China walzt den Westen platt – Aus der »Copy Cat« wird ein Innovations-Tiger

Markus Gärtner

Chinas Internet-Gigant Alibaba sammelt beim größten Börsengang der Geschichte in New York 25 Milliarden Dollar von westlichen Anlegern ein. Geld, das der größte Onlinehändler der Welt für seine Attacke auf den Weltmarkt nutzen will. Die neuen Smartphone-Champions aus China, darunter das im Westen noch recht unbekannte Xiaomi, treiben derweil Samsungund Apple vor sich her. Das legendäre Waldorf Astoria-Hotel in Manhattan wird für knapp zwei Milliarden Dollar an den chinesischen Versicherer Anbang verkauft. Es ist der teuerste Hotel-Deal aller Zeiten. Und der Käufer – Wu Xiaohui – ist mit der Enkelin des chinesischen Reformvaters Deng Xiaoping verheiratet.

China hat in nur sechs Jahren mit einer 11.000 Kilometer Strecke das größte Schnellzug-Netz der Welt aufgebaut. Seine »bullet trains« sind Exportschlager in Osteuropa, Südostasien und Russland. Dort helfen die Chinesen Russland beim Aufbau seines eigenen Netzes, darunter die fast 30 Milliarden Dollar teure Schnellstrecke Moskau-Kazan, für die Peking Technologie, Engineering und Finanzierung beiträgt. Das alles auf Kosten der europäischen Konzerne, die erst vor wenigen Jahren den Chinesen beibrachten, wie man Züge baut: Siemens und Alstom.

Mit Chinas Hilfe kann das vom Westen wirtschaftlich attackierte Russland auf Yuan lautende »Dim Sum«-Anleihen ausgeben und die Finanz-Sanktionen zumindest teilweise umgehen. Dank neuer Lieferaufträge im Umfang von mehreren hundert Milliarden Dollar für Öl und Gas aus Russland schreibt China die Energie-Weltkarte um.

Es greift mit massiver Verbreitung des Yuan die Vormachtstellung des Dollars an. Und Chinas rasant wachsende Firmen – nicht nur schwerfällige staatliche Riesen – haben mit einem addierten Ausgabevolumen von über 14 Billionen Dollar sogar die USA als größten Markt für Firmenanleihen überflügelt. Schon mehr als zehn Prozent der globalen Anleihe-Verbindlichkeiten von Firmen gehen auf das Konto chinesischer Emittenten, was den Rest der Welt noch stärker von den Schwankungen der chinesischen Konjunktur abhängig macht.

Die neuen Champions

Chinas Fußabdruck im Rest der Welt ist viel größer geworden, als es uns die ausgedünnten Nachrichtenredaktionen der Mainstream-Medien zu vermitteln vermögen. Mehr noch: Während die Leitmedien sich auf die enormen Risiken im Finanzsektor der Volksrepublik beschränken sowie auf das nachlassende Wachstum und die weitgehende Zerstörung der Umwelt, findet im Reich der Mitte eine stille Revolution statt, die auch in Deutschland zu riesigen Umwälzungen führen wird: China wandelt sich mit hohem Tempo von einem Paradies der Raubkopierer zu einer neuen globalen Innovations-Drehscheibe, die gezielt Unmengen von europäischen Patenten anmeldet, um in den kommenden Jahren den Technologieführern der Chemie, der Autobranche, des Elektrosektors und des Maschinenbaus einzuheizen.

Und während die Konjunktur in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt auf die Standspur wechselt, geht die weltweite Expansion von Chinas Firmen auf die Überholspur. Das Land wächst jenseits seiner Grenzen drei bis viermal so schnell wie im Inland. Dabei tauchen immer neue Champions auf, die sich die Krone in ihrer Branche schnappen und westliche Industrie-Ikonen abhängen: Huawei für Telekomausrüstungen, Lenovo für PCs, Haier für Kühlschränke, Pearl River Piano für Klaviere.

Chinas Telekomausrüster Huawei verkauft so ziemlich alles, was Telekomnetze zum Laufen bringt. Das Unternehmen ist 2013 mit einem Umsatz von 40 Milliarden Dollar zur Nummer eins vor Ericsson und Cisco aufgestiegen. Das Unternehmen wurde erst 1987 gegründet, beliefert aber schon 45 der 50 größten Netzbetreiber der Welt. Huawei ist in kürzester Zeit ein Topanbieter für die vierte Generation superschneller Mobilfunknetze geworden. Jeder zweite der 110.000 Mitarbeiter wird außerhalb Chinas beschäftigt. In Europa arbeiten für das Unternehmen über 7.000 Menschen. Bis Ende des Jahrzehnts sollen über 5.000 hinzukommen.

Chinas unbeachtete Meilensteine

China hat – von den Leitmedien kaum bemerkt – wenig sichtbare, aber vielsagende und strategisch brisante Meilensteine markiert. 2012 hatte das Land erstmals einen Anteil von über 50 Prozent an der Wertschöpfung seiner eigenen Exporte. Bis dahin kam der größte Teil der Inhalte von chinesischen Ausfuhrprodukten aus Fabriken ausländischer Firmen, die in dem Land hochgezogen wurden. Das Durchdringen dieser Schallmauer ist keine Überraschung. Denn das Land hat 2012 laut der OECD mit 1,98 Prozent des Bruttoinlandsprodukts bei den Ausgaben für Forschung und Entwicklung die Europäische Union überflügelt.

