seiner Studie: Erstens sei diese Gesellschaft „viel dümmer, als sie glaubt“, zweitens aber funktioniere sie dennoch ziemlich gut und zwar viel besser als sie eigentlich angesichts ihres ängstlich gehüteten Bildungsmythos funktionieren dürfe.

Wie ist das möglich? Eine Antwort darauf könnte lauten: Für relevantes und lebens-praktisches Wissen sorgen nach wie vor andere Institutionen wie Universitäten und Betriebe. Schulisches Wissen in seiner jetzigen „verkopften und oft theoretisierten Form“ ist dagegen für die Praxis vollkommen ungeeignet, ja sogar überflüssig. Das „auf absurde Weise hoch gezüchtete Wissen- und Bildungsideal“ bundesdeutscher Schulbehörden erreichen nur wenige Prozent der Schüler, der Rest täuscht mit enormem Fleiß Wissen vor. So sei etwa historische Bildung außerhalb der Fachwissenschaft ein „Phantom“.

Fast jeder befragte Normalbürger scheitere schon an den einfachsten Aufgaben, ganz zu schweigen von einem breiter angelegten Verständnis historischer Zusammenhänge. Dasselbe lässt sich analog für biologische, physikalische und geographische Frage-stellungen ermitteln. Gleichzeitig verlässt die große Mehrheit der jungen Menschen die Schule als „ökonomische Analphabeten.“ Eine Gesellschaft aber, die derart ökonomisiert und zugleich in ihrer Mehrzahl ökonomisch so ahnungslos sei, habe, so spottet Städler, etwas Faszinierendes und Groteskes.

In ihrer jetzigen Form indes, und dies ist Städlers Haupteinwand, verhindere die Schule sogar weitgehend die Aneignung eines elementaren und fundamentalen Wissensfundus, den Menschen und Staatsbürger nach seiner Ansicht in ihrer täglichen Praxis gleichwohl benötigten, um die Geschehnisse in der Welt wenigstens halbwegs zu verstehen und zu bewerten. Versagte etwa das Gesundheitssystem auf dieselbe Weise wie das deutsche Schulsystem, dann wäre es normal, wenn 50 Prozent der Säuglinge stürben und die allgemeine Lebenserwartung kaum über 45 Jahre reichte, da die meisten Menschen wie in vormodernen Zeiten allen erdenklichen Infektionskrankheiten erliegen würden. Die Schule verschwendet Zeit, Geduld und den guten Willen ihrer Schüler, in dem sie utopische Ziele zu erreichen versucht. Niemand hat sie bisher ernsthaft in Frage gestellt.

Ohne wohlfeile Polemik gegen ein überfordertes und überforderndes System plädiert der Verfasser für ein Bildungsminimum, das die Schule mit ihren eingeschränkten Mitteln tatsächlich noch einer breiten Schicht von Schülern zuverlässig vermitteln kann. Aus seiner Sicht aber ist dies nicht möglich, ohne die bisherigen ambitionierten Lehrpläne um glatte 90 Prozent zu reduzieren. Es sollte nur noch „Elementares und Fundamentales“ vermittelt werden. Was das sein könnte, versucht der Verfasser auf Dutzenden von Seiten zu erläutern, indem er die schulische Wissenslandschaft neu absteckt. Sein Buch ist hier nicht ohne Unterhaltungswert, da Städtler immer wieder den Leser auffordert, sein eigenes Wissen an Hand der vielfältigen Fragestellungen selbst zu überprüfen. Auf Dauer wirkt das vielleicht oberlehrerhaft.

Ist es nun aber tatsächlich so, dass alle Schulen zugleich an dieser Aufgabe scheitern? Gibt es denn nicht bereits Schulen, die in die angegebene Richtung marschieren? Ist es wirklich der breiten Masse von Generationen bisher verborgen geblieben, dass ihnen der Schulbesuch im Grunde nichts gebracht hat? Warum wurde diese Einsicht, die doch millionenfach vorliegen müsste, nicht längst artikuliert? Hat es vielleicht etwas mit einer tradierten Ehrfurcht vor der ehrwürdigen Institution Schule zu tun oder verweigern sich viele schlicht der peinlichen Einsicht, neun Jahre ihrer Jugend einfach nutzlos vertan zu haben und gleiches nun ihren Kindern zuzumuten?

