Gekaufte Journalisten, Giftgas, Geheimdienste und »Verschwörungstheorien«

Von Udo Ulfkotte

Wenn man eine Lüge nur oft genug verbreitet, dann wird sie irgendwann in der Bevölkerung geglaubt. Nach 1945 sagten deutsche Politiker, sie würden ganz sicher nie wieder dabei helfen, Menschen zu vergasen. Das Versprechen hat nicht wirklich lange gehalten. Die nachfolgenden Ausführungen sind für deutschsprachige Medien peinlich. Aber hinter dem systematischen Wegschauen steckt wohl geballter amerikanischer Druck.

Der deutsche Auslandsgeheimdienst BND hat traditionell gute Kontakte in den Irak. Seit dem Ende der 1950er Jahre gibt es BND-Residenten in Bagdad.  Intensiviert wurden die geheimdienstlichen  Beziehungen von Klaus Kinkel, den die meisten Deutschen nur als FDP-Außenminister kennen. Kinkel war allerdings vor seinem ranghohen Politikposten Präsident des Bundesnachrichtendienstes. Und er reiste in dieser Funktion im Sommer 1979 auf geheimer Mission nach Bagdad, um die Rüstungskäufe Saddam Husseins in Deutschland anzukurbeln.

Seit Kinkels Aufenthalt in Bagdad hat der irakische Geheimdienst beim BND den Decknamen »Krokodil«. Und die seither bestehende offizielle BND-Außenstelle in Bagdad  bekam die Bezeichnung »FA 91«. Zur Erinnerung: Der Schah war gerade im benachbarten Persien gestürzt worden. Und die Mullahs hatten den BND in Teheran unsanft rausgeworfen. In Pullach, damals deutscher Sitz des BND, suchte man einen neuen Partner in der Region. 1980 brach Krieg zwischen Bagdad und Teheran aus, der erste irakisch-iranische Krieg (1980 bis Juli 1988).

Der BND sorgte dann in den 1980er Jahren dafür, dass irakische Offiziere an deutschen Bundeswehrhochschulen ausgebildet wurden – vor allem beim Schutz gegen chemische und biologische Waffen. Und irakische Militärärzte nahmen an Übungen der Bundeswehr beim ABC-Schutz teil. Die Deutschen lieferten alles, was die Iraker wünschten, natürlich unter Umgehung der Rüstungsexportrichtlinien.

Etwa den Militärhubschrauber BO-105, der als angebliches »Lufttaxi« geliefert wurde, aber in Wahrheit natürlich ein Panzerabwehrhubschrauber war. Der BND sorgte dafür, dass gepanzerte Fahrzeuge und Kommandofahrzeuge ebenso in den Irak geliefert wurden wie Munition, Granaten und… Komponenten für die Produktion von Giftgas nebst Fließdrückmaschinen und Anlagen zum Abfüllen der Giftgasgranaten. Und zwar getarnt als »Pflanzenschutzmittel«.

All das berichtete mir vor Ort in Bagdad stolz der damalige BND-Resident (ich glaube, er hieß Krenn, aber mein Gedächtnis mag mich nach mehr als 25 Jahren täuschen), als ich im Juli 1988 zum ersten Mal von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in den Irak zum Einsatz an die Front in diesem Krieg geschickt wurde. Damals gab es für unerfahrene Kriegsberichterstatter wie mich vor Ort weder Splitterschutzwesten noch Helme oder irgendeinen Schutz – auch keine Gasmaske, was mein Leben grundlegend verändern sollte.

Was dann geschah, das schildere ich ausführlich im Buch Gekaufte Journalisten. Weil viele Leser die dort aufgeschriebenen Ausführungen zu einer amerikanisch-deutsch-irakischen Vergasungsaktion kaum glauben werden, stelle ich hier ein mich betreffendes Faksimile eines Schreibens der Berufsgenossenschaft ein. Wahrscheinlich bin ich der einzige lebende Deutsche meiner Altersklasse, bei dem offiziell von den staatlich zuständigen deutschen Stellen die Berufskrankheit Nummer 1311 anerkannt wurde.  Im Klartext: Ich, Udo Ulfkotte, bin ein Senfgasopfer. Ich bin Giftgasopfer und (auch wegen zahlreicher weiterer Verwundungen und Verletzungen) schwer kriegsbeschädigt. Ich war unter anderem bei einer amerikanisch-deutsch-irakischen Vergasungsaktion, welche die CIA nach mehr als einem Vierteljahrhundert auf ihrer offiziellen Homepage heute ganz vorsichtig so darstellt:

 

 

Das im Juli 1988 erwähnte eingesetzte Giftgas ist demnach »Mustard & nerve agent«, also auf Deutsch Senfgas mit Beimischung von Nervengasen. Der Ort des Geschehens war das iranische Dorf Zubaidat, das erwähnte damals mit einem Satz auch die Los Angeles Times.

In meinem Buch Gekaufte Journalisten beschreibe ich – nach mehr als 25 Jahren noch immer fassungslos –, dass ich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung bis auf ein kleines Foto und einige Zeilen über die Vergasungsaktion nicht darüber berichten durfte.

Die Wahrheit: Die USA hatten den Irakern vor der Vergasungsaktion Satellitenaufnahmen mit den aktuellen Positionen der Iraner im Südabschnitt der Front zur Verfügung gestellt. Und das Giftgas kam – als »Pflanzenschutzmittel« getarnt – aus Deutschland. Es war also eine amerikanisch-deutsch-irakische Vergasungsaktion. Ich erinnere mich daran, dass ein Amerikaner einige Meter von mir entfernt von einem Räumpanzer überrollt und getötet wurde, weil man ihn in den Staubwolken der irakischen Militärfahrzeuge einfach nicht gesehen hatte. Er hatte einen amerikanischen Presseausweis, was aber – so berichtete mir später der deutsche Vertreter der Dienststelle FA 91 in Bagdad – nur eine gute Tarnung war. Ich habe später  bei den Reportern ohne Grenzen nachgefragt, welcher englischsprachige »Journalist« im Juli 1988 bei dem Giftgaseinsatz in Zubaidat ums Leben gekommen war. Man wusste dort gar nichts davon. Es stimmte, was die  Dienststelle FA 91 in Bagdad durch die Blume sagte: Es war ein US-Beobachter der Aktion.

