Schießen statt reden

Tel Aviv bricht Verhandlungen mit Palästinensern ab und greift wieder Gazastreifen an. Zehnjähriger Junge getötet. Raketen auf Israel

Von Karin Leukefeld
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 Ibrahim Al-Dawawisa wurde am Freitag durch einen israelischen Luftangriff getötet. Er wurde zehn Jahre alt
Ein zehnjähriger Junge war das erste Opfer, das die wiederaufgenommenen israelischen Angriffe auf den Gazastreifen gefordert haben. Ibrahim Al-Dawawisa wurde am Freitag morgen in einer Moschee in dem Viertel Scheich Al-Radwan in Gaza-Stadt getötet. Weitere Luftangriffe flog die israelische Armee auf Rafah und Dschabalija. Die israelische Marine beschoß den Norden des Gazastreifens. Von dort wurden ebenfalls wieder Raketen auf den Süden Israels abgeschossen, wofür der »Islamische Dschihad« und andere palästinensische Organisationen die Verantwortung übernahmen. Die meisten Raketen landeten auf freiem Feld, andere wurden vom israelischen Raketenabwehrsystem »Eiserne Kuppel« abgefangen.Zuvor waren Gespräche zwischen Israel und den Palästinensern in Kairo über eine Verlängerung der Feuerpause ohne Ergebnis geblieben. Die Palästinenser hatten ein Ende der Belagerung des Gazastreifens gefordert, der seit acht Jahren von Israel und auch von Ägypten hermetisch abgeriegelt wird. Zumindest der Grenzübergang Rafah nach Ägypten und ein Seehafen sollten geöffnet werden. Zu solchen Zugeständnissen zeigte sich Tel Aviv jedoch nicht bereit. Am Freitag forderte das ägyptische Außenministerium beide Seiten auf, an den Verhandlungstisch zurückzukehren und eine erneute Waffenruhe zu vereinbaren: »Bei der großen Mehrheit der für die Palästinenser wichtigen Streitfragen wurde eine Einigung erzielt, und nur ganz wenige Punkte blieben ohne Lösung«, zitierte die Nachrichtenagentur dpa die entsprechende Stellungnahme. Die israelische Delegation hatte die Gespräche zuvor verlassen, weil man »unter Beschuß« nicht verhandele. Die palästinensische Delegation war dagegen trotz des israelischen Beschusses weiter gesprächsbereit.Der Präsident des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz, Peter Maurer, zeigte sich nach einem Besuch im Gazastreifen »erschüttert und schockiert« über das Ausmaß der Zerstörung und der Gewalt gegen die Zivilbevölkerung. Er kündigte eine Untersuchung der Umstände an, unter denen Mitarbeiter von Hilfsorganisationen getötet worden waren. Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu wiederholte bei einer Begegnung mit Maurer, daß »jeder getötete Zivilist eine Tragödie« sei. Verantwortlich dafür sei allerdings die Hamas, die »Zivilisten angreift und sich hinter ihnen versteckt«. Der Regierungschef bezeichnete das israelische Vorgehen als »gerechtfertigt und verhältnismäßig«.

Die Regierungen in London, Paris und Berlin kündigten derweil eine Initiative zum Wiederaufbau des Gazastreifens an. Gleichzeitig wollen sie sich für die Sicherheit Israels engagieren. Vorgesehen ist demnach, die politische Macht im Gazastreifen der Hamas zu entziehen und der Autonomiebehörde zu übergeben. Eine EU-Überwachung des Grenzüberganges Rafah soll verhindern, daß Waffen in den Gazastreifen gelangen. US-Präsident Barack Obama erklärte, daß man »langfristig akzeptieren« müsse, »daß Gaza nicht bestehen kann, wenn es auf Dauer von der Welt ausgesperrt bleibt«.

Der Krieg gegen den Gazastreifen hat bisher 1890 Palästinensern und 66 Israelis das Leben gekostet. Nach UN-Angaben waren auf palästinensischer Seite 1354 und auf israelischer drei der Getöteten Zivilisten. 429 Kinder starben.

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