Den präzisen empirischen Beleg für seine Thesen muss Städtler allerdings schuldig bleiben, seine 1 Prozent-Hypothese versteht er lediglich als „quantitative Metapher“ und hofft, mit seinem Streifzug durch die deutsche Wissenslandschaft seine Aussagen wenigstens hochplausibel gemacht zu haben.

Konsequent zu Ende gedacht erscheint sein Ansatz jedoch nicht. Weshalb überhaupt noch Nebenfächer an den Schulen, könnte man fragen? Wäre nicht eine Beschränkung auf Deutsch, Mathematik und Englisch die naheliegendste Lösung in der gegenwärtigen Bildungsmisere? Städtler scheint das auch einzuräumen, wenn er anmerkt, dass es außer-halb der genannten Fächer kein wirklich kanonisches Wissen gibt. Doch die Aussichten auf eine tatsächliche Remedur sind eher gering. Denn es müssten dafür nicht nur die Lehrpläne radikal geändert, sondern auch eine grundsätzliche Reform der Lehreraus-bildung in Angriff genommen werden, ganz zu schweigen von dem hohen Bedarf an beruflicher Fortbildung für die bereits in der Pflicht stehende Lehrerschaft.

Bis dahin aber dürfte sich die deutsche Bildungslokomotive, betrieben mit ideologischem Dampf, auf ihrem toten Gleis fortquälen und unter gigantischer Verschwendung von Ressourcen, Zeit und Chancen weiteren Generationen von Schülern das Leben oft unerträglich machen. Völlig zu Recht spricht Städtler von der „deutschen Bildungskatastrophe.“ Sein Buch muss man einfach gelesen haben.

Buch:

Thomas Städtler
Die Bildungshochstapler
Warum unsere Lehrpläne um 90 % gekürzt werden müssen
Spektrum-Akademischer Verlag, Heidelberg 2010
ISBN 978 3 8274 2150 0
524 Seiten
29,90 €

Quelle: glanzundelend.de

Die Bildungs-Hochstapler: Viel dümmer, als sie glauben

Volkskrankheit Analphabetismus als Bildungsziel

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Schwere Küche, leichte Sprache – gratiniert ohne Bildungsballaststoffe. Wenn etwas schwerfällt, bieten die Didaktiker Erleichterungen an. Doch wo alle Schwierigkeiten umgangen werden, herrscht die Praxis der Unbildung. Verlernen wir die Rechtschreibung?

Es ist gespenstisch: Eine Mutter nutzt das Angebot der Grundschule ihrer Tochter zu einem Tag der offenen Tür und nimmt interessiert am Unterricht teil. Die junge, engagiert wirkende Lehrerin spricht über Tiere, fragt, welche Tiere die Kinder kennen, schreibt die Tierarten, die ihr zugerufen werden, an die Tafel. Und dann, die Mutter traut ihren Augen kaum, steht da, groß und deutlich: Tieger.

Und das Erstaunliche daran: Das war kein Fauxpas, keine einmalige Fehlleistung, wie sie vorkommen kann, sondern hatte System, war Konsequenz der Methode, mit der die junge Lehrerin selbst schreiben gelernt hatte: nach dem Gehör! Schreiben, wie man spricht, ohne dabei korrigiert zu werden – das könnte die Kinder traumatisieren -, wird schon seit geraumer Zeit praktiziert und zeitigt nun seine sichtbaren Erfolge: das Ende der Orthographie.

Volkskrankheit Analphabetismus

Die durch die unglückselige und misslungene Rechtschreibreform provozierte Unsicher-heit und Gleichgültigkeit allen Fragen eines korrekten Sprachgebrauchs gegenüber wird durch eine Didaktik verstärkt, die den regelhaften Charakter unserer substantiellen Kulturtechniken systematisch verkennt und bekämpft. Jeder, wie er will, und wer gar nicht will, kann am Ende weder lesen noch schreiben.

Die Klage von Universitätslehrern, dass Studenten auch in Fächern, in denen der sprachlichen Formulierung besonderes Augenmerk zukommen sollte, weder die Rechtschreibung noch die Grammatik beherrschen und nicht mehr imstande sind, das einigermaßen präzise auszudrücken, was sie – vielleicht – sagen wollten, zeigt, dass solche Lockerheit im Erlernen der Kulturtechniken nicht folgenlos bleibt. Wenn als Konsequenz schulischen Unterrichts am Ende ein „Sprachnotstand an der Uni“ konstatiert werden muss, dann ist zu vermuten, dass es sich nicht nur um methodisch-didaktische Schwächen, sondern um eine grundlegende Entwicklung handelt, in der sich ein prekärer Einstellungswandel manifestiert.