Zu Beginn des Jahrzehnts hängte China bei der Zahl der Patentanmeldungen die USA und Japan ab und baut diesen Vorsprung seitdem rasant weiter aus. 2013 verdrängten die Chinesen auch Deutschland von einer prestigeträchtigen globalen Spitzenposition, und zwar als drittgrößte Quelle für international angemeldete Patente. »Schon junge chinesische Firmen melden bis zu 40 Prozent ihrer Patente im Ausland an«, sagt Philipp Sandner vom Lehrstuhl für Strategie und Organisation der TU München, »und viele haben dabei Europa, vor allem Deutschland im Visier.«

Die Zeiten, in denen China nur Fließband und Lokomotive der Weltwirtschaft war, gehen in diesen Monaten zu Ende. Jetzt wird das Land zu einem Epizentrum von Innovationen. Die Illusion des Westens, Chinas Firmen könnten ihn technisch über Jahre hinaus nicht einholen, erweisen sich als völlig naiv. Das Motto von Audi, »Vorsprung durch Technik«, ist auf dem Weg ins Museum.

China wächst international dreimal so schnell

2013 hat die Volksrepublik erstmals mehr in Fabriken im Ausland investiert als der Rest der Welt in China. Doch die Attacke auf die Weltmärkte läuft jetzt erst richtig an. Denn Ende 2013 haben Chinas Regulierer die Grenze, ab der eine Investition im Ausland genehmigt werden muss, von 100 Millionen auf eine Milliarde Dollar hochgesetzt. Die meisten Projekte müssen jetzt nicht mehr genehmigt, sondern nur noch gemeldet werden. Der Staatsrat strich im Januar 2014 auf einen Schlag 70 Vorschriften, die Investitionen jenseits der Grenzen Chinas regelten – und oft behinderten. »Das wird die ganze Welt verändern«, sagt der Direktor des Earth Institute an der Columbia-Universität, Jeffrey Sachs.

Die ersten Hilfeschreie

Die ersten Alarmrufe ertönen. Die deutsche Exportwirtschaft gerät unter Druck. Am stärksten spüren das bisher die Maschinenbauer. Die neue chinesische Konkurrenz attackiert frontal, und zwar von unten.

»Die Chinesen bewerten den Technologieabstand zum deutschen Maschinenbau realistisch – dennoch: Im wachsenden mittleren Marktsegment und im Service sind sie stärker –und das mittelfristig nicht nur in China«, meldete der Branchenverband VDMA am 18. Februar.

Es ist ein klares Eingeständnis, dass die neuen chinesischen Mitstreiter ihr Billig-Image abschütteln und sich von der reinen Kosten-Konkurrenz lösen. Ihr strategisches Ziel: Sie drängen westliche Anbieter wie die deutschen Firmen in das technische Topsegment ab und übernehmen die Mitte, wo die Märkte weltweit am schnellsten wachsen.

Chinas wachsender Fußabdruck

Westliche Firmen, Politiker und die breite Öffentlichkeit nehmen von der beginnenden Umwälzung nicht ausreichend Kenntnis. Wir sehen ein paar Lenovo-Computer beim Media Markt, vielleicht in der Zeitung das Bild eines neuen China-PKW von der jüngsten Automesse, oder die Anzeige derChina Construction Bank im Frankfurter Flughafen. Das sind jedoch nur die gut sichtbaren Zeichen einer Weltordnung, die derzeit auf den Kopf gestellt wird.

Doch vieles von dieser epochalen Veränderung ist noch unsichtbar. Darunter chinesische Maschinen in hiesigen Fabriken, Schalteinrichtungen in europäischen Telefonnetzen oder Signalgeräte im Zugverkehr. Die wirtschaftliche Unterwanderung des Westens geschieht kaum sichtbar und fast lautlos, ist aber weitreichend für unseren Wohlstand und unsere Arbeitsplätze.

Der Congressional Research Service im US-Parlament warnt in einem Papier über »aufsteigende Wirtschaftsmächte« eindringlich: »Eine kleine Gruppe von Schwellenländern verändert die Weltwirtschaft. Angeführt von China, Indien und Brasilien, stellen diese aufsteigenden Mächte unterschiedliche Herausforderungen für die Interessen der USA und deren globale Führungsrolle dar.«

Noch viel aufgeregter hört sich ein Hilferuf des European Council on Foreign Relations an. In der Studie »Kampf um Europa« wird Chinas Vormarsch mit der Kolonialisierung Afrikas durch die Europäer verglichen. »Einst ein großer aber ferner Handelspartner, ist China jetzt auch ein mächtiger Akteur innerhalb Europas«, heißt es in dem besorgt klingenden Papier.

