US-Intelligence-Veteranen warnen Merkel bezüglich der Ukraine

F. William Engdahl

Eine Gruppe ehemaliger hoher US-Geheimdienstoffiziere mit viel Erfahrung in der Formulierung der US-Intelligence haben sich in einem ungewöhnlichen Schritt mit einem Offenen Brief an die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel gewandt, in dem sie ihr raten, amerikanische Behauptungen, es habe eine russische Invasion in die Ukraine gegeben, mit Vorsicht zu genießen.

Der Brief erscheint genau drei Tage nachdem die Schurken-Regierung in Kiew und NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen öffentlich Russland einer militärischen Invasion in die Ostukraine beschuldigten; ein Vorwurf, den Moskau umgehend als Erfindung zurückwies. Eine Ad-hoc-Organisation, Veteran Intelligence Professionals for Sanity (VIPS) [zu Deutsch etwa: Ex-Geheimdienst-Profis für vernünftiges Handeln] (USA) schrieb an die Kanzlerin:

Wir, die Unterzeichnenden, sind langjährige US-Intelligence-Veteranen. Wir ergreifen den ungewöhnlichen Schritt, diesen Offenen Brief zu verfassen, um sicherzustellen, dass Sie die Chance haben, vor dem NATO-Gipfel am 4. und 5. September über unsere Ansichten informiert zu werden. Sie sollten beispielsweise wissen, dass Anschuldigungen einer großen russischen »Invasion« der Ukraine offenbar nicht durch verlässliche geheimdienstliche Erkenntnisse untermauert werden. Vielmehr scheint die »Intelligence« von derselben politisch »fixierten« Art zu sein, die vor zwölf Jahren zur »Rechtfertigung« des US-geführten Angriffs auf den Irak genutzt wurde. Wir sahen damals keine glaubhaften Beweise für Massenvernichtungswaffen im Irak; wir sehen heute keine glaubhaften Beweise für eine russische Invasion. Vor zwölf Jahren lehnte Kanzler Gerhard Schröder, dem die Fadenscheinigkeit der Beweise über irakische Massenvernichtungswaffen bewusst war, eine Beteiligung an dem Angriff auf den Irak ab. Unserer Meinung nach sollten Sie Behauptungen des US-Außenministeriums und von NATO-Vertretern über eine angebliche russische Invasion der Ukraine mit angemessenem Misstrauen begegnen.

In dem Offenen Brief, der unmittelbar vor demNATO-Gipfel in Wales am 4. und 5. September veröffentlicht wurde, heißt es weiter: »Weitgehend wegen der wachsenden Prominenz von Intelligence, auf die man sich offenbar verlässt und die wir für unecht halten, glauben wir, dass die Möglichkeit, dass sich Feindseligkeiten über die Grenze der Ukraine ausbreiten, in den letzten Tagen signifikant zugenommen hat. Wichtiger noch, wir glauben, dass dieser wahrscheinliche Fall vermieden werden kann, abhängig von dem Maß an vernünftiger Skepsis, das Sie und andere europäische Führungspersönlichkeiten nächste Woche im NATO-Gipfel einbringen.«

Außerdem betonen sie die folgenden ernüchternden Punkte:

NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussens wechselvolle Glaubwürdigkeit. Uns kommt es vor, als würden Rasmussens Reden weiterhin in Washington entworfen. Das wurde deutlich am Tag vor der US-geführten Invasion in den Irak, als er als dänischer Ministerpräsident vor dem Parlament erklärte: »Der Irak hat Massenvernichtungswaffen. Das glauben wir nicht nur einfach. Wir wissen es.« Fotos können mehr sagen als 1000 Worte, aber sie können auch täuschen. Wir haben viel Erfahrung darin, alle möglichen Satelliten- und sonstigen Bilder oder andere Arten von geheimdienstlichen Erkenntnissen zu sammeln, zu analysieren und darüber zu berichten. Hier reicht es, dass die Bilder, die am 28. August von der NATO freigegeben wurden, eine sehr fadenscheinige Grundlage dafür bieten, Russland eine Invasion in die Ukraine vorzuwerfen. Leider ähneln sie nur allzu sehr den Bildern, die Colin Powell am 5. Februar 2003 in der UNO zeigte, die ebenso nichts bewiesen.

Zu den Initiatoren, die diese ungewöhnliche Warnung an Merkel unterzeichneten, zählen William Binney, ehemaliger Technischer Direktor, World Geopolitical & Military Analysis, NSA; Mitbegründer desSIGINT Automation Center (a.D.); David MacMichael, National Intelligence Council (a.D.); Ray McGovern, ehemaliger Offizier der US Army Infantry/Intelligence und CIA-Analyst (a.D.); Elizabeth Murray, Stellv. National Intelligence Officer für Nahmittelost (a.D.); Todd E. Pierce, MAJ, US Army Judge Advocate (a.D.), Foreign Service Officer (zurückgetreten).

Es handelt sich um außergewöhnliche, authentische amerikanische Patrioten, die verstehen, dass Patriotismus nicht heißt »My country right or wrong« [»Ob es im Recht ist oder nicht, es ist mein Land«], sondern vielmehr die Zivilcourage, einzugreifen, wenn man weiß, dass das Handeln des eigenen Landes den Weltfrieden bedroht, und alles zu riskieren, um diese Katastrophe zu verhindern. Diese Form von Zivilcourage findet sich in Europa heute leider nur allzu selten.