Gegen Ende der Bildungslaufbahn eines jungen Menschen, so scheint es, fehlt es offen-sichtlich noch immer an fast allem. Analphabetismus ist längst keine Metapher mehr für eine Unbildung, die nur wenige am Rande der Gesellschaft betrifft, sondern der Skandal einer modernen Zivilisation schlechthin: dass junge Menschen nach Abschluss der Schulpflicht die grundlegenden Kulturtechniken nur unzureichend, manchmal gar nicht beherrschen.

Weg mit den verzichtbaren Privilegien

Natürlich ist nach jedem Schreib- oder Lesetest das Entsetzen groß, und der Ruf nach noch mehr Kompetenzorientierung, noch mehr individualisierter Didaktik, noch mehr modernen Unterrichtsmethoden, noch mehr Fehlertoleranz, noch mehr Einbezug von Laptops und Smartphones in den Unterricht wird lauter. Dass es gerade diese Forderungen und ihre Durchsetzung sind, die die Misere erst erzeugt haben, kommt auch den radikalsten Bildungsreformern nicht in den Sinn. Der Verdacht, dass man gezielt versucht, diesen Problemen zu entgehen, indem man die Niveaus neu definiert, für Schwächen euphemistische Umschreibungen findet und alles allen so einfach wie möglich macht, schleicht sich ein.

Neben der umstrittenen Methode, Schreiben nach dem Gehör zu lernen, zählt der Versuch, die Lesefähigkeit zu steigern, indem man die Texte drastisch vereinfacht, zu den problematischen Strategien einer umfassenden Praxis der Unbildung. Texte in „Leichter Sprache“, die schon von zahlreichen Ämtern aus nachvollziehbaren Motiven eingesetzt werden, um Menschen ohne ausreichende Sprachkenntnisse und geistig Behinderten den Zugang zu behördlichen Informationen zu erleichtern, wandeln sich unter der Hand zu einer neuen Norm, deren Regeln alsbald den durchschnittlichen Sprachstandard definieren könnten: „Kurze Wörter benutzen, sie gegebenenfalls teilen und mit Binde-strichen verbinden. Verboten sind lange Sätze, Passivkonstruktionen, Negationen, der Konjunktiv. Die Satzstruktur soll einfach sein, Nebensätze dürfen nur ausnahmsweise vorkommen, aber nie eingeschoben sein.“

Sprache, so suggerieren es diese Konzepte, dient nur der Übermittlung simpler Informationen. Dass in und mit Sprache gedacht und argumentiert, abgewogen und nuanciert, differenziert und artikuliert wird, dass es in einer Sprache so etwas wie Rhythmus, Stil, Schönheit und Komplexität als Sinn- und Bedeutungsträger gibt, wird schlicht unterschlagen oder als verzichtbares Privileg von Bildungseliten denunziert.

Die Reduktion auf das Funktionale

Dass durch solches Entgegenkommen, vor allem wenn es auch als Unterrichtsprinzip reüssieren sollte, Menschen systematisch daran gehindert werden, sich einer einiger-maßen elaborierten Sprache bedienen zu können, dass sie dadurch von der literarischen Kultur ferngehalten werden, wird bei diesen wohlmeinenden Versuchen nicht weiter bedacht. Und selbst wenn man die Sprache unter pragmatischen Gesichtspunkten sehen und als „praktisches Bewusstsein“ deuten wollte – bedeutete eine stark vereinfachte Sprache nicht auch ein stark vereinfachtes Bewusstsein?

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(Bloß keinen Stift in die Hand nehmen: Der Intel-Laptop „Classmate“ im Test)

Die mit dem Standardargument der Zugangserleichterung zu abschreckenden Kultur-techniken allmählich durchgesetzte Tendenz, die zusammenhängende Schreibschrift abzuschaffen und durch eine unzusammenhängende Buchstabenschrift, eine leicht zu erwerbende „Grundschrift“, zu ersetzen, scheint genau dies im Sinne zu haben. Schon jetzt können Jugendliche, die in viel gelobten Laptop-, Notebook- oder Smartphone-Klassen unterrichtet werden, nicht mehr mit der Hand schreiben.

