„Wir erleben ein völlig verzerrtes Bild“

Die Ukraine-Krise ist brandgefährlich, sagt Dirk Müller. Doch an den Märkten wird die Angst von Liquidität übertüncht. Ein Crash ist jederzeit möglich. Trotzdem ist Mr. Dax überzeugt, dass Aktien ins Depot gehören.

Von Jessica Schwarzer

Dirk Müller: Warnung vor einer Unterbewertung der Ukraine-Krise. Quelle: Bert Bostelmann

Dirk Müller: Warnung vor einer Unterbewertung der Ukraine-Krise.Quelle: Bert Bostelmann

Er ist wohl der bekannteste Börsianer Deutschlands und scheut keine offenen Worte. Gerade ist sein Buch „Showdown. Der Kampf um Europa und unser Geld“ als Taschenbuch erschienen – ergänzt um den Ukraine-Konflikt und seine Auswirkungen. Im Interview mit Handelsblatt Online warnt er davor, die Krise und die geopolitischen Interessen Moskaus und Washingtons zu unterschätzen. Die Folgen für die Märkte könnten heftig sein.

Herr Müller, die Märkte haben sich zuletzt deutlich erholt. Wie gefährlich ist die Ukraine-Krise noch?
Extrem gefährlich, weil die Ukraine einer der wichtigsten Bausteine auf dem eurasischen Kontinent ist und damit Teil der geopolitischen Strategie Putins und natürlich auch der USA. Uns droht ein neuer Kalter Krieg, und diese Gefahr sollten wir sehr ernst nehmen.

Klingt dramatisch.
Ich beziehe mich dabei nicht nur auf meine eigene Analyse, sondern habe einen wichtigen Kronzeugen: Zbigniew Brzezinski. Er ist einer der wichtigsten geopolitischen Strategen der USA und hat seit Jimmy Carter die geopolitische Strategie der USA wesentlich mitgeprägt, hat den Kalten Krieg mit orchestriert und erdacht. Er hat schon in den 90er-Jahren in seinem Buch „The Grand Chessboard“ geschrieben, dass die USA ein absolutes Interesse haben, ihre Macht auf dem eurasischen Kontinent auszubauen.

In Ihrem Buch „Showdown. Der Kampf um Europa und unseser Geld“ malen Sie ein sehr düsteres Bild. Ist die Lage wirklich so ernst?

Ja, weil die Ukraine der Schlüsselstein auf dem eurasischen Schachbrett ist. Brzezinski  hat schon 1997 geschrieben, dass die Erweiterung der Nato und damit die Erweiterung der Interessenssphäre Amerikas auf dem eurasischen Kontinent das primäre Ziel der amerikanischen Geostrategie ist. Er hat die Nato-Osterweiterung aufs Jahr genau vorausgesagt und natürlich auch, dass Russland dies zähneknirschend hinnehmen würde. Mit Ausnahme der Ukraine. Er war sicher, dass Russland deren Annäherung an den Westen nicht hinnehmen wird, dass das ein heißer Tanz werden wird. Und genau so kam es auch.

Fragen und Antworten zu Sanktionen gegen Russland

  • Auf welche Sanktionen müssen sich Unternehmen einstellen?

    Die EU diskutiert bislang über eine mögliche Einschränkung für Rüstungsausfuhren sowie für Exporte von Hochtechnologie für den Energiebereich. Offen ist, was damit genau gemeint ist. Außerdem sollen Möglichkeiten geprüft werden, den Zugang Russlands zu den EU-Finanzmärkten zu erschweren.

    Was wären die Folgen?
    Und wie sieht es mit Handelsbeschränkungen aus?
    Wie wichtig ist denn Russland insgesamt als Kunde?
    Dann droht also kein handfester Konjunktureinbruch?
    Wie könnte Russland auf ein Embargo reagieren?

    Wieso ist die Ukraine so wichtig für Russland?
    Ohne die Ukraine ist Russland keine eurasische Großmacht mehr.  Mit der Ukraine steht und fällt die weitere Entwicklung Russlands. Das wusste man ganz genau und deshalb hat man ganz bewusst die Ukraine in Richtung Westen gedreht. Der Widerstand der Russen gegen diese Annäherung war keine Überraschung. Auch wenn Putin ganz sicher kein neues Groß-Russland plant, will er natürlich seine Interessensphäre wahren und erweitern. Dass die Ukraine sich der Nato anschließen wolle, geht gegen die vitalen Interessen Russlands.

    Ein Krieg aber doch auch, oder?
    Wir sollten die Gefahr einer kriegerischen Entwicklung nicht unterschätzen. Sie ist definitiv da. Moskau und Washington spielen mit dem Feuer, sie zündeln – und wir lassen uns da rein ziehen. Aber das ist nicht unser Konflikt. Wir wollten eine Partnerschaft mit Russland, jetzt ist Russland plötzlich wieder unser Feind. Wir lassen uns zum Vasallen machen.

    An den Märkten scheint die Kriegsangst nicht sehr groß zu sein.
    Was wir derzeit an den Märkten erleben, ist ein völlig verzerrtes Bild. Mit der realen Entwicklung oder mit einer vernünftigen Chance-Risiko-Einschätzung hat das nichts mehr zu tun. Die Märkte sind nur noch getrieben von der Liquidität der Notenbanken. Zwar keimt zwischenzeitlich die Angst vor geopolitischen und damit wirtschaftlichen Risiken auf, doch die wird sofort von der Liquidität übertüncht. Wie zuletzt in Japan.

    Bitte weiterlesen:

    http://www.handelsblatt.com/finanzen/boerse-maerkte/anlagestrategie/dirk-mueller-im-interview-wer-angst-hat-sollte-sich-absichern/10964964-3.html

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