Der Vorwurf einer russischen Invasion, der am Wochenende pflichtschuldig von allen deutschen Mainstreammedien wortwörtlich wiederholt wurde, zitierte stets das korrupte, psychopathische Regime in Kiew als »zuverlässige Quelle«.

Außerdem kommen sie zu einem Zeitpunkt, wo Englands Premierminister Cameron verlangt, die russischen Banken vom SWIFT-Interbanken-Zahlungsverkehr auszuschließen, wie es auch mit dem Iran gemacht wurde; und wo kriegslüsterne Neokonservative in der Obama-Regierung und andere Stimmen neue, dauerhafte NATO-Stützpunkte und Truppen entlang der EU-Grenzen mit Russland fordern. Ein solcher Schritt würde in Moskau als definitiver Beweis dafür gewertet, dass der Westen nicht an einer diplomatischen oder friedlichen Lösung der Ukraine-Krise interessiert ist. Bis heute ist Russlands Präsident Putin sehr vorsichtig, nichts offen zu tun, was den Vorwurf einer Invasion rechtfertigen würde. Er würde nichts gewinnen, sondern wahrscheinlich alles verlieren, wenn er so dumm wäre.

Eines hat Putin allerdings in den letzten Monaten gezeigt: Er ist nicht so dumm wie viele der Neokonservativen wie die Ressortleiterin im US-Außenministerium »Fuck the EU« Victoria Nuland, die Nationale Sicherheitsberaterin Susan Rice oderCIA-Chef John Brennan, der seit seinem Geheimbesuch in Kiew Anfang März über beide Ohren in verdeckte Operationen in der Ostukraine verwickelt ist.

Es gibt Hinweise darauf, dass Fraktionen aus der Obama-Regierung und aus dem politischen Establishment versuchen, Washingtons Drang zu einem neuen Krieg mit Russland wegen der Ukraine zu deeskalieren; ein Krieg, den die verrückten Neokonservativen und der US-militärisch-industrielle Konflikt eindeutig anstreben. Foreign Affairs, die Zeitschrift der wichtigsten privaten außenpolitischen Denkfabrik in den USA, des Council on Foreign Relations (CFR), hat soeben die neueste Zweimonatsausgabe veröffentlicht. Darin findet sich ein wichtiger Artikel von John Mearsheimer, einem ehemaligen Veteranen der US-Außenpolitik und heute Professor an der University of Chicago. In der September-Oktober-Ausgabe schreibt er einen Artikel mit dem mutigen Titel: »Warum die Ukraine-Krise der Fehler des Westens ist: Die liberalen Illusionen, die Putin provozierten«. Mearsheimer schreibt:

Die Vereinigten Staaten und ihre europäischen Alliierten teilen sich weitgehend die Verantwortung für die Krise. Die Wurzel der Unruhen ist die NATO-Vergrößerung, das zentrale Element einer Strategie, die Ukraine aus Russlands Umkreis zu führen und in den Westen zu integrieren. Weitere kritische Elemente waren die EU-Osterweiterung und die westliche Unterstützung für die Demokratiebewegung in der Ukraine – angefangen mit der Orangenen Revolution 2004. Seit Mitte der 1990er Jahre protestiert die russische Führung vehement gegen die NATO-Erweiterung, und in den letzten Jahren hat sie klargestellt, dass sie nicht untätig bleiben wird, wenn ihr strategisch wichtiger Nachbar in eine Bastion des Westens verwandelt wird.

Es gibt Anzeichen dafür, dass Präsident Obama – nach Aussage aller Washingtoner Quellen, mit denen ich in Kontakt stehe, ein sehr schwacher Mann – den starken Gegendruck vernünftiger Stimmen in seinen eigenen Streitkräften und der Intelligence Community spürt, die Lage nicht allein auf der Grundlage von Beweisen aus Kiew zu eskalieren. Am 29. August versuchte Präsident Barack Obama, die Rhetorik seiner eigenen hohen Diplomaten und der Medien zu kühlen, als er die jüngste Aktivität in der Ukraine öffentlich beschrieb als »Fortsetzung dessen, was seit Monaten im Gang ist … es ist keine wirkliche Veränderung.«

Dennoch hat Obama, wie es in dem Offenen Brief der pensionierten Militärs und Geheimdienstvertreter heißt, »nur dürftige Kontrolle über die Politik-Gestalter seiner eigenen Administration – denen leider weitgehend ein Sinn für Geschichte fehlt, die wenig über den Krieg wissen und anti-russische Schimpfworte für Politik halten. Vor einem Jahr hätten kriegslüsterne Vertreter des State Department und ihre Freunde in den Medien Obama beinahe zu einer großen Attacke auf Syrien gebracht, ebenfalls gestützt auf ›geheimdienstliche Erkenntnisse‹, die bestenfalls zweifelhaft waren.«

Die Frage des Weltfriedens und einer neuen wirtschaftlichen Ordnung, die der Welt statt Krieg, Zerstörung und weiterer Unordnung anständige Arbeitsplätze und steigenden Lebensstandard bringt, hängt an dem dünnsten aller denkbaren Fäden – Angela Merkels Fähigkeit, sich dem wachsenden Druck aus Washington zu widersetzen, und der Fähigkeit eines schwachen und instabilen US-Präsidenten, sich seinen engsten Beratern zu widersetzen, um einen Prozess zu stoppen, aus dem sich sehr schnell ein Dritter Weltkrieg entwickeln könnte.

http://info.kopp-verlag.de/hintergruende/geostrategie/f-william-engdahl/us-intelligence-veteranen-warnen-merkel-bezueglich-der-ukraine.html

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