Der neue Mittelpunkt des Internet-Universums

China zählt bereits über 600 Millionen Internet-Nutzer. Vier von fünf nutzen das Net mit ihrem Handy, Smartphone oder Tablet. Allein im Jahr 2013 nahm die Zahl der mobilen Internetteilnehmer in China um 80 Millionen zu. Das entspricht der Einwohnerzahl von Deutschland. Alibaba macht mit seinen beiden Marktplätzen – Tmall für große Händler, Taobao für Kleinhändler und private Verkäufer − auf jeden Dollar Umsatz 45 Cent Gewinn. Wie kann Alibaba solch astronomische Gewinne scheffeln, wenn Amazon mit mickrigen Renditen wächst?

Ganz einfach: Chinas Web-Konzerne bauen ein riesiges Orbit, in dem sie ihren Usern so ziemlich alles anbieten, ohne dass diese zwischendurch die Seite verlassen müssen. Die Online-Kunden hinterlassen lange Datenspuren, die sich prächtig für Werbung, gezielte Angebote und einen Weiterverkauf der Daten ausbeuten lassen. Chinas Internetfirmen realisieren in Windeseile ein Konzept, das der Vorstandschef von American Express, Ken Chenault, als »commerce journey«bezeichnet hat. Es ist die ganze lange Einkaufsreise, die ein Online-Konsument zur Erfüllung seiner Wünsche zurücklegt.

Chinesische Webseiten haben ganze Ökosysteme aufgebaut, die sämtliche Funktionalitäten von Amazon überGoogle bis hin zu Facebook und Instagram beinhalten. Sie erlauben es den »Usern«, mit einer kleinen Zahl von Clicks zwischen sozialen Plattformen, Online-Kaufhäusern und Suchfunktionen hin und her zu wechseln, ohne das jeweilige Ökosystem zu verlassen. Alibaba bietet von E-Commerce über Cloud Computing und Bankdienste so ziemlich alles an. Das Unternehmen ist zusammen mit Tencent eines von wenigen Unternehmen im Reich der Mitte, die 2014 eine private Banklizenz bekamen. Hier entsteht ein neues hybrides Geschäftsmodell, das im Westen noch unbekannt ist und sowohl Kommunikation als auch Banking umfasst.Apple läuft mit Apple Pay schon der chinesischen Konkurrenz hinterher.

Der Angriff auf den Dollar 

Der Yuan hat im laufenden Jahrzehnt 22 Konkurrenten als Abrechnungs-Währung im Welthandel überholt. Mindestens 40 Notenbanken bis hin nach Afrika und Südamerika beginnen, ihren Devisenreserven auch Yuan beizumischen. Deutsche Banken bieten Firmenkunden, die mit China Handel treiben, Renminbi-Konten an. Zuerst Hong Kong, dann Singapur, Taiwan, London und Frankfurt – und im Juli 2014 auch die Schweiz − haben Vereinbarungen mit der chinesischen Notenbank geschlossen, um als Drehscheiben für die Aufsteiger-Währung zu fungieren.

Große westliche Firmen, darunter Volkswagen, haben in Asien auf Yuan lautende Anleihen ausgegeben. Die wachsende Kette von Handelsplätzen − sowie Chinas Aufstieg zur neuen Supermacht im Welthandel − treiben den Siegeszug des Yuan mächtig an. 2012 war China der größte Handelspartner für 124 Länder, gegenüber 76 für die USA.

Einen sensationellen Meilenstein markierte Chinas Währung, als sie im Oktober 2013 zur Finanzierung von 8,7 Prozent des Welthandels verwendet wurde und damit sowohl den Yen als auch den Euro abhängte. Das war eine Verdoppelung gegenüber dem Vorjahr. Laut SWIFT, das Kommunikationssystem der Banken für Auslandszahlungen, stieg der Yuan im Dezember 2013hinter dem Dollar zur zweitwichtigsten Handelswährung überhaupt auf. In Asien hat er bereits die Führungsrolle übernommen.

Europa steuert den größten Teil zum rasanten Aufstieg des Renminbi als Handelswährung bei. Das ist eine Folge des boomenden Handels zwischen China und der EU. Transaktionen von Händlern und Firmen in London mit Vertragsparteien in Hong Kong und China machen inzwischen 28 Prozent des weltweiten Offshore-Verkehrs mit dem Renminbi aus. Laut der HSBC sollen bis 2015 ein Drittel von Chinas gesamtem Außenhandel und die Hälfte des Außenhandels der Volksrepublik mit Schwellenländern in Renminbi abgerechnet werden. Der Coup gegen den Dollar läuft auf Hochtouren.

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Ein Kommentar zu “China walzt den Westen platt – Aus der »Copy Cat« wird ein Innovations-Tiger

  1. Hat dies auf Aussiedlerbetreuung und Behinderten – Fragen rebloggt und kommentierte:
    Wer China und das Volk nicht kennt, der sich in der Unterwelt verpennt, die Menschheit nicht kennt! Eines der ältesten Völker erholt sich mit Paranoiden Geschäftemachern, deren Arbeit nun nicht mehr von den Chinesen erledigt werden muß! Er kommt trotzdem einsammeln! Glück, Auf, meine Heimat!

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