Dass dabei mehr verlorengeht als nur eine überholte Kulturtechnik, wissen alle, die sich näher mit dem Zusammenhang von Lesenlernen und Schreibenlernen, von Feinmotorik und Hirnentwicklung, von Kreativität und Freiheit beschäftigt haben. Auch hier wird die Reduktion auf das vordergründig Funktionale erkauft mit dem Verzicht auf Bedeutungs-vielfalt und auf die Möglichkeit, souverän über unterschiedliche Techniken des Erzeugens und Lesens von Texten zu verfügen.

Systematische Sabotage

Ist der Prozess des Schreibens selbst kreativ, dann weiß man in dem Moment, in dem man den ersten Satz formuliert, nicht, wie der letzte Satz lauten könnte. Schreiben in diesem avancierten Sinn heißt nicht, Gedanken, Argumente, Überlegungen oder Theorien in eine angemessene sprachliche Form zu bringen, sondern im Vertrauen auf die mögliche Eigendynamik des Schreibens darauf zu bauen, dass aus dem Fortschreiben der Wörter die Gedanken und Ideen überhaupt erst entstehen. Die Voraussetzung dieses Vertrauens aber ist eine Freiheit, die den Schreibenden an keine Vorgaben bindet. unter pragmatischen Gesichtspunkten gesehen, bei denen es genau darum geht, bekannte Informationen oder andere Vorgaben textsorten- und adressatengerecht aufzubereiten. Eine der am weitesten verbreiteten Formen des Schreibens im Unterricht hat mit Schreiben im eigentlichen Sinn gar nichts mehr zu tun: das Ausfüllen und Ankreuzen.

Dass nicht nur im Sachunterricht, sondern auch im Sprachunterricht immer mehr mit Aufgaben gearbeitet wird, bei denen es nur noch darum geht, ein Wort einzusetzen, zu unterstreichen, zu ergänzen oder aus einer vorgegebenen Liste eine Auswahl zu treffen, mag zwar die eine oder andere Kompetenz schulen, der Prozess des Schreibens wird dadurch aber systematisch sabotiert.

Der Schreibprozess wird abgeschafft

Das gilt nicht nur für die Erarbeitung der Grundlagen, sondern setzt sich auch in der Sekundarstufe, ja an den Universitäten fort. Was dabei verlorengeht, ist letztlich die Fähigkeit, überhaupt ein Gefühl dafür zu entwickeln, was es heißt, zusammenhängende Sätze zu bilden, die zumindest einer basalen Logik folgen. Dass an Universitäten bei Klausuren immer mehr Studenten erschrecken, wenn sie erfahren, dass sie Fragen oder Themen in vollständigen Sätzen beantworten oder behandeln sollen, zeigt dies nur allzu deutlich.

Die in Deutschland gültigen „Bildungsstandards im Fach Deutsch“ fordern zum Beispiel, dass die Schüler „Schreibstrategien anwenden“, ihr Wissen und ihre Argumente „darstellen“, komplexe Texte „zusammenfassen“ und Texte für unterschiedliche Medien „gestaltend schreiben“ können. Die an diesen Standards orientierten „Schreibaufträge“ zergliedern den Prozess des Schreibens in die Beantwortung von Fragen, die einzeln abgearbeitet werden müssen, und dort, wo eine eigene Position entwickelt werden soll, muss natürlich vorher ein „Schreibplan“ oder eine „Mindmap“ angelegt werden.

Die Aufgabenstellungen bei der schriftlichen Reifeprüfung im Fach Deutsch spiegeln diese Position wider. Da es ja darum geht, bestimmte Kompetenzen zu überprüfen, muss jede Aufgabe in einzeln abzuarbeitende Fragestellungen zerteilt werden, die einen natürlichen Schreibfluss, eine Entfaltung von Gedanken oder die Etablierung einer begrifflichen Ordnung als Resultat – nicht als Voraussetzung – des Schreibprozesses prinzipiell nicht mehr zulassen.

Ständige Kontrolle verwehrt das Eintauchen in den Text

Die Angst, dass bei einem frei gestellten Thema irgendetwas hingeschrieben wird, das sich jeder Überprüfbarkeit entzieht, war und ist sicher nicht unberechtigt. Der freie Aufsatz hatte seine Tücken. Aber deshalb jungen Menschen überhaupt die Möglichkeit zu ver-wehren, sich wenigstens hin und wieder dem Prozess des Schreibens überlassen zu können, um sich selbst mit einer Ordnung oder Unordnung ihrer Gedanken zu konfrontieren, die sich erst im Schreiben gebildet hat, kommt dem mutwilligen und fahrlässigen Verzicht auf eine zentrale Bildungserfahrung gleich.