Die von mir damals auf dem Schlachtfeld gemachten Fotos sind – mit einer Ausnahme – nie zuvor veröffentlicht worden und stammen aus meinem Privatbesitz. Die US-gesteuerte Zeitung Huffington Post erklärt ihren Lesern mit den nachfolgenden Worten, warum damals (1988) die Menschen auf der Welt nicht mehr über die Vergasungsaktion erfahren sollten:

Manchmal sind es nämlich nicht die großen Verschwörungen, die Berichterstattung verhindern, sondern einfache redaktionelle Qualitätssicherungsmechanismen. War es vielleicht der Mangel an Beweisen? Oder die unsichere Quellenlage?

Es waren also »redaktionelle Qualitätssicherungsmechanismen«. Schauen Sie sich die Fotos an – ist da ein »Mangel an Beweisen«? Ich war vor Ort. Ich habe sie eigenhändig gemacht. Nun sindmehr als 25 Jahre vergangen. Und es gibt auch heute keinen Zweifel daran, dass dort viele Iraner mit deutschem Giftgas vergast wurden. Ich frage mich seit 25 Jahren, ob Iraner Menschen zweiter Klasse sind. Warum fährt kein deutscher Bundespräsident nach Teheran, warum nicht die deutsche Bundeskanzlerin – und bittet das iranische Volk dort auf den Knien um Verzeihung? Warum wird unsere Jugend ständig – zu Recht – an die Gräuel der Judenvergasung erinnert und nie an das, was 40 Jahre später wieder mit deutscher Hilfe geschah?

Die Antwort ist offenkundig ganz einfach: Weil die Amerikaner bei der Vergasung der Iraner die Regie geführt haben. Und unsere US-gesteuerten Medien schauen da lieber weg. So ist das, wenn »Gekaufte Journalisten«Pressefreiheit simulieren. Aber wahrscheinlich schämen sie sich nicht einmal dafür. Das war ja bei den Nazis auch nicht anders.

Was die von der Huffington Post angesprochenen  »Qualitätssicherungsmechanismen« meiner journalistischen Arbeit in Hinblick auf das Giftgas angeht: Ich bekam dann die typischen Senfgasfolgen, unter anderem eine Krebserkrankung. Und ich hatte eine Not-Trauung, ohne Eheringe, ohne Trauzeugen und ohne Aufgebot. Und zwar, weil die Ärzte mir wegen der Giftgasfolgen keine Überlebenschancen mehr gaben.

In Worten der Huffington Post: Die »Qualitätssicherungsmechanismen« meines Körpers haben giftgasbedingt versagt. Wie schon oben geschildert, hat auch die Berufsgenossenschaft das alles anerkannt. Ja, ich bleibe bei meinen »Verschwörungstheorien«. Wenn die Huffington Post auch nur einen Funken Anstand hat, dann wird sie sich für den dort veröffentlichten peinlichen Unsinn öffentlich entschuldigen. Vielleicht aber arbeiten ja auch dort nur »Gekaufte Journalisten«. Dann könnte man sich den journalistischen Griff ins Klo leichter erklären.

Ich verstehe inzwischen immer besser, warum die deutschsprachigen Medien beim BestsellerGekaufte Journalisten wegschauen müssen. Die geballte Fülle dessen, was dort enthüllt wird, hat sie in eine Schockstarre versetzt. Ach ja: Nachdem ich Giftgas und Krebs nach vielen Monaten annähernd besiegt hatte, schickte mich die FAZ natürlich wieder in den nächsten Krieg (es war der Kuwait-Krieg). Und danach folgten viele Jahre viele Kriege, viele Verletzungen und Verwundungen, immer wieder, bis ich einfach nicht mehr konnte. So ist das bei renommierten Leitmedien. Verstehen Sie jetzt, warum ich das alles endlich einmal aussprechen (dürfen) möchte?

Das Giftgas, welches in Iran eingesetzt wurde, tötete nicht nur die iranischen Soldaten vor Ort. Es hatte und hat auch langfristige Folgen in der weiteren Umgebung, wo ja Zivilisten leben. Mehr als 90 Prozent der Iraner, die mit den Giftgaswolken oder dem kontaminiertem Sand in Kontakt kamen, erlitten nach iranischen Studien eine Krebserkrankung. Die einzige international anerkannte Expertin für die deutschen Giftgaslieferungen und deren Auswirkungen in Iran, Professor Christine Gosden von der Universität Liverpool, ist zugleich Gutachterin des US-Kongresses für die Langzeitschäden von Senfgas bei US-Soldaten.  Sie betreut auch mich. Ich bin unendlich dankbar dafür, dass es sie gibt. Denn sie ist eine von ganz wenigen, die nicht wie  »Gekaufte Journalisten« einfach wegschauen.

 

Copyright © 2014 Das Copyright dieser Seite liegt, wenn nicht anders vermerkt, beim Kopp Verlag, RottenburgBildnachweis: Udo Ulfkotte

Dieser Beitrag stellt ausschließlich die Meinung des Verfassers dar. Er muss nicht zwangsläufig die Meinung des Verlags oder die Meinung anderer Autoren dieser Seiten wiedergeben.

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