Russland wendet sich rasant in Richtung Osten, schließt umfangreiche Energieabkommen mit China und Iran

F. William Engdahl

Während sich die Mainstream-Medien der westlichen Welt auf das Emissions-Abkommen konzentrieren, das US-Präsident Barack Obama und Chinas Präsident Xi beim jüngsten APEC-Gipfel in Peking vereinbarten, unterzeichneten Russlands Präsident Putin und Xi wichtige neue Energie-Verträge, deren enorme geopolitische Bedeutung genau den Alptraum Wirklichkeit werden lässt, den US-Strategen wie Zbigniew Brzezinski schon 1997 an die Wand gemalt hatten, als Amerika noch wie die unbezwingbare einzige Supermacht erschien.

Den Antrieb für die strategisch wichtigen russisch-chinesischen Vereinbarungen gaben ironischerweise genau die Wirtschafts- und Finanzsanktionen, die kurzsichtige Strategen im US-Finanzministerium und Nationalen Sicherheitsrat im Mai dieses Jahres verhängten, um Putin für die angebliche »Invasion« auf die Krim zu »bestrafen«.

China kauft in großem Stil russisches Erdgas

Bei Treffen am Rande des Pekinger APEC-Gipfels unterzeichneten Putin und Xi am 9. November insgesamt zehn Abkommen. Das mit Abstand bedeutendste betrifft den Bau der Erdgaspipeline West Route, die Gasfelder in Westsibirien mit dem Nordwesten Chinas verbinden und durch die chinesische autonome Region Altai verlaufen soll.

Weiterhin vereinbarten sie die mögliche spätere Ausweitung, welche die Kapazität auf satte 100 Milliarden Kubikmeter pro Jahr erhöhen würde. Der Bau der West Route wird vorrangig behandelt, sie soll in sechs Jahren fertiggestellt sein. Zunächst soll China darüber jährlich mit 30 Milliarden Kubikmetern Gas beliefert werden; die Laufzeit des Vertrages beträgt 30 Jahre.

Die West Route wird zusätzlich zur russischen East-Route-Pipeline errichtet, auf die sich Putin und Xi im Mai verständigt hatten. Nach diesem Vertrag über 400 Milliarden Dollar mit einer Laufzeit von 30 Jahren sollen ab 2018 weitere 38 Milliarden Kubikmeter Erdgas von Russland nach China fließen. Nach der Fertigstellung der beiden Pipelines East Route und West Route wird Russland etwa 40 Prozent des derzeitigen jährlichen Erdgasverbrauchs in China liefern. Damit löst China die EU als Russlands größter Exportmarkt für Erdgas ab. Zurzeit verbraucht China 169 Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr.

Auf russischer Seite wurde bereits im September mit dem Bau der East Route begonnen. Bei der Unterzeichnung des Vertrages im Mai waren viele im Westen schockiert, denn die Verhandlungen hatten sich fast zehn Jahre hingezogen. Es war die Rede vom »Heiligen Gral« und von einem »Jahrhundertvertrag«. Mit der Unterzeichnung des zweiten Vertrages über die fast ebenso große West Route nur sechs Monate später haben sich Russland und China auf den »Heiligen Gral II« geeinigt.

Beim Pekinger Treffen unterzeichneten beide Präsidenten und die jeweiligen staatlichen Ölgesellschaften Rosneft undCNPC eine Vereinbarung, wonach die CNPC zehn Prozent der Anteile an der Rosneft-Tochter Vankorneft, die Betreiberin des riesigen russischen Ölfelds Vankor, übernimmt. Laut dem Vertrag erhält China aus Vankorrussisches Erdöl für rund sieben Milliarden Dollar.

Weitgehend unbeachtet von den westlichen Medien berichtete die staatliche chinesische NachrichtenagenturXinhua einen Tag vor Beginn des APEC-Forums in Peking, auch die militärische Führung Chinas und Russlands habe sich auf eine weitreichende Kooperation verständigt.

Waleri Gerassimow, Chef des russischen Generalstabs, und Wang Guanzhong, stellvertretender Generalstabschef der Chinesischen Volksbefreiungsarmee (PLA), einigten sich in der 17. Runde strategischer Konsultationen auf ein Paket wichtiger gemeinsamer militärischer Projekte. Xinhuazitierte Gerassimow mit den Worten: »In der laufenden Konsultationsrunde wurden zahlreiche Kooperationsprojekte in wichtigen Bereichen vereinbart.«

Wie Xinhua berichtet, diskutierten beide über »die derzeitige internationale und regionale Sicherheitslage, regionale Fragen und die Beziehung zwischen beiden Streitkräften«. Man kann spekulieren, was diese »Lage« sein mag – vielleicht die dreiste Einmischung der USA und der EU in der Ukraine, um den Vorwand für finanzielle Kriegsführung und einen Stellvertreterkrieg gegen Russland zu liefern, oder vielleicht die von der amerikanischen NGO National Endowment for Democracy geschürte »Regenschirm-Revolution« in Hongkong, die China erschüttern soll, oder auch Obamas militärischer »Schwenk nach Osten« gegen China?

Die Washingtoner neokonservativen Falken und ihre Unterstützer in CIA, State Department und Nationalem Sicherheitsrat bringen es fertig, genau die Eurasische Allianz zu beschleunigen, die sie eigentlich zu zerstören versuchen.

Während meiner eigenen Kindheit in Texas in den 1950er-Jahren waren die Vereinigten Staaten unumstritten die führende Industriemacht in der Weltwirtschaft. Die Amerikaner waren zu Recht stolz auf ihre industrielle Exzellenz. Es ist eine Tragödie, dass es die Vereinigten Staaten mittlerweile geschafft haben, sich in die größte virtuelle Volkswirtschaft der Welt zu verwandeln.

Ihr wichtigstes Produkt ist heute virtuelles Geld, das dieFederal Reserve als papierenes Aufputschmittel an die Megabanken der Wall Street verteilt, damit diese ihre kriminellen Geschäfte mit zunehmend wertlosen Papierdollars weiter betreiben können.

Amerikas industrielle Exzellenz gehört weitgehend der Vergangenheit an. Fabrikarbeit wurde in die Volksrepublik China ausgelagert. Im eigenen Land hat die amerikanische Demokratie, besser gesagt deren Spuren aus der Vergangenheit, der Herrschaft machtsüchtiger, hartherziger amerikanischer Oligarchen weichen müssen.

Diese Oligarchen sehen nun ihre Welt und ihre Macht von einer wachsenden Kooperation zwischen den größten Ländern Eurasiens bedroht, angeführt von China und Russland und auch dem Iran, der ebenfalls eine wichtige Rolle spielt.

Ironischerweise hat der törichte Versuch, weltweite Un-Ordnung und einen neuen Weltkrieg in Gang zu setzen, um die eigene Macht zu erhalten, genau den gegenteiligen Effekt. Er treibt China, Russland, die BRICS-Staaten und andere Länder in eine engere Zusammenarbeit auf allen Ebenen. Die Oligarchen und ihre Kriegsmaschinerie sind töricht, weil sie offenkundig nicht fähig sind, zu begreifen, wie sehr in unserem Universum alles miteinander verknüpft ist. Ihre Sucht scheint sie blind zu machen.

http://info.kopp-verlag.de/hintergruende/geostrategie/f-william-engdahl/russland-wendet-sich-rasant-in-richtung-osten-schliesst-umfangreiche-energieabkommen-mit-china-und-.html

 

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