Auch die Texte und Kontrollfragen, die etwa der Pisa-Test benutzt, um die Lesekompetenz zu überprüfen, verraten einen einseitigen und eingeschränkten Lesebegriff. Im Zuge der Bestimmung des Lesens als einer ständig zu überprüfenden Kompetenz geht die aktuelle Lesedidaktik dazu über, jeden Leseakt durch vermeintlich hilfreiche Kontroll- und Verständnisfragen zu stören und damit zu zerstören.

Wer ein aktuelles Lesebuch zur Hand nimmt, wird erstaunt sein über die ohnehin schon knappen Texte, die nach wenigen Absätzen schon durch Arbeitsaufträge, Kontrollfragen und Übungen unterbrochen sind. Wie soll ein Kind, ein junger Mensch unter diesen Bedingungen Lust am Lesen entwickeln, wie soll er lernen, sich der Dynamik des Lesens zu überlassen, in einen Text zu versinken, in den Sog des Geschriebenen zu geraten, wenn er alle paar Minuten über das Gelesene Rechenschaft ablegen, sich nach jedem Absatz überprüfen lassen muss?

Schreiben muss hart erlernt werden

Wir leben nicht mehr in einer Welt, in der die Literatur und mit ihr das Buch das Leit-medium war, und die berechtigte Klage über den Verlust der Fähigkeit, auch anspruchs-volle Texte zu lesen, darf nicht vergessen, dass diese Form des Lesens als Kulturtechnik drastisch an Bedeutung verloren hat. Da gibt es nichts zu beschönigen, und die be-schwichtigenden Versicherungen kinderfreundlicher Lesedidaktiker, dass heute mehr denn je gelesen werde, weil ständig über Smartphones auch Texte oder Textfetzen ausgetauscht und weitergeleitet würden, klingen ungefähr so wie die Behauptung, dass heute mehr denn je geritten würde, weil fast jeder Mensch einige Dutzend Pferdestärken wenn nicht zwischen seinen Schenkeln, so doch unter seinem Hintern habe. Nein, wir halten die meist dämlichen Sätzchen auf Twitter, die Statusmeldungen und die dazugehörigen Kommentare auf Facebook und die in der Regel niveau- und stillosen postings der User digitaler Medien nicht für Literatur.

Der Eingang in das Reich der Literatur aber hatte seinen Preis: Erfordert war eine Disziplinierung der Sinne und des Körpers, wie sie kein anderes Medium dem Menschen abverlangte. Im Gegensatz zur Sprache, zum Hören und zum Sehen ist uns das Entziffern und Arrangieren von Buchstaben nicht von Natur gegeben. Lesen und Schreiben sind mehr als eine menschheitsgeschichtlich betrachtet sehr spät erfundene Kulturtechnik – sie sind eine Form der Weltaneignung und Welterzeugung, die in bestimmter Weise die Negation der unmittelbaren Selbst- und Welterfahrung zur Voraussetzung hat. Wer liest oder schreibt, dem muss im Wortsinn Hören und Sehen erst einmal vergehen. Der Sinn von Schule lag einmal darin, diese Negation erfahrbar zu machen und einzuüben.

Die vollkommene Geistfeindlichkeit

Lesen und Schreiben sind keine Tätigkeiten, die man einmal lernt, jahrzehntelang brachliegen lassen und trotzdem bei jeder Gelegenheit reaktivieren kann. Wer nicht ständig liest, verlernt das Lesen wieder; wer Sprache und Texte nur unter pragmatischen Gesichtspunkten sieht, wird nur dann lesen, wenn es gar nicht anders geht; wer für die Schicksale, Geschichten, Tragödien und Komödien der Literatur keinen Enthusiasmus entwickeln kann, wird Lesen letztlich als Zumutung empfinden; wer nicht das Buch als physisches Objekt lieben und hassen gelernt hat, wird nie richtig lesen lernen; wer in eine Schule geht, in der aufgrund vorgegebener Bildungsstandards und anwendungs-orientierter Kompetenzen diese Liebe zur Literatur nicht mehr vermittelt werden darf, wird zum Analphabetismus verurteilt.

So wohltönend können die Reden der Bildungsreformer und ihrer politischen Adepten gar nicht sein, dass sich dahinter nicht jene Geistfeindlichkeit bemerkbar machte, die den Analphabetismus als geheimes Bildungsziel offenbart. Wäre es anders, gäbe es, zumindest als Schulversuch, nicht nur Notebook-Klassen, sondern vor allem und in erster Linie wirkliche Buch-Klassen. In der generellen didaktischen Missachtung des Buches – „Ganzschrift“ heißt das dafür zuständige Unwort – zeigt sich die Praxis der Unbildung in ihrer erbärmlichsten Gestalt.

Dabei wäre alles ganz einfach: Lesen und Schreiben sind Kulturtechniken, deren grundlegende Beherrschung unerlässlich ist. Dass der Erwerb dieser Techniken nicht jedem leichtfällt, ist kein Grund, das Betrachten von Bildern zu einem Akt des Lesens und das Ankreuzen von Wahlmöglichkeiten zu einem Akt des Schreibens hochzustilisieren. Besser wäre es, all jene, die Schwierigkeiten beim Erwerb dieser Fähigkeiten haben, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu unterstützen, damit sie wirklich lesen und schreiben lernen.

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(Auch diesen Hinweis muss man erstmal lesen können)

Bildungsnation Schweiz: 16 Prozent können nicht lesen oder schreiben

Die Stiftung SAGS setzt sich bei der Bekämpfung des Illettrismus ein. Dessen Auswirkungen verursachen jährlich Kosten von über einer Milliarde Franken.

Rund 16 Prozent der Schweizer Wohnbevölkerung beherrschen das Lesen und Schreiben nur unzureichend – obschon sie neun Jahre die Grundschule besucht haben.

Die Lese- und Schreibschwäche trotz Schulbesuch wird heute Illettrismus genannt, früher wurde sie als funktionaler Analphabetismus bezeichnet. Illettrismus ist aber nicht gleich-zusetzen mit dem Analphabetismus, denn damit sind Menschen gemeint, die nie Lesen und Schreiben gelernt haben.

http://www.nzz.ch/aktuell/schweiz/jeder-sechzehnte-kann-nicht-lesen-oder-schreiben-1.9024063

Grundbildung für alle

Wussten Sie, dass 800’000 Menschen, die in der Schweiz leben, nicht gut genug lesen und schreiben können, um ihren Alltag selbstständig zu bewältigen und 400’000 Personen Mühe haben einfache Rechenaufgaben zu lösen?

Wer die Grundfertigkeiten Lesen, Schreiben und Alltagsmathematik nur unzureichend beherrscht, ist bei der Arbeit und im Alltag stark benachteiligt.

Kursanbietenden Institutionen haben diese Problematik längst erkannt und bieten seit Jahren Kurse für Deutschsprachige sowie für Personen mit Migrationshintergrund an.

Auch der Gesetzgeber sieht mittlerweile die Förderung von Grundkompetenzen bei Erwachsenen als eine Aufgabe im öffentlichen Interesse.

Die grösste Herausforderung besteht jedoch nach wie vor darin, die heterogene Gruppe der betroffenen Personen zu erreichen und sie zu motivieren an den Weiterbildungs-angeboten teilzunehmen.

An diesem Punkt setzt die Tätigkeit der Stiftung SAGS ein.

http://www.stiftung-sags.ch/cms/index.php?id=144

Ausmass der Schreib- und Leseschwäche in der Schweiz unterschätzt

Jede zehnte Schweizerin, jeder zehnte Schweizer kann trotz Schulabschluss nicht lesen und schreiben. Dass an Illetrismus so viele Menschen leiden, wissen aber nur die
wenigsten. Das zeigt eine Umfrage des Forschungsinstituts gfs-zürich.

Nur 13 Prozent der 1010 Befragten wussten, dass rund 500 000 Erwachsene trotz
durchlaufener Schule weder lesen noch schreiben können. Knapp ein Drittel ahnte überhaupt nicht, dass es unter Erwachsenen Lese- und Schreibschwächen geben kann. Ein Prozent gab an, selber Mühe mit Lesen und Schreiben zu haben.

Die Umfrage wurde von der Stiftung Alphabetisierung und Grundbildung Schweiz (SAGS) in Auftrag gegeben. Die Stiftung wurde im vergangenen September gegründet. Sie hat sich zum Ziel gesetzt, das Phänomen Illetrismus in der Schweiz besser bekannt zu machen. Zudem will sie für mehr Geld für die Erwachenenbildung lobbyieren.

Doch sind in der Schweiz nicht alle gleich schlecht über Lese- und Schreibschwächen von Erwachsenen informiert. In der Westschweiz wussten 26 Prozent, dass jeder zehnte Erwachsenen von Illetrismus betroffen ist, in der Deutschschweiz und in der italienischen Schweiz waren es hingegen nur je 9 Prozent. Dass es das Phänomen Illetrismus überhaupt gibt, wussten in der Westschweiz 18 Prozent nicht. In der Deutschschweiz und in der italienischen Schweiz waren es 33 respektive 34 Prozent.

http://www.stiftung-sags.ch/cms/index.php?id=143

Kommentar: 9 Jahre muss jeder Schweizer, jede Schweizerin in die Schule. Die erbrachten Leistungen der Schüler werden geprüft und bei ungenügendem Leistungsnachweis muss die Klasse, sprich das Schuljahr, wiederholt werden. Soweit, so normal, könnte man sagen. Es stellt sich die Frage: Muss der Lehrer, die Lehrerin denn nicht auch eine Leistung erbringen, und diese nachweisen? Schuldet dieser Berufstand dies der Gesellschaft nicht ebenso wie jeder andere auch?

Falls diese Frage mit Ja zu beantworten ist, ergibt sich daraus die Folgefrage: Wo bleibt dieser Nachweis, wenn wir uns mit der Nachricht konfrontiert sehen, dass 16% der Schweizer nach wenigstens 9 Jahren Pflichtunterricht die grundlegendsten der in der Schule vermittelten Fertigkeiten, nämlich Lesen, Schreiben und Alltagsmathematik, nicht genügend beherrschen, um ohne Hilfe ihr tägliches Leben zu bewältigen?

Als Nicht-Schweizer mag man erwarten, dass dieser Misstand an der Wurzel angegangen wird, nämlich im Schulwesen, das 1,2 Millionen Menschen in diesem Land von 8 Millionen vernachlässigt hat.

Schweizer wissen allerdings, dass “Primarstufe und Sekundarstufe I (obligatorische Schule) zusammen mit der Vorschule in der Kompetenz der Kantone und Gemeinden liegen“. Stattdessen kümmert sich das Bundesamt für Kultur um die Bekämpfung des Illetrismus, der dort als “inakzeptable Situation” gilt. So scheitert die wirkungsvolle Bekämpfung eines schweizweiten Problems an der Kantönligeist, der genau im Bereich der Bildung fehl am Platz ist: Denn in diesem grundlegendsten, menschlichen Bedürfnis, wie auch dem der Gesundheit und der Ernährung, unterscheiden wir uns über die Kantonsgrenzen nicht voneinander.

Quellen: PRAVDA TV/faz.net/EvilTase für selbststand.wordpress.com vom 08.10.2014

Volkskrankheit Analphabetismus als Bildungsziel

Analphabetismus und Wohnungsmarkt: “Der Sozialstaat steht Kopf”

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Die Wirtschaft beschwert sich über Jugendliche, die nicht ausbildungsreif sind, und Familien finden in Innenstädten keinen Wohnraum. Beide Probleme haben dieselbe Ursache.

Neulich in der Zeitung: Im Wirtschaftsteil schlägt Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer Alarm angesichts der Tatsache, dass jeder fünfte Schulabgänger nicht ausbildungsreif ist – nicht nur eine soziale, sondern auch eine wirtschaftliche Katastrophe, weil Bildung zugleich Fundament und Treibsatz der Wirtschaft ist. Im Immobilienteil derselben Ausgabe dann zwei Berichte über die Preisexplosionen am deutschen Wohnungsmarkt und dessen regionale Verzerrungen. Zwei fatale Befunde. Aber was ist die Ursache?

Die verblüffende Diagnose: Ausgerechnet unser Sozialstaat.

Wie bitte? Ja, beide Fehlentwicklungen wurzeln vor allem in der asozialen Verteilung von Lasten und Leistungen unserer Sozialsysteme. Und beide stehen in Wechselwirkung. Ein Teufelskreis.

Die Gutverdiener profitieren

Sozialbeiträge werden nur auf Löhne erhoben, treffen also nur Arbeitnehmer, nicht hingegen Parlamentarier, Beamte, Richter und auch keine Freiberufler. Sie werden nicht nach einem progressiven, sondern nach einem linear-proportionalen Tarif erhoben; wer 1000 Euro verdient, zahlt denselben Beitragssatz wie derjenige mit 4000 Euro. Und sie werden – drittens – nur bis zur Beitragsbemessungsgrenze erhoben. Sie liegt ziemlich genau dort, wo in der Einkommensteuer der Spitzensatz höchste Leistungsfähigkeit signalisiert. Die Konsequenz: Je höher die Einkommen, desto geringer die soziale Ver-antwortung. Und umgekehrt. Man nennt diese Wirkung der Sozialbeiträge „regressiv“. Der Sozialstaat steht Kopf.

Dieselbe regressive Wirkung haben auch Verbrauchsteuern (z.B. Mehrwertsteuer), weil der besteuerte Verbrauchsanteil stets umso höher ist, je kleiner die Einkommen sind. Sie machen den Löwenanteil der fiskalischen Einnahmen aus. Familien werden so zwangsläufig am härtesten belastet: Das Einkommen verteilt sich auf mehr Köpfe, gleichzeitig steigt der Verbrauch.

Senioren verschärfen die Wohnungsnot

Wer ein Durchschnittseinkommen und mehr als ein Kind hat, landet netto unter dem Existenzminimum. Ganz anders ist es bei Personen ohne Unterhaltspflichten. Schon weil der Anteil der Senioren, deren Kinder aus dem Haus sind, seit Jahrzehnten ständig zunimmt, steigt ihr Anteil unaufhörlich.

Bei ihnen sorgen die fehlenden Unterhaltsverpflichtungen für Einkommensüberhänge. Weil Senioren zudem in ihren Wohnungen bleiben, sind größere Wohnungen rar. Obendrein ist der Wohnungsmarkt „nicht-elastisch“, Nachfrage und Angebot stehen im strukturellen Ungleichgewicht. Das lässt die Preise aus dem Ruder laufen- und in der Tat wachsen die Wohnkosten seit Jahrzehnten schneller als die sonstigen Güterpreise und Löhne.

Armut untergräbt die Bildungsfähigkeit

Wen trifft das wieder am härtesten? Richtig, die Familien. Familien mit ihrem hohen Wohnbedarf haben im Kampf auf dem Wohnungsmarkt gegen Singles keine Chance, werden an die Peripherie katapultiert, oft in Problemquartiere. Dort kämpfen sie dann auch noch mit hohen Mobilitätskosten, für die wiederum die Hartz IV-Regelsatz-bemessung total unterbelichtet ist. Zudem ist jeder Energieverbrauch durch Mehrwert- und Ökosteuern mehrfach belastet. In der Bertelsmann-Studie „Arm durch Wohnen“ wurde kürzlich nachgewiesen, dass die Armutsquote bei Familien infolge der exorbitanten Wohnkosten in Wahrheit noch weit über den Zahlen der offiziellen Statistik liegt. Da capo al fine. Ein Teufelskreis.

Die Armut in den Familien aber, das ist das übereinstimmende Ergebnis aller einschlägigen Untersuchungen, untergräbt die Bildungsfähigkeit des Nachwuchses und ist damit die Hauptursache des von Ingo Kramer beklagten Notstandes; jedes fünfte Kind wächst im Sozialleistungsbezug auf. Seine Rezepte der Krippenvermehrung und -verbesserung sind wichtig und gut gemeint, verfehlen indes die Ursache.

Für eine rigorose Neuordnung

Was zuerst nottut, ist vielmehr eine rigorose Neuordnung der sozialen Verantwortlich-keiten: Eine familienpolitische Strukturreform des Sozialstaats, die Ernst macht mit der vielbeschworenen, aber nicht realisierten Beitragsfreiheit für Kinder. Solange nicht mindestens das Existenzminimum der Kinder von der Bemessungsgrundlage der Sozialbeiträge abgezogen wird und Eltern mit Durchschnittsverdienst die Chance haben, ihre Kinder aus eigener Kraft großzuziehen, wird das Unheil weiterwachsen. Wer keine Kinder (mehr) hat- und das sind rund 75 Prozent der Haushalte-, muss mehr Verantwortung für den Sozialstaat übernehmen.

Nur das wird Einkommen und Bedarf einander wieder näher bringen. Anders ist weder der Armut der Familien, noch der Fehlverteilung des Wohnraums beizukommen. Übrigens: Eine solche Reform hat das Bundesverfassungsgericht im „Beitragskinderurteil“ zur Pflegeversicherung 2001 schon gefordert. Der Gesetzgeber aber stellt sich taub. Das ist der eigentliche Skandal.

Der Autor Jürgen Borchert ist Sozialrichter in Hessen; zuletzt erschien von ihm das Buch „Sozialstaatsdämmerung“ (2014).

Quellen: dpa/tagesspiegel.de vom 18.11.2014

Analphabetismus und Wohnungsmarkt: „Der Sozialstaat steht